Ingolds Tagesblock 31

31 x 13 Zeilen über alles und noch viel mehr

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Im scheppernden Balg zwischen zwei Eisenbahnwaggons treffe ich auf einen Engländer mit
Skibrille und kalter Pfeife im Gesicht. Der Mann fährt nach eignem Bekunden zu seiner
Lateinlehrerin („die erwartet mich oberhalb der heutigen Nebelgrenze“), will mich zum
Mitkommen überreden. Ich würde ja gern und müsste eigentlich auch mal wieder eine
heftige Nachhilfestunde absolvieren, nachdem ich gestern im 11. Buch der Aeneis nach einer
bestimmten Stelle gesucht und dabei festgestellt habe, dass ich vom grossen Latein so gut
wie nichts mehr verstehe, so gut wie alles verlernt habe. Irgendwo in den Bergen − eine
Ortstafel kann ich nicht ausmachen − kommen wir an, es gibt hier aber nur Tankstellen und
qualmende Industrieanlagen und das Pfeifen (von Murmeltieren) auf den ewigen Schnee;
weit und breit kein lateinisches Kolleg, nicht eine Zeile von Vergil, aber der hiesige Gletscher
hat schon wieder eine Leiche freigegeben. „Unübersetzbar ist übrigens“, grummelt der
Engländer, „nichts…“ − „…………………………………………………………..………“ − „…………… ……“ − „………… …………………………………………………………………………………………….“                                            Ende

 

Felix Philipp Ingold, 23.11.2017
 

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