Heute

Der tägliche Waldgang von meiner Wohnung aus führt mich zunächst an einer Schafweide vorbei,
dann weiter zur Quelle vor den Forellenteichen,
erst danach beginnt der eigentliche Wald- oder Holzweg, ein schmaler gewundner Pfad, der auf der ganzen Strecke von kno
tigem Wurzelwerk durchwachsen ist und an einer Stelle gequert wird von Dutzenden von Ameisenstrassen, die alle in einem riesigen wimmelnden Haufen zusammenfinden,
oft halte ich an dieser Stelle ein, betrachte von ungeheuer oben das hastige und aber hochorganisierte Tun, beobachte, wie die winzigen Tiere sich rasch voran- und aneinander vorbeibewegen, wie einzelne von ihnen Lasten tragen, die um ein Vielfaches grösser und schwerer sind als sie, eine dicke Kiefernadel, einen Fliegenflügel,
und immer wieder das Bedauern, bei jedem Durchgang so viele dieser Tiere zertreten zu müssen,
das Erstaunen auch, dass sich das rastlose Volk durch die regelmässig sich wiederholende Katastrophe, die ich verursache, überhaupt nicht stören lässt, dass alle Aktivitäten aufrechterhalten, alle Opfer sofort ersetzt werden;
am Waldausgang, gleich neben dem Schiessstand, tut sich die Kuhweide auf, eine weitläufige Anlage für sechs bis acht Tiere, die immer als Gruppe irgendwo im Gelände stehn und immer gleichzeitig die schweren Köpfe heben, wenn ich aus dem Wald in den Feldweg einbiege,
alle schauen sie mich aus diesen zwölf oder sechzehn weit auseinanderstehenden Stirnaugen an,
einige von ihnen haben ihren Hals wie an einem Scharnier seitlich nach hinten gedreht, ohne sich von der Stelle zu rühren,
lange bleiben sie reglos, nur manchmal geht ein Schauer durch die eine oder andre Flanke oder stellt sich eins der Riesenohren zur Seite hin auf,
auf Zurufe oder Winke reagieren sie nicht, sie glotzen und glot
zen, als wäre ich der erste, der letzte Mensch,
und nur allmählich lässt ihre Erstarrung nach, die Köpfe sinken wieder ins Gras oder werden mit überraschender, geradezu katzenhafter Behendigkeit auf den Rücken zurückgeworfen, wo dann mit triefendem Maul das Fell geleckt wird.
Mich haben die Kühe längst vergessen,
und morgen werden sie mich erneut anglotzen, als wäre ich ein Mensch.

 

aus: Felix Philipp Ingold: Gegengabe
zusammengetragen aus kritischen, poetischen und privaten Feldern

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.