Das heißt…

Das heißt … innert sehr kurzer Zeit ist Ingold zum Zeugen mehrerer Verkehrsunfälle und sogar eines Verbrechens geworden, und als solcher wurde er jeweils auch von der Polizei befragt, in einem Fall mußte er vor Gericht aussagen. Wie zufällig befand sich Ingold immer mal wieder am Ort besonderer Vorkommnisse, obwohl er doch gerade das Besondere, das Abweichende, überhaupt den Zufall zu vermeiden suchte. »Aber es war wohl so, daß der Zufall ihn aufsuchte … heimsuchte. Ingold war da, wo das Unglück geschah, er stand daneben, lebendiger Beweis für ein Geschehen, das ihn nichts anging, von dem er verschont blieb, der Betroffene war Ingold nie.« Ingold, der Davongekommene.

Der Spaziergänger, der untertaucht in der flutenden Menge und doch nicht berührt wird von ihr, der Imprägnierte.

Nie war er gemeint, nichts kam an ihn heran, nichts konnte ihn überwältigen, Ingold kannte keine Überraschungen, hatte keine Überzeugungen. Und keine noch so unausweichliche Notwendigkeit war für ihn etwas anderes als Zufall. »Auch er selbst, der Gefeite, schien ein ganz gewöhnlicher Zufall zu sein, vielleicht bestand darin die Notwendigkeit seiner Existenz«, sagte der Erzähler.

Als Ingold an einem der ersten Dezemberabende vor Arbeitsbeginn die Toilette im ersten Stock der Bibliothek aufsuchte und dort das wolkige Milchglasfenster öffnete, um an dem daran befestigten Außenthermometer die Temperatur abzulesen, wurde er Zeuge … sah er, wie unten auf der Straße einem jungen Mann, einem Mann seines Alters, von einem andern jungen Mann, der eine schwarze Lederjacke trug, das Strickkäppchen brutal mit der Faust vom Kopf geschlagen wurde.

»Was Ingold so ruhig, so gestrig erscheinen ließ, war … daß er warten konnte, seine Haltung war die Wartehaltung eines Menschen, für den das Warten nicht etwas Übergängliches war, nicht bloß Geduldsprobe vor dem Eintritt der erwarteten Person, des erhofften oder befürchteten Ereignisses.« Sondern für Ingold, den man nie in Eile … nie in Aufregung gesehen hat, war das Warten selbst der Sinn des Wartens. »Und aber so zu warten vermag nur der«, sagte der Erzähler, »der selber nicht erwartet wird.«

Die ganze Woche über wartete Ingold auf seine freien Tage … und am Freitag, am Samstag erwartete er mit ebensolchem Gleichmut den Wiederbeginn seiner Arbeit am Sonntagvormittag, das war alles. An Beförderung oder Lohnerhöhung dachte er nie, Änderungen dieser Art hätten Störungen mit sich gebracht, wären von den Arbeitskollegen als Auszeichnungen mißverstanden worden, hätten auf Ingold ungut aufmerksam gemacht. »Für Ingold war das Leben nichts anderes als ein Wartesaal dritter Klasse, hier wartete er auf das Unbestimmte, das er für das Unbedingte hielt, er wartete, während draußen ein Zug nach dem andern heranbrauste und ohne anzuhalten in einer strähnigen Wolke aus Ruß und Rauch wieder verschwand.

Wer so interesselos warten kann, wird auch vom Tod ganz interesselos erwartet. Warten ist werden … vergehn.«

Originalbeitrag aus Felix Philipp Ingold: Ewiges Leben

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