Brand

Beim Brand eines aus Holz und Leinwand gefertigten zwanzig Meter hohen Modells des Montblanc-Massivs sollen gestern in der am Südfuß des Montblanc-Massivs gelegenen Kleinstadt A. mehrere hundert Bergbesucher – ihre genaue Zahl steht noch nicht fest – tödlich verunfallt sein. Der siebenstöckige Modellbau, von dessen geweißeltem Gipfel aus das Montblanc-Massiv gesamthaft überblickt und photographiert werden kann, gilt als Touristenattraktion. Die Unglücksursache – möglicherweise ein Kurzschluß in der elektrisch beleuchteten Holzkonstruktion – ist noch nicht definitiv abgeklärt.
Nach den bisher vorliegenden Meldungen befanden sich zum Zeitpunkt des Brandausbruchs rund fünfhundert Besucher im Montblanc-Massiv, mehrere Dutzend davon im steilen, künstlich beschneiten Treppenaufgang zur Gipfelregion. Schon nach den ersten angstvollen Schreien einiger – zumeist älterer – Berggänger stürzte die Besuchermenge dem einzigen Ausgang zu, dessen Türen sich allerdings nur nach innen öffnen lassen. In dieser Falle vor dem Ausgang im Innern des Massivs häufte sich dann, so wird übereinstimmend berichtet, ein Berg von Menschenleibern auf, da immer zahlreichere Besucher, einer den nächsten mitreißend, im Dunkel des Treppenhauses durch die Stockwerke in die Tiefe stürzten.

(Die Hölle? Ja, das sind die andern – wir, dort unten.)

aus: Felix Philipp Ingold: Haupts Werk Das Leben
Ein Koordinatenbuch vom vorläufig letzten bis zum ersten Kapitel.

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