Felix Philipp Ingolds Skorpioversa – Elitär und populär (Teil 3)

Elitär und populär

Rainer Maria Rilkes ambivalente Poetik

Teil 2 siehe hier

Kaum ein Werk, kaum ein Gedicht von Rainer Maria Rilke kommt ohne Kitschmomente aus, und dennoch ist jeder seiner Texte in irgendeinem Detail (Form oder Aussage) hohe Literatur. Häufig folgt auf Hanebüchenes übergangslos und ranggleich – Erhabenes. Seltsame, seltene Gemengelage. Volks- und Gelegenheitsdichtung, versöhnt mit raunender Priesterrede und formaler Artistik. Aber eben diese durchgängige Verbindung von vertrauten Formulierungen und Vorstellungen mit innovativen, oft auch exzentrischen Lyrismen ist charakteristisch für seine Dichtung und garantiert gleichermassen deren elitären und populären Anspruch.
So kommt es, dass bei Rilke in allen Textsorten – vom Gedicht über den Essay bis zum Privatbrief – sprachliche wie gedankliche Peinlichkeiten mit kühnen, jäh erhellenden Metaphern einhergehen und solcherart einen unverwechselbaren Personalstil entstehen lassen. Beispiele dafür gibt es, für alle Werkphasen, in beliebiger Anzahl.
Hier als Beleg dafür die Eingangsverse zu Rilkes Langgedicht «Karl der Zwölfte von Schweden reitet in der Ukraine» (aus dem «Buch der Bilder», II, 2; entstanden um 1900):

Könige in Legenden
sind wie Berge im Abend. Blenden
jeden, zu dem sie sich wenden.
Die Gürtel um ihre Lenden
und die lastenden Mantelenden
sind Länder und Leben wert.
Mit den reichgekleideten Händen
geht, schlank und nackt, das Schwert.

Lyrisches Pathos, lyrische Artistik im Volkston; hohe Kunst, höchste Künstlichkeit in gleichwohl natürlich wirkendem Parlando: Sechsfacher Endreim (-enden, -änden), dazu der abschliessende Paarreim (-wert), doch die Verse lesen sich leicht, sind auch leicht zu verstehen.
Erst ein zweiter, ein fragender Blick auf die Strophe offenbart die Fahrigkeit der Aussage. Wenn Könige wie «Berge im Abend» ragen, wie könnten sie denn dann gleichzeitig «blenden»? Und wie und an wen sollten die unverrückbaren Berge «sich wenden»? Was hat es mit den «Lenden», «Gürteln», «Mantelenden» eben dieser Berge auf sich? Sie sind «Länder und Leben wert», aber doch nur für die «Könige»! Der Vergleich «Könige»/»Berge» wird spätestens in den Schlussversen obsolet, denn «reichgekleidete Hände» (Mehrzahl) und das blank gezückte Schwert (Einzahl) sind bestenfalls Königen, gewiss nicht Bergen zuzuschreiben, auch nicht metaphorisch.
Doch selbst durch solch massive Konstruktionsfehler wird die Lektüre nicht wirklich beeinträchtigt. Der geradezu magische Sprachklang der Strophe überlagert deren Bedeutungsebene und macht rationales Verstehen irrelevant. Das Gedicht bespricht ja nicht, es spricht. «Denn, dass vor dem Ewigen und Unfassbaren nun keiner mehr der Wissende und Gebende ist, sondern beide Teile, wo es sich um das Grösste handelt, Demütige sind und Empfangende, das ist ihre lebensgrosse Gemeinsamkeit und ihre gemeinsame Arbeit.» Dies hielt Rilke einst in einer Kolumne über die Bedeutung religiöser Unterweisung fest, es kann aber auch für die Dichtung gelten und ist tatsächlich ein Grundsatz seiner Poetik.

Fortsetzung hier …

© Felix Philipp Ingold & Planetlyrik

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