2018-02-18

Ich habe Rolf Winnewisser kurzfristig meinen Lehrauftrag (Russisch für Anfänger) abgetreten, obwohl ich doch weiss, dass er von der Sprache keine Ahnung hat. Anderseits braucht er dringend Geld für eine Forschungsreise nach Land’s End. Auf der Ortstafel steht MALINA, ganz sicher bin ich mir nicht, es könnte auch ANIMAL sein oder L’ANIMA. Die Uhr geht gegen acht, in einer Viertelstunde beginnt im Auditorium Maximum der ETHZ der Unterricht und … aber da bemerke ich’s nun, ich hab vergessen, meinem Nachfolger die Arbeitshefte und Lehrbücher zu übergeben, ohne die er in keiner Weise auskommen kann. Ich packe das Material in meine Mappe, laufe zur Tramhaltestelle, vielleicht reicht ja die Zeit. Aber nein, die Tramlinie ist gestört, ein Waggon steht quer in der Strasse. Ich haste nach Haus zurück, um mein Fahrrad zu behändigen, in der Hoffnung, doch noch vor Unterrichtsbeginn anzukommen. Stelle mir vor, wie Winnewisser, mit dem Rücken zum zahlreichen Publikum, verunsichert vor der leeren Wandtafel steht, in der Hand einen Kreiderest, mit dem er nun das kyrillische Alphabet anschreiben sollte. Doch auch mit dem Rad komme ich, von vielen Staus aufgehalten, nicht rasch genug durch, was mir aber plötzlich ganz recht ist. Ich kippe den Inhalt der Mappe − Hefte, Bücher − zwischen den qualmenden und hupenden PKWs auf die Strasse, drücke das Fahrrad einem Passanten in die Hände und seh mich nun gleich in der Menge der Fussgänger verschwinden.

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In der Früh kalter Nieselregen aus tief herabhängendem Himmel. Bin unterwegs auf der längern (obern) Waldstrecke, als plötzlich alles um mich herum erstirbt, nichts bewegt sich mehr, kein Laut ist zu hören, weder ein Knacken im Gehölz, noch die fernste Vogelstimme, auch kein von ausserhalb des Walds, von der Autostrasse oder der Regionalbahn hergetragenes Geräusch, nichts. Ich bleibe stehen, höre, horche hin − minutenlang absolut nichts. Alles scheint, wie ich selbst, festgestellt, erledigt zu sein, für nichts mehr gut, es sei denn, um an dieser Stelle ewig zu verenden.
Ein grosser Moment, ebenso elend wie erhaben, ebenso sinnfrei wie bedrückend, insgesamt − nach ungezählter Zeit ist’s vorbei − höchst seltsam, dabei in keiner Weise merkwürdig.

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„Das Unverstandene“, meint Hans Blumenberg, sei „das grösste Trostmittel der Menschheit“. Was für mich eine schwerlich akzeptable Beschwichtigung ist und zudem die Frage aufwirft, ob das „Unverstandene“ an dieser Stelle nicht durch das „Unverständliche“ ersetzt werden könnte, dürfte, sollte.

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Ich möchte zeichnen können; zwei, drei bescheidene Instrumente spielen − Bratsche, Klarinette, Maultrommel.
Nur nicht singen!

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In Hanno Helblings deutscher Fassung von Leopardis Zibaldone (Gedankenbuch) findet sich ein längerer Eintrag über „die Erfinder der erhabensten, tiefgründigsten, weitgespanntesten Wahrheiten“. Alles gut, alles korrekt − soweit die Dudensche Grammatik reicht; hält man sich allerdings die gewichtigen Superlative genau vor Augen und setzt sie der Prüfung durch den gemeinen Menschenverstand aus, wird man sie für alogisch, wenn nicht für absurd halten. Denn eigentlich müsste, klarerweise, von „tiefstgründigen“, von „weitestgespannten“ Wahrheiten die Rede sein, nicht von „hartgesotteneren“ beziehungsweise den „hartgesottensten“ Gangstern, sondern von den „härter“, den „am härtesten gesottenen“. Usf.
Doch nicht nur zusammengesetzte Adjektive wie diese, sondern auch viele Partizipien, die als Eigenschafts- oder Umstandswörter verwendet werden, lassen sich ihrer Bedeutung nach nicht steigern − sie sind sowohl im Komparativ wie im Superlativ logisch unhaltbar, werden aber, vom Duden akzeptiert, unbedacht angewandt. Beispiele: fortgeschrittener (für „weiter fortgeschritten“), schwerwiegender (für „schwerer wiegend“), am enttäuschendsten, am bedrängendsten, am vernichtendsten usf.
Oder man nehme eine „erhebende“ Rede, dann eine noch „erhebendere“ und schliesslich die „erhebendste“ Rede, eine „geschlossene“, dazu eine „geschlossenere“ und noch die „geschlossenste“ Gesellschaft. Nun kann aber etwas, das „geschlossen“ ist, nicht noch mehr als eben geschlossen sein, und wer erhebend spricht, mag bei andrer Gelegenheit „erhaben“ sprechen, nie jedoch „erhebender“, schon gar nicht am „erhebendsten“. Genauso widersinnig wäre (und ist) die Steigerung von „entsprechend“ zu „entsprechender“ und „am entsprechendsten“: Was entspricht, ist entsprechend und kann nicht mehr bieten, als eben zu entsprechen.
Der offenkundig falsche Gebrauch von an sich korrekt gebildeten Steigerungsformen gilt seit langem als regelkonform. Ob es sich dabei um Sprach- oder Denkfehler handelt, um Nachlässigkeit oder Bequemlichkeit, ist schwerlich auszumachen. Allerdings ist es auch nicht sonderlich relevant angesichts der weitläufigen Verluderung der Sprach- und Sprechkultur, die seit längerem im privaten wie im öffentlichen Raum vor sich geht.
Als Kommentar dazu dürfte deshalb ein „so what?!“ genügen.
Der Nonsense wird unmerklich zur Norm, dann zur Normalität.

 

aus Felix Philipp Ingold: Endnoten
Versprengte Lebens- und Lesespäne

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