Nebenan im Kino…

Nebenan im Kino lief ein russischer Stummfilm, die ausgehängten Standbilder zeigten wilde Kampf- und Reiterszenen in irgendeiner östlichen Steppe, schwarze schrundige Gesichter und darübergestülpt die Pelzmützen mit den flatternden Ohrenklappen, auch eine schöne völlig weiße Frau mit großem roten Mund, wie eine Wunde ins Gesicht gemalt, Liebe, Kartenspiel, Mongolentopf in der vom Sturm schon halb zerfetzten Jurte. Etwa so. »Genau das Richtige nach dem Besuch bei Madame Hans«, sagte der Erzähler.

Ingold hatte die merkwürdige Gewohnheit, daß er immer erst kurz nach Beginn der Vorführung den Saal betrat, wenn so gut wie alle Plätze bereits besetzt waren, und mit Vorliebe stieg er dann … sehr vorsichtig und langsam, damit die Wendeltreppe nicht zu laut knarrte … auf die verdunkelte Empore, an deren seitlichem Ende fast immer noch ein freier Stuhl zu finden war. Zu sehen gab’s von dort aus nämlich … nichts, die Leinwand war zu nah, der Gesichtswinkel war viel zu steil, mit ausgestrecktem Arm hätte man ins Projektionslicht greifen können.

Ingold hat sich stets dort oben … an der Brüstung zuvorderst … hingesetzt, manchmal wandte er sich nach hinten zum Saal, um im flackernden Widerschein des Films den Zuschauern beim Zuschauen zuzuschauen, zu sehn, wie die Lichtflecken … sanften Ohrfeigen gleich … über all die schräg nach oben gereckten Gesichter huschten, und dabei den Film sich vorzustellen.

Als Vorfilm gab’s die Wochenschau … es gab das Volk, das wie ein Mann applaudierte, marschierte, es gab Übergriffe und Maßnahmen, man sah die Erschießung eines Landesverräters, Bilder von der Anbauschlacht, zum Schluß die Blonde He als deutsche Meisterin, in der Hotelhalle wird sie interviewt, deutsche Meisterin, sagt sie, ich kann es nicht glauben, das kann doch nicht wahr sein, sie lächelt fast wie zur Entschuldigung, entschuldigen Sie, sagt sie, vielen Dank, dann eilt sie, Fechtmaske unterm Arm, zum Aufzug, durch den vergitterten Schacht kann man gerade noch sehn, wie vom Fahrtwind ihr gewelltes helles Haar sich hebt, sich bläht, sich senkt, schon ist sie entschwunden. Noch bevor der Hauptfilm begann, tastete sich Ingold vorsichtig von seinem Sitzplatz zur Treppe, von der Treppe zum hintern Saalausgang. »Verschwunden.

Davon weiß ich nichts. Aber jetzt, wo Sie fragen, erinnere ich mich, wir hatten uns in einem Volkshochschulkurs kennengelernt. Oder bei einer öffentlichen Abendvorlesung an der Universität. Wolff … ich denke, es war Wolff, der damals über einige ungelöste Probleme aus der Geschichte der Mathematik referierte, über Fehlschlüsse, über fehlerhafte Problemstellungen im mathematischen Denken, die letzte Vorlesung hatte die Schönheit des mathematischen Beweises zum Thema. Nach der abschließenden Veranstaltung … fünf von anfänglich acht Kursteilnehmern waren übriggeblieben … gingen wir zusammen … vom Kollegiengebäude Richtung Innenstadt, es war eine eisige Januarnacht. Vor dem Vergnügungslokal Zum Küchlin in der Steinenvorstadt wurden wir von einer Animierdame angesprochen, wir waren ihr buchstäblich in die nackten Arme gelaufen … waren an einer lebensgroßen mechanischen Puppe buchstäblich hängengeblieben, aus ihrem Bauch kam eine krächzende, von den fadenscheinigen roten Rüschen kaum gedämpfte Stimme. Herrreinspaziert … und dazu konnte man bei genauerem Hinhören die Lauf- und Kratzgeräusche eines Grammophons ausmachen. Wir gingen weiter. Dann steckt euch eben eine Feder in den Arsch, rief uns keifend eine ganz wirklich lebende kleine Frau nach.

Originalbeitrag aus Felix Philipp Ingold: Ewiges Leben

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