Felix Philipp Ingolds Skorpioversa – Der Bildungstrieb der Dichtung (Teil 1)

Der Bildungstrieb der Dichtung

 

Vor vielen Jahren bin ich in der Wühlkiste eines Antiquariats in Wien auf eine Broschüre gestossen, die mich erstmal durch ihre weitläufige Titelei frappierte: «Der Bildungstrieb der Stoffe, veranschaulicht in selbstständig gewachsenen Bildern». Signiert ist das schmale, reich illustrierte Heft von einem «Gewerbekundler» namens Friedlieb Ferdinand Runge, datiert von 1855, erschienen als Privatdruck in Oranienburg. Für wenig Geld und mit mässigem Interesse erwarb ich damals die unscheinbare Broschüre; inzwischen liegt sie als erweiterter Nachdruck in Buchform vor.1
Bei näherem Hinsehn stellt sich heraus, dass es sich dabei um die Dokumentation einer wissenschaftlichen Versuchsreihe handelt, die der Verfasser im Alleingang durchgeführt hatte und die er nachfolgend als epochale Entdeckung öffentlich machen wollte.
Epochal?
Runges Entdeckung bestand lediglich darin, vermittels bestimmter Salze und Säuren, die er tropfenweise auf saugfähiges Papier applizierte, «Bilder wachsen zu lassen». Der solcherart ausgelöste chemische Prozess kann Stunden dauern. Die Flüssigkeiten vermengen sich dabei und hinterlassen auf der Unterlage blütenartige zentralsymmetrische Muster, die sich ohne jedes Zutun von aussen in jeweils einmaliger Weise formieren: «Auf diese Weise entsteht mit den einfachsten Mitteln ein buntes mannigfaltig gegliedertes, aber doch sehr regelmässig gestaltetes Bild.» Zahlreiche Illustrationen belegen diesen Vorgang, indem sie das Bild in der Phase des «Keimens», des «Werdens» und der «Vollendung» vor Augen führen.
Runge spricht von «bildenden Stoffen», welche eigengesetzlich und eigendynamisch Farbmuster in immer wieder andrer Gestalt hervorbringen, Muster, die man durchweg als «schön» empfinden, wenn auch nicht unbedingt als «Bilder» wertschätzen kann; und er gibt explizit zu: «Ihre Entstehung ist mir unerklärlich, aber sie geschieht nach einem nothwendigen Gesetz.»
Wesentlich ist die Einsicht, dass es einen autonomen «Bildungstrieb der Stoffe» gibt, der auf natürlichem Weg ein «Werk» ohne Autor hervorbringt, ohne Absicht, ohne Kunstwollen. Eine neue, zuvor «unbekannt gewesene Kraft» – Runge nennt sie einfach «Lebenskraft» – erweist sich als Gestaltungsmotor und gerät damit in Konkurrenz mit dem formbildenden Künstler.
Man mag Runge – entgegen seiner Wissenschaftlichkeit – für einen naiven Phantasten halten, muss ihm aber zugestehn, dass er mit seiner Entdeckung mehr als bloss einen naturhaften Prozess der Bildgestaltung freigelegt hat. Im historischen Rückblick, also in Berücksichtigung der modernen Kunstwissenschaft und der Kunstentwicklung allgemein erweist sich seine Leistung (sein Erkenntnisgewinn) tatsächlich als «epochal», nimmt er doch die viel späteren Debatten um die «selbsttätige» (autopoetische) Entstehung künstlerischer Werke und das dadurch (angeblich) bewirkte «Verschwinden» des souveränen Autors beispielgebend vorweg.

… Fortsetzung hier

 

© Felix Philipp Ingold & Planetlyrik

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