GOTT
tut so gut wie nichts
als scheinen. Heisst wie alle
Namen. Ist für alles
kein Beweis. Strotzt
als immergrüner Richtblock
im Zentrum. Sirrt und
bleibt immer
dem Abschied voraus. Ist
in keiner Sprache
zum Schweigen
zu bringen. Wie der Schmerz
der fehlt.
die Ingold an die Gattung Lyrik anlegt“, schrieb Michael Braun zu Ingolds vor zwei Jahren erschienenem lyrischen Diarium Auf den Tag. Genaue Gedichte. Die Sicherheit, mit der Ingold diese seine eigenen Maßstäbe erfüllt, ist bei diesen neuen Gedichten womöglich noch höher geworden. Wieder sind es knappe Strophenformen, meist Dreizeiler, und ihre semantische und syntaktische Verdichtung hat einen Grad erreicht, an dem sie in eine einleuchtende Unmittelbarkeit umspringt, die weit davon entfernt ist, das Flüchtige der Dichtung, das sich Entziehende vorschnell zu verraten.
Felix Philipp Ingolds immer als kompliziert und gelehrt geltende Lyrik hat eine Treffsicherheit des Ausdrucks erreicht, eine Knappheit, die den Lesenden sofort für sich gewinnt, die das Herz und den Verstand gleichermaßen erobern. Die prekäre Befindlichkeit unserer Existenz, die Flüchtigkeit von Subjekt und Anschauung sind die Elemente dieser Gedichte, und ihre Sprache ist von derselben prekären Verfassung: stolpernd, mit Auslassungen, sich korrigierend und ins Wort fallend. Die Leichtigkeit, die der Titel Jeder Zeit andere Gedichte suggeriert, ist eine vorgetäuschte: Schönheit ist eine Frage der Überrumpelung. Und ganz sicher hat F. Ph. Ingold in seinen neuen Gedichten der Schönheit und der Poesie erfolgreich eine ganze Reihe von Fallen gestellt!
Literaturverlag Droschl, Ankündigung, 2002
strophisch gegliedert in Triolen: klassisch, orthodox in dieser Dreieinigkeit – und uneins, unklassisch im Kurz- und Kleinschnitt der Filmschere, die durch die Zeilen schnipselt, das Unsägliche zurecht- und zunichte sägt: Wütend, liebevoll, kindisch-verspielt und letzterdings todernst immer wieder vom Blatt aufsehend, von den schneidenden Brüchen – hin zum immer wieder angespielten, anvisierten und letztlich unsäglichen Finale, für das alle die Namen nicht ausreichen, um es hin- und herzuschreiben vor der Zeit. Wie schreiben? heißt immer auch: Wie das Ende schreiben
Aage A. Hansen-Löve, Beizettel zum Buch
-Einen Augenblick nicht sein: Felix Philipp Ingolds Gedichte.-
In Gedichten kommt es, sagt man mit guten Gründen, mehr als in den meisten anderen Texten auf Punkt und Komma, auf jeden Buchstaben, auf jedes Wort und auf dessen Schreibweise an. Lyrikleser wissen das. Sie lassen sich deshalb Zeit für genaue Beobachtungen der sprachlichen Gestalt von Gedichten und beziehen gerade daraus ihr ästhetisches Vergnügen. Bei Felix Philipp Ingold (geboren 1942), der poeta und doctus zugleich ist, Verfasser zahlreicher poetischer, essayistischer und wissenschaftlicher Werke, Professor der Russistik in St. Gallen, kommen solche Leser jedenfalls auf ihre Kosten.
Das beginnt schon beim Titel seines jüngsten Gedichtbandes: „Jeder Zeit“ (nicht „jederzeit“). So scheint er zu lauten; aber was sich, typographisch durch die Gestaltung des Buchdeckels und der Titelseite unterstützt, zunächst als erläuternder Untertitel liest – „andere Gedichte“ (wobei man sich Gedanken über die Andersartigkeit dieser Gedichte machen könnte) −, das erweist sich bei erneutem Hinsehen zugleich auch als Teil des Titels, so daß es sich anbietet, in ihm die These oder gar die Forderung zu erkennen, jeder Zeit gebührten oder gehörten „andere Gedichte“.
Das hört sich nun gewiß nicht geradezu umwerfend neu an. Hatte doch schon Schiller andere als herkömmliche Gedichte vor Augen, als er schrieb, es sei für die Lyrik erforderlich, „daß sie selbst mit dem Zeitalter fortschritte“. Um ein „Fortschreiten“ der Lyrik ist es auch Ingold zu tun, allerdings um eines der besonderen Art: Seine Gedichte gehen häufig von einem Zitat, einem Motto, einer These oder einem als Titel vorangestellten einzelnen Wort aus und führen solche „Vorgaben“ sodann mit Hilfe einer assoziativ verfahrenden Reflexion fort, wobei diese Assoziationen sich an den Leitfäden sprachlicher Klänge (Homophonien), semantischer Figuren (Etymologien) und gedanklicher Verfahrensweisen (Dialektik) entlanghangeln.
Diese Vorgehensweise hat Ingold selbst im Jahr 1996 in der Zeitschrift Zwischen den Zeilen erläutert, wo er „Acht Hölderlin zuzuschreibende Gedichte“ (das heißt: eigene, auf Hölderlin hin geschriebene Gedichte) veröffentlichte und so kommentierte: „Wenn ich (…) schreibe, so gehe ich aus von etwas Gesetztem, das seinerseits etwas Vorausgesetztes, etwas also Fortzusetzendes ist, nehme mir dieses oder jenes Gedicht Hölderlins vor, hebe das eine oder andre Wort (…) den einen oder andern Vers für mich auf, setze ihn hin aufs unbeschriebne Blatt, höre, sehe ihn mir an, lasse ihn einwirken auf mich elementar als Klangereignis, als schriftbildliche Konfiguration, warte – oft lang – darauf, daß lautliche oder rhythmische Assoziationen sich einstellen, die mir das Weiterschreiben an Hölderlins gesetzten, von mir im Akt des Lesens zersetzten Texten ermöglichen.“
So kommen auch im neuen Gedichtband tatsächlich „fortschreitende“ Gebilde zustande, Phänomene des „Weiterschreibens“, die man zwar als ein wenig unsinnlich bezeichnen darf, deren witzige Intellektualität aber durchaus zu vergnügen vermag, etwa in „Cogito“:
Endlich bin
ich in einem Augenblick
nicht. Herrlich
schon gar nicht statt
denken. So ist
sagt Julia
das Leben. Nicht zu retten
das Vergessen.
Klinik statt Kritik. Das tote
Meer sagt sie ist das wärmste. Gemästet
mit süßlichem Salz. Zum Sterben
zu fad. Also bin ich’s.
Wie hier Descartes’ Kernsatz, so werden in anderen Gedichten biblische Geschichten (Kain und Abel, Holofernes) und Mythen (Ikarus), literarische Orte (Sils Maria), Verse von Walter Höllerer und Stefan George weiter- und umgedacht, und gegen Ende findet sich sogar eine veritable Parodie im ursprünglichen Sinne des Wortes, wenn ein eigener Text („Geviert“) und sein Gegentext („Negiert“) auf gegenüberliegenden Seiten nebeneinandergestellt werden, wobei die Abweichungen zwischen beiden Texten nicht weniger aufschlußreich sind als die Übereinstimmungen zwischen ihnen. So bleibt bezeichnenderweise die „Not der Übersetzung“, erkennbar an „klackenden Scharnieren“ und „klackenden Konjunktionen“, in beiden Texten unverändert erhalten, eine Not, die dem Übersetzer Ingold – er hat Werke aus dem Russischen und aus dem Französischen ins Deutsche übertragen – genauestens vertraut sein dürfte. Doch in der Poetik des Weiterschreibens gibt es keinen Unterschied zwischen den Übersetzungen aus fremden Sprachen und den eigenen poetischen Hervorbringungen: „Übersetzen, Schreiben sind für mich eins.“
Dementsprechend finden sich die „klackenden Konjunktionen“ auch in seinen eigenen Gedichten, am häufigsten (nicht weniger als fünfundzwanzigmal) in der Kombination „und aber“, die eigentlich widersinnig und in der Schriftsprache ungebräuchlich ist:
Und
aber besser wär’s ja besser zu scheitern.
Als bloß die Welt
zu verlieren und niemanden sonst
oder
Und aber
hinter stumpfen Pupillen haust
kein Sinn.
Die Formel „und aber“ durchzieht diese Gedichte wie eine geheime Signatur, wie eine Abbreviatur der Poetik Ingolds. Dabei vertritt das Wort „und“ das Prinzip der Ergänzung des Vorgefundenen, der Hinzufügung und Weiterung, während das Wort „aber“ den Widerspruch, den Einwand, die Alternative dazu artikuliert. Beides gehört aufs engste zusammen, wenn jeder, also auch unserer Zeit „andere“ Gedichte offeriert werden.
Wulf Segebrecht, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 3.9.2003
– „andere Gedichte“ von Felix Philipp Ingold.-
„Ich“ heisst das erste Gedicht in Felix Philipp Ingolds neuem Band Jeder Zeit. Andere Gedichte. Es steht auf der Rückseite des Titelblattes, noch bevor die Sammlung eigentlich beginnt, wie ein aus lockerem Mauerwerk herausgefallener Stein. Herausgefallen und uns zugefallen. Also nimm ihn auf und lies! Aber anders als beim berühmten „tolle, lege!“ Augustins ist damit kein Schlüsselerlebnis verbunden. Um die eigene Biographie geht es Ingolds Gedichten nur in extremis. Es geht um ihr Ende, um das Verschwinden des Ichs. Als eine dritte Person geistert es noch durch die Gedichtzeilen: „Ich (übrigens) taumelt / noch ein Deutchen / weiter zwischen Stich und Pflicht.“ Der das schreibt, hat mit sich auf eine andere Art zu tun: Ingolds Ich ist die Sprache. Seine Lyrik ist keine écriture automatique, aber dass da noch ein anderer als er selber die Feder führt, ist offensichtlich. Ohne diesen anderen gäbe es die Gedichte nicht. Mehr als ein Werk in Worten sind sie das Werk der Worte. Von selber allerdings gibt die Sprache gar nichts her ausser Schweigen. Da muss dann doch einer sein, der sie aufscheucht und zum Reden bringt: „Schau!“, „Da!“ oder „Ach lass!“, sagt der Autor – zu den Lesern.
Dass die Gedichte in einem Schallraum leben, zeigt sich immer da, wo sie seine Mauern mit einem (freilich leisen) Knall sprengen: „Aber eigentlich / ist der Engel selbst die Naht. / Die Nacht wie sie eintritt und gilt.“ Der Schall überschlägt sich, die Assonanz überholt die Assoziation. Da kann der Autor kaum noch einen Fuss zwischen seine Verse setzen. Mit einem „und aber“ hängt er dann manchmal den nächsten an – ein fast stummer Einwand gegen den schnellen Lauf der Worte und der Dinge. Wir sind angesprochen, derweil das Ich sich schon wieder abmeldet: „geh fort von dort wo keiner war“, geht das „Ich“-Gedicht weiter. Wohin das Ich geht, sagt es nicht. Es könnte durchaus sein, dass es gerade mit diesem Abschiedsgestus vor uns auftaucht. „Nicht / zu haben aber im Verschwinden / da“, sagt Ingold vom Glück. Das kann auch für den gelten, den es sich aussucht. Dann nämlich, wenn ihm nichts mehr gelingt, öffnet sich ihm die Welt. „Immer ist der Wille / innen und an nichts erinnert / er. Viel besser ist was / er auslässt.“ Das Gedicht leistet dazu die Vorarbeit: den Willen selber auszulassen, das Öffnen zu öffnen. Dann zeigt sich das Bessere, das er auslässt: die Frage zum Beispiel, „wem das Leben“ gehört. Dem Ich jedenfalls nicht. Vorherrschende Tageszeit in Ingolds Gedichten ist die Mittagsglut, nicht die Dämmerung. „Der Mittag hat / wieder die Mehrheit“, ein starkes, witziges Bild. Die Gedichte reden von der Dauer der Vergänglichkeit. „Immer nie“ lautet die Kurzformel. Da sind sie gewiss nicht die ersten.
Aber es gibt wohl nur wenige, die dies erstens so klaglos und zweitens so konsequent bis in die eigenen Strukturen hinein tun. Die Gedichte in dem Band bestehen aus kurzen dreizeiligen, manchmal vierzeiligen Strophen, die als formale Einheiten zwar Selbständigkeit behaupten, aber doch nicht als Hauptsätze daherkommen, die für sich stehen können. Dazu sind sie doppelt zu schwach. Retrospektiv sind sie in ihre Vorderverse verhängt, antizipatorisch stürzen sie sich in die nachfolgenden, oft genug kopfüber, torkelnd, stotternd. Aus dem Wortwerk wird ein Wortbruch, kein Stein bleibt auf dem andern zwischen Geröll und Groll: „Allzu fertig ist das / alles rasch. Ist / der Fall wer steht und / kann nicht / anders als begreifen.“ Starke Worte, schwache Worte. Und Gedicht um Gedicht zieht schneller dorthin, „wo keiner war“. Uns steht bevor, was uns folgt; uns folgt, was uns bevorsteht. „Perfekt“, „Zuletzt“, „Postum“ heissen die letzten Gedichte des Bandes. Das Finale steht ja fest, aber es hat bei Ingold die produktive Kraft einer Quelle. „Nur Transparenz und / also Fest“ schliesst das „Ich“- Gedicht. Das Fest ist die Vitalität des Jetzt, der Augenblick der Ambivalenz, den das Gedicht zwar nicht beschreiben, aber doch bezeugen kann.
Das heisst sein Verschwinden anzeigen: „Zu lang / das Leben wenn’s glückt.“ Achtundneunzig Gedichte aus der Zeit zwischen Januar und Dezember 2001 umfasst Ingolds Band Jeder Zeit. Andere Gedichte. Jeden vierten Tag ein Gedicht. „Jederzeit andere Gedichte“ lässt sich der Titel auch lesen. Keines ist das letzte oder jedes. Keines das richtige oder jedes. Ingolds Gedichte sind Wiederholungen. Sie sagen alle das Gleiche, auch wenn sie das Gegenteil sagen. „Geviert“ heisst ein Gedicht auf der linken Seite. Auf der rechten, gleich gültig, seine Negation: „Negiert“. Das Gedicht hat seine Wahrheit nicht in der Übereinstimmung mit den Tatsachen. Bei Ingold aber auch nicht in Subjektivität oder Relativismus. Das Gedicht muss evident sein, unmittelbar einleuchtend – das mag erstaunen, wenn sie dann so vertrackt daherkommen wie diejenigen Ingolds. Aber Gedichte-Lesen heisst das Verlernen zu lernen. „Jederzeit andere Gedichte“ meint auch: Man soll sie nicht festhalten, ihr Tempo nicht brechen. Man soll mit ihnen laufen, sich mit ihnen wundern, als wären sie ein Märchenwald. Bis einem auf einer Lichtung dann so gnadenlos einfache Sätze erscheinen wie: „Der Tod hängt an dir“. Oder „Gottchen“, „Zeitchen“ und „Alterchen“. Fehlt nur noch das „Seelchen“ aus Kaiser Hadrians selbst verfasstem Epitaph „Animula vagula blandula“. Ingolds Gedichte zeichnet dieselbe Leichtigkeit, derselbe zärtliche Witz, derselbe kluge Mut aus, wenn es darum geht, dem Pathos des Lebens den Wind aus den Segeln zu nehmen.
Samuel Moser, Neue Zürcher Zeitung, 8.1.2003
Christine Lötscher: Es braucht Dunst, damit man Klarheit hat.
Tages-Anzeiger, 16.10.2002
Martin Zingg: „Soll ich sagen das Vergessen ist / mein Fest“.
Basler Zeitung, 20.6.2003