Ingold war erleichtert,…

Ingold war erleichtert, sie wollte nichts von ihm wissen, nicht einmal seinen Namen, sie wollte nichts.

Und … aber hatten sie sich überhaupt begrüßt. »Ich muß weiter, sagte sie, meine Klavierstunde beginnt um halb sechs. Schön, sagte Ingold, vielleicht begleite ich Sie. Bitte nicht, rief sie, es ist nicht weit … gleich um die Ecke. Dort. Schön, sagte Ingold. Aber hören Sie, sagte die Frau, wir kennen uns doch. Vor einer Woche … auf der Post. Fast wäre Ingold zusammengezuckt, er war ihr also aufgefallen. Übrigens ich heiße Theo, sagte sie, Theodora Wohlgemut. Ja, sagte er, aber schon hatte sie sich abgewandt … lachend lief sie fort«, sagte der Erzähler. Ingold rief ihr leise seinen … ihren Namen nach, und er schwenkte, als wollte er den Ruf unterstreichen, ein paarmal den Stock in der Luft, er sah noch, wie ihr Hund mit gesenkter Schnauze hinter der Straßenecke verschwand. »Später hat mir Theo alles sehr genau erzählt, alles Grau in Grau … und so konnte ich mir auch die buntesten Farben ausdenken dazu.

Wie Ingold, nach seiner ersten Begegnung mit Theo, manche Nachmittage im Kaffeehaus gegenüber der Hauptpost verbrachte, um ihr Kommen abzuwarten. Aber nichts. Bis er einmal zufällig auf der Eingangstreppe mit ihr zusammenstieß, er war von unten gekommen, stand noch ein paar Stufen tiefer, als er den Hut zog und sie begrüßte. Endlich hatte er Gelegenheit … endlich gab sie ihm Gelegenheit, sich mit seinem Namen vorzustellen. »Hermann. Ingold.« Theo sprach die beiden Namen mit Betonung auf der zweiten Silbe aus … also etwa so wie Herr Mann in Gold.

In dünnen Goldbuchstaben hatte Ingold seine Visitenkarte drucken lassen, die er Theo damals vor der Posttreppe übergab, sie fand das besonders stilvoll, komisch fand sie, daß er ihr gleich auch den Arm bot. Schwer zu sagen, was Theo darüber hinaus für Ingold empfand, ihr Begehren war ziemlich unbestimmt … es war stark, es war richtungslos, ihr selbst war dieses Hingerissensein ganz und gar unerklärlich, wohin mit dem plötzlichen großen Gefühl. Denn Ingold scheint dafür lediglich der Auslöser gewesen zu sein, nicht das Ziel, er war wohl kaum geneigt, sicherlich ungeeignet, zum Objekt einer Leidenschaft zu werden. Wer brauchte wen. Und wozu. »Was Ingold an Theo mochte, war vor allem die fraglose Selbstverständlichkeit, mit der sie ihn nicht liebte«, sagte der Erzähler. »Die Liebe hätte ihn erschreckt, sie hätte aus ihm den Sonderfall gemacht, der er nicht sein wollte.« Nur nicht dieses Glück.

Originalbeitrag aus Felix Philipp Ingold: Ewiges Leben

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