Felix Philipp Ingolds Skorpioversa – Bildwerk und Sprachwerk (Teil 6)

Bildwerk und Sprachwerk

Teil 5 siehe hier

Von Literatur ist in Gerhard Richters Interviews kaum die Rede. Als seinen bevorzugten Schriftsteller nennt er beiläufig Thomas Bernhard, aber er lässt schon auch durchblicken, dass ihm regelmässige Zeitungs- oder Bibellektüre wichtiger ist als das Lesen von belletristischen Texten. Romane, Gedichte scheinen ihn ebenso wenig zu bildnerischer Arbeit angeregt zu haben wie Philosophie und Kunsttheorie. Dennoch lohnt sich die Überlegung, ob und inwieweit seine lakonischen Exkurse zur Werkentstehung relevant sein könnten auch für die künstlerische Literatur? Ob sich in Analogie dazu eine Poetik zumindest skizzieren liesse?
Richters Hinweise auf die gleichermassen gewollte und ungewollte Verfertigung bildnerischer Werke wie auch sein Vertrauen auf «Plötzlichkeit» und ungeahnte «Möglichkeiten» ihrer Entstehung lassen sich durchaus auf literarische Texte anwenden. Als Arbeitsmaterial hätte dann naturgemäss die Sprache zu gelten, als Verfahren das Schreiben mit seinen unterschiedlichen Techniken und seiner eigenen Dynamik. Beides – die Sprache als Vorgabe einerseits, das Schreiben als dichterisches Verfahren andrerseits – hat die gleiche Wirkkraft, wie Richter sie aus konkreter Stofflichkeit (z.B. Öl- oder Lackfarbe, Leinwand, Glas o.ä.) und aus der Geste des Malens gewinnt.

Fortsetzung hier …

© Felix Philipp Ingold & Planetlyrik

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