Felix Philipp Ingolds Skorpioversa – Was ist ein gutes Gedicht?! (Teil 1)

Was ist ein gutes Gedicht?!

 

Es gibt ein populäres Poem von Wladimir Majakowski, das das gute, ja das «beste» Gedicht zum Thema hat; dazu liest man im Text:

„Genosse Majakowski,
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaabitte
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaanoch was vorzutragen,
sprechen Sie bitte
aaaaaaaaa aaaaaaIhr bestes Gedicht.“ –
Auf den Tisch gestützt,
aaaaaaaaaaaaaaa aaaaadenk ich:
aaaaaaaaaaaaaaaaaaa aaaaaaaaaNun lies –
und wähl was Würdiges,
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaSchönes!
Doch welches verdient den Vorzug?
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaDies?
Oder nein,
aaaaaaaaavielleicht jenes?

Der Dichter schwankt zwischen Würde und Schönheit als Kriterien des guten, des sehr guten Gedichts; er schwankt eine Weile, verkündet dann aber dezidiert, das beste Gedicht sei die heutige Nachricht vom erfolgreichen Arbeiteraufstand in Schanghai! Das beste Gedicht bräuchte demnach kein Gedicht zu sein, es genügt dafür eine Agenturmeldung, ein Pressebericht von der Front des Klassenkampfs.

Majakowski hält in seinen Versen den damals aktuellen Kippmoment zwischen der hergebrachten «schönen Literatur» und der «Literatur des Faktums» fest, die nach der Grossen Sozialistischen Oktoberrevolution vorübergehend die Oberhand gewann. Später dann, unter Stalin, sollte das gute Gedicht (wie gute Literatur überhaupt) gerade nicht mehr Ist-Zustände wiedergeben, vielmehr das, was Staat und Partei als Soll-Zustand, mithin als Zukunftsprojekt dekretierten. Nicht zu vergessen, dass der vorrevolutionäre russische Symbolismus jene Dichtung für die beste hielt, die sich der Metaphysik, dem Mythos, der Religion verschrieb.

… Fortsetzung hier

 

© Felix Philipp Ingold & Planetlyrik

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