Felix Philipp Ingold: Niemals keine Nachtmusik

Ingold-Niemals keine Nachtmusik

WETTERLAGE

Die animierte Wetterkarte zeigt’s. Wir sind
tatsächlich das wodurch der Tag sich verfinstert.
Geizt was Kompass heisst mit Mitleid wie
mit Leidenschaft. Kommt hinterher geballtes
Ginstergelb und sirrend franst das Hoch Diana
Richtung Osten aus. Dort geistert und dauert
die Freude so vieler Ahnen. Dort traut man
noch dem Namen der hinreisst. Der Sehne
die den Bogen hält. Dem Pfeil der angelegt ist
auf kein Ziel. Es sei denn auf den schwirrenden
Flug durch den Urwald der Zeichen. Zeichen aber auch oben, beobachtet oft, doch nie wirklich begriffen. Wer möchte sich nicht freuen daran, nicht sich fürchten davor. Also her mit dem kleinen runden Spiegel, der im Schatzhaus der Kindheit immer nie zuunterst liegt, und nochmals ihn behauchen, ihn blankreiben am Ärmel, am Hosenboden, so, und nun das Ding nach oben gekehrt, den Himmel abgesucht nach noch mehr Zeichen und Bildern, da, die vielen Tiere und so weiter. Derweil das Spieglein sie versammelt, nimmt der Sinn überhand und wächst überm Himmel zu. Also versucht die schöne Jägerin
das dunkle Dickicht von innen zu begreifen.
Schiesst sich lautlos frei
und nimmt dabei – die Zeitlupe führt’s
auf die Schnelle vor Augen – sehr langsam
die Tränenform des Weltgeists an. Und daran
wird bis übermorgen nicht zu rütteln sein. So
wenig wie am Reim zwischen Jägerin und Psyche.

 

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Nachbemerkung

Die vorliegende Textauslese vereinigt Gedichte aus dem vergangenen Jahrzehnt. Die meisten davon werden hier erstmals abgedruckt, vereinzelte – wenige – sind vorab in Zeitschriften oder Sammelwerken erschienen. Die einleitende Textfolge „Allezeit“ ist identisch mit einem Privatdruck, der 2013 unterm Titel Lauter unsichtbare Sachen (Notate zu Zeiten) in Zürich hergestellt und mit dem Copyright des Autors in 100 Exemplaren verlegt wurde. Alle Gedichte wurden im Hinblick auf diese Ausgabe noch einmal durchgesehen, zum Teil auch – leicht – modifiziert.
Gegenüber früheren Lyrikpublikationen des Verfassers sind für Niemals keine Nachtmusik zwei, drei Besonderheiten festzuhalten. In den Band wurden ausschliesslich längere, strophisch gefügte Gedichte aufgenommen. Die damit bewerkstelligte serielle wie auch strukturelle Erweiterung der poetischen Rede ermöglicht naturgemäss die Entfaltung grösserer rhythmischer, klanglicher und metaphorischer Zusammenhänge, als es beim lyrischen Kurzgedicht der Fall ist. Im Übrigen wurden die meisten Texte beim Anhören musikalischer Werke komponiert, die ihrerseits – als „Variationen“ – in Serien angelegt sind: die Solosuiten von Johann Sebastian Bach, die Abwandlungen Wolfgang Amadeus Mozarts zu „Ah, vous dirai-je, maman!“ oder Ludwig van Beethovens Bagatellen. Wegleitend war ausserdem, beim Schreiben, das oftmalige Mithören der weitläufigen minimalistischen Klaviermusik Morton Feldmans und der New Yorker Schule. Stets galt dabei das Motto „Immer wahr der Klang!“ – eine Gewissheit, die der neuzeitlichen Sprachskepsis (,,Jedes artikulierte Wort ist eine Lüge!“) ebenso entgegensteht wie dem Wittgenstein’schen Verdikt, wonach „man“ schweigen müsse über das, was sprachlich nicht zu fassen sei.
Denn sprachlich ist alles zu fassen, sofern Sprache nicht auf die gängige Funktion des Bedeutens beschränkt bleibt; sofern Sprache, begriffen und instrumentiert als Klangereignis, auch als ein Register sinnlicher beziehungsweise ästhetischer Erkenntnis ernstgenommen wird. Doch anderseits lässt sich diese Dimension sprachlichen Geschehens und Verlautens niemals vollständig vor dem Andrängen der Bedeutung (oder des Bedeuteten) trennen – jede Sprachpartikel, selbst der einzelne Laut, der einzelne Buchstabe ist mit Bedeutung affiziert oder zieht Bedeutung an.
Zwischen dem Automatismus des Bedeutens und der klanglichen Selbstkundgabe einen wechselseitigen Ausgleich zu finden, d.h. dieses wie jenes gleichermassen zur Geltung zu bringen, ist die eher bescheidene, dennoch höchst anspruchsvolle Ambition, die der Autor mit Niemals keine Nachtmusik verbindet. Denn zwei sprachliche „Wahrheiten“ müssen dabei versöhnt werden: Die Wahrheit des Sagens und die Wahrheit des Gesagten. Nur so kann das Wort, kann der Satz als Bedeutungsträger entlastet und zum Sinn hin befreit werden – ein Unterfangen, das keineswegs bloss Sache des Autors ist, sondern auch dessen, der ihn liest.

Id., Nachwort

 

Niemals keine Nachtmusik

enthält thematisch höchst unterschiedliche, informell, nach innerer Notwendigkeit angelegte, teils in Prosa-Betrachtung mündende Gedichte Felix Philipp Ingolds aus den letzten zehn Jahren, dazu ein Hörstück für drei Stimmen. Konzentriert und nonchalant zugleich unternimmt der findige Form-Experimentator und Forscher von Wirkungen poetischer Sprache Sondierungsgänge ins System sprachlicher Zeichen und untersucht im kreativen Prozess Mechanismen der Produktion von Bedeutung und Sinn. Ingold durchstreift dabei einen ganzen Kosmos an Tradition von Kunst, Dichtung, Musik und Philosophie, umkreist Fremdes mit Anspielungen und amalgamiert solches mit Eigenem zu hochkomplexen poetischen Gebilden. Eine solche Lyrik befördert eine Art umfassenden Verstehens: Im Gleiten über die Brüche zwischen Wörtern und Sätzen, im Driften entlang von Gleichklang und Mehrfachbedeutung, im Nachvollzug gedanklicher Zickzackbewegungen und Rösselsprünge werden kognitive, emotionale und körperliche Effekte zugleich stimuliert. Mit Ironie, akkuratem Humor und Wortwitz beutelt Ingold konfektionierte Lyrismen und gängige Weisen metaphorischen Denkens durcheinander und führt uns vor, wie sich poetisches Sprechen heute aus jedem Gedicht heraus neu zu entwerfen vermag.

Ritter Verlag, Klappentext, 2017

 

Ein Schreibtisch erzählt aus dem Leben

– Der Dichter Felix Philipp Ingold ist ein Wortjäger und Klangzauberer: Er klopft die Sprache auf alles Verborgene und Verschwiegene ab.

(…)
Tauchen in dem Prosaband nur gelegentlich auch Gedichte auf, so versammelt Felix Philipp Ingold in Niemals keine Nachtmusik, seiner jüngsten Veröffentlichung, vor allem Gedichte. Er stellt darin aber auch ein Hörstück für drei Stimmen vor sowie, in einer Folge von Notaten, reflexive poetische Prosa.
Die Gedichte sind alle im letzten Jahrzehnt entstanden und sind auffallend lang. Oft arbeiten sie mit Strophen, und immer lassen sie mit Rhythmus und Melodie musikalische Strukturen erkennen. Sie holen weit aus und führen quer durch Felder der Musik, Kunst und Literatur, auch der Philosophie. Immer wieder streifen sie Mythen und mythische Figuren, und gelegentlich blitzen auch ontologische Fragen auf. Zugleich unternimmt Ingold in diesem Band eine Reise durch ein reichhaltiges poetisches Formenvokabular.
Er zieht alle Register, hebt wie beiläufig an und verknüpft mit leichter Hand Anagramme, Alliterationen, Kalauer („raffiniertes Haustier!“ nennt er sie einmal), Homofonien. Er folgt dem Klang des Wortes, horcht ihm buchstäblich nach, und dabei kann ein einzelner Buchstabe mühelos eine neue Bedeutung aufrufen und dem Gedicht einen Schwung geben in eine andere, unerwartete Richtung: „Vom Krieg bleibt die schillernde Kriechspur“, heisst es einmal, und das ist nur ein Beispiel von unzähligen geglückten Funden.
Hier gibt kein Wort das nächste, erwartbare Wort – die Gedichte leben von Verzahnungen, von Verschiebungen und Verschränkungen. Und sie öffnen sich damit auf eine erstaunliche Fülle von Gedanken und Bildern, die nur so, in dieser fortwährend suchenden und immer wieder destabilisierten Bewegung zu gewinnen sind. Dass der Klang in diesen Gedichten eine bedeutende Rolle spielt, erfährt man auch beim Anhören der beiliegenden CD. Ingold liest darauf eine Auswahl seiner Texte vor, mit gelegentlichen winzigen Abweichungen von der gedruckten Fassung. Beim Anhören werden gleich noch neue Assoziationsmöglichkeiten angeboten und unerwartete Bedeutungen freigelegt.
(…)

Martin Zingg, Neue Zürcher Zeitung, 22.7.2017

Felix Philipp Ingold: Wir sind das,

wodurch der Tag sich verfinstert

– Eine der zentralen Persönlichkeiten der europäischen Dichtung liest diese Woche beim Lyrikfestival Poliversale. –

Vierundzwanzig Buchpublikationen allein in den letzten zehn Jahren, darunter Lyrikbände, umfangreiche Romane, die faszinierende tausendseitige Mischung aus Tagesprotokoll, Reflexion, Gedicht und Biografie, Leben & Werk, Sachbücher zur russischen Kultur- und Gesellschaftsgeschichte, Übersetzungen aus dem Französischen und Russischen, eine 500-seitige Anthologie russischer Dichtung aus zwei Jahrhunderten, dazu eine intensive Publizistik in Medien des deutschen Sprachraums erweisen: Der Schweizer Dichter, Erzähler, Übersetzer und literarische Gelehrte Felix Philipp Ingold gehört zu den zentralen Persönlichkeiten der zeitgenössischen europäischen Literatur und Dichtung. Deshalb widmet ihm jetzt das Wiener Lyrikfestival Poliversale 2018 einen eigenen Abend, an dem er unter anderem den Sammelband Niemals keine Nachtmusik vorstellt. Die doppelte Verneinung seines Titels ist programmatisch: Widerspruch zur gängigen Erwartung, Gedichte müssten verständliche Botschaften mitteilen, und Betonung der Verwandtschaft der Dichtung zur Musik.
Ingold hat in seinem im vergangenen Jahr in der Neuen Zürcher Zeitung publizierten Lyrik-Plädoyer („Dichtung für alle!“) auf eine Art von Differenz zwischen Sinn und Bedeutung aufmerksam gemacht und darauf hingewiesen, „dass Dichtung ihre Mitteilungsfunktion überbieten und dadurch eine sinnliche, auf Klang, Rhythmus und Metaphorik beruhende Erkenntnis ermöglichen“ könne. In der informativen Nachbemerkung seines Buches nun setzt Ingold Ludwig Wittgensteins berühmtem Diktum von der Grenze der Sprache entgegen, dass sprachlich „ALLES zu fassen wäre, sofern Sprache nicht auf die gängige Funktion des Bedeutens beschränkt sei“.
Man kann seine poetischen Gebilde, die einmal einer strengen Strophenform folgen, ein anderes Mal aus der Strophenform in Prosa umschlagen, dann wieder von vornherein als „poème en prose“ figurieren, durchaus als radikale Epigrammatik – Sinndichtung – verstehen. Die Umschlagseffekte zwischen streng materialbezogener Behandlung von Wort- und Lautmaterial und Abstraktion auf der Bedeutungsebene kennen wir aus der Konkreten Poesie und der Lautpoesie, mit diesen spielen auch die zehn mehrteiligen Gedichtzyklen des Bandes.
Ingold setzt dabei eine Vielzahl von Techniken und Kniffen, darunter Anagramm, Anklang, Gleichklang von Worten bei gleichzeitigem Bedeutungsunterschied, Versprecher, Wortverwechslungen, Silbenwiederholungen (Stottern) lustvoll ins Werk (hier lässt sich sein reichlichst bestückter Werkzeugkasten nur abrisshaft skizzieren). Jedenfalls folgt er damit einer seiner weiteren Prämissen der Poesie, wonach im Gedicht die Form den Inhalt hervorzubringen habe, der Inhalt folglich das Sekundärprodukt der Wortwahl sei.
Diese Formarbeit verflicht er in den einzelnen Zyklen gleichsam aleatorisch mit der Entwicklung inhaltlicher Motive, zum Beispiel numerischer Ordnungssysteme in Alleins, verschiedener Arten der Zeitgliederung in Allezeit, der Spiegelung von Liebe und Krieg in antiken und zeitgenössischen Mythen in Erosantik.
Im Zyklus Alefbet umkreist Ingold die rückläufig angeordneten Buchstaben des hebräischen Alphabets mit kündender Wortbildlichkeit, die er aus der beschriebenen sprachlichen Formarbeit schöpft. Die in der hebräischen Zahlschrift festgelegten numerischen Werte der einzelnen Buchstaben sind ebenso ausgewiesen wie Symbol- und Bedeutungsfelder, denen sie entsprechen sollen.
Buchstabe und Zahl sind im kabbalistischen Verständnis Fundamente der Welt, die immanente Gleichung des einen an dem anderen eine Quelle endloser Anverwandlung. Der so geschaffene stete Wechsel der Bedeutungsfelder widerstrebt jeder end-gültigen Deutung. Die doppelte Verneinung kann man als eine mit diesem Zustand korrespondierende Sprachfigur verstehen.
Die zehn Zyklen von Ingolds Buch wechseln sich mit zehn einstrophigen Erzähl- und Betrachtungsgedichten ab, in denen unmittelbar, ohne vorausgesetzte Formentwicklung, zugleich schlüssige wie rätselhafte Denksätze formuliert sind: „Wen die Angst erwählt der hat plötzlich ein Gesicht“ oder „Wir sind tatsächlich das wodurch der Tag sich verfinstert“ oder „Das Unmögliche beginnt dort wo’s alle Möglichkeiten gibt“.
Den Band beschließt ein Hörstück für drei Stimmen, die uns wieder auf den Ausgangspunkt des Bandes, sein Generalmotto, verweisen: Immer wahr der Klang. Und tatsächlich! Es ist eine CD beigefügt: Alles, was in der Lektüre wie aus einer nach innen gerichteten spirituellen Sprachmethodik gewonnen scheinen mag, klingt nun wie eine feierliche und zugleich heitere Prophetie eines weltzugewandten Zenmeisters.

Kurt Neumann, der Standart, 21.4.2018

Weitere Beiträge zu diesem Buch:

Martin A. Heinz: Die Sprache zu rezensieren
fixpoetry.de, 7.6.2017

Jan Kuhlbrodt: Neue Notizen zu Ingold
signaturen-magazin.de

 

Zum 70. Geburtstag des Autors:

Ulrich M. Schmidt: Das Leben als Werk
Neue Zürcher Zeitung, 25.7.2012

Fakten und Vermutungen zum Autor + Forschungsplattform + KLG +
Preis
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