Mist

Mit Anna Achmatowas gewaltigem Dichterruhm kontrastiert ihre dürftige Poetik, die sich wie eine einzige Bescheidenheitsformel ausnimmt. Es komme darauf an, Vorgegebenes nachzuschreiben, hinzuhören auf das permanente Murmeln – das vage Diktat – der Texte. «Wenn keiner diktiert», sagte sie einst im Gespräch, «ist es ganz einfach unmöglich zu schreiben.»
Doch die Bescheidenheit hat sie nicht davor bewahrt, als Dichterfürstin verehrt zu werden; erstaunlicherweise hat sie den Kult um ihre Person klaglos zugelassen – vermutlich wusste sie, dass er nicht abzuweisen war, wusste, dass das Publikum den Autor als Autorität sehen und verehren will.
Es ist schon bemerkenswert, wenn jemand wie die Achmatowa, die von Taxifahrern, Grundschullehrerinnen und Jungdichtern gleichermassen als «unsere Königin» belobigt wurde, unentwegt betont, sie habe nichts anderes zu sagen als das, was geschrieben stehe und zu lesen sei.
In solchem Verständnis haben sich, weithin unbemerkt, auch zahlreiche andre Autoren der europäischen Moderne geäussert. 
Edmond Jabès resümiert all jene Stimmen – von Blok und Valéry und Benn bis in die Gegenwart – in dem schlichten Satz, wonach dichterisches Schreiben nichts anderes sei als die intensivste Art zu lesen.

 

aus: Felix Philipp Ingold: Gegengabe
zusammengetragen aus kritischen, poetischen und privaten Feldern

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