Und also hatte ich…

Und also hatte ich auch mit Ingold … er war ja bloß für ein paar Monate dort beschäftigt … ständigen, fast täglichen Kontakt, da ich vor dem Krieg noch ein reduziertes Lehrpensum am Platoneum hatte, begann ich mit der Bibliotheksarbeit … so wie er … jeweils erst gegen Abend. Ich glaube, wir mochten einander ganz gern, ich jedenfalls empfand eine Art von Sympathie, ein heiteres Mitleid für ihn, aber wir sind uns nie wirklich nähergekommen, meine Arbeit drängte, ihn schienen irgendwelche Berechnungen zu beschäftigen, mit denen er seine Löschblätter oder auch die Rückseite gebrauchter Leihscheine vollschrieb.

Bisweilen stellte er mir ganz nebenbei … etwa während er mir die am Vortag angeforderten Bücher aushändigte … eine Frage, reine Sach- oder Informationsfragen, auf die er mit Sicherheit in einem der zahlreichen Lexika der Handbibliothek die Antwort gefunden hätte. Nie erhob er sich von seinem Platz, bat mich auch nie zu sich hinters Pult, wir redeten … wenn wir redeten … durch das handtellergroße Sprechloch an der Vorderseite des Glasverschlags.

Aus irgendeinem Grund interessierte sich Ingold für die Anwendungsmöglichkeiten der Fibonacci-Reihe, bei der die Summe zweier aufeinander folgender Zahlen jeweils den nächsten Zahlenwert ergibt, null, eins, zwei, drei, fünf, acht, dreizehn. Und so fort, eine Reihe, die bekanntlich sehr genau dem Vermehrungspotential des Hauskaninchens entspricht.« Und des russischen Grippevirus. Und der jüdischen Begeisterung. Und des deutschen Pesterregers. »Der deutschen Automobilindustrie, ergänzte ich, der deutschen Waffen- und Bücherproduktion. Jemand sperrt ein Kaninchenpaar in ein allseitig ummauertes Gehege, um zu erfahren, wieviel Nachkommen dieses eine Paar im Lauf eines Jahrs haben werde. Es wird dabei vorausgesetzt, jedes Kaninchenpaar bringe monatlich ein neues Paar zur Welt, und die Kaninchen würden ab dem zweiten Monat nach ihrer Geburt sich fortpflanzen. Da das erste Paar noch im ersten Monat Nachkommen hat, sind in diesem Monat zwei Paare vorhanden. Von ihnen pflanzt sich ein Paar, nämlich das erste, auch im folgenden Monat fort, so daß also im zweiten Monat drei Paare vorhanden sind. Von diesen haben zwei Paare im folgenden Monat Nachkommen, so daß im dritten Monat schon zwei Kaninchenpaare geboren werden und die Gesamtzahl der Kaninchenpaare in diesem Monat auf fünf anwächst.

Drei dieser fünf Paare vermehren sich noch im gleichen Monat, und die Anzahl der Paare erreicht im vierten Monat acht. Fünf davon erzeugen weitere fünf Paare, die zusammen mit den schon vorhandenen acht Paaren dreizehn Paare im fünften Monat ergeben. Fünf dieser Paare haben im gleichen Monat keine Nachkommen, die übrigen acht Paare werfen wiederum Junge. Also sind im sechsten Monat einundzwanzig Paare vorhanden. Zusammen mit den dreizehn Paaren, die im siebten Monat geboren werden, ergeben sich vierunddreißig Paare. Dazu kommen im achten Monat einundzwanzig Paare.

Originalbeitrag aus Felix Philipp Ingold: Ewiges Leben

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