Felix Philipp Ingold: Gegengabe

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch von Felix Philipp Ingold: Gegengabe

Ingold-Gegengabe

2008-06-12

Heute hab ich nach längerer Suche via ZVAB auf Internet Stéphane Mallarmés Briefwerk in elf Bänden ausfindig gemacht – unter Hunderttausenden von Angeboten gab es im französischen, angelsächsischen und deutschen Einzugsgebiet eine einzige vollständige Ausgabe, zu bestellen beim Berliner Sportantiquariat. Ich rief, da ich einen Irrtum vermutete, den Anbieter an, erfuhr jedoch, dass „alles klar“ und „okay“ sei; eine Ausnahme zwar, aber leicht zu erklären dadurch, dass die Briefedition von ihrem Besitzer („einem guten Kunden von uns“) gegen einen Bildband mit Fussballphotos aus dem Jahr 1937 im Tausch angeboten worden sei. „So ein Zufall halt.“ Und da jener Bildband 172 Euro gekostet hätte, habe man den selben Preis kurzerhand „für den ganzen Mallarmé“ übernommen. Nun freut sich der Buchhändler, dass er die elf „sachfremden“ Bände gleich wieder losgeworden ist.

 

 

 

Ein Werk wie dieses hätte Novalis –

so heißt es zu Absicht, Anlage und Plan seiner „Enzyklopädie“ – schreiben wollen: „Jedes Stück meines Buchs, das in äußerst verschiedner Manier geschrieben sein kann – in Fragmenten – Briefen – Gedichten – wissenschaftlich strengen Aufsätzen usf. – einem oder einigen meiner Freunde dediziert.“ Und zwar: „Mein Buch muß die kritische Metaphysik des Rezensierens, des Schriftstellerns, des Experimentierens und Beobachtens, des Lesens, Sprechens usf. enthalten.“ Mithin alles und noch viel mehr; woran das Unterfangen wohl gescheitert ist. Doch hier wird nun ein weiterer Versuch in dieser Richtung gewagt und womöglich – unter völlig andern zeitgeschichtlichen Voraussetzungen – auch gewonnen.
Felix Philipp Ingolds Gegengabe – Folgeband zu seinem großen Dichtwerk Wortnahme (Engeler 2005) – ist ein literarisches Kompendium, gleichermaßen geeignet zum Nachlesen, Nachdenken und Nachschlagen, ein ebenso weitläufiges wie vielfältiges Buch, das reiche Gaben aus der Dreifelderwirtschaft des Autors bereithält: Kritisches in Form von Essays, Rezensionen und Traktaten, Poetisches in Form von Gedichten, dichterischer Prosa und Übersetzungen, Privates auch, das auf Reisen, beim Lesen, aus Träumen oder aus persönlichen Korrespondenzen zusammengetragen wurde. Zu Ingolds Gegengabe gehört auch eine Auswahl seiner Fotobilder, in denen alltägliche, bisweilen triviale Motive in jenem Augenblick festgehalten sind, da sie ins Künstliche, ja Fantastische zu kippen scheinen – ein Punkt, ein Effekt, den immer wieder auch die Texte dieses Autors kenntlich machen.

Urs Engeler Editor, Ankündigung, 2009

 

Poetische Rückschau

− Felix Philipp Ingold trägt in Gegengabe ein Vermächtnis zusammen. −

Wenn es bei Büchern so etwas gibt wie „zarte Wucht“, so ist sie hier mit Händen zu greifen: Über 700 Seiten zählt dieses Buch, mit einem grosszügigen Satzspiegel und in einer angenehmen, lesefreundlichen Gestaltung, zu der selbst zwei Lesebändchen gehören. „Gegengabe“ ist ein Schwergewicht, wenn das Werk auf der Hand liegt, gewichtig ist es aber ebenso mit all dem, was es zwischen seinen Deckeln versammelt. In seinem jüngsten Buch trägt Felix Philipp Ingold Texte aus „kritischen, poetischen und privaten Feldern“ zusammen, in einer kühnen und beeindruckenden Mischung. Präsentiert werden die Texte auf mehreren Etagen, die sich beim Lesen unvermittelt und dennoch mühelos miteinander verbinden: Essays, poetologische Notizen, Lektüreberichte, Skizzen, Porträts, Lesefrüchte, kritische Anmerkungen zu literarischen Werken – und dazwischen immer wieder kleine, sehr persönliche und sympathische Beobachtungen und Erinnerungen.

Alltagsbeobachtungen
Wunderbar etwa ist jene Notiz über ein älteres Ehepaar, aus dessen Wohnung der Autor in regelmässigen Abständen Schreie vernimmt, die er sich nicht erklären kann. Bis sich eines Tages herausstellt, vor den Auslagen eines Bücherbasars der Heilsarmee, dass der alte Herr seiner Frau zweimal täglich aus Diderots „Das Paradox des Schauspielers“ vorliest, immer wieder und stets mit Inbrunst. Der alte Herr mag das Buch einfach, und eben hat er in der Bücherkiste ein weiteres Exemplar gefunden, er hat schon viele …
Kleine Alltagsbeobachtungen wie diese finden sich einige. Dazwischen Gedichte, eigene und fremde, übersetzte: Gedichte von René Char, von Joseph Brodsky, Marina Zwetajewa und vielen anderen. Daneben kurze Berichte von den täglichen Spaziergängen in der nahen Umgebung. Oder Traumerzählungen, bizarre Geschichten, die Vertrautes und Unvertrautes in einer überraschenden Ordnung als kompakte und opake Einheit inszenieren. In anderen Texten wiederum formuliert Ingold Erinnerungen an Menschen, die ihn etwas gelehrt haben und denen er etwas verdankt. Walter Widmer etwa, dem Lehrer und ungeheuer produktiven Übersetzer und Vermittler, gilt eine freundliche Hommage. Ein anderes Mal ist die Rede von einem russischen Linguisten, der zu den wissenschaftlichen Betreuern von Ingold zählte, als dieser in den sechziger Jahren in Moskau studierte. In der Erinnerung bleibt Boris Gornung ein distanzierter Mensch, und erst viel später wird der Autor erfahren, dass sein Lehrer ein enger Vertrauter Ossip Mandelstams war und selber auch schrieb; das vorsichtig-respektvolle Gedenkblatt schliesst mit der Übersetzung eines Gedichts von Gornung.
Man kann sich genussvoll verlieren in den zahllosen Anmerkungen und Beobachtungen, die bald als ausgewachsene Aufsätze daherkommen, bald als knappe, aphoristische Bemerkungen. Von Ludwig Hohl ist die Rede, von Maurice Blanchot, André Thomkins, Julien Gracq, Elias Canetti, Ilse Aichinger, Franz Kafka, stets in einer konzisen, federnden Sprache, die keine endgültigen Urteile sucht, sich aber nicht scheut vor dezidierter Kritik oder Distanzierung.
Vieles wird hier auf den Prüfstand gehoben. Redensarten, vermeintlich genaue Erinnerungen, vor allem Erinnerungen an Begegnungen, die lange zurückliegen. Bisweilen trifft der Autor nach Jahren wieder einen alten Bekannten – reiner Zufall und eine gute Gelegenheit, am Gegenüber das Eigene noch einmal zu reflektieren. Natürlich werden auch einige schreibende Kollegen kritisch unter die Lupe genommen, so Peter Handke mit seinen Notizen. Andere Aufsätze münden in Lektüreempfehlungen, etwa im Fall von Peter Waterhouse‘ Buch „(Krieg und Welt)“. Oder der Autor gerät in Begeisterung über den Aphoristiker Friedrich Hebbel: „Brillant der Stil, staunenswert präzis die sinnliche Wahrnehmung, produktives, fast immer an Detailfragen orientiertes Denken. [-] er empfiehlt mir, mich für ein Experiment der Natur zu halten – was ungemein entlastend wirkt und selbst eine Krankheitserfahrung interessant machen kann.“

Reiche Ernte eines Zeitgenossen
„Gegengabe“ präsentiert die reiche Ernte eines unablässig lesenden und reflektierenden und beides geniessenden Zeitgenossen, der die Früchte seiner drei Felder auf einem einzigen, ziemlich grossen Tisch präsentiert. Einige Texte in diesem Band wird man bereits gelesen haben, noch gebunden an einen aktuellen Anlass, den sie im Kontext dieser Publikation nun mühelos abstreifen. Und natürlich kommt Ingold, der längst auf ein riesiges Werk zurückblicken kann, auch auf einige Themen und Thesen zurück, die er schon anderswo entwickelt hat, etwa im Zusammenhang mit dem Übersetzen – aber immer wieder überrascht er, so mit seinen Anmerkungen zu Nach- und Neuübersetzungen. Und zu entdecken ist schliesslich, mit einer Auswahl seiner Bilder, der Fotograf Ingold: eine weitere Überraschung in diesem opulenten Band.

Martin Zingg, Neue Zürcher Zeitung, 13.8.2009

Der Schriftsteller, Übersetzer und Literaturwissenschaftler

In der indianischen Potlatch-Kultur gehören Geschenk und Gegengeschenk zu einem übergeordneten System der Beziehungspflege, das gelegentlich auch aus den Fugen geraten kann. Gegengabe von Felix Philipp Ingold situiert sich im Titel in einem solchen System, bei dem freilich nicht reale Objekte (das Buch ausgenommen) ausgetauscht werden, sondern Zeit und Aufmerksamkeit. Die sorgfältige Lektüre ist der Preis, den Ingold für sein Geschenk einfordert.

1942 in Basel geboren, hat der Schriftsteller, Übersetzer und Literaturwissenschaftler Felix Philipp Ingold seit seinen dichterischen Anfängen 1967 ein respektables Werk publiziert, das Gedichte, Prosa und Essays umfasst. Daneben hat er eine Vielzahl von Büchern aus dem Russischen, Französischen und Tschechischen übersetzt.

Sein opulentes Buch Gegengabe legt von diesem Reichtum Zeugnis ab. Felix Philipp Ingold gibt sich darin als ebenso leidenschaftlicher wie kritischer Wortarbeiter zu erkennen. Er denkt über das Handwerk der Literatur nach, reflektiert Lektüren und gibt Kostproben seiner poetischen Arbeit, in der Mehrzahl Übersetzungen. In längeren Erörterungen etwa über Samuel Beckett, über den „Verrat“ des Übersetzens oder über poetisches „Sprachdesign“ demonstriert er, wie Lesen-Schreiben-Übersetzen-Denken das Geviert seiner literarischen Arbeit abstecken.

Edmond Jabès resümiert all jene Stimmen – […] – in dem schlichten Satz, wonach dichterisches Schreiben nichts anderes sei als die intensivste Art zu lesen.

Schreiben hat mehr mit Lassen als mit Tun zu tun. Dichten heisst der Sprache zuarbeiten. Mal abwarten, mal zusehn, wie der Text sich auslebt dabei.

Ingolds Poetik ist mit Leidenschaft der literarischen Moderne verpflichtet, die sich gleichermassen respekt- und liebevoll mit Namen wie Beckett, Mallarmé, Pinget, Char, Blanchot, Valéry, Nabokov, Kafka, Canetti oder ihren russischen Impulsgebern Dostojewski und Tschechow verbindet. Sie alle erhalten hier ihren gebührenden Platz. Und dazu Thomas Pynchon, der „Alibiautor“ der schwierigen Literatur, der im gegenwärtigen Feuilleton gerade eben noch durchgeht. Ihrem Arbeiten und Wirken widmet Ingold einige glänzende Essays. Ergänzt, begleitet, illuminiert werden sie von Gedicht-Übersetzungen aus den verschiedensten Sprachen sowie von kurzen Gedankensplittern.
In der Sache braucht man ihm gar nicht immer recht zu geben. Die Parteilichkeit für das poetische Handwerk der Moderne verführt Ingold zu einer sehr kritischen Betrachtung der Gegenwartsliteratur, der er kaum mehr viel zutraut. Ihre „Wortinflation“ behagt ihm ebenso wenig wie die aufdringliche Ich-Bezogenheit, die das Sprachliche zu Gunsten der Marktgängigkeit vernachlässigt. Auch wenn sie in der vorgetragenen Rigorosität zuweilen überzogen und ungerecht erscheint, ist solche Kritik im Kern nicht ganz von der Hand zu weisen.

Man kann sich heute kaum noch vorstellen, wie sehr individuelle Autorschaft vor gar nicht so langer Zeit an der internationalen literarischen Front verpönt gewesen ist und dass man sie auf den ‚Nullpunkt des Schreibens‘ hat zurückführen können.

Die Experimente der Moderne sind unter neuen Zeitumständen nicht mehr wiederholbar, und ja bereits auch durchgeführt. Zudem ist Gegenwärtiges stets kontaminiert mit der Unsicherheit, ob es sich bewähren würde. Dennoch verarbeiten Autoren wie beispielsweise Thomas Meinecke, Kathrin Röggla, Reinhard Jirgl oder Lavinia Greenlaw Gegenwart sprachlich in einer Weise, die zeitgemäss über die Ränder der narzisstischen Selbstbespiegelung hinausweist.
Ingold bleibt diesbezüglich aber skeptisch. Und wenn er zu konkreten prägnanten Analysen ansetzt, erscheinen seine strengen Argumente durchaus schlüssig.

Zwischen Essays, Gedichten und Gedankensplittern wird immer wieder auch Persönliches erkennbar: Traumszenen, oder Spaziergänge in der idyllischen Umgebung seines Hauses in Romainmôtier.

Allerdings ist mir das Vertraute, das Heimatliche schon immer fremder gewesen als das wirklich Fremde, und die wirkliche Fremde (auch die, deren Sprache ich nicht kenne) ist mir erfahrungsgemäss vertrauter als die wirkliche Heimat.

Hierin wird spürbar, dass die Freiheiten, die Ingold seit seiner Befreiung von der Erwerbsarbeit an den Universitäten Zürich und St. Gallen erst recht pflegt, auch verbunden sind mit Beschränkungen. Unter dem Datum des 18. Juni 2007 heisst es:

In diesen Tagen, da auf der Biennale, der Documenta, der Art Basel die Weltkunst floriert und verkauft wird, da kiloweise Verlagskataloge für den Herbst ins Haus kommen, da die Sommerfestivals angekündigt werden – stelle ich fest, dass ich so gut wie nicht davon mehr brauche; und schon kommt ein jäher Horror auf beim Gedanken, dass eigentlich nur noch das, was man selber macht und verantwortet, von irgendeinem Interesse ist; dass das Interesse am Machen längst rezenter ist als das am Gemachten.

In diesem Licht erscheint die Begegnung mit dem gealterten Elias Canetti, die Ingold mit dezenter Zurückhaltung beschreibt, wie ein Schlüsselerlebnis. Wiederholt sah er ihn in Zürich, doch nur einmal kam es zwischen ihnen zum Gespräch. Canetti wirkte dabei der Welt entrückt. Eine seiner späten Aufzeichnungen hat Ingold im Nachhinein diesen Eindruck bestätigt. Canetti schreibt:

Viel ist mir entgangen, den Wenigsten von denen, die meine Lebenszeit ausgemacht haben, bin ich begegnet.

Gegengabe ist ein vielgestaltig schillerndes, höchst anregendes Lesebuch, das Seite um Seite mit Gedichten, essayistischen Betrachtungen und bemerkenswerten Anekdoten aufwartet und so eine formenstrenge Poetik entfaltet, in der sich präzise Analytiker Ingold selbst spiegelt. Das Buch will gar nicht in einem Zug gelesen werden, mit seinem Gewicht eignet es sich auch nicht für die Mitnahme auf Reisen. „Gegengabe“ braucht einfach für eine Weile seinen festen Platz im Haushalt, um hier aufgeschlagen zu werden – wenn Zeit und Musse es erlauben.

PS: Leider fehlt darin ein Namensregister, das eine Lektüre peu à peu zusätzlich anregen könnte.

Beat Mazenauer, Le Culturactif Suisse, 15.10.09

Gabe gegen Gabe. Felix Philipp Ingolds Lyrik der Moderne

Wo und wie arbeitet ein Lyriker? Einem berühmt berüchtigten Gedicht zufolge geht er, so fernab wie möglich von aller Zivilisation, in Feld und Wald vor sich hin, streng darauf achtend, dass er nichts sucht, damit ihn das, was er nicht sucht, finden und bei der Schreibhand nehmen kann. Wo und wie arbeitet der Lyriker Felix Philipp Ingold? „Der öffentliche Raum ist der Resonanzraum, aus dem ich die ersten noch unverbundenen Daten für mein Schreiben gewinne. Die Verbindung und Entfaltung von alltäglichen Klangereignissen zu einem Text, in dem Wörter und Laute enggeführt und immer wieder neu zum Sprechen gebracht werden, ist das, was ich unter Dichtung verstehe und als Dichtung praktiziere.“ Stellen Sie sich vor, Sie gingen durch eine Bahnhofshalle und eine Ladenstrasse über einen Marktplatz auf einen Verkehrsknotenpunkt zu. Stellen Sie sich weiter vor, Ihr Bewusstsein verlöre auf diesem Weg die Fähigkeit, Wahrnehmung von Lauten und Wörtern nach seinen Bedürfnissen zu sortieren und anzuordnen, zu staffeln und auszublenden. Demnach ineins und uneins: Lautsprecherdurchsagen, Zeitungsausrufe, Stimmengewirr. Ihre Kopfhörer. Ihr Handy. Vor Ihren Augen die noch stummen, aber auf ihr Lautwerden drängenden Wörter der Minuten-, Tages- und Wochen-Zeitungen, der Schaufenster-Auslagen und Projektionswände, vor Ihrem inneren Auge das Internet mit seinem Link-Universum, das jederzeit auf Sie wartet. In diesem Resonanzraum einander wieder- und überholender, durchdringender und zersetzender, steigernder und zerstreuender Laute und Wörter, Sätze und Texte leben wir heute. Als die Warenwelt noch jung war, bot sie sich als Erfüllung unserer Wünsche und Träume nur an und wartete auf unsere bejahende oder verneinende Antwort. Heute antwortet sie selber mit einer Zungenfertigkeit, die niemanden außer ihr zu Wort kommen lassen will und unsere Entscheidungen schon weiß, bevor wir auch nur an sie gedacht haben. „Dem Begehren des anderen entsprechen, sein Verlangen wie ein Spiegel abbilden, es sogar antizipieren: man kann sich kaum vorstellen, welche enttäuschende, vernichtende, verlockende und irreführende Kraft […] in dieser plötzlichen Verführung enthalten ist.“ Wir verfallen ihr nur deshalb nicht völlig, weil wir uns längst angewöhnt haben, das, was da von allen Seiten und aus allen Seiten auf uns eindringt,  in vorbewusster, reflexhafter Abwehr und Absonderung zu durchqueren, „gleichsam auf dem Rücken eines Tigers in Träumen hängend“. Was hat ein Lyriker in dieser Welt zu suchen? Was hofft er da zu finden? Er, der Hegel zufolge in der heranwachsenden Warenwelt „die ganze äußere Umgebung zum symbolischen Ausdruck des Innern zu benutzen weiß“ und dabei „tiefe objektive Gedanken nicht scheut“? In einer Welt, die Außen und Innen alltäglich gegeneinander tauscht, die an die Stelle der Tiefe die Aktualität und an die des Objekts das Arrangement setzt?

Gemäss Ingold hofft er auf die in eben diesem Alltag Täuschung mit Enttäuschung ausgleichende, bejahende, verlockende Kraft der sich von ihrer festen Bedeutung los machenden Wörter: „Im Gedicht hat ein Wort dann seine höchste Richtigkeit, wenn möglichst viele seiner Bedeutungen – und gerade die am weitesten auseinanderliegenden – gleichzeitig [kursiv im Orig., Vf.] zum Tragen kommen; wenn sie als Sinnbildungselemente eingesetzt werden, die kraft ihrer Assoziationsfähigkeit weiter reichen als diese oder jene vom Wörterbuch […] bereitgehaltne Einzelbedeutung.“ Die Welt, in deren öffentlichem Raum wir heute leben, mag ja mehr und mehr aus den Fugen, insbesondere aus den Wort- und Satzfugen gehen. Ihre sinnbildende Kraft aber lebt in diesen Fugen fort, am Treffpunkt aller wirklich möglichen Verbindungen und Vermittlungen, die in jener Welt ausgelegt sind und auf die sie der Lyriker zu besinnen vermag, indem er sich auf ihre Auslagen besinnt. Das Wort, so Ingold, hat im Gedicht dann seine Richtigkeit, wenn diejenige Bedeutung, die es an seiner Stelle hat, mit denjenigen Bedeutungen, die es von da aus an sich ziehen kann, zur Einheit verdichtet ist. „Es gibt keine Synonyma“, warnt Lichtenberg. Aber eben deswegen gibt es eine Synergie zwischen den Wörtern, die ihren alltäglichen Gebrauch bestätigt wie übertrifft.

So weit die Theorie. Aber bewährt sich das auch in der Praxis? An einem Ingold-Gedicht? „Das Zittern der Espe beim Gemaltwerden / macht den Schein aus und in spe / das Warten voll. Das Bild verschwindet /während es entsteht. Vollendet sich / die Täuschung oder wird mal so / mal anders Tausch.“ Titel: „Idyll“. Der passt auf den ersten Blick, auf den zweiten aber schon nicht mehr. Verwirrend. Vielleicht hilft die Wort-Bedeutung weiter. „Eidullion ist eine Diminutivbildung zu griechisch eidos (äußere Erscheinung, Gestalt, Form), das zu idein ?(sehen, erblicken) in etymologischer Verbindung steht.“ ‚Idylle‘ und ‚Idee‘ wachsen am gleichen Wortstamm. Idylle bedeutet also eigentlich ‚Bildchen‘. Schauen wir uns das Bildchen auf seine Gestalt, auf seine Form hin an. Espen zittern nicht beim Gemaltwerden. Im Gegenteil: Sie hören, ins Bild gesetzt, zu zittern auf und halten still. Den aber, der sie malt, oder den, der das werdende Bild betrachtet, erinnern die Blätter unablässig an ihre im Sprachgebrauch unerlässliche Bewegung. Espenlaub zittert im Sprichwort, das, als erstarrte Wendung, sich wieder und wieder holend, andere Wendungen aufliest und an sich zieht. So entstehen Anschein wie Erscheinung zusammenwachsender Bedeutungen, die Sinn machen, weil sie mehr ergeben als die Summe ihrer Teile. Auf die Erfüllung dieser Idee lässt das werdende Bild hoffen. Aber so spricht die Welt nicht, in der wir leben. „Das Bild verschwindet / während es entsteht“, in den vielfältigen Bild-Bedeutungen und Bedeutungs-Bildern, die im öffentlichen Resonanzraum laut werden und ihn füllen, „wird mal so / mal anders Tausch“. Enttäuschend. Was bleibt? Bleibt etwas? Die Antwort, die Gegengabe, folgt erst beinahe 500 Seiten später. Dazwischen schiebt sich eine Vielzahl anderer Texte „aus kritischen, poetischen und privaten Feldern“, eine Vielzahl, die das Zittern der Espe so vermannigfaltigt, dass es in seiner eigentümlichen Metaphorik untergeht. Nun taucht es wieder auf: „Das Zittern der Espe beim Gemaltwerden / macht den Schein aus und in spe / das Warten voll. Das Bild – seht! seht! – verschwindet / während es entsteht. Vollendet sich / die Täuschung oder [bricht ab].“ Titel diesmal: „Oder.“ Was soll da gesehen werden? Die Einheit von Verschwinden und Entstehen? Müssen wir das Entstehen des Reims wegen wichtiger nehmen? Wer ist gemeint mit dem Imperativ? Wir? Die Lesenden? Weshalb? Und was bricht da ab? Wovon? Wohin?

Wenn ich recht sehe, liegen in diesem eigentümlichen Widerspiel von Gabe und Gegengabe Originalität und Aktualität von Ingolds Lyrik. Versuchen wir, dem Spiel auf die Spur zu kommen und seine Regel zu begreifen.

„JE est un autre“ lautet der Kernsatz der „Lettre d’un Voyant“, die Arthur Rimbaud im Mai 1871 an seinen Lehrer Georges Izambard richtet. Der Beifall, der diesen Satz nun seit gut hundert Jahren begleitet, übertönt bis heute immer wieder, dass dieser Satz nach einer Ergänzung verlangt. JE est un autre – que qui? Que MOI. Rimbaud spielt hier die beiden Bedeutungen gegeneinander aus, die das Konzept des Ichs seit der Mitte des 17. Jahrhunderts in der europäischen Moderne annimmt. JE meint Ich als reines Pro-Nomen, als allseits verfügbares Subjekt der Sätze, die den Resonanzraum gegenwärtiger Öffentlichkeit schaffen, als jemanden, der jeden Namen anzunehmen vermag, den die ihn auf dem Weg durch den Bahnhof und die Ladenstrasse über den Marktplatz zum Verkehrsknotenpunkt ansprechenden Reden und Texte ihm geben. MOI hingegen holt aus all diesen Pro-Nomina seinen eigenen Namen zurück, indem es über die Sätze entscheidet, zu deren Subjekt es ihn macht. So weiß es das gesamte Äußere des öffentlichen Resonanzraums zum symbolischen Ausdruck, zur Sinngestalt seines Innern, seines Selbsts, auszuwerten und anzuordnen. Dem Französischen fehlt ein dritter Begriff für die Einheit dieser Unterscheidung, während das Deutsche auf dieser Einheit beharrt, aber nun seinerseits für ihren Unterschied keine Worte hat. „Kein Ich ist für das Wort Ich / groß genug. Wie kein Gesicht fürs Licht.“

Dieses von Rimbaud in die Geschichte der modernen Lyrik eingeführte Spiel zwischen JE und MOI eröffnet meines Erachtens auch den Resonanzraum, in und mit dem Ingolds Lyrik arbeitet, den Ort, an dem sie alltägliche Klangereignisse zu einem Text verbindet, „in dem Wörter und Laute enggeführt und immer wieder neu zum Sprechen gebracht werden“. Wie? Von wem? Und schließlich: für wen?

JE malt als lyrisches Subjekt das Zittern der Espe, lässt es im Bild still und in den Erinnerungen, Assoziationen, Stichwörtern, die das Bild hervorruft, wieder laut werden. JE malt mit Lauten und Wörtern, die Sätze spenden, Sätze in spe für den Anschein des scheinbaren Gleichgewichts, der immer vorläufigen Ordnung zwischen den sich vervielfältigenden Bildchen, in die sein Bild beim Malen zerfällt. „Das Bild – seht! seht! – verschwindet / während es entsteht.“ Wer ist hier aufgefordert? Wer gemeint? Ich meine: Wir, die Leserinnen und Leser. Seht zu, wie in den Sätzen des Gedichts Wörter und Laute dadurch neu zum Sprechen gebracht werden, dass „möglichst viele Bedeutungen gleichzeitig zum Tragen kommen“. Seht, wie sein Gegenstand durch das ständige Um- und Neuschreiben seiner Erscheinung verschwindet, während er entsteht, seht in seinem Spiegel euer eigenes Ich, dem jeden Tag bewusstlos widerfährt, was das Gedicht in seinen Augenblick zusammenfasst, um es sichtbar, lesbar, gegenwärtig zu machen. Ich ist im Sprachraum unserer Öffentlichkeit bei jedem Schritt, den es durch ihn tut, ein anderes, und bleibt nur bei sich, indem es sich verneinend, verweigernd, ausfällend gegen ihn abschottet. Et MOI? MOI verschwindet in, aber nicht aus den so vorgehenden Gedichten. Es geht unter, aber nicht verloren. „Vollendet sich / die Täuschung oder [bricht ab]“. Vollendet sich die gegenseitige Täuschung einander verführender Resonanz-Sätze und ihrer Pro-Nomina, löst sich das MOI endgültig im JE auf, o d e r wird die sich selbst beschleunigende Bewegung, in der es als Bildchen-Folge pulsiert, durch aus ihr hervorgehende und ihr widerstehende Sinnsetzung und Bildgebung angehalten? In diesem „Oder“ liegt die Sollbruchstelle von Ingolds Gedichten. Die Gegenbewegung, in die sie abbrechen, ist Sache des Lesens und Verstehens. Das Gedicht erweist sie als möglich, führt an sie heran, aber vollzieht sie nicht für seine Leserinnen und Leser. Ob sie sich von den Resonanzen und Redundanzen des öffentlichen Sprach-Raums weiter und weiter täuschen lassen, oder ob sie die Täuschung zu enttäuschen trachten, bleibt ihnen überlassen. „Diesem Leser, jener Leserin, kommt es nicht […] darauf an […], das Gelesene als Verstandenes zu haben, vielmehr darauf, lesend etwas damit anzufangen, ihm einen Sinn zu geben, der über jede (immer bloß nachvollziehbare) Bedeutung hinausreicht.“

Aber wie fangen wir das an, dem Gelesenen eine Sinn zu geben, der über jede feststellbare Bedeutung hinausreicht? Wo im Gedicht gibt es Anlass zu so einem Sinn?  In der Engführung, dem Ineinanderklingen seiner Laute und Wörter, dessen Akkord mehr verspricht als die Summe seiner Töne? In der Gleichzeitigkeit der Wortbedeutungen, die in ihm zum Tragen kommen und deren Zugleich sie über ihre Addition hinausträgt? „Aber der Unsinn, Text auf Musik zu reduzieren.“ So also nicht. Dann eben anders. „Aber der Unsinn“, heißt es leider schon im übernächsten Satz, „Text auf ein Sinnkonstrukt zu reduzieren.“ Was nun? Nun: Minus mal Minus gibt Plus. Sinn, wie ihn Ingolds Gedichte nahe legen, kommt zustande, wenn man lesend den musikalischen wie den Bedeutungs-Zusammenhang ihrer Texte aneinander führt und ineinander auffaltet, sie also verstehend zu einem privaten Resonanz-Raum komponiert, der den öffentlichen an Buntheit und Gestaltung, an Differenz und Intensität und damit an Selbst-Entwurfs-Kraft weit übertrifft. „Komposition natürlich!“ ist zwischen die beiden Unsinns-Thesen gesetzt. Bei Oskar Pastior steht sie im  Ausrufezeichen. Bei Felix Philipp Ingold geht sie kursiv.

Wolfram Malte Fues, Schweizer Monatshefte, Nr. 973, November 2009

Weitere Beiträge zum Buch:

Burkhard Müller: Lesen macht klug
Süddeutsche Zeitung, 13.8.2009

Marco Baschera: Après vous, chère langue!
Schweizer Monatshefte, Heft 975, 2010

 

 

Jan Kuhlbrodt: Versuch über Ingold
poetenladen.de, 28.10.2012

Zum 70. Geburtstag des Autors:

Ulrich M. Schmidt: Das Leben als Werk
Neue Zürcher Zeitung, 25.7.2012

Zum 80. Geburtstag des Autors:

Magnus Wieland: Der Autor, der die Autorschaft hinterfragt
Berner Zeitung, 25.7.2022

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