Felix Philipp Ingolds Skorpioversa – Dichtung als Textil (Teil 2)

Dichtung als Textil

Teil 1 siehe hier

Der Text, das Gedicht als «Gewebe»: Realisiert man die Metapher, so kommt man zurück auf das vertraute stoffliche Produkt, bestehend aus horizontalen und vertikalen, rechtwinklig ineinander verschränkten, wechselseitig sich überlagernden Fäden. Klar wird dabei, dass durch Verschränkung und Überlagerung Höhen und Tiefen entstehen – die Fäden sind in beiden Laufrichtungen abwechselnd mal oben, mal unten, und an den Kreuzungspunkten zwischen «Kette» (horizontal) und «Schuss» (vertikal) ergeben sich kleinste, meist unsichtbare Leerstellen.
Nun könnte man diese textile Vorgabe versuchsweise zurückbeziehen auf den Sprach- beziehungsweise Literaturtext, der ja ebenfalls diese zwei Dimensionen aufweist, nämlich die Textoberfläche (das, was dasteht) und deren Tiefendimension (die Bedeutung). Der horizontale Faden wäre demnach gegeben in Form von linear aufgereihtem Sprachmaterial, den syntaktisch geordneten Wörtern. In der Vertikale wiederum hätte man sich die Worte vorzustellen, mithin das, was mit den Wörtern gemeint (benannt, ausgedrückt, angedeutet) ist. Die beiden gegenläufigen, funktional unterschiedlichen Ebenen durchwirken einander, und erst aus dieser Wechselwirkung baut sich der Text in seiner Zweidimensionalität auf, wird als Mitteilung oder als dichterisches Statement lesbar.

Fortsetzung hier …

 

© Felix Philipp Ingold & Planetlyrik

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