»Vom Hals abwärts…

»Vom Hals abwärts war sie aufgeschlitzt, ihr Inneres kunstvoll freigelegt … die Organe lebensecht nachgebildet, ihre Einfärbung von absoluter Natürlichkeit … fehlte nur, daß eins der Organe zu bluten, zu pulsieren begann. Dieser Europa, erklärte mit gedämpfter Stimme der junge Mann, dient ein Eisenrahmen als innere Stütze, der mit wachsdurchtränktem Tuch umwickelt ist. Glieder, Kopf und Rumpf, sagte er, wurden zunächst einzeln angefertigt, dann erst zusammengefügt, Muskeln, Gefäße, Nerven hat man ins fertige Modell eingezogen, der Effekt der Lymphknoten wird … wurde dadurch erreicht, sagte er, daß man entlang einem dünnen Silberdraht Wachs abtropfen ließ, Membranen wurden dargestellt durch sehr feine Wachsschichten, welche eine über der andern aufgetragen wurden, die Knochen, sagte er, wurden ebenfalls aus Wachs, in Verbindung mit Vergolderkalk und Farbpaste, hergestellt, und zum Schluß … zum Schutz wurde unsere Europa noch mit einem Kopalfilm überzogen, sagte er«, sagte der Erzähler.

»Ich fasse mich kurz. Der Abschiedsabend in Säckingen wurde laut und lang, es gab wieder deutschen Gesang, und mehr als am Vorabend wurde getrunken, es kam zu den üblichen Anzüglichkeiten, zufrieden waren alle, nach den Spätnachrichten des Reichsfunks, die man sich gemeinsam anhörte, wurde wiederum Nachtruhe befohlen. Am Sonntagmorgen gab es Frühstück auf dem Schiff, der kleine Dampfer brachte uns nach Badisch Rheinfelden, von dort führte uns Wohland über Hagenbach und die Mezelhöhe nach Lörrach zurück. Abtreten war um vier … halb fünf Uhr nachmittags. Grüßen Sie mir den Herrn mit dem schwarzen Hut und nehmen Sie ihn, rief mir jemand aus der Gruppe nach, bei der Nase. Gelächter.

Am Montag war ich wieder auf Brieftour, das Russischlehrbuch legte ich bei Ingold in den Kasten, als ich ihn auch am Dienstag, Mittwoch nicht in seiner Wohnung antraf, gab ich bei der Polizei eine Vermißtanzeige auf.«

Ingold. Ein Buch. Wer hätte es schreiben sollen. »Am 25. Juli, einem Sonnabend, ist Ingold in der Kleinen Festung gestorben«, sagte der Erzähler. »An einer Kinderkrankheit.«

Berlin, September 1990                                                                        Zürich, April 1991

Originalbeitrag aus Felix Philipp Ingold: Ewiges Leben

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