Zwischen den Mahlzeiten…

Zwischen den Mahlzeiten hielt sich Ingold in seinem Wohnzimmer auf, das ein Arbeitszimmer war, errichtete sich an seinem Arbeitstisch ein, der doch eigentlich ein Spieltisch war. »Hier wollte er … in Schuhen und Straßenanzug, den Hut meist aufgesetzt … an seinem Lebenswerk schreiben, an seinem Leben.« Und dieses Leben setzte sich zusammen aus lauter Lösungswörtern, die er in täglicher stundenlanger Bemühung aus den Rätselrubriken alter Zeitungen erschloß, monströse Lösung aus Silbenrätseln, Anagrammrätseln, Bilderrätseln.

»Was heißt da noch richtig und falsch. Das Leben kennt kein Gegenteil. Egal wie’s geschrieben steht.«

Häufig trug Ingold einen Wundverband an seiner rechten Hand, manchmal auch ein mit Watte unterlegtes Heftpflaster zwischen den Fingern. »Aber die Behinderung schien ihn nicht besonders zu stören.« Vielleicht kam sie ihm sogar gelegen, sie dispensierte ihn vom Schreiben.

In der Bibliothek hieß es, seine häufigen Blutvergiftungen rührten von Verletzungen her, die er sich mit der Schreibfeder oder auch mit dem frisch gespitzten Bleistift jeweils selbst beigebracht habe. Ob aus Unachtsamkeit oder aus irgendeiner geheimnisvollen Berechnung, wer weiß es, der stumpfe pochende Schmerz bewies ihm, daß er noch am Leben war. »Auch eine Art von Glück. Übrigens hatte ich ihn zwei-, dreimal dabei beobachtet, wie er seinen Ärmelschoner zurückschob und mit dem Fingernagel auf der Innenseite des nackten unbehaarten Vorderarms in großen Druckbuchstaben seinen Namen schrieb, der sich für Sekunden wie ein feines Narbengeflecht rötlich abzeichnete, bevor er spurlos wieder verschwand.«

Wer sich erinnert. »Einer jener langen hellen Sommerabende war’s, als ich oft bis zur Schließung der Bibliothek im Lesesaal über meinen Papieren mich abmühte, zumeist war ich, nebst Ingold, der stundenlang ziemlich regungslos am Ausleihpult saß, der einzige, der letzte, der … bei solcher Hitze … bis zum Schluß ausharrte, so auch an jenem Abend. Ich war mal wieder an einem toten Punkt angelangt, hatte zu meinem Thema schon zuviel Material angehäuft, zu – viel Wissen, das ich, um überhaupt schreiben zu können, eigentlich wieder hätte vergessen müssen.« Es war drückend schwül, vor den hohen halb geöffneten Fenstern bauschten, blähten sich die schräggestellten Segeltuchstoren, in der nächtlichen Hitze baute sich mit grandioser Langsamkeit ein Sommergewitter auf. »Ich starrte auf das kleine messingene Schildchen mit der eingravierten Nummer, das am Fuß meiner Tischlampe angebracht war, siebenunddreißig, drei plus sieben macht zehn, dreimal sieben macht einundzwanzig, weiter reichten meine Gedanken damals nicht«, sagte er.

Originalbeitrag aus Felix Philipp Ingold: Ewiges Leben

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