Felix Philipp Ingold: Auf den Tag genaue Gedichte

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch von Felix Philipp Ingold: Auf den Tag genaue Gedichte

Ingold-Auf den Tag genaue Gedichte

POESIE

Nachdem Mezzofanti im Alter von achtzehn Jahren
aaaaadem
Wahnsinn verfallen war vergass er bei jedem neuen
aaaaaKrank-
heitsschub eine der zweiunddreissig Sprachen die er
aaaaabe-
aaaaaherrscht hatte. Die Muttersprache zuerst.
aaaaaZuletzt redete
aaaaaer nur noch Kauderwelsch und. Aber in gereimten Versen.

 

 

 

Felix Philipp Ingold –

man kennt ihn als dunklen Dichter, als eigenwilligen Übersetzer und anspruchsvollen Essayisten – überrascht mit einer Sammlung von Alltags- und Gelegenheitsgedichten, die in der Art eines poetischen Taschenkalenders Aphoristisches, Sprachspielerisches, Lyrisches, Triviales, Erinnertes, Geträumtes, Imaginiertes, Assoziiertes, An- und Aufgelesenes wie zufällig aufeinander folgen lässt. Was sich „wie zufällig“ ausnimmt, ist aber das Ergebnis einer streng durchgehaltenen Schreibbewegung, der sich der Autor während eines Jahres unterzogen hat: jeden Tag, 366 mal, war ein Gedicht im stets gleichbleibenden Umfang von drei Zeilen zu notieren, wobei grundsätzlich jeder Impuls – eine Zeitungsschlagzeile, eine sinnliche Wahrnehmung, eine auftauchende Reminiszenz – genutzt und umgesetzt werden konnte. Bisweilen gibt es Doppelungen und Variationen, manchmal auch, bedingt durch Müdigkeit und Vergesslichkeit, Ausfälle und also Leerstellen im Text. 
Das strenge Exerzitium jedoch ist dem Buch nicht anzusehen: Auf den Tag enthält nicht nur genaue Gedichte, sondern vor allem Witz, Sprachfantasie, Gedankenreichtum und Schönheit. Die Arbeit eines Dichters eben.

Literaturverlag Droschl, Ankündigung, 2000

 

Nicht seitenverkehrt

− Felix Philipp Ingolds genaue Gedichte. −

Auf den Tag genau an einem 4. März muß Felix Philipp Ingold, der 1942 in Basel geborene, in Zürich und Romainmôtier wohnende und trotzdem an der Universität St. Gallen als Professor lehrende Dichter, sein eigenes Gesicht als poetischen Gegenstand im Spiegel entdeckt haben. An jenem Tage dichtete er:

SELBSTBILDNIS

Seltsames Erwachen heute
früh vorm Spiegel. Und wenn mein Gesicht diesmal
nicht seitenverkehrt wäre. Keine Frage.

Auch keine Antwort, sondern ein Gedicht: ein kursiv gesetzter Titel, drei freie Verse. Diese Form brauchte er an jenem Morgen nicht mehr zu erfinden, denn sie stand seit dem voraufgegangenen 25. Juli fest: er hatte sie täglich geübt.

Einer der kürzesten Dreizeiler ist dieser:

KALAUER

Kahl.
Au!
Sie?

Das war an einem 18. September. Die Datierungen gehören zur poetischen Botschaft. Sie rufen die Realität des Erlebens auf und machen den Dichter-Autor zum Reporter seiner selbst. Aber sie desavouieren diese Verankerung in der Geschichtlichkeit durch den literarischen Flirt mit einer uralten Textsorte: den Losungen eines Hundertjährigen Kalenders, eines hinkenden Boten, einer frommen Hauspostille, deren Wesen darin besteht, daß sie nicht aus dem Tag hervorgehen, sondern ihn kraft überzeitlicher Wahrheit bestimmen sollen.
Da gibt es privatpoetische Zeugnisse eines Ich, das dagewesen ist, hier und heute, zum Beispiel am 8. März in den Gorges du Nozon (auch am 19. Juni noch einmal, es ist nahe bei seinem Wohnort Romainmôtier), am 8. Mai in Florenz, am 12. Mai in Fiesole, am 20. Mai immer noch daselbst in der Pensione Bencistà – ein Ort für Touristen mit dem Sinn fürs Besondere!
In diesem Genre gelingen ihm einige sehr schöne Bilder, zum Beispiel am Nationalfeiertag:

Nach dem Gewitter. Jetzt. Jäh
noch einmal knallhart Sonne. Der nasse
Asphalt glüht im Gegenlicht.

Auch ein scheuer Durchblick auf Persönliches ist dem Leser erlaubt: am

8. August (H.S.I., dem Bruder, zum Gedenken)

So weit das Aug reicht
ist ein Duft. In der Magerwiese spiegelt sich der Himmel. Immergrün
dies Wogen. Auch ein Grab.

Schüchtern fast und sehr zögernd sagt er manchmal einiges:

LIEBE

ist
dass ich dich an dich
verlier. Auch eine Gabe. Auch kein Trost.

Man hat das Gefühl, dem Dichter zu nahe zu treten, wenn man diese Texte auf eine naive Weise versteht und schön findet. Denn in den meisten anderen Dreizeilern und in zahlreichen früheren Gedichten und vor allem in seinen theoretischen Äußerungen hat er ein Missionar der „Entautomatisierung der Bedeutungskonstitution“ sein wollen. Das hindert ihn nicht daran, mit einer altklugen Sicherheit eigene und geerbte Bedeutungen zu rekonstituieren:

JEDE

erste Person hat keine
Ahnung wer sie nicht ist. Zu oft
sagt sie ich

(18. Juli) oder:

POSTUM

Erst
deine Asche wird sein was
du bist

(nicht am Totensonntag, sondern am 26. März).

Das theoretisch erstrebte „postmoderne Sprachdesign“ bricht sich Bahn in den Texten, die sich als geistreiche Aphorismen gebärden:

LUST

Eigentlich ist Luft
nie
nicht von hier.

Doch teilen sie mit dieser Gattung ein gar nicht postmodernes, unerschütterliches Vertrauen auf die Macht, welche der Sprecher über die Sprache ausübt.
Der Sprachzweifel, die Rückwendung auf die Materialität der Sprache, die Verzweiflung über das „Geredetwerden“ des Redenden, die Sehnsucht nach dem Text ohne Autor, ist nicht nur eine Erinnerung an die fernen sechziger Jahre, sondern ein literarisches Elternhaus des Dichters. Wie ein Störsender funkt das in den poetischen Ton hinein:

VAL-MONT

Gleichsam blauer
Zahn im Magergras. Ein
Enzian. Einzig er.

Die poetischen Funde „Zahn“ und „einzig“ erweisen sich als nicht gesagt, sondern aus „Enzian“ herausexperimentiert.
Nur das „Magergras“ (siehe oben die „Magerwiese“) überdauert in Poetizität. Von hier bis zum „Kalauer“ ist ein weiter Weg, doch wird er öfter abgeschritten:

WESPE

Deren Weh
blüht am Beginn der
Espe.

Am 11. Januar hört man einen leisen Harfenton:

OSTERWEITERUNG

Reibt Ich sich die Augen. Au! gen Ostern
geht’s auf. Duftet
wie nichts.

Dann am 13. April kommt es deutlicher:

Ostern
Gestern verlor ich im Schnee meine
Brille

(das muß 1998 gewesen sein!) und: „Also / Ostern nach Osten erweitern …“ und: „Nahost / Naht Ostern …“ und am 15. April: „O Stern!“
„Im wesentlichen ist diese spielerische Wortarbeit eine Errungenschaft des poststrukturalistischen Dekonstruktivismus; sie verpflichtet den Leser zu einer hermeneutischen Sorgfalt, die dem Text nicht nur auf der Bedeutungsebene, sondern auch in seiner schieren Buchstäblichkeit gerecht zu werden hat“, schreibt der Dichter als Theoretiker und lüftet ein wenig die Maske. Spielerisch, dieser Kommandoton?
Es gibt eine Dialektik der Genauigkeit. Sie muß den Autor fasziniert haben, als er 1999 seine Sammlung „Geballtes Schweigen, zeitgenössische russische Einzeiler“ herausgab. Seine Dreizeiler teilen mit jenen das Wesen des Lakonischen: es suggeriert mehr Sinn, als ausgedrückt worden ist oder ausgedrückt werden kann.
Solche Texte nähern sich virtuell ihrer eigenen Auslöschung – oder besser ihrer Verwandlung in das, was Jurij N. Tynjanov 1924 unter dem Begriff „Textäquivalent“ zu fassen versuchte. Er erkannte den semiotischen Wert außersprachlicher Elemente, welche den Text in gewisser Hinsicht ersetzen. Unter den „genauen Gedichten“ von Felix Philipp Ingold sind an die zwanzig solche „Leergedichte“, die nur aus Pünktchen bestehen.
Aber sind diese inzwischen selber automatisierten Entautomatisierungstechniken nicht längst schal geworden? Die Überraschung, die sie liefern, ist immer schon alt, so alt und so traurig wie der neue Schlips, den der Großvater zum Geburtstag bekommt. Seinen geneigten Leser erreicht dieser Dichter dagegen oft genug, wenn er zugibt, daß er etwas zu sagen hat und es sagt:

AUTOR

Der hat ordentlich
das Feld vermint. Die Welt vermehrt. Und
aber den Verlust für sich behalten.

Seine in den Texten oft gebrauchte neue Konjunktion „und aber“ ist möglicherweise pedantisch, aber sie zeigt ihn beim Denken, beim Dichten und beim Zweifeln.
Auch Brecht hat einen solchen Dreizeiler verfaßt:

AUF DER MAUER STAND MIT KREIDE

Sie wollen den Krieg.
Der es geschrieben hat
Ist schon gefallen

Wie sicher war sich der Dichter damals noch seiner Botschaft! Das ist heute anders, jedenfalls am 22. September: „Sancta ignorantia / Aus jedem lebendigen / Wort droht das Geheimnis / keines Wissens“, und am selben Tag: „Zitat / Noch aus dem / totesten Wort dröhnt das Geheimnis / des Wissens.“

Hans-Herbert Räkel, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23.3.2001

Lyrisches Diarium

Den 25. Juni trennt vom nächsten 25. Juni ein ganzes Jahr. Ein Jahr umspannt auch der jüngste Gedichtband von Felix Philipp Ingold, Auf den Tag genaue Gedichte, falls man sich an den kalendarischen Angaben orientiert, welche die Gedichte begleiten und diese „verorten“. Für beinahe jeden Tag zwischen dem wohl zufälligen 25. Juni und dessen erster Wiederkehr steht hier ein Gedicht. Mit Angaben zu Tag und Monat, aber ohne Jahreszahl. Es gibt Tage, da fehlt das „entsprechende“ Gedicht – und ist dennoch gegenwärtig, weil der Platz dafür reserviert ist. An anderen Tagen wiederum stehen zwei Gedichte oder gar drei, das kalendarische Ordnungsprinzip wird damit überlagert oder unterwandert, in jedem Fall kenntlich gemacht.
Ein anderes Ordnungsprinzip ist der Umfang der Gedichte. Von wenigen Ausnahmen abgesehen, sind es jeweils drei Verszeilen, die den Gedichten zur Verfügung stehen. „Genaue Gedichte“ also, und zwar „auf den Tag“, wie der Titel des Gedichtbandes annonciert. Zusammengenommen ist das zweifellos ein Programm: drei Zeilen, täglich ein Gedicht. „Nulla dies sine linea“, denkt man sich natürlich, kein Tag ohne Zeile, wobei es Ingold wohl nicht primär um Schreibdisziplin zu tun ist. Denn das tägliche lyrische Notat ist auch eine Lizenz. Erlaubt ist, was sich in das Korsett fügt, erlaubt ist überraschend viel: Assoziationen so gut wie Erinnerungen, Zitate und Träume, Sprachspielereien, Gelegenheitsverse. Alltägliche Begebenheiten finden sich neben schönen und zuweilen sogar zärtlich genauen Beobachtungen, überraschende Gedanken neben Aperçus von grosser Beiläufigkeit.
Unter dem 16. März liest man beispielsweise das Gedicht „First“: „Wo sonst um diese Zeit die struppige / Taube hockt / ist heute nichts als Himmel. Man könnte meinen er sei leer.“ Und unter dem 13. August ein Gedicht mit dem Titel „Last“: „Die lästigste / Erfindung ist ein Fetisch. Ein Laster / die glücklichste.“ Oder, am 14. Januar: „Liebe / ist soviel wie. Wie / Recht auf Zufall. Gegen die Schwerkraft. Für die Erde / zu leicht.“
Die kalendarische Ordnung, indem sie wie eine Perlenschnur die einzelnen Gedichte anordnet, schafft aus den vielen kleinen Texten auch einen grossen Text, gleichsam einen ewigen Kalender. „Genau“ mögen die Gedichte heissen, eingeschränkt wirken sie darum nicht, trotz aller formalen Enge; Witziges, Triviales, Verspieltes, auch Ernstes, alles ist möglich. Und nicht selten werden die Gedichte fündig, indem sie sich dem Eigensinn der Sprache überlassen und diese beim Wort nehmen: im assoziativen Spiel mit Wörtern, beim Aufspüren von verborgenen Nebenbedeutungen. Etwa in dem Gedicht, das dem Wort „Ameisen“ nachspürt und schon im Titel Wortbedeutung und Wortlaut auseinander treten lässt: „Am Ei sehn“: „Am Ei sehn wir alles. Den Balken / im Aug des menschlicheren / Tiers. Das Eisen wie’s schwimmt. Also lass es.“ – Lassen? Man soll sie nehmen, diese Gedichte, in denen das Eisen schwimmen kann.

Martin Zingg, Neue Zürcher Zeitung, 15.2.2001

Verse aus 365 und einem Tag

− Felix Philipp Ingold verdichtet den Alltag. −

Schlicht und traurig wirkt die Aufmachung von Felix Philipp Ingolds neuestem Lyrikband Auf den Tag genaue Gedichte. Ein in schwarz gehaltener Einband, nach Monaten geordnete Blätter statt der üblichen Seitennummerierung, sowie die gänzliche Absenz von Begleittexten verleihen dem Buch geradezu Tagebuchcharakter.
Doch dieser erste Eindruck täuscht – zwar sind Ingolds Gedichte, wie der Titel bereits vermuten lässt, jeweils einem festen Datum zugeordnet, doch handelt es sich hierbei nicht bloß um die schriftliche Fixierung eigenen Erlebens in poetischer Form, sondern um eine weitaus komplexere Angelegenheit mit spürbarer Eigengesetzlichkeit.
Der Band beginnt und endet mit dem 25. Juli, die Einträge umfassen also nicht nur ein ganzes Jahr, sondern noch einen zusätzlichen Tag und verweisen damit auf „ein Leben danach“, auf eine Entwicklung jenseits starrer Annalistik.
Diese Unabhängigkeit von der Norm drückt sich in vielfältiger Weise aus. Nicht nur, dass die Gedichte keiner festgelegten Form folgen und sich unter einigen Daten nur Leerzeichen finden. Nein, die ,Gedichte‘ sind nicht ausschließlich als solche deklarierte Verse, sondern auch Notate, Erinnerungsfragmente, Zitate und Fundstücke, Traumsequenzen.
Thematisch bewegen sich diese Einträge zwischen greifbarer Realität („Wühltisch“, „Osterweiterung“) und Gedankenkunst („Melencolia“, „Fiat lux“). Bisweilen beinahe arrogant oder ironisch, manchmal jedoch auch in sich gekehrt oder trauernd verwendet, fällt dabei der starke körperliche, oft sexuelle Bezug („Mund“, „Hand“, „Lust“, „Geschlecht“) in Ingolds Lyrik auf. Des Weiteren setzen sich seine Verse wiederholt mit Namen auseinander, sowie dem Verhältnis zum eigenen Ich. Eine Atmosphäre von Vitalität und Gelassenheit zugleich stellt sich ein, die Verse wirken wie warme, pulsierende Organe, können aber auch durchaus seltsam bedrücken. Ingolds dichterische Spezialitäten sind hier vordergründig doppelte Verneinungen, Paradoxien und lautlich-semantische Wortkaskaden: „Ostern“, „Osten“, „Nahost“, „O Stern!“.
Vielleicht ab und an düster, doch keineswegs schlicht oder einstimmig – gerade deshalb empfiehlt es sich, diese Tagesdichtung nicht an einem Tag herunterzulesen, denn jedes Poem für sich braucht entsprechend Zuwendung und mitunter Anstrengung.
Was über ein Jahr zusammenfasst und sich zum Zyklus rundet, bedarf des Studiums:

Lest
um zu lernen. Nur so
lässt sich Gelesenes vergessen. Dann
endlich Lust
(Eintrag vom 5. Oktober).

Brigitte Ruban, literaturkritik.de, August 2001

Ingolds Kürze

Auf den Tag genaue Gedichte ist ein Tagebuch, das, über ein Jahr sich ersteckend, der formalen Vorgabe, jeden Tag einen Dreizeiler zu schreiben, gehorcht. Einige Male sind er zwei oder drei, dann und wann sind Lücken durch punktierte Linien, die das Fehlen der Worte sagen, bezeichnet. Die Dreizeiligkeit, als eine Art Versmass erfahren, gibt dem Ganzen einen rhythmischen Zusammenhang, der es als ein grosses Gedicht erscheinen lässt, obwohl jedes einzelne der täglich ersonnenen Sprachgebilde seine, oft scharf umrissene, Selbständigkeit behält.
Die Kürze der Gedichte springt in die Augen. Niemand hat keine Zeit, in diesem Buch zu lesen, und wer es tut, verbringt eine andere und, so Kurz; sie sein mag, vollere.
Kürze schützt vor Geschwätzigkeit und fordert, sie fördernd, Dichte. Hölderlin schrieb, in einer für ihn traurigen Zeit, einige später zum Teil erweiterte, Kurzoden, die das Zusammenrücken von Anfang und Ende nicht nur, was nahe liegt, als die Struktur der Kürze, sondern als das Lebensgefühl dessen vorführen, dem alles, was dazwischen geschieht, mehr und mehr hinfällig erscheint. Der Überblick über den Lebensbogen legt Abstand zwischen die Ereignisse des und den, der sie, fast schon jenseitig, erwägt. Kürze, als Verkürzung von was die Länge nicht lohnt, liegt dem Melancholiker.

* * *

Es gibt eine, fast entgegengesetzte, andere Kürze, die, anstatt aus dem Gefühl des schrumpfenden Sinns, aus der Fülle des plötzlich Einfallenden entsteht, das, unbekümmert um vorher und nachher, das Unersetzliche des Augenblicks erfasst. Ingolds Gedichte sind – nicht nur auf den Tag – genau. Durchdringend wahrgenommen, kristallisieren sich alltägliche Dinge, auch Bewegungen, zu unübertrefflich treffenden sprachlichen Stillständen, sei es (30. Mai) die besondere Art des Abfliessens von Badewasser oder (7. Dezember) der

TANGO

Der ganze
Man muß 
als ein
Ruck voran. Die Frau zu knicken.

Ein solches Gedicht schlägt, einen Moment in seiner Endgültigkeit aus dem Vergehen reissend, ruckartig zu.
Kürze: die in der fast entleerten Zeit als unersetzliche Einzigkeit erlebte Kleinigkeit in der Einmaligkeit des sprachlichen Augenblicks festhalten.

* * *

Zum beinahe Plötzlichen der Kürze gehören verdichtende Verfahren. Die kurze Form ist nicht nur, unter anderem, Ausdruck einer von ihrem Ziel bereits überholten Lebensbewegung (2. Juni), sondern ist auch thematisch produktiv, Gegenläufiges in die Gleichzeitigkeit des einen Blicks ballend, dem das Hin und Her zum Hier des Gedichts wird, wenn zum Beispiel die Umschichtung der Buchstaben die Rede zum Stehen bringt (4. Oktober):

NAHEN

Ahnen zu Garben
bebündelt. Kein Graben zwischen
Jetzt und Dort.

Ganz ins Inhaltliche verlagert erscheint die Beziehung zwischen Gleichzeitigkeit und Abfolge (3. November) im

GEWITTER

Was den Donner nährt
sind Blitze. So
scheint’s.

Das wahrgenommene Nacheinander und das ihm widersprechende Miteinander von Blitz und Donner finden im Schein des Gedichts in die explosive Gleichzeitigkeit des Augenblicks der beide trennenden sprachlichen Entladung zurück. Eine merkwürdige Querverbindung zum letzten Gedicht des Bandes (25. Juli) gibt zu denken:

ENDLICH

geboren. Wo das letzte
Licht die Stimme traf. Bricht der Hundstag an.
Blökt schon mein Glück und heisst wie ich.

Der Zusammenfall von Ende und Geburt, auch auf das Tagebuch zu beziehen, das am selben Tag, an dem es begonnen wurde, ein Jahr später endet, verkürzt das Leben, das dazwischen stattfindet, zum kaum noch Erlebbaren. Das Licht der Blitze, das eben noch den Laut des Donners nährend zu ermöglichen schien, ist jetzt das Licht, das die Stimme, wohl zugleich, und in einem, belebend und tödlich, trifft. Nicht nur in, heisst das, sondern auch zwischen den Gedichten ist so die stillstellende Gegenläufigkeit wirksam, die das verlautende Nacheinander in den Augenblitz zurückbiegt. Viele dieser Gedichte steigern die Augenblicke, die sie beschreiben und sind, zu Zeitgipfeln, auf denen Rasches und Flüchtiges zu einem schwebenden Stillstand kommt und was steht in Fluss gerät.

ALLES

im Fluss. So auch der Berg
der drin kopfsteht. Stur und seit
ewig auf immer.

Der Berg, der fliesst, ist gespiegelt. Nur im Bild, das ihn wiedergibt und dadurch in den Stand der Sprachlichkeit holt, fliessen das Feststehende und das Bewegte in die Gleichzeitigkeit. Dass der Berg, seitenverkehrt gespiegelt, kopfsteht, kann ein Hinweis darauf sein, was die Sprache den Dingen, die sie scheinbar in sich aufnimmt, antut.

* * *

Das Gelingen des Gedichts, überhaupt und auch als Konzentration von Unvereinbarem in die Kürze des sprachlichen Augenblicks, ist für den, der es schreibt, mit Verlusten verbunden, auf die jene Gedichte, die das Verhältnis der Sprache zum Besprochenen besprechen, aufmerksam machen. So am 2. August

SO

wo Sonne ein Wort
ist ist
kein Schatten. Nur Erinnerung.

Das ist ohne weiteres zugänglich und bedarf keiner Erklärung. Das Wort Sonne, anders als das, was es bezeichnet, spendet kein Licht, das es einem Körper ermöglichen würde, einen Schatten zu werfen. Das Wort ist nur eine Erinnerung an die Sonne, die es, von ihr nicht einmal genährt, nicht ist. So gross der Gewinn, die Sonne, wenn sie nicht da ist, zu erinnern, sein mag, so ist doch ihre Gegenwart in der Nacht nur ein sprachliche, und ihre sprachliche am Tag keine wärmende („Wo Sonne ein Wort / ist heisst / sie nur. Heizt nicht.“ [2. August]). Im Wort ist die Sache als sie selbst verloren. Dass die Erinnerung kein Schatten ist, macht den Verlust deutlich, mit dem jedes Wort – nicht nur Sonne – bezahlt wird. Wie das Wort auf was es bedeutet, verweist der Schatten auf was ihn wirft. Aber er ist untrennbar daran gefesselt und ohne die gleichzeitige Anwesenheit eines opaken Körpers nicht möglich. Der Schatten kann niemals an Fehlendes erinnern. Er ist, ungleich der Sprache, keine Möglichkeit, Abwesenheit in die Welt einzubeziehen. Umgekehrt jedoch löst sich das Wort von dem, woran es erinnert, so sehr, dass es nie, wie der Schatten, dessen Präsenz, ausser als entzogene, zu erreichen vermag. Das Wort ist niemals Schatten.
Das ist aber, obwohl wahr, nicht, was das Gedicht, genau genommen, sagt. Sondern: Anders als die Sonne ermöglicht das Wort Sonne keinen Schatten, weil von ihm kein Licht ausgeht. Das Wort ist deshalb nicht so sehr auf den Schatten als auf das Licht als dessen Voraussetzung zu beziehen. Aber damit ein Schatten entsteht, braucht es zwischen ihm und der Sonne etwas, das ihn, sie verdeckend, wirft. Diese Undurchsichtige, das, dem Licht Widerstand leistend, den Schatten hervorbringt, ist im Gedicht ausgespart.

* * *

Das, was, sich der Wortsonne, würde es von ihr beleuchtet, entgegenstellend, einen Schatten werfen würde, fehlt im Gedicht. Wo Sonne ein Wort sei, sei kein Licht, läge näher zu sagen, als vom Schatten, seine Herkunft auslassend, zu sprechen. In einem Gedicht mit dem Titel Skepsis (24. April) ist die Rede vom Zweifel am eigenen Schatten, das heisst daran, ob das eigene Ich konsistent genug sei, um einen Schatten werfen zu können. Setzt man – eine Möglichkeit – das Ich des Sprechenden als die ausgelassene Verursachung des Schattens ein, so ist dessen Fehlen doppelt begründet. Nicht nur kann die Sprache den Sprechenden nicht so beleuchten, dass, was er sagt, zu seinem Schatten würde, sondern er selbst schafft sich so sehr ab, dass nichts abzuschatten bleibt. Es ergibt sich daraus die Isolation des Sprachlichen, das den Sprechenden, der verschwindet, aus sich auslässt und sich nicht als Schatten an das Nichtsprachliche, von dem es spricht, zu binden vermag. Nun gilt es aber gerade als eine Leistung der dichterischen Sprache, dass sie, was sie sagt, so, schattenhaft, an sein Gesagtwerden bindet, dass es sich nicht davon lösen lässt. Diese Bindung, Wiedergewinn des verlorenen Schattens, geschieht aber, nie anders, innerhalb des autonomen Sprachgebildes: das sich weder an der Sonne, noch an dem, der von ihr und ihrer Sprachwerdung spricht, festmachen lässt. Aber im Gedicht begründet das Materielle, Körperliche der Sprache, mit dem Gesagten sich verbündend, eine Schattenbeziehung zwischen den Wörtern. „So // Wo Sonne ein Wort…“ macht auf die Sprache als einzige Wirklichkeit, in der es wieder Schatten gibt, aufmerksam. Auch die zweite Zeile: „ist ist“ wäre daraufhin zu lesen. Dass die beiden Wörter eine abgehobene Zeile bilden, lädt dazu ein, sie auch ausserhalb des Satzzusammenhangs zu lesen. Am ergiebigsten geschieht das, wenn man das ist als das Wort ist liest, von dem gesagt wird, dass es ist: ist ist. Das einzige Sein, das sich zweifelsfrei feststellen lässt, ist das des Wortes, das sagt, dass etwas ist. Das Wort ist, als Wort gesagt, hat in dem auf es folgenden ist, das sagt, dass es ist, seinen verlässlichen Schatten, den es als materiell gegenwärtige Sprache wirft.

* * *

Das Ich als leere Mitte des Gedichts anzunehmen ist im Rahmen von Ingolds Buch nicht verwegen. Am 2. Dezember begegnet das

OMEN

Steh nicht so
rum. Wirst dich erkälten. Da! Zieh
dir meinen Namen über.

Könnte der Name, wie es der überlieferte Spruch will, das Wesen des Benannten anzeigen, so wäre er eine Art Schatten, von dem man auf seinen Träger schliessen könnte. Hier aber ist der Name ein Kleid, das man anzieht und ablegt, und das über den, der es trägt, keinen Aufschluss gibt, denn „kein Name der mir gegeben wird / kann mein Name / sein“ – Juli). Aber obwohl kein Name das Ich in seiner Eigenart fasst, ist das Ich ohne Namen nackt, blosses Omen, entblösst vom N, das seine kalte Leere – die Null seines O – verhüllen würde. Es gibt keinen Namen, der zu mir gehört, aber ohne Namen bin ich eine blosse Andeutung, für die es nur uneigentliche, keinen eigenen Namen gibt. Warum dann nicht das Buch als den fortgesetzten Versuch eines Schreibenden lesen, sich jeden Tag auf einen, täglich zu ersetzenden, dreizeiligen Namen zu taufen, von denen keiner seiner ist, und die er doch braucht, damit das Zerfliessende und Verfliessende des Ich sich am Rand des Fehlens durch die scharfe Kontur der wechselnden Fiktionen eine Gestalt anprobieren kann?

* * *

Das Ich als die, seinen nach ihr forschenden peripheren Blicken entzogene, Mitte erscheint sich am 18. Dezember als sich selbst ebenso verwehrtes wie vor sich geschütztes:

ICH

kann sich drehn und
wenden wie er will. Zu Gesicht
bekommt er mich nicht.

Ich, insofern als er sich in den Blick zu bekommen versucht, wird hier in der dritten Person besprochen, Ich, insofern als er unsichtbar bleibt, ist der Sprechende. Diese Zuteilung macht deutlich, wie falsch es wäre, diese Gedichte als scheiternde Introspektion verstehen zu wollen. Es ist im Gegenteil gerade der Selbstentzug des Schreibenden, aus dem die Gedichte hervorgehen. Deshalb ist es zwar möglich, Ich psychologisch zu lesen, aber ergiebiger, es – und nicht nur es – in seiner elementaren, anschaulichen Einfachheit zu nehmen: als die Unmöglichkeit des Auges, dem sich alles Gesehene verdankt, sich selbst zu sehen. Was sieht, weiss sich, einzig aus dem, was es sieht, zu vermuten, als was sich nie zu Gesicht bekommt, ein Wissen, das, wie es hier erfolgreich geschieht, eine Wendung nach aussen begründen kann, die so viele genaueste Beobachtungen und Sprachkristalle ermöglicht, dass jeder Tag, wenn auch keiner über sich hinaus, zum Namenstag wird.

Hans-Jost Frey, manuskripte, Heft 151, 2001

 

Jan Kuhlbrodt: Versuch über Ingold
poetenladen.de, 28.10.2012

Zum 70. Geburtstag des Autors:

Ulrich M. Schmidt: Das Leben als Werk
Neue Zürcher Zeitung, 25.7.2012

Fakten und Vermutungen zum Autor + PreisKLG +
Viceversa + Forschungsplattform
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