Felix Philipp Ingold (Hrsg.): Geballtes Schweigen

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch von Felix Philipp Ingold (Hrsg.): Geballtes Schweigen

Ingold (Hrsg.)-Geballtes Schweigen

wie wichtig es ist ein Gedicht abzubr…

Wladimir Wischnewskij

 

 

 

„Nächtliche zeile, bist all-ei-nee…“

– Vorbemerkung des Herausgebers. –

Der Einzeiler – konzipiert und ausgeführt als ein Vers, der zugleich als vollständiges Gedicht zu lesen ist – gehört zum Formenbestand des poetischen Minimalismus, innerhalb dessen er naturgemäss eine bevorzugte Stellung einnimmt. Als eigenständiges, wenn auch durchwegs marginales Genre der europäischen Dichtung war der Einzeiler bereits in der griechischen und römischen Antike bekannt (wo er vor allem für Tür-, Grab- und Vaseninschriften verwendet wurde), seine hohe Zeit hatte er jedoch erst in der Epigrammatik und Aphoristik des späteren 18. und frühen 19. Jahrhunderts sowie in der Wortkunst der klassischen Moderne. Vor allem die poetische Avantgarde Russlands war es, die – mit Autoren wie Chlebnikow, Burljuk, Krutschonych, Gnedow, Charms – den Einzeiler wieder entdeckte und ihn als Monostichon, als Einzelvers oder 1-Vers-Gedicht, mithin als sprachliche Kunstform, und nicht bloss als Träger für belehrende oder belustigende Sentenzen einsetzte.
Von daher überrascht es nicht, dass der Einzeiler noch heute (und heute erneut) gerade bei russischen Autoren besonderen Zuspruch findet und in bemerkenswerter Variationsbreite zur Anwendung kommt. Die hier zusammengetragenen Minimal- oder Miniaturtexte sind (mit der gewichtigen Ausnahme von Wladimir Markows modellbildenden Einzeilern aus den fünfziger Jahren) mehrheitlich in der jüngeren und jüngsten Vergangenheit entstanden, können also auch als Dokumente, besser: als Spurenelemente des grossen Transformationsprozesses betrachtet werden, den Russland seit 1985, vollends seit 1991 durchgemacht hat.
Zunächst mag der neue poetische Minimalismus, der mit möglichst geringem Aufwand (des Autors) möglichst grosse Wirkung (der Sprache) anstrebte, durch den Realitätskontext der ausgehenden Sowjetzeit angeregt und bestimmt gewesen sein – die radikale Reduktion des Textvolumens erleichterte die Herstellung, Vervielfältigung und Verbreitung der damals noch illegalen Drucke, und sie konnte gleichzeitig als eine strukturelle Parodie auf die epischen Grossformen des Sozialistischen Realismus und die leerlaufende Rhetorik der politischen Führung sowie der kommunistischen Parteipresse verstanden werden.
Mit dem Zusammenbruch des Sowjetsystems und damit auch der staatlichen Zensur erweiterten sich, abgesehen von strukturellen Differenzierungen, vor allem die thematischen Einzugsbereiche minimalistischen Schreibens. Wenn zunächst während längerer Zeit ein satirischer oder moralischer Grundimpuls dominiert hatte, der auf den real existierenden Sozialismus bezogen werden konnte, wurden nun durch die literarischen Kleinstformen schon bald auch jene grossen Themen erschlossen, die vormals in der UdSSR weitgehend tabuisiert waren – Ich, Sex, Krankheit, Tod, Gott. Häufig werden im übrigen Einzelverse, wenn sie den Vers selbst, den Akt des Schreibens, die Sprache als solche oder die Person des Autors zum Gegenstand haben, zu poetologischen Formeln verdichtet. Gerade der Einzeiler scheint zudem eine deutliche Affinität zum Stillleben (knapp dargeboten als Aufzählung oder Evokation von Gegenständen) und, vor allem, zum Schweigen zu haben – zum Schweigen, das ja oft mit der weissen, noch unbeschriebenen Seite assoziiert wird und dem der Einzeiler kraft seiner minimalen zeiträumlichen Ausdehnung ohnehin sehr viel Raum gibt.
Wiewohl der Einzeiler – man denke an Grab- und Orakelsprüche! – nicht selten zur Erhabenheit, sogar zur Monumentalität neigt, hat er doch auch in manchen Fällen die heiteren, die groben, die banalen Qualitäten von Sprichwörtern, Merkversen oder Kinderreimen bewahrt. Bisweilen ist der Einzeiler ein reiner Nonsense-Text, ein harmloses oder hintersinniges Wortspiel, eine aphoristisch geschürzte Lebensweisheit, ein entfaltetes Anagramm, ein Palindrom oder auch die visuelle Konkretisierung eines Gegenstands, einer Vorstellung in der Schrift.
Erstmals wird hier eine Auswahl entsprechender Texte in Buchform vorgelegt. Da bislang in keiner Sprache – auch nicht in Russisch – eine vergleichbare Einzelpublikation greifbar ist und da, ausserdem, der sprachliche Beziehungs- und Assoziationsreichtum der extrem verknappten Wortgebilde durch die Übersetzung notwendigerweise eingeschränkt wird, sind die Einzeiler auch im Originaltext abgedruckt. In jedem Fall wurden Orthographie und Interpunktion der Autoren beibehalten, da beim Einzeiler – wie im poetischen Minimalismus generell – die Laut- bzw. Buchstabenebene erhöhte Bedeutung gewinnt und selbst die geringsten Abweichungen von vorgegebenen Regeln semantisch relevant sein können. Manche Einzeiler kommen ganz ohne Satzzeichen aus – wodurch ihre Abgelöstheit von grammatikalischen und syntaktischen Standards, letztlich ihre physische Dinghaftigkeit (der Buchstabe, das Wort, der Text an und für sich) unterstrichen wird. Vergleichsweise selten ist demgegenüber der Gebrauch von Kommata, während anderseits die häufige Verwendung von Auslassungspunkten und Gedankenstrichen auffällt.
Auch wenn der Einzeiler, strukturbedingt, auf diverse Merkmale poetischen Sprechens (wie Endreim, Strophenbildung u.a.m.) verzichten muss, bewahrt er doch zahlreiche einschlägige Qualitäten (Assonanzen, Paronomasien, Binnenreime, anagrammatische Fügungen), die hier eher häufiger anzutreffen sind als in Gedichten der üblichen Machart. Gerade der zeitgenössische Einzeiler, der so gern aus den anonymen Quellen der Alltagsrede, der Kindersprache, des Wortwitzes, des Sprichworts, der öffentlichen Wandinschriften und Werbeslogans schöpft, scheint die vielzitierte These zu bestätigen, wonach wir keineswegs die Sprache beherrschen, uns vielmehr von der Sprache beherrschen lassen.

Felix Philipp Ingold, Vorwort

 

Kurz und gut

Von 800 auf 433 Verse hat Ezra Pound einst T.S. Eliots Poem Das wüste Land gekürzt, und siehe, es war gut. Pound selber konnte ja auch ganz gut kurz: „In einer Metrostation“ heißt eins seiner schönsten Werke, und das geht so:

The apparition of these faces in the crowd
Petals on a wet, black bough

in der Übersetzung Eva Hesses:

Das Erscheinen der Gesichter in der Menge:
Blütenblätter auf einem nassen, schwarzen Ast.

Nun wollen wir hier aber nicht das hohe, öde Lied von der Kürze singen, in der die Würze liegt, und was dergleichen schmiedehölzerne Weisheiten mehr sind. Denn so spricht, um Geistvolles zu sagen, die Geistlosigkeit seit Anbeginn der Welt: Zu lang! Viel zu lang, kann man auch viel kürzer sagen!
Alles relativ, resp. absolut: Lang kann so kurz und kurz so lang sein, wer wüsste das nicht. Und sowieso kennen die Kritik und jeder Leser ja über kurz oder lang nur zwei Arten von Literatur: die, welche mir gefällt, und die, welche mir nicht gefällt, wie Anton Tschechow einmal gesagt haben soll (vielleicht war es auch Daniil Charms).
Die Russen! Auch der Russe liebt es an sich eher lang. Dostojewskij, Tolstoj – oder Gontscharows Schlucht, 1180 Seiten, und auf der siebten, ungefähr, weiß man, wie es ausgeht. Andererseits eben (Tschechow! Charms! Babels Skizzen!) auch ganz kurz. Felix Philipp Ingold, der Kenner, hat jetzt ein Bändchen mit den kürzesten aller Kurzgedichte ins Deutsche gebracht: 80 bis 90 Einzeiler aus neuerer Produktion.
Natürlich sind Einzeiler nichts exklusiv Russisches. Pound zum Beispiel, Ungaretti, Jiménez, Veli, sie alle waren schon nah dran.
Japanische Haikus fallen uns ein und andere exotische Kurzformen, und auch im stets schwall-, lall- und dröhnfrohen Deutschen schätzt man dergleichen durchaus, von Angelus Silesius bis Brecht, bis Oskar Pastior und Ernst Jandl. Oder Andreas Okopenko.
Sein „Lockergedicht“ „Erster Mensch“ ist in der harten Anthropologen-Szene längst ein Klassiker:

Wieder nix,
sagt der Archäopteryx.

So geht es auch in diesem fein gemachten Büchlein zu: Epigramm und Aphorismus, Buchstabenspiel, Kinderverse, Graffiti, Mottos, blöde Sprüche.
Tiefsinniges von Gennadij Ajgi:

Und – die Geballtheit des Schweigens.

Rätselhaftes: „rezenter und taktischer“, Iwan Achmetjew. Und Verträumtes von Nineli Krymowa:

Des Bienensummens träger Honig.

Schön auch:

Und eine Schlittenspur rast quer durchs Herz.

Eher schlichte Erkenntnisse von Bonifazij Lukomnikow:

Kein Tag ohne mich.

Und leider auch das Platteste vom Platten, Michail Nilin, der offensichtlich die Nachkriegsgeschichte der Sowjetunion in einer Zeile verdichten möchte:

… Sputnik, Kolchose, Wende, Glasnost, Perestrojka…

Mehr lyrischer Einzeller als Einzeiler.
Einige bekannte Namen sind dabei (und zu schade, dass uns die unbekannteren mit keinem Satz vorgestellt werden!): Andreij Bitow, Gennadij Ajgi oder Jelena Schwarz, die gerade zwei kleine Verlage, Grupello und Oberbaum, fürs deutschsprachige Publikum entdeckt haben. Auch hier hört man ganz leise ihr eigentümliches, wehmütiges Kichern: Kreisatur – „Das Quadrat ist ein Kreis mit Flügelchen.“
Am schönsten sind die Einzeiler, die ganz zerbrechlich über der weißen Seite schweben, ganz ohne Pointe, ohne Trick. Die mit der Leere um sich herum und dem Schweigen zärtlich spielen. „Es ist so still – wie ein Apfel in der Hand…“ (Walentin Sagorjanskij), oder Slata Pawlowa: „Flog ein Vogel. Fliegt nicht mehr.“ Oder Wladimir Wischnewskij: „wie wichtig es ist ein Gedicht abzubr…“.
Kerngedichte, Gedichtkerne. Was passiert, wenn sie im Kopf des Lesers angehen, aufgehen, was mag daraus werden?
Nicht auszudenken!

Benedikt Erenz, Die Zeit, 29.6.2000

Poetischer Minimalismus

Lyrik ist die Kunst des verdichteten Sprechens. Dabei entfaltet ein Gedicht seinen Gehalt nicht in erster Linie durch das tatsächlich Gesagte, sondern durch den verschwiegenen Rest, der im weissen Raum um die Verszeilen herum gewissermassen symbolisch präsent ist. Grundsätzlich lässt sich ein lyrischer Text beliebig weit reduzieren, sogar bis auf eine Zeile, in der Vers und Gedicht schliesslich zusammenfallen. Der Einzeiler ist bereits seit der Antike bekannt, wo seine Kürze vor allem durch den pragmatischen Verwendungszweck als Tür-, Grab- oder Vaseninschrift bedingt war. Seine Blütezeit erlebte der Einzeiler allerdings erst im späten 18. und frühen 19. Jahrhundert, dem Zeitalter der Aphoristik und Epigrammatik. Bisher lag für keine Sprache eine Sammlung dieser Spezialgattung vor. Felix Philipp Ingold hat nun für das Russische eine Anthologie zeitgenössischer Einzeiler zusammengestellt, die das breite Spektrum dieser lyrischen Kunstform dokumentiert. Die stilistische Tonart der hier präsentierten Einzeiler reicht vom augenzwinkernden Kalauer „Nächtliche Zeile, bist all-ei-nee“ über den typographisch aufgeladenen Kontrast „Ludwig van Beethoven / a. hitler“ bis zu einer paradoxen Satzstruktur auf kleinstem Raum: „ja etwas fehlt nichts“. An den hier vorgestellten Einzeilern lässt sich in nuce das Funktionieren lyrischen Sprechens beobachten – immer wieder spielen diese Texte mit dem Doppelcharakter der Sprache als eines Informationsträgers und als eines selbstwertigen Phänomens, das kunstvoll bearbeitet werden kann.

Ulrich Schmidt, Neue Zürcher Zeitung, 7.10.2000

 

Jan Kuhlbrodt: Versuch über Ingold
poetenladen.de, 28.10.2012

Zum 70. Geburtstag des Autors:

Ulrich M. Schmidt: Das Leben als Werk
Neue Zürcher Zeitung, 25.7.2012

Fakten und Vermutungen zum Herausgeber + Forschungsplattform +
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