Vermischtes

I

«Sie können auch sagen», kann man Gottfried Benn auf einem Tondokument von 1951 sagen hören, «ein Gedicht ist wie ein Schiff der Phäaken, von dem Homer erzählt, dass es ohne Steuermann geradeaus in den Hafen fährt.» Zurückübersetzt in den poetologischen Klartext, der auch bei Benn nicht viel mehr als ein Erfahrungsbericht vom Schreibtisch ist, heisst das: «… das Gedicht ist schon fertig, ehe es begonnen hat, er [der Autor] weiss nur seinen Text noch nicht. Das Gedicht kann gar nicht anders lauten, als es eben lautet, wenn es fertig ist.» Also muss wohl gelten, was Benn im Weitern festhält; nämlich dass der Autor «einer inneren Stimme» folgt, die sonst niemand hört: «Er weiss nicht, woher diese Stimme kommt, nicht, was sie schliesslich sagen will.» Schon bemerkenswert, dass ein ansonsten kühl kalkulierender Dichter dem Nichtwissen so viel Wirkungskraft zugesteht; als Arzt, der er ja auch war und stets geblieben ist, hat er sich auf jene «innere Stimme» wohl eher nicht verlassen können.

II

Im Auto nach R. die Radiopredigt aus Fribourg; Fazit des Pastors (mit Bezug auf Jean Genet!): Das Beste in uns ist die Wahrheit dessen, was wir sind. Aber ich?
Noch ein Schurkenstaat.

III

Die Wissenschaft, meint Andrej Finkelstein, werde irgendwann in absehbarer Zeit alles erkannt haben und in der Folge verschwinden, sie sei, wie übrigens der Mensch auch, ein «begrenztes Phänomen, das sich selbst erschöpfen» werde, so dass endlich «das normale Leben beginnen» könne.
Ob das auch für Kunst, Literatur gilt?
Die Wissenschaft wird überflüssig sein, sobald all ihre Fragen beantwortet sind; womöglich fängt erst dann die eigentliche Mission der Kunst an: statt Fragen zu beantworten und Lösungen anzubieten, entwirft sie unentwegt, was sie sucht. Doch den Menschen bräuchte es dazu nach wie vor.

IV

«Eine Maschine erfindet eine Weltsprache», stellt sich Elias Canetti vor: «Da niemand sie verstehen kann, wird sie von allen angenommen.» – Welch ein Irrtum; denn angenommen (konsumiert) wird bekanntlich vorab das, was der Bedeutung und dem Sinn nach leicht verständlich, vorzugsweise bereits verstanden ist. Wäre es anders, nämlich so, wie Canetti es erträumt, hätte sich längst die Poesie als Weltsprache durchgesetzt.

V

Die Schrift war schon früh ein Machtinstrument. Doch mächtig waren nicht die des Schreibens mächtigen Sekretäre, sondern die Könige (im Alten Ägypten), die selbst zumeist nicht schreiben konnten. Autorschaft und Autorität waren gebündelt in der Stim­me des Herrn, die von den Schreibern schriftlich fixiert, das heisst in die Schrift übersetzt wurden.

VI

«… auf meinem Weg bist du der Durst» – ein Vers aus meinem Gedichtbuch Restnatur, von I. F. ins Englische gebracht als «on my way you are thurst»; die Übersetzung ist in diesem Fall reicher, anspielungsreicher als das Original, da der «Durst» (thurst) klanglich jene «Erste» (first) evoziert, die den Durst nicht nur weckt, sondern mit ihm identisch ist.

VII

Kann Intelligenz – die kälteste, schärfste – anrührend sein? Auf mich wirkt die strenge geistige Erscheinung, wie sie wahrnehmbar wird durch die Texte eines Parmenides, eines Gracián, eines Pascal, eines Wittgenstein, einer Simone Weil, emotional ebenso stark wie die Schönheit grosser Musik.

VIII

K’s schaurige Paradoxa – das Schweigen der Sirenen, das Odysseus mit verstopften Ohren als Gesang sich vorstellt; Sancho Pansa als das «Problem» des Don Quijote: die Phantasie, der Wahnwitz, der Windmühlenkampf – das alles wäre zu bestehn und durchzusetzen, wenn nicht immer wieder der gesunde (niedrige) Menschenverstand in Gestalt des Tors (des Normalverbrauchers) dazwischenträte.

IX

Schestow. Das Paradies als gemeinsamer Standort des Baums des Lebens und des Baums der Erkenntnis; der Sündenfall besteht nicht darin, vom Baum der Erkenntnis gegessen zu haben, vielmehr darin, vom Baum des Lebens nicht gegessen zu haben; hätte die Vertreibung (des Menschen) aus dem Paradies nicht stattgefunden, hätte das Paradies zerstört werden müssen.

 

aus: Felix Philipp Ingold: Gegengabe
zusammengetragen aus kritischen, poetischen und privaten Feldern

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