Wenigkeit

I

Auftakt als Abgesang: Mit einem Totengedenken eröffnet Philippe Jaccottet sein spätes Notiz- und Lyrikbuch, dem er den Titel Dies Wenige an Geräuschen (2008) gegeben hat. Der 83jährige Autor verzeichnet die Namen und Lebensdaten von Freunden, Kollegen, Verwandten, deren Verlust er unlängst zu beklagen hatte; doch die Klage bleibt leis, und bald weicht sie «der Dankbarkeit gegenüber dem Gras auf den Gräbern», dem Staunen vor dem Wenigen und Geringen, in dem gleichwohl das Grösste residiert.

II

Immer einsamer und kälter wird es indes um den Überlebenden, mehr und mehr verengt sich, da Kraft und Beweglichkeit schwinden, seine Alltagswelt, in der allmählich – «unter dem kalten Spiegel des Himmels» – eine unwirtliche Grisaille überhandnimmt, Nacht und Nebel, Asche und Eis. Die Zeit der grossen Gefühle und Entscheidungen, der Lebens- und Werkprojekte ist vorbei. Ohnehin war Jaccottets Ambition, etwas haben, wissen, sagen zu wollen, nie sonderlich ausgeprägt, und nun ist sie vollends einer vertrauensvollen Erwartungshaltung gewichen, einer produktiven Passivität, die genau das einbringt, was sie zulassen kann. Der Ertrag, gerade auch der dichterische, mag sich bescheiden ausnehmen («ein Fast-nichts aufgrund von nichts»), und doch kommt in ihm Wesentliches zu gültiger Gestalt.

III

Für Jaccottet, «Mann von geringem Glauben», ist das Unscheinbare und Unbedeutende «fast eine Wahrheit», wenn es denn – obzwar der Rede nicht wert – zur Sprache kommt. «Nichts kann verhindern», hält er in seiner letzten Aufzeichnung fest, «dass es ganz am Ende des Wegs dieses Pulsieren der Luft, diese Frische laufenden Wassers gegeben haben wird, dieses glitzernde Rinnsal von Wasser, das auch in schlimmsten Momenten dem Schreibblatt zufliesst. – Dieses Wassergeräusch, das einen noch heimsucht.» Bei den japanischen Meistern des Haiku erkennt Jaccottet die unüberbietbare Fähigkeit, flüchtige Wahrnehmungen in klar konturierten poetischen Bildern festzuhalten und damit «dem Hinfälligsten höchsten Wert und höchste Macht zu verleihen».

IV

Ce peu de bruits – so lautet der schlichte, nicht ganz leicht übersetzbare Originaltitel, den Philippe Jaccottet seinem Buch gegeben hat, einer schmalen Sammlung lyrischer Notate, die jenes Wenige an verbleibenden Geräuschen und andern Sinneseindrücken, für die er offengeblieben ist, vergegenwärtigen und es auf ebenso subtile wie souveräne Weise verbinden mit fernen Erinnerungen, bedrängenden Träumen, aktuellen Lektüreerfahrungen. Kaum anders als seine bedächtigen Promenaden in vertrautem Gelände absolviert Jaccottet, immer wieder einhaltend vor dieser oder jener wundersamen Kleinigkeit, seinen Rundgang durch die Literaturen der Welt – von Vergil und Dante bis zu André du Bouchet, von Angelus Silesius über Goethe und Leopardi bis zu Zbigniew Herbert –, und so kann er Lesefrüchte von höchster Qualität in Form von Zitaten, Reminiszenzen, Assoziationen reichlich auslegen in unmittelbarer Nachbarschaft zu den präzis ausgearbeiteten sprachlichen Momentaufnahmen, die er «irgendwo am Rand» seiner Notizblätter festgehalten und nun ins Buch übernommen hat – wie etwa diesen poetischen Moment eines Tagesbeginns:

Derweil eine Fülle von Sternen langsam von unten nach oben
am Himmel verglüht –
am nackten Knöchel im Sommergras
bloss dieses Gespinst von Tau das die mannhafte Sonne im
Aufgehn entwirrt.

V

Philippe Jaccottet gelingt es, Natur und Kultur zwanglos zusammenzuführen, sie zurückzuführen auf das Poetische als ihren gemeinsamen Nenner. Das Poetische, das er draussen im Grauen und Grünen aufspürt, wird für ihn ebenso zum Schreibimpuls wie die Poesie, die er lesend vor Augen hat.

Als ich zwischen den Weiden am Rand des untiefen Wassers das
Orange und das Blau dieses Vogels aufscheinen sah, durchfuhr
mich nicht weniger lebhaft ein Vers von Hopkins.
Dinge, die man nur kurz zu Gesicht bekommt
und die nur in ihrer Flüchtigkeit Sinn gewinnen
Orange und Blau aufs Mal
niemals zu pflückende Früchte
Dinge, die den Weiden, den Bächen zu überlassen sind.

Solche Lichtblicke sind’s, welche den Dichter zumindest momentweise «den sich bewölkenden Himmel» vergessen lassen über einer Welt, deren «fortschreitende Verblödung und Verheerung» ihn mit Horror erfüllt.

VI

Lichtblicke, Augenblicke – für Jaccottet sind es stets «letzte, mit äusserster Anstrengung vor der Katastrophe gerettete Krümel» oder auch, wo alles schon zum Abgrund hin im Rutschen ist, «letzte magere Pflänzchen, zäh genug, um den Stürzenden noch für ein paar Augenblicke über dem Abgrund zu halten». Der Blick nach oben trifft auf den lichten Mond, einen «leichten Berg, der unmerklich zum Engel wird, oder auch zu einem Schwan». Im Französischen fügt sich das zu einem einfach-kunstvollen Vers, der «change» und «ange» assonantisch verknüpft und der durch den Gleichklang von «cygne» und «signe» den schwanähnlichen Mond zum «Zeichen» macht. Solche Licht- und Augenblicke sind tröstlich genug, um den täglichen Schrecken nicht doch noch überhandnehmen zu lassen. So wie manch eine der grossen in Musik gesetzten Messen ihre stärksten Momente im «Miserere» findet. Philippe Jaccottets Vermächtnis hat bei aller Düsterkeit (und gerade ihretwegen) eine durchaus erhellende Kraft. «Eben dies», lässt er wissen, «die Lampe eben, die man niemals hinter sich verlöschen lassen sollte. ‹Stetiges Licht› für die Totenruhe, mindestens für jene in uns.»

 

aus: Felix Philipp Ingold: Gegengabe
zusammengetragen aus kritischen, poetischen und privaten Feldern

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