Felix Philipp Ingold: Tagesform

Ingold-Tagesform

UNSEREINER

Dem Fortschritt (wie dem Blitz
den wir bewohnen)
hilft Verzweiflung auf! auf! auf den Sprung.

Nie ist aber Zukunft endlich.
Auch die Wende (wenn sie die Tendenz
im Perfekt gut sein lässt)

verrät kein Glück an das was anders war.
Wahr ist (im Unterschied
zu unsrer Wenigkeit ) die Art und Weise wie

zum Beispiel Mohnrot und
Narzissenduft die Schwerkraft widerlegen.
So leicht wird irgendwann

die Erde sein

dass jeder Wohnort nur noch staunt und
durch die ausgestorbenen
Kohorten geht ein Raunen unerhört.

 

 

Nach den Lyrikbüchern

Auf den Tag genaue Gedichte (2000) und Jeder Zeit andere Gedichte (2002, beide bei Droschl) legt Felix Philipp Ingold nun mit dem neuen Band Tagesform den dritten Flügel seiner poetischen Trilogie „zur Zeit“ vor: ein großes Vorhaben, der Zeit dichterische Form zu geben, den Moment wie die Dauer, Zukunft wie Vergänglichkeit im Gedicht gegenwärtig zu machen.
Einer der konsequentesten Einzelgänger heutiger deutschsprachiger Poesie zeigt sich mit seinem neuen Gedichtband in allerbester Tagesform. Wie kein zweiter weiß Ingold die Doppelfunktion der lyrischen Sprache zu nutzen, Klang und Bedeutung in gegenseitiger Spannung zu halten, verborgene Subtexte ans Licht zu holen und den klangschönen Schein der Oberfläche zu dekonstruieren, bis das karge Konzentrat eines verborgenen Sinns aufscheint. Bei all diesen linguistisch und ästhetisch avancierten Schreibweisen bleibt er doch 
immer leicht, verspielt und wach für vielerlei Möglichkeiten sinnlicher Erkenntnis am Leitfaden der Sprache. Auch vor Kalauern und parodoxen Scherzen scheut Ingold nicht zurück, der damit der Erlebniswelt des modernen Gedichts und seinem vielfältigen Formenreichtum ganz respektlos seine Reverenz erweist.
Muss man erwähnen, dass der Motor dieses lyrischen Sprach-Spiels tiefer Ernst ist? Dass die Trauer um die letztendliche Vergeblichkeit der 
Dichtung („kein noch so / Heiliger weiss Zahl und Namen aller / die tot 
sind“) in Leben und Text nicht zu verdrängen ist? Umso mehr bewundern wir die Haltung, mit der Ingold der dichterischen Rede auch in dürftiger und düsterer Zeit präzise Leichtigkeit verleiht.

Literaturverlag Droschl, Ankündigung, 2007

 

Zwerg Berg Werk

− Tagesform. Gedichte auf Zeit von Felix Philipp Ingold. −

Felix Philipp Ingolds Gedichte leben nicht von Einfällen und gehen an keiner Krücke irgendeines mehr oder weniger aktuellen Geschehens oder Wissens. Sie „können“ genaugenommen nichts. Sie „schaffen“ im doppelten Sinn des Wortes. Aus „Tagesform“, so der Titel des Bandes, und „Tagesnorm“, so derjenige des ersten Gedichtes, ergibt sich als tägliche Ration die Leistung des Autors: das Gedicht.
Mit „Zwerg“, „Berg“ und „Werk“ beginnen die drei dreiteiligen Gedichte des mit „(Exit:)“ überschriebenen Ausgangsstücks dieses letzten Teils von Ingolds vor fünf Jahren begonnener Trilogie auf die Zeit. Zwerg, Berg und Werk, das reimt sich, aber was sich reimt, das beisst sich bei Ingold auch. Als ein Zwergbergwerk kann das Ganze seines lyrischen Schaffens aber durchaus gesehen werden. Als ein Abbau (auch das im doppelten Sinn) der Sprache. Aus ihrem Dunkel fördert er die Wörter ans Tageslicht, in dem sie aufblitzen und verlöschen.

Präsenz und Offenheit
Kein Zwerg „ist heimlich genug“, kein Berg „ragt gut genug“, kein Werk „tagt gut genug“, heisst es dann im je ersten Vers. „Exit“, der Ausgang, ist nicht Vollendung. Das Werken Ingolds geht in die andere Richtung. Seine Verse verfolgen Spuren, Adern im Sprachgestein, aber kein Fund ist ihnen je genug. Sind sie auf etwas gestossen, eine bissige Formel etwa, die klingt und messerscharf die Dinge auf den Punkt bringt, dreht Ingold sie mit einer seiner typischen, kopfüber gedrehten Wendungen zurück zu einem nie zu erklimmenden, dunkel umwölkten Gipfel: „Als / Eintagsfliege geht die Uhr / genauer. Auch er – der Zeitgeist – / möchte Zirrus sein / und künden. Solang gestöbert wird / in schwarzen Löchern / droht Erlösung nicht.“
Was Ingolds Gedichte an den Tag fördern, ist nicht Sprache, sondern Wort, Laut, Buchstabe. Bedeutung (vielmehr: Bedeutungen) verschaffen sie sich selber. Oder auch nicht. Ingold ist nicht der Autor, der sie dazu zwingt. Das Einzige, was er den Wörtern abverlangt, ist Präsenz und Offenheit für die anderen. Das schliesst Nähe (Bereitschaft zur Assoziation) und Differenz (Mut zur Singularität) mit ein. Die drei Schlussgedichte mit dem gemeinsamen Titel „Bergwärts“ setzt Ingold (im Unterschied zum Eingangsgedicht „Tagesnorm“, das in vier Variationen einer Belastungsprobe unterzogen wird) je zweimal einem Reduktionsverfahren aus. Nicht um Verdichtung geht es dabei, sondern um ein Leerräumen. Wie wenn von einem Schriftzug einzelne Lettern zu Boden fallen und die übrig gebliebenen mit umso heftigerer Leuchtkraft sich einen neuen Sinn erfinden.
„Grenzer“ und „Dazwischer“ nennt Ingold den Lyriker Ingold. Wiewohl seine Gedichte kalten, schnellen Blitzen gleichen, in ungeheurem Tempo dahinschnellen können und die unglaublichsten Distanzen in kürzester Zeit zurücklegen (von „siegt“ zu „versiegt“ dauert’s im Gedicht „Schlussakkord“ nur ein „und“ lang, und „Betrachtung“ und „Bedeutung“ zerfallen schon einen Vers später zu „Beute“ und „Tracht“), verharren sie doch (wenn auch ruhelos) in der Dauer. Ikarus (der Ingolds ganzes Werk immer schon durchfliegt) stürzt – aber in welches Blau (das des Meeres oder das des Himmels?), ist schwer zu sagen, „wo alles obsi fällt und / absi klimmt“ („Geechot“). Im Fall verliert er sein Gewicht, überwindet die Schwerkraft. Stirbt, und wird. „man hat nie / genug den Übergang geübt“ heisst es im Gedicht „Sprach’s“ lakonisch.
Zwei Gedichte sind Ikarus-Ikonen. „Der nähert sich kursiv dem was ihn nährt“ heisst es im einen ziemlich am Anfang. Und am Schluss: „Lebendig zu sterben ist das Glück“. Sein Titel „Umsonnt“ zeigt Ingolds immer buchstäbliche Heiterkeit angesichts des Falls, den diese Ichwerdung bedeutet. „Ich-aros“ heisst konsequent das andere Ikarus-Gedicht!

Das Gedicht als Echo
Als „Dazwischer“ bleibt dieses „lyrische“ Ikarus-Ich nach allen Seiten hin ungeschützt. Der „Grenzer“, wenn er es sichern will, muss selber über die Grenze gehen. „Schneide“ nennt Ingold sie. Die Grenze ist ein Spiegel, der mich nicht spiegelt, der nicht mich spiegelt. Der Wald, aus dem nicht zurücktönt, wie man in ihn hineinruft. Auf „fällen“ folgt zum Beispiel „bäumen“: „Rasch ist gefällt / was unter diesem oder jenem Namen / blüht. Sich bunt und dämlich bäumt“. Das Gedicht als Echo ist (wie Echo übrigens im Mythos immer schon war) alles andere als „blosses“ Echo eines narzisstischen Ichs. Es ist der Sturm, den erntet, wer Wörter sät. Der Sturm, der diese durcheinanderwirbelt „und aber“, um mit Ingold zu reden, Klarheit schafft.
So erhebt sich dann im aufgerissenen Stück blauen Himmels zwischen „sehen“ und „stehen“ im letzten Gedicht wieder der Berg: „der Berg. Seht wie / er / besteht“. Der Berg, der das Gedicht selber ist. Nah und unnahbar steht er in Ingolds Band da wie im tiefen Schnee der Soracte im berühmten Gedicht des Horaz. An seinem Fuss schafft die „Wenigkeit der Kunst“, das Bergwerk vom Zwerge.

Samuel Moser, Neue Zürcher Zeitung, 15.1.2008

Formsache, nicht der Form halber

Schon seit einiger Zeit verfolgt Felix Philipp Ingold produktiv die Spannungen zwischen Kalendarium und Poesie, sind doch beide auf Daten ausgerichtet, wenngleich aus denkbar verschiedener Richtung. Wobei es sich versteht, dass das Gedicht qua Form seiner Daten gerade eingedenk ist, während die scheinbare Formlosigkeit der Chronik es verschwinden lässt – also betreibt Ingold Gelegenheitsdichtung, doch eben nicht im üblichen Sinne: Er gibt Gelegenheit und Dichtung zurück, was das Ihre ist.
Das Leichte der Form wird dabei vom Gewicht des Datums durchdrungen, das indes selbst verhandelbar, also papieren zu werden vermag, zwei dialektisch verschränkte Modi des Sehens, die unpathetisch von Verantwortung zu sprechen gestatten, ja, Verantwortung selbst zu sprechen gestatten. Das galt schon für den 2000 erschienenen, höchst beachtenswerten Gedichtband Felix Philipp Ingolds, der zurecht auf den Tag genaue Gedichte verheißt, gilt ebenso von Jeder Zeit (2002) – und zeichnet nun auch Tagesform, einen Band mit Gedichte[n] auf Zeit aus.
Die Tagesform beginnt mit „Tagesnorm“, und schon da ist vorgeführt, wie Worte durch das, was in ihnen mitschwingt, zueinander in Spannung geraten können. Etwa Erde und Boden, ist es doch heute so, dass „die Erde rascher an Boden verliert.“ In dieser Weise gelingen Ingold Durchstöße durch die Sprache, Zuspitzungen ihrer selbst, die gar nicht vorgesehen zu sein scheinen, es „(b)leibt als Erlösung ein einzelner Fehler“, wie der Dichter so unorthodox wie präzise vermerkt. Ein Engel sei „zu schön und notwendig“: zu notwendig, als dass er sein könnte?
So hebt jedes der Gedichte mit einer raffinierten Doppeldeutigkeit an, die ausgesponnen und dann in der Spannung objektiviert wird – oder aber gelöst, denn auch als Anti-Hegelianer ist Ingold nicht dogmatisch. Er gibt den Zweifel nicht an dessen Absolutsetzung preis, „(k)ein Zweifel bis den Punkt ein Komma / rührt“, so eine der zahllosen Formeln, die sich doch gerade ins Formelhafte nicht einkapseln, so dicht sie auch sein mögen.
Alles Missverständigung: „Du liebst mich! Brüllt’s herunter. / Ich dich auch! Brüllt’s hinauf.“ Doch dieser inhaltliche wird kein formaler Gleichklang, „wieder passt der Hilferuf zu keinem Namen“, womit das Gebet, das ge- und darin schon erhört sei, sich scheiternd vernimmt. Doch dies so verbindlich, dass eben der Zweifel und die Spracharbeit fortleben. Sie tun es bis in die typografische Anordnung, sie „widerlegt / das Gravitationsgesetz“, um Meditation und Mediation des Gewichtigen zu sein. Dazu eröffnet sie noch zwischen den Lettern und dann auch zwischen A und A Raum. Diesen Raum der Sprache, der das Mögliche nicht außer Acht lässt und des Faktischen dabei nicht verlustig geht, kann man als Verpflichtung und Resultat dieses Gedichtbandes gleichermaßen sehen. Das Resultat ist gekonnt und geschuldet zugleich, große Wortkunst, die anzuempfehlen ist.

Martin A. Hainz, literaturkritik.de, Dezember 2007

wo der Weg knirschend Halt macht…

− Felix Philipp Ingold reißt in seinen Gedichten kunstvoll die Verszeilen auf und lädt die Leser zum Stehenbleiben ein. −

Der Schweizer Autor und Übersetzer Felix Philipp Ingold hat in letzter Zeit hauptsächlich Lyrik geschrieben, obgleich sein bisheriges Werk auch poetologische Schriften oder Prosa umfasst. Die Vielfalt seines literarischen Schaffens ist beachtlich und interessant. Denn beim Lesen seiner Gedichte wird bald offenkundig, dass seine Lyrik nicht nach leicht konsumierbaren Mustern funktioniert, sondern sich avantgardistischer Codes bedient, die Ingold facettenreich variiert.
Wenn man also seinen jüngsten Lyrikband im schlichten, knallgelben Umschlag zur Hand nimmt, muss man sich auf eine Häppchenlektüre einstellen. Ingolds Gedichte verlangen ein Stehenbleiben, damit die Verse aufgehen und ruhen können – das geschieht zu Gunsten von Nachhaltigkeit. In diesem Sinne bietet bereits der Titel seines neuen Bandes Tagesform. Gedichte auf Zeit die erste thematische Seilschaft. Denn Zeit und Raum – der Blick ist dabei zu kosmischen Parametern hin geöffnet –, aber auch Philosophisches spielen in Ingolds Lyrik eine wichtige Rolle. Das Auftaktgedicht „Tagesnorm“ zeigt in einem Wortspiel die Klarheit zwischen „Verrätern und Rettern“ und in der tänzerischen Wiederkehr einzelner Verse mündet alles schließlich in „jenes alte Wahre“, das Erkenntnis in sich birgt: „Wo die Stille steht / statt lautet.“
In der „Tagesform“ wird das lyrische Ich als „Grenzer“ oder „Dazwischer“ fassbar, im nächsten Gedicht verbirgt es sich nur mehr zaghaft und indirekt im Titel „Ich … aros“, was gleichzeitig auch als Buchstabenspiel mit dem Namen der mythischen Figur Ikaros gelesen werden kann. Hier wird das Scheitern zum Thema:

Der gute Grund ist das was
nie nicht beginnt. Oder dort

wo der Weg knirschend Halt
macht. Vom Sturz getragen ist

das All endlich. Und wen die Kraft gewinnt der hat den Flug
gewonnen. Die Flucht nach unten folgt dem Spinner auf dem Fuss.

In vielen seiner Texte ist die Rede von der Zeit, von Kosmischem, von Leben und Tod, von Mythischem oder Biblischem. Und manches kommt ganz unvermutet als thematisches Nebengleis daher, wie etwa der Blick auf „Lolita“, die „als tolles Lied in vielen Armen loht“ und „verglüht … so blond und so kühl wie die Wüste“, letztendlich doch nicht geboren zum Erwachsenwerden. In einem anderen Gedicht macht Ingold deutlich, dass Gott sich im Detail verbirgt. Daraus folgt die Frage, „ob in den immer / kleiner werdenden / Objekten // die Vernunft / [stockt] / und nächtigt“. Der Enttäuschung bleibt das Schweigen, denn alles bleibt gleich wie früher. Fazit: „Man hat nie / genug den Übergang geübt.“ Ingold hat auch die Hand zur poetischen Reflexion. Wie könnte schließlich Trauer schöner ausgedrückt werden als so:

Trauern heisst ganz
Ohr sein für
die nie gehörte Dauer

Für den Ton
der fehlt wo – immer
jetzt – das Ende

lautet. Zeitversetzt verblühn
die Farben und
Vokale die den einen Namen

meinen. Also unerhört
die Mitte. Und
keine Blösse ahnungslos.

In Ingolds Gedichten steckt eine Tiefe der Poesie; sprachliche Bilder sind zart in die Verse gestrichen. Zwischen Staunen und Glühen lauert aber die Schlange. Denn dichte Hermetik nötigt dem Leser/der Leserin besondere Genauigkeit ab, weil der Blick hinter das Augenweiß gefordert ist. Experimentelles zeigt er in zahlreichen Sprachspielereien, Wortneuschöpfungen oder im kunstvollen Aufreißen der Verszeilen. In seinen tiefgründigen Variationen über die menschlichen Daseinsformen blüht manchmal auch ein abgeklärter Gestus. Dann heißt das beispielsweise so: „Arkadien ist immer eben. / Nicht ein Knick. Kein / Knirschen hörst du nie im Leben.“

Maria Renhardt, Die Furche, 1.5.2008

Konstanten zwischen Moment und Dauer

− Unter dem Titel Tagesform veröffentlicht Felix Philipp Ingold neue Gedichte auf Zeit. Der Band ist der dritte Teil einer Trilogie, die der Zeit eine dichterische Form geben will: der Dauer und dem Moment, der Zukunft und der Vergänglichkeit. −

Keine Frage, die moderne Lyrik ist die massloseste aller literarischen Gattungen, und ein jeder Dichter ist bemüht, sich ein System zurechtzulegen, das zwar erkennbar und dennoch nie ohne Ausnahmen ist. Um seine Assoziationen zu bündeln, hat sich der 1942 geborene emeritierte HSG-Professor Felix Philipp Ingold für beinahe jeden seiner Lyrikbände selbst Spielregeln auferlegt: Auf den Tag genaue Gedichte (2000) enthielt, wie der Titel schon vorgibt, gleich einem Kalender über ein Jahr ein Gedicht für jeden Tag, und der Band Jeder Zeit (2002) wiederum war (fast) ausnahmslos in dreizeiligen Strophen gehalten.

In Tagesformen
Gleichsam ein System im Ingold’schen System kündigt sich an, wenn man den neuen Titel Tagesform. Gedichte auf Zeit als Synthese der beiden genannten Bände interpretiert. In der Tat erweist sich der neue Band auf den ersten Blick als weniger „geordnet“, Zeilen- und Strophenlängen variieren, jedes Gedicht unterliegt einer andern (Tages-)Form, eigen jedes für sich, doch alle, so scheint es, sind in derselben „Arena“ versammelt:

Und in der Runde
lauter Bestien die sich schön
langsam auf die Besten stürzen. Raus

aus dem Bild wo alles
ähnelt und gefällt. Verfehlt ist
andrerseits was nie nicht stimmt und

dennoch steht’s.

Ins Auge sticht die Alliteration Bestien-Besten-Bild, die klangliche Reihe von „au“, aber auch die doppelte Negation „nie nicht stimmt“. Es sind die typischen stilistischen Elemente, die in der Ingold’schen Lyrik seit Jahren Bestand haben – und, wie im vorliegenden Fall, immer wieder hinterfragt werden.

Moment und Unendlichkeit
Die zitierten Zeilen bezeichnen insbesondere den schmalen Grat, auf dem sich Klangliches und Inhaltliches die Waage halten; also nicht nur der Klang zum nächstliegenden Wort verführt, so wenig wie das nächste Wort nicht haltlos bzw. unstimmig gesetzt ist. Das ist freilich nur eine mögliche Lesart. Diese lässt sich stützen mit den Schlusszeilen des Gedichts „Nimm’s“:

(…) Siehst
wie Biest um Biest abdreht und
einkehrt. Frechen Staub
zu opfern. Was Waben – wie
Buchstaben – frommt. Formt’s
doch den Honig
zum Wort und gibt dir alles
noch einmal zu denken.

Was vielleicht auf den ersten Blick noch disparat wirkte, ist ein vielfach verflochtener Komplex, auf die eine oder andere Weise korrespondieren die neuen Gedichte miteinander, das eine wird zum Anstoss für ein nächstes. Es sind im besten Sinn Wiederaufnahmen, die sich im Band aneinanderreihen und dasselbe aus unterschiedlichen Perspektiven mehrfach beleuchten: Zeitpunkt und Unendlichkeit in einem.

„Arkadien ist immer eben“
Unter dem Titel „Ja-ja“ findet sich eine Zeitverdichtung besonderer Güte:

Was Schlag auf
Schlag folgt. Die Strafe trifft
ihr eigenes
Genick. Rückstoss und
Taumel sind Antwort
genug. Schmerz
der summt. Wut putzt
weg. Geht Liebe
stracks. Arkadien ist immer eben.
Nicht ein Knick. Kein
Knirschen hörst du nie im Leben.

– So sucht einer nach den Konstanten zwischen Moment und Dauer, jenem Kontinuum, das aber keine Erlösung kennt, jedenfalls nicht „Von Göttern die heissen und kosten. / Die dauern wie wir. Und / aber wie Wörter vergeblich.“

Mehr noch als die Vorgängerbände vielleicht ist „Tagesform“ Ingolds Buch des „Ungesagten“, das manchmal hinter des Dichters Lieblingskonjunktion „und aber“ steckt, also dazwischen, im Sprung von einer auf die andere Zeile „unerhört“ bleibt und dennoch ist, wie zum Beispiel das Diesseits:

fürchterlich – wie nie – begrünt
vom Abendrot. Begründet – und aber –

für immer.

Markus Bundi, Tagblatt, 26.11.2007

Wiederaufnahmen

Um seine Assoziationen zu bündeln, hat sich der 1942 geborene Felix Philipp Ingold für beinahe jeden seiner Lyrikbände eigene Spielregeln auferlegt: Auf den Tag genaue Gedichte (2000) enthielt, wie schon der Titel verrät, über ein Jahr hinweg je ein Gedicht pro Tag, und der Band Jeder Zeit (2002) wiederum war (fast) ausnahmslos in dreizeiligen Strophen gehalten. Gleichsam ein System im Ingoldschen System ergibt sich, wenn man den neuen Titel Tagesform. Gedichte auf Zeit als Synthese der beiden genannten Bände interpretiert.
Auf die eine oder andere Weise korrespondieren die neuen Gedichte miteinander: das eine wird zum Anstoß für das nächste. Im besten Sinn Wiederaufnahmen, die sich aneinanderreihen und einunddasselbe aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchten. Mehr noch als die Vorgängerbände ist Tagesform Ingolds Buch des „Ungesagten“, das manchmal hinter des Dichters Lieblingskonjunktion „und aber“ steckt, wie zum Beispiels das Diesseits:

fürchterlich – wie nie – begrünt
vom Abendrot. Begründet – und aber –

für immer.

bu, Wiener Zeitung, 2.2.2008

Felix Philipp Ingold: Tagesform

Der 1942 in Basel geborene Slawist, Übersetzer und Publizist Felix Philipp Ingold hat sich für beinahe jeden seiner Lyrikbände strenge Spielregeln auferlegt: Auf den Tag genaue Gedichte (2000) enthielt, gleich einem Kalender, ein Gedicht für jeden Tag des Jahres, und der Band Jeder Zeit (2002) ist in dreizeiligen Strophen gehalten. Auch sein aktueller Gedichtband Tagesform. Gedichte auf Zeit folgt einem eigenen System. Was auf den ersten Blick noch disparat wirkt, ist ein vielfach verflochtener Komplex. Denn auf bestimmte Weise korrespondiert Ingolds neue Texte miteinander: Ein Gedicht wird zum Anstoß für das nächste. Wie Wiederaufnahmen reihen sie sich aneinander und beleuchten dasselbe Thema aus unterschiedlichen Perspektiven – Augenblick und Unendlichkeit in einem:

Was Schlag auf
Schlag folgt. Die Strafe trifft
ihr eigenes
Genick. Rückstoss und
Taumel sind Antwort
genug.
Schmerz
der summt. Wut putzt
weg. Geht Liebe
stracks. Arkadien ist immer eben.
Nicht ein Knick. Kein
Knirschen hörst du nie im Leben.

Mehr noch als die Vorgängerbände ist Tagesform Ingolds Buch des ‚Ungesagten‘. Es versteckt sich manchmal hinter des Dichters Lieblinskonjunktion „und aber“, also zwischen den Zeilen.

Markus Bundi, Das Gedicht, Band 16, 2008

Augenblick und Ewigkeit

„Gedichte auf Zeit“ nennt Felix Philipp Ingold sein neues Buch Tagesform im Untertitel. Gedichte auf die Zeit wirken auf Zeit. Ihre Kunst besteht darin, das sie flüchtig und doch über den Tag hinaus lesbar sind. Ingold findet die Balance zwischen den Zeiten. Indem er sich „aus Versehn in Versen“ ausdrückt, gelingt der Spagat zwischen Augenblick und Ewigkeit – denn sein spielerisches Versehn ist das Echo einer hart errungenen Form, die nur ihre Schwere abgelegt hat. So ist selbst ein „cool“ hier präzise richtig am Platz. Subtil und vor allem hörbar setzt Ingold seine stilistischen Mittel ein. Rhythmische Binnenreime, überraschende Anspielungen, eigenwillige Wortwendungen: „Wie übrigens der Quell solang er siegt“. Es sind solch feine Findungen, die den Reiz dieser Lyrik ausmachen. Und unter der Oberfläche wird eine Sorge spürbar, die sich ungeachtet des poetischen Elans doch nicht von der gegenwärtigen, trivialen Welt lösen kann. „Ja!“ und „Mehr!“ und das Ich, das übers Wir obsiegt, dies sind Signale einer Verschiebung, die Ingold virtuos in seinem Eingangszyklus „Tagesform“ getaltet. Klein ist die Kluft „zwischen Verrätern und Rettern“. Wer vermag sie genau zu erkennen – und benennen? „Die Frage ist (wie jede Farbe) weiss.“ Doch was weiss sie?
Die Geschichte auf Zeit zeichnet eine Bedenklichkeit aus, die aufs „Dazwischen“ zielt, zwischen Ich und Wir vermittelt, die verengte Perspektive bedenkt, ohne den Blick vom Himmel zu lösen. So sei der kalauernde Schluss erlaubt: Ingold präsentierte sich hier in vorzüglicher Tagesform.

bml, Der Bund, 19.1.2008

Die Bestien und die Besten

− Felix Philipp Ingolds Lyrik ist in „Tagesform“. −

Die moderne Lyrik ist die massloseste aller literarischen Gattungen. Um seine Assoziationen zu bündeln hat sich der 1942 in Basel geborene Felix Philipp Ingold für beinahe jeden seiner Lyrikbände Spielregeln auferlegt: Auf den Tag genaue Gedichte (2000) enthielt ein Gedicht für jeden Tag, gleich einem Kalender. Der Band Jeder Zeit (2002) wiederum war (fast) ausnahmslos in dreizeiligen Strophen gehalten.
Gleichsam ein System im Ingoldschen System kündigt sich an, wenn man den neuen Titel Tagesform. Gedichte auf Zeit als Synthese der beiden genannten Bände interpretiert. Oder ist es der Abschluss einer Trilogie?
In der Tag erweist sich der neue Band auf den ersten Blick als weniger „geordnet“. Zeilen- und Strophenlänge variieren, jedes Gedicht unterliegt einer andern (Tages-)Form, eigen jedes für sich, doch alle, so scheint es, sind in derselben „Arena“ versammelt:

Und in der Runde
lauter Bestien die sich schön
langsam auf die Besten stürzen. Raus

aus dem Bild wo alles
ähnelt und gefällt. Verfehlt ist
andrerseits was nie nicht stimmt und

dennoch steht’s.

Ins Auge sticht die Alliteration Bestien-Besten-Bild, die klangliche Reihe von „au“, aber auch die doppelte Negation „nie nicht stimmt“.

„NIMM’S“.
Es sind die typischen stilistischen Elemente, die in der Ingoldschen Lyrik seit vielen Jahren Bestand haben – und die immer wieder hinterfragt werden. Diese Lesart lässt sich stützen mit den Schlusszeilen des Gedichts „Nimm’s“

(…) Siehst
wie Biest um Biest abdreht und
einkehrt. Frechen Staub
zu opfern. Was Waben – wie
Buchstaben – frommt. Formt’s
doch den Honig
zum Wort und gibt dir alles
noch einmal zu denken.

Was auf den ersten Blick disparat wirkt, ist ein vielfach verflochtener Komplex miteinander korrespondierender Gedichte; das eine wird zum Anstoss für ein nächstes. Es sind im besten Sinn Wiederaufnahmen, die sich im Band aneinanderreihen und dasselbe aus unterschiedlichen Perspektiven mehrfach beleuchten: Zeitpunkt und Unendlichkeit in einem.
Unter dem Titel „Ja-ja“ findet sich eine Zeitverdichtung besonderer Güte:

Was Schlag auf
Schlag folgt. Die Strafe trifft
ihr eigenes
Genick. Rückstoss und
Taumel sind Antwort
genug. Schmerz
der summt. Wut putzt
weg. Geht Liebe
stracks. Arkadien ist immer eben.
Nicht ein Knick. Kein
Knirschen hörst du nie im Leben.

So sucht einer nach den Konstanten zwischen Moment und Dauer, jenem Kontinuum, das aber keine Erlösung kennt, jedenfalls nicht „Von Göttern die heissen und kosten. / Die dauern wie wir. Und / aber wie Wörter vergeblich.“

Mehr noch als die Vorgängerbände vielleicht ist Tagesform Ingolds Buch des „Ungesagten“, das manchmal hinter des Dichters Lieblingskonjunktion „und aber“ steckt, also dazwischen, im Sprung von einer auf die andere Zeile „unerhört“ bleibt und dennoch ist, wie zum Beispiel das Diesseits:

fürchterlich – wie nie – begrünt
vom Abendrot. Begründet – und aber –

für immer.

Markus Bundi, Basler Zeitung, 25.8.2007

Formsache, nicht der Form halber

Schon seit einiger Zeit verfolgt Felix Philipp Ingold produktiv die Spannungen zwischen Kalendarium und Poesie, sind doch beide auf Daten ausgerichtet, wenngleich aus denkbar verschiedener Richtung. Wobei es sich versteht, dass das Gedicht qua Form seiner Daten gerade eingedenk ist, während die scheinbare Formlosigkeit der Chronik es verschwinden lässt – also betreibt Ingold Gelegenheitsdichtung, doch eben nicht im üblichen Sinne: Er gibt Gelegenheit und Dichtung zurück, was das Ihre ist.
Das Leichte der Form wird dabei vom Gewicht des Datums durchdrungen, das indes selbst verhandelbar, also papieren zu werden vermag, zwei dialektisch verschränkte Modi des Sehens, die unpathetisch von Verantwortung zu sprechen gestatten, ja, Verantwortung selbst zu sprechen gestatten. Das galt schon für den 2000 erschienenen, höchst beachtenswerten Gedichtband Felix Philipp Ingolds, der zurecht auf den Tag genaue Gedichte verheißt, gilt ebenso von Jeder Zeit (2002) – und zeichnet nun auch Tagesform, einen Band mit Gedichte[n] auf Zeit aus.
Die Tagesform beginnt mit „Tagesnorm“, und schon da ist vorgeführt, wie Worte durch das, was in ihnen mitschwingt, zueinander in Spannung geraten können. Etwa Erde und Boden, ist es doch heute so, dass „die Erde rascher an Boden verliert.“ In dieser Weise gelingen Ingold Durchstöße durch die Sprache, Zuspitzungen ihrer selbst, die gar nicht vorgesehen zu sein scheinen, es „(b)leibt als Erlösung ein einzelner Fehler“, wie der Dichter so unorthodox wie präzise vermerkt. Ein Engel sei „zu schön und notwendig“: zu notwendig, als dass er sein könnte?
So hebt jedes der Gedichte mit einer raffinierten Doppeldeutigkeit an, die ausgesponnen und dann in der Spannung objektiviert wird – oder aber gelöst, denn auch als Anti-Hegelianer ist Ingold nicht dogmatisch. Er gibt den Zweifel nicht an dessen Absolutsetzung preis, „(k)ein Zweifel bis den Punkt ein Komma / rührt“, so eine der zahllosen Formeln, die sich doch gerade ins Formelhafte nicht einkapseln, so dicht sie auch sein mögen.
Alles Missverständigung: „Du liebst mich! Brüllt’s herunter. / Ich dich auch! Brüllt’s hinauf.“ Doch dieser inhaltliche wird kein formaler Gleichklang, „wieder passt der Hilferuf zu keinem Namen“, womit das Gebet, das ge- und darin schon erhört sei, sich scheiternd vernimmt. Doch dies so verbindlich, dass eben der Zweifel und die Spracharbeit fortleben. Sie tun es bis in die typografische Anordnung, sie „widerlegt / das Gravitationsgesetz“, um Meditation und Mediation des Gewichtigen zu sein. Dazu eröffnet sie noch zwischen den Lettern und dann auch zwischen A und A Raum. Diesen Raum der Sprache, der das Mögliche nicht außer Acht lässt und des Faktischen dabei nicht verlustig geht, kann man als Verpflichtung und Resultat dieses Gedichtbandes gleichermaßen sehen. Das Resultat ist gekonnt und geschuldet zugleich, große Wortkunst, die anzuempfehlen ist.

Martin A. Hainz, literaturkritik.de, Dezember 2007

Weitere Beiträge zum Buch:

Marco Baschera: Aus Versehen in Versen
Schweizer Monatshefte, Heft 9/10, 2007

Michael Braun: Der Dazwischer
Schweizer Monatshefte, Heft 11, 2007

 

Vertonung von Felix Philipp Ingolds Gedicht „Bergwärts“ durch David Philip Hefti gespielt vom Ensemble Amaltea

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Jan Kuhlbrodt: Versuch über Ingold
poetenladen.de, 28.10.2012

Zum 70. Geburtstag des Autors:

Ulrich M. Schmidt: Das Leben als Werk
Neue Zürcher Zeitung, 25.7.2012

Fakten und Vermutungen zum Autor + Forschungsplattform + KLG +
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