Felix Philipp Ingold: Zu Friedrich Hebbels Gedicht „Nachtlied“

Im Kern

− Zu Friedrich Hebbels Gedicht „Nachtlied“ aus dem Band Friedrich Hebbel: Sämtliche Werke. 1. Abteilung: Werke. −

 

 

FRIEDRICH HEBBEL

Nachtlied

Quellende, schwellende Nacht,
Voll von Lichtern und Sternen:
In den ewigen Fernen,
Sage, was ist da erwacht!

Herz in der Brust wird beengt,
Steigendes, neigendes Leben,
Riesenhaft fühle ich’s weben,
Welches das meine verdrängt.

Schlaf, da nahst du dich leis,
Wie dem Kinde die Amme,
Und um die dürftige Flamme
Ziehst du den schützenden Kreis.

 

Das Gedicht als Todesanzeige

− Noch eine Lesart von Friedrich Hebbels Nachtlied. −

Seit vielen Jahren wird in der Neuen Zürcher Zeitung zwischen den Todesanzeigen täglich ein thematisch passendes Gedicht eingerückt. Die Texte entstammen mehrheitlich dem Kanon der deutschsprachigen Poesie. Andreas Gryphius und Hugo von Hofmannsthal markieren den zeitlichen Einzugsbereich der Gedichtauswahl. Die Dichtung der vergangenen siebzig, achtzig Jahre, mithin auch die Gegenwartslyrik bleiben unberücksichtigt. Was man zu lesen bekommt, ist das, was auch in vielen, in den meisten einschlägigen Anthologien zu finden ist – altbekannte Texte, an die man sich grösstenteils aus dem schulischen Literaturunterricht erinnert, Meister- und Mustertexte, die zum „ewigen Vorrat deutscher Dichtung“ gehören.
Ewig? Vorrat!
Erwartungsgemäss handelt es sich bei den hier vorgelegten Gedichten um Trostgedichte, Mahngedichte, Klagegedichte, Bittgedichte, die den unausweichlichen Skandal des Tods thematisieren, etwas also, das sich – nicht anders als die Liebe ‒ adäquater sprachlicher Vergegenwärtigung entzieht. Umso grösser ist der rhetorische und metaphorische Aufwand, mit dem der Tod im Gedicht gemeinhin (wenn auch immer nur provisorisch) „bewältigt“ wird. Dass dieser Aufwand ‒ naturgemäss, folglich notwendigerweise ‒ zu beliebig vielen Klischeebildungen geführt hat, kann unschwer am Leitfaden des „ewigen Vorrats“ an Todesgedichten und Grabsprüchen nachvollzogen werden.
Eins der bekanntesten, meistzitierten und am häufigsten kommentierten Todesgedichte ist Friedrich Hebbels Nachtlied, das 1836 entstanden ist und durch die berühmte Vertonung von Robert Schumann (op. 108, 1849) auch ausserliterarische Verbreitung gefunden hat. Sieht man sich den Gedichttext ‒ im Titel als „Lied“ deklariert ‒ vordergründig auf seine Klanggestalt an, darf man wohl sagen, dass Hebbel seinerseits mit rein sprachlichen Mitteln eine erste „Vertonung“ geschaffen hat, die als solche so wortmächtig instrumentiert ist, dass es der Umsetzung ins Medium der Musik eigentlich nicht mehr bedurft hätte. ‒ Hier ist das Gedicht im Volltext:

NACHTLIED

Quellende, schwellende Nacht,
Voll von Lichtern und Sternen:
In den ewigen Fernen,
Sage, was ist da erwacht!

Herz in der Brust wird beengt,
Steigendes, neigendes Leben,
Riesenhaft fühle ich’s weben,
Welches das meine verdrängt.

Schlaf, da nahst du dich leis,
Wie dem Kinde die Amme,
Und um die dürftige Flamme
Ziehst du den schützenden Kreis.

Der Bau des Gedichts ist problemlos überschaubar: Drei Strophen mit jeweils vier Versen, die nach dem Schema a b b a gereimt sind, wobei a männlich, b weiblich auslautet. In Entsprechung dazu ist auch das Metrum auffallend variabel gehalten – die Verse setzen sich aus drei- und zweigliedrigen Masseinheiten zusammen, wobei sich der Daktylus als dominant behauptet.
Ebenso problemlos ist auszumachen, was auf der Aussageebene mitgeteilt wird: Andacht und Sehnsucht angesichts einer klaren Sternennacht (Strophe I); Vergleich des eigenen befristeten Lebens mit der Ewigkeit (II); Beschwörung des allabendlichen Einschlafens in Vorwegnahme eines sanften Tods (III). ‒ Das Nachtlied bietet sich als ein Schlaflied, wenn nicht als Wiegenlied dar, ist aber als verkapptes Sterbegedicht angelegt und mag als diskrete Huldigung an den Tod gemeint sein. Dafür spricht, nicht zuletzt, die einzige, vom Autor zweifellos gewollte metrische Irregularität in diesem Gedicht, nämlich der erste Vers der dritten Strophe, dem gleich am Anfang eine Senkung fehlt, so dass das einsilbige Wort Schlaf eigentlich als Schla-af gelesen werden müsste: „Schla-af, da nahst du dich leis …“ Dass der Schlaf an dieser Stelle durch eine Abweichung vom Metrum – einen Aussetzer ‒ besonders markiert wird, lässt unweigerlich die Assoziation mit dem Tod aufkommen.
Das Einverständnis mit dem Tod findet seinen Ausdruck in der harmonischen Klangstruktur des Gedichts. Dazu gehören einerseits die unauffällig modulierten Endreime, deren Regularität auf semantischer Ebene fast durchweg bestätigt wird. Bei Sternen::Fernen, beengt::verdrängt oder Leben::weben steht die Lautähnlichkeit offenkundig in Einklang mit der Bedeutung der Reimwörter, etwas weniger offenkundig bei Amme::Flamme und leis::Kreis. Einzig der umgreifende Reim Nacht::(er)wacht schafft einen Kontrast zwischen Klang und Bedeutung.
Anderseits – und in weit höherem Mass – tragen zur melodiösen Harmonie des Nachtlieds die versinternen Assonanzen bei.
Hebbel operiert mit bemerkenswerter Raffinesse (wenn auch bisweilen um eine Spur zu deutlich) mit grammatischen Parallelismen und feinsten lautlichen Rekurrenzen. Fünfmal setzt er im Nachtlied, verteilt über alle drei Strophen, ein Verbaladjektiv ein, zwei davon treten gepaart auf und sind überdies als Binnenreime zu lesen: „Quellende, schwellende Nacht“ (I/1) und „Steigendes, neigendes Leben“ (II/2). Weniger auffällig ist die Verwendung des Verbaladjektivs im Schlussvers (III/4): „Ziehst du den schützenden Kreis.“ ‒ Drei Phasen sind damit benannt: Die Nacht (der Lebensabend) bricht an und kündet mit „Lichtern und Sternen“ von der Ewigkeit; das ewige Leben, das stets steigt und stets sich neigt, steht an und beengt mehr und mehr die irdische Existenz; der Schlaf, gleichsam der kleine Tod, umfängt den Menschen noch einmal, um ihn und sein Restleben („die dürftige Flamme“) vor dem grossen, dem richtigen Tod zu schützen.
In der Wortform „schützend(en)“ sind die Elemente „Ende“ und „enden“ enthalten, ebenso, weiter oben, in „quellende, schwellende“ und „steigendes, neigendes“ – die grammatikalischen Formen enthalten auf lautlicher Ebene das Themawort des Gedichts insgesamt. ‒ Noch viele andere lautliche Korrespondenzen liessen sich im Nachtlied namhaft machen, so die Häufung dunkler („nächtlicher“) a-Laute im Vers I/4: „Sage, was ist da erwacht!“ Oder die dreifache Wiederholung der Lautfolge –ern– in „Lichtern“, „Sternen“, „Fernen“ (I/2-3), die sich in eine hell klingende Sequenz von lauter i- und e-Lauten einfügt: „… Lichtern und Sternen: | In den ewigen Fernen …“    Solche Wiederholungen und Assonanzen tragen nicht nur zur klanglichen, sondern auch zur lebensphilosophischen Harmoniebildung bei, die Hebbel in diesem fehlerfrei gebauten Gedicht zur Geltung bringt. Wenn er mit dem Nachtlied dennoch nicht die letzte Vollkommenheit erreicht, so einfach deshalb, weil es künstlerisch zu vollkommen ist; weil sich der Kunstwille im Text überdeutlich kundtut und weil eben dadurch klargemacht wird, dass die erhabene Thematik des Nachtlieds dem Autor lediglich als Vorwand für ein sublimes Sprachspiel dient. Oder anders gesagt – es geht Hebbel weder um Schlaf und Tod noch gar um die Ewigkeit, es geht ihm um dieses Gedicht.

Felix Philipp Ingold

1 Antwort : Felix Philipp Ingold: Zu Friedrich Hebbels Gedicht „Nachtlied“”

  1. hk sagt:

    Schön geschrieben und erklärt!

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