Felix Philipp Ingolds Skorpioversa – Für Jude Stéfan

Für Jude Stéfan

 

Als beim Pariser Verlagshaus Gallimard im Jahr 1966 das lyrische Erstlingswerk eines gewissen Jean Dufour zur Publikation angenommen wurde, geschah dies unter der Bedingung, dass der Autor – zu jenem Zeitpunkt immerhin schon 36 Jahre alt – gleichsam über Nacht ein Pseudonym annehmen sollte. Der Band, «Cyprès», erschien 1967 unter dem ebenso schlichten wie anspielungsreichen Namen Jude Stéfan, der in der Folge für rund ein halbes Hundert weitere Bücher firmierte, obwohl dessen Träger nie einen Zweifel daran liess, dass er die Weltpoesie seit Rimbaud für abgeschlossen hielt – nicht mehr zu überbieten, kaum noch verständlich.

Für immer schon abgeschlossen, für durchweg sinn- und aussichtslos hielt Stéfan auch sein Leben, sein Tun als Dichter: «Es gibt nichts zu besingen! Für nichts ist zu danken, nichts mehr bezaubert … Das Desaster oder die Bescheidenheit verbieten es, den Ton zu heben.» Das Ungemach, hienieden geboren und niemals geborgen zu sein, wurde ihm gleichwohl zum Antrieb für eine geradezu graphomanische Schreibwut, die er im Spannungsfeld zwischen Melancholie und Aufbegehren konsequent als ein «Vor-Sterben» praktizierte.

Insgesamt mehr als 60 Buchwerke – Lyrik, Essays, poetische Prosa – hat er vorgelegt, doch kaum etwas davon ist ihm von der Kritik oder gar vom breiteren Publikum adäquat angerechnet worden. Nicht gegen den Tod anzuschreiben, vielmehr auf ihn hin zu schreiben, war sein Programm: écrire à mort, «ohne jeden Horizont – ins Leere». Das Leben als Ableben. Jude Stéfan ist 2020, über 90 Jahre alt, weithin unbemerkt in einem Altenheim gestorben; seine adäquate Würdigung als Dichter steht noch aus. Einzig seine Verleger – allen voran Gallimard – haben ihn über die Jahrzehnte hin begleitet und unterstützt.

Unter dem Namen des ersten christlichen Märtyrers, St. Stephan, und stets begleitet – durch seinen selbstgewählten Vornamen – vom Schatten des ewigen Juden wie auch des Verräters Judas, hat Jude Stéfan ein umfangreiches lyrisches, novellistisches und essayistisches Werk geschaffen, das in der zeitgenössischen französischen Literatur ohne Vergleich ist, dessen erratische Sperrigkeit jedoch (ganz abgesehen vom elitären, bisweilen obskuren Einzelgängertum des Autors) jede Konsensbildung und damit erst recht den kommerziellen oder betrieblichen Erfolg verhindert hat. Einen Erfolg übrigens, den Stéfan ohnehin abgelehnt hätte, da für ihn frag- und klaglos feststand: «Rare Autoren brauchen rare Leser.» – Das grosse Publikum («9 millions de crétins») verachtete er ebenso wie Grosskritiker und Grossschriftsteller, die er grundsätzlich für grosse Nullen hielt, und überhaupt war ihm, der sich einst als «absoluter Misanthrop» geoutet hat, alles verhasst, was den Massen teuer ist – Sport, Tourismus, Kitsch, Familienglück, TV-Serials, Wahlveranstaltungen, Autosalons, Warenhäuser; auch (unterschiedslos) alles, was im heutigen internationalen Kulturbetrieb Rang und Namen hat. – Selbst die Liebe, die gemeinhin als das höchste der Gefühle gilt, war für Stéfan ein Horror, verband sich in seiner Erfahrung mit Willkür, Lüge, Verrat und, vor allem andern, mit dem Tod: amour – à mourir … «Liebe bedeutet Sterben in der Hand der Geliebten oder gar – von ihrer Hand.»

Nur ausserhalb der Liebe, im anonymen Vollzug der Prostitution oder im Akt des Lesens, schien ihm ein jeweils kurzes Glück möglich zu sein, weil es hier «keine Angst vor dem Morgen, keine Reue über das Gestern, doch immer die Übereinkunft im Augenblick gibt». Kaum ein anderer Autor – nicht Cioran, auch nicht Canetti – hat so oft, so eindringlich und so unverwechselbar vom Tod gehandelt wie Stéfan. Nicht nur in seinen Werktiteln («Pages mortelles», «Lettres tombales», «Litanies du scribe», «Senilia», «Oraisons funestes», «Scènes dernières»), sondern buchstäblich von Seite zu Seite ist der Tod präsent und wirkt dennoch nie bedrohlich, er begleitet, wie ein älterer Bruder, den zum Sterben Geborenen und immer schon Verurteilten durch ein düsteres Jammertal, ruft weder Angst noch Widerstand hervor, ist eher Trost als Schrecken. Stéfan war sich offenbar in jedem Augenblick bewusst und konnte problemlos akzeptieren, dass der einzige Sinn des Lebens der Tod ist, so wie der Sinn des Lesens – das Vergessen, der Sinn des Schreibens – das Schreiben. Sinnvoll nur die Sinnlosigkeit von allem. «Ich bin tot», das hiess für ihn: «Ich bin (mein) Tod.»

Mit Fug könnte man Stéfans Poetik konservativ, sogar reaktionär nennen. Von 3000 Dichtern der vergangenen hundert Jahre hielt er, der umfassend Belesene, bestenfalls 30 für diskutabel, alles was sich «avantgardistisch» oder «progressiv» nannte, schmetterte er als pubertäres Getue ab, Strukturalismus und Postmoderne bedachte er mit beissendem Spott: Nicht durch Innovation und Fortschritt, auch nicht durch Stilisierung oder Kompilation, allein durch Rückgriff konnte nach seinem Dafürhalten die Dichtung noch Zukunft haben, und in ständiger Reaktion auf die grossen Texte der griechischen und römischen Antike, der französischen Moralisten, der russischen Realisten, des deutschen Expressionismus entstand denn auch, angereichert und verfremdet durch scharfe umgangssprachliche Einschüsse, sein eigenes, bald elegisch, bald polemisch gestimmtes Werk – Xenien, Stanzen, Scholien, Gnomen, Epoden, dazu Episteln und Traktate, Novellen und Dialoge.

All diese althergebrachten Textsorten hat Stéfan nicht bloss adaptiert, er hat sie (anders als Brodsky) gewissermassen neu erfunden, hat sie eigenwillig durchgestaltet und bedenkenlos verformt. Entstanden sind daraus – statt «Poesie mit Gedichten» – befremdlich schöne «Gedichte ohne Poesie». Immer wieder ist Jude Stéfan als ein «schwieriger», ein zutiefst «morbider» Autor bezeichnet worden, aber doch auch – etwas verhaltener zwar – als ein «grosser Dichter unserer Zeit». Einen renommierten Literaturpreis hat er allerdings (abgesehen vom Prix Max Jacob, 1985) nie erhalten, und tatsächlich wäre es sehr viel anspruchsvoller, Jude Stéfan adäquat zu würdigen, als ihn kritisch zu apostrophieren.

Als Zeitgenosse war Stéfan nach eigenem Bekunden äusserst unliebsam («inaimable»), gefürchtet wegen seiner öffentlichen Schimpftiraden gegen schreibende Kollegen (und gegen Kolleginnen noch viel mehr), skeptisch betrachtet wegen seiner polemischen Pauschalurteile über Gott und die Welt, über «die letzten Menschen», namentlich über «die Frauen», belächelt oder bedauert wegen seiner notorischen Lebens- und Liebeskrisen, die er postwendend, ohne jede Rücksicht auf Betroffene und sich selbst, in seine Bücher einbrachte. Die «Regel der Indifferenz», nach der er seine Umwelt mit kaltem, präzisem, oftmals vernichtendem Blick wahrnahm, galt auch für seine «eigene Person».

Stéfans Indifferenz war die eines lebendig Begrabenen, der sich für nichts mehr rührt und von nichts sich berühren lässt: «Hier ruht J. S., ein finsterer Geist mit seltener Stimme.» Und dazu die ereignislose Biografie des Autors im Dreieck Pont-Audemer, Bernay, Orbec (Normandie): während 37 Jahren Lehrer an einem Provinzgymnasium, gelegentliche Abstecher nach Paris, viermal ein Sommerausflug nach London, jährlich mindestens ein Buch im Druck … «Ohne Interesse all dies, entschwunden in einigen Jahrzehnten. Luft.»

 

© Felix Philipp Ingold & Planetlyrik

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

0:00
0:00