Und so saß er…

Und so saß er eine ganze Weile da … die Stirn auf die Fingerspitzen gestützt, mag sein, daß er weinte. Aber vielleicht studierte er bloß die Konstellation der Tintenflecken auf dem bläulichen Löschblatt, das vor ihm auf dem Tisch lag.

»Vielleicht auch nicht.« Ingold war der einzige, der sich manchmal zu Eich an den Tisch setzte, übrigens auch dann, wenn es noch andere … freie Plätze in der Wirtsstube gab, nur bei Ingold ließ Herr Eich sich diese … eine gewisse Vertraulichkeit gefallen, ansonsten verwahrte er sich ganz entschieden dagegen, daß jemand anderes sich zu ihm an den Tisch setzte, aber von Ingold ließ er es sich gefallen, das heißt … er empfand Ingold nicht als Störung, Ingold saß dann einfach da, wartete, trank seine Limonade, während der grimmige Eich hinter der Zeitung stöhnte, lachte. »Ich glaube«, sagte der Erzähler, »die beiden hatten einander nicht sehr viel zu sagen, sie verstanden sich, und das genügte ihnen.«

Ungefähr ein Jahr lang dauerten die … fanden diese stummen Begegnungen statt, irgendwann im Sommer achtunddreißig war Ingold zum erstenmal im Charon aufgetaucht, und irgendwann im Frühjahr oder Frühsommer neununddreißig war plötzlich Schluß, er kam nicht mehr, ich erinnere mich, daß Eich mich ein paarmal noch nach ihm fragte.

Ingold blieb weg, war verschwunden, doch von wem vermißt. »Niemand … auch nicht seine Kollegen von der Bibliothek wußten … oder wollten wissen, was mit ihm passiert … was aus ihm geworden war«, sagte der Erzähler.

»Ingold.« Kein Zweifel. Ja. Das ist er. Nur … wer konnte denn überhaupt auf die Idee verfallen, diesen Mann zu photographieren, ein Gesicht, das man sofort vergißt … wie nichts. Doch jetzt, wo ich dieses Gesicht wieder sehe, bin ich ganz sicher, er war’s. »Ingold«. Während Wochen, Monaten fuhren wir fast täglich mit derselben Straßenbahn über den Barfüßerplatz zum Spalentor, es muß kurz vor dem Krieg … gewesen sein. Einmal … als wir einander, zufällig, sozusagen Knie an Knie gegenübersaßen, jeder mit seinem Buch auf dem Schoß … sprach ich den Mann an, fragte ihn, was er denn da studiere. »Ach. Nichts, ein bißchen Russisch.« Rasch schlug er das Buch zu, kehrte es um, ich konnte den Titel sehen, den Zeigefinger hatte Ingold an der Stelle zwischen die Seiten gesteckt, wo er stehengeblieben war. Russische Konversations-Grammatik, verfaßt von einem … wie hieß er doch … Bubikow, Bubennikow. »Bubnow«, sagte der Erzähler.

»Ich lerne ja nicht. Wozu.« Der Mann benutzte die Grammatik als Lesebuch, er schlug das Buch wieder auf. »Unpersönliche Ausdrücke.« Ohne aufzublicken las er mir ein deutsches Übungsstück vor. »Zum Übersetzen.« Es friert, es scheint, es ist möglich, es ist erlaubt, es gehört sich, es genügt, es ist klar, es reicht nicht, es ist bekannt, es ist wahrscheinlich, es ist unmöglich. Und so fort. »Ich wollte, ich wäre ein Wort.«

Originalbeitrag aus Felix Philipp Ingold: Ewiges Leben

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