Karfreitag

Heute führte mich mein Rundgang – bei eklatantem Sonnenschein, nach langer Regenzeit – mal wieder auf den Höhenweg, der in weitem steilem Bogen über den Hügelzug von Envy und durch ein schattiges Tobel voller Geröll wieder zurück nach Romainmôtier führt. «Eklatant» ist das richtige Wort für die ganz und gar unerwartete, völlig transparente und doch ungemein sanfte, ungemein zart und reich eingefärbte Helle, die mich beim obern Waldausgang erwartete und die wie gekrönt schien von der strahlend weissen Haube, die noch immer – Schnee von gestern! – auf der kahlen Kuppe des Mont d’Or weit hinter Premier und Bretonnières sass. Ich nahm den Anstieg gemächlich, blieb immer wieder stehn, wandte den Blick zum gezackten Horizont, liess das weitläufige Panorama mit dem blinkenden Alpenkamm, dem weit in die graue Tiefe reichenden Neuenburgersee und den mächtigen Hügeln hinter Grandson um mich kreisen, und wieder einmal fühlte und genoss ich meine Wenigkeit, war plötzlich befreit von jeder Bedrängnis, alles schien in die äusserste Ferne gerückt zu sein, und auch ich selbst war in keiner Nähe mehr. Der mächtige Himmel, von Kondensstreifen zart verschnürt, stand gleichmässig schimmernd über dem lavendelblau behauchten Wald, aus dem hin und wieder das gutturale Löken eines Kuckucks drang. Jäh kamen nun in überwältigender Fülle unverbundne Gedanken und Erinnerungen in mir hoch, mit gesenktem Kopf stieg ich zum Dorf hinab, versuchte die eine oder andre Idee zu memorieren, die ich zu Hause aufschreiben wollte. Dem Wegrand entlang hockten, meist in kleinen Gruppen, schon viele voll erblühte, hellgelbe oder lilafarbne niedrige Blumen, deren simple Namen ich mir noch immer nicht eingeprägt habe. Über den teilweise noch von Schneewasser überschwemmten Wiesen auf dem Plateau kreisten in hektischem Steig- und Sturzflug riesige Krähen, deren rauhes Krächzen immer wieder in ein Schnarren, gar ins Schnauben überging.

 

aus: Felix Philipp Ingold: Gegengabe
zusammengetragen aus kritischen, poetischen und privaten Feldern

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