Geklont

Was dem Schriftsteller Michail Scholochow, Klassiker der Sowjetliteratur und Kulturheld der UdSSR, an Ruhm und Prestige, an Einfluss und Reichtum während Jahrzehnten zuteil geworden ist, hat kein andrer sowjetischer Autor auch nur annähernd erreicht. Seit der Gründung des Allsowjetischen Schriftstellerverbands, 1934, gehörte Scholochow zu dessen Vorstandsmitgliedern. Ab 1936 war er bis zu seinem Lebensende Abgeordneter des Obersten Sowjets, seit 1939 nahm er an sämtlichen Parteikongressen als Delegierter teil, zeitweilig sass er auch im Zentralkomitee der KPdSU. Scholochows Werk wurde durch vielfache Millionenauflagen, ausserdem durch mehrere Stalin-, Lenin- und Staatspreise gewürdigt.
Die ausserordentlichen Privilegien, die Scholochow als prominentes Mitglied der sowjetischen Nomenklatura beanspruchen konnte, hat er nicht nur durch literarische Leistungen abgegolten, sondern auch durch kämpferische Wortmeldungen in der Parteipresse, durch linientreue Kongressreden und polemische Auslassungen gegen innere oder äussere Feinde des Sowjetstaats.
Als Scholochow 1965 den Nobelpreis zugesprochen erhielt, hatte er seit langem nichts Belletristisches mehr publiziert, und nachfolgend hielt die Schreibblockade bis zu seinem Tod im Jahr 1984 an. Sein Ruhm beruht fast ausschliesslich auf dem frühen Romanwerk Der stille Don, das er zwischen 1928 und 1940 erscheinen liess und später in verschiedentlich revidierten, der jeweils aktuellen Parteilinie angepassten Fassungen neu herausbrachte. Nicht anders als Der stille Don haben auch seine weitern Texte, ein Kollektivierungs- und ein Kriegsroman, nie ihre definitive Form gefunden, weil sie immer wieder andern ausserliterarischen Erfordernissen entsprechen mussten.
Zweifel an der Qualität des «vaterländischen Genies» und am Format Scholochows als Klassiker des sozialisischen Realismus gab es schon zu Sowjetzeiten. Aleksandr Solshenizyn war es, der bereits 1974 diesbezügliche, viel ältere Gerüchte zur Gewissheit erhob und zur Anklage verdichtete, Scholochow habe das Bürgerkriegsepos Der stille Don nicht selbst geschrieben, sondern zu grossen Teil aus einem unveröffentlichten Manuskript des kosakischen Militärschriftstellers Fjodor Krjukow übernommen und unter eignem Namen veröffentlicht. In der Folge haben sich manche Kritiker und Wissenschafter innerhalb wie ausserhalb Russlands der Echtheitsfrage angenommen, doch weder die detektivische philologische Spurensuche noch computerlinguistische Analysen und auch nicht detaillierte biographische und zeitge
schichtliche Recherchen erbrachten, trotz erdrückender Beweislast, den definitiven Nachweis einer Usurpation.
Als gesichert kann jedoch gelten, dass Krjukows unterschlagener Urtext über einen grossen Zeitraum hinweg wie ein Steinbruch ausgebeutet und von Scholochow nicht allein für Der stil­le Don genutzt wurde, sondern auch für seine Erzählungen vom Don (1926) sowie für spätere Werke, die jeweils über viele Jahre hin in mehrfach revidierten Fassungen erschienen sind. Das Hauptproblem liegt darin, dass Krjukows unveröffentlichtes Originalskript, das Scholochow plagiiert haben soll, verschollen ist und dass auch Scholochows angebliche Nachschrift einen unklaren textologischen Status hat. Solch prekäre Voraussetzungen fördern naturgemäss Spekulationen, wo eigentlich nur die Fakten sprechen sollten.
Mit Blick auf die jüngsten Veröffentlichungen zum «Fall Scholochow» ist nun aber doch festzustellen, dass alle bislang beigebrachten textkritischen Beweisstücke und biographischen Indizien zweifelsfrei auf einen literarischen Betrug von epochaler Tragweite schliessen lassen. Offenkundig war Michail Scholochow, seiner öffentlichen Glorifizierung als «proletarischer Tolstoj» zum Trotz, ein nur schwach belesener, literarisch unbedarfter Autor, der früh vom sowjetischen Geheimdienst GPU angeworben und auf die Rolle eines Grossschriftstellers und Parteiliteraten vorbereitet wurde. Das vom GPU (also nicht von Scholochow selbst) aus Krjukows Nachlass entwendete Manuskript sollte als quantitativ und qualitativ gleichermassen ergiebige Quelle nicht nur systematisch ausgeschöpft, sondern auch mit andern Fremdtexten zusammengeführt und so zu einem kohärenten Lebenswerk montiert werden, das für die Sowjetliteratur insgesamt als beispielhaft gelten konnte. Dass als Versatzstücke zu diesem gewaltigen Kompilat unter anderm auch Texte von Michail Bulgakow und Andrej Platonow verwendet wurden, von Schriftstellern mithin, die in der UdSSR lange Zeit als non­-persons galten, macht die Sache vollends obsolet.
So wie der heroische Akkordarbeiter Aleksej Stachanow in der stalinistischen Sowjetunion das Modell des «Neuen Menschen» abgeben sollte, war Scholochow dazu ausersehn, das Modell des «Sowjetautors» zu personifizieren und mit dem Stillen Don das Modell des «Sowjetromans» zu liefern, der insgeheim – durchaus folgerichtig – von anonymen Ghostwritern als «Kollektivroman» zusammengeschrieben wurde. Der Name «Scholochow» steht mithin nicht für einen realen Autor und dessen Werk, vielmehr für ein ausgeklügeltes literaturpolitisches Projekt, das dem angebli
chen «Autor» Scholochow einzig die demütigende Freiheit liess, unter seinem zivilen Namen vorwiegend von andern Autoren enteignete Fremdtexte zu publizieren, diese jedoch vor der Öffentlichkeit als sein eignes Werk vertreten zu müssen.
Dass im «Fall Scholochow» nicht eine Autorschaft bestätigt, vielmehr eine Nichtautorschaft nachgewiesen werden muss, lenkt aber letztlich den Blick von der Person Michail Scholochow ab und befreit diesen von der Verantwortung für ein literarisches Werk, das nun – vom Krjukow-Plagiat abgesehn – als ein Machwerk von eigens mobilisierten Redaktoren und Lektoren erkennbar wird. Da man inzwischen auch von andern stalinistischen Vorzeigeautoren weiss, dass ihre preisgekrönten Texte – darunter der populäre Produktionsroman Fern von Moskau, der 1948 unter dem Namen eines gewissen Wassilij Ashajew erschien und millionenfache Verbreitung fand – zu grössten Teilen von fremder Hand geschrieben wurden, wächst nicht allein der Pauschalverdacht auf die Usurpation oder Fälschung von Werken der offiziellen «Sowjetliteratur», sondern auch auf die «Klonung» von Autoren, bei denen es sich gleichzeitig um reale Personen und literarische Marionetten handelt. Ein Unterfangen, dem durchaus ein Hauch von Avantgardismus anhaftet, erinnert es doch von fern an das postmoderne Konzept einer Autorschaft, demzufolge der Schriftsteller nicht mehr Eigenes zu schaffen, vielmehr Fremdes zu kompilieren hat.

 

aus: Felix Philipp Ingold: Gegengabe
zusammengetragen aus kritischen, poetischen und privaten Feldern

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