Ohnehaupt

Während wir hier, zwischen Borgeshöh und Blumenberg, die letztmögliche Synthese versuchen und, den galoppierenden Analphabetismus in grauer Evidenz, die Schrift – für eine Nachwelt, die immer fragwürdiger wird, vielleicht schon fraglich geworden ist – besorgt dem Buch vermachen, fällt die Literatur, von kreischenden Bildern überlagert, zusehends der Schwärze anheim; sie scheint zu vergehn, und noch im Vergehn zieht sie folgerichtig, wenn auch widersinnig den Erzähler, den Sänger, den Magier nach sich, ein Aufgebot, das schon länger im Begriff steht, ihr den Autor – den, der die Schrift stellt – abzujagen.

Und doch hält sich unter euch Restlichen – unter uns Lesern – der alte Glaube oder wenigstens ein alter Hang zu glauben, daß die Schriftstellerei mit Hilfe von Namen zu neuen Gegenständen, mit Hilfe von Bildern und Graphen zu einer neuen Sprache finden könnte…

Als wäre Literatur außer dem, daß sie – tot, obgleich doch nie gestorben – ist, ein Odradek, wie Kafka es beschrieben hat; ein Ohnehaupt. Doch wird möglicherweise aus dem Verstummenden, vielleicht bereits Verstummten etwas, jemand zu uns sprechen – wie wir, als Leser, uns von ihm (doch eben: wovon? von wem denn??) angesprochen fühlen.

Ohnehaupt Kunst und Wunschbild Natur!

Wie steht es aber da, am Tag, um jenen Haupt, den das Draußen hoch erhoben tragen möchte, wenn er seinerseits das Draußen nur ertragen könnte? Deutlich jedenfalls gibt er sich nicht; noch nicht. Es, im Satz »wie steht es aber…«, ist logisch genau so unbestimmt. Erst danach – ja! sich tragen lassen!! – gewinnt dies Es eine gewisse Bestimmtheit, es beginnt zu atmen. Doch was? Ist, was atmet, wirklich Es? Oder Wer? Ich, Selbst kann Es nicht sein und folglich so auch nicht gemeint sein. Nicht? Wahr? Obzwar wir – Leser! – uns durchaus in solchem Sinn einfühlen können, wie in ein Fließen, ein Bluten.

Und bald ist da tatsächlich viel Gestalt, unklar bleibt noch, wen sie vertritt, wem sie somit angehört inmitten dieses ungeheuren musealen Raums der Kunst, der keinen Besitzer hat, kein Subjekt, nur den Konservator; eben einen Ohnehaupt. Myonenfach, myonenschwach ist seine innere Reg(el)ung, doch das Wer, gar der Was, die beide oben bleiben wollen, beide getragen schon jetzt, aber sicher – die? Die haben keine Narbe zu bekennen, die treten nicht hervor! Gerade in diesem Unpersönlichen fand Goethe seinen Trost, so daß die spätem – Valéry, Monsieur Teste und Kopf 1

– ihn gleich schon hatten; als Hauptwort, das sie sich zu der Sache hinzudachten, um die Hauptsache in ein Wort zu fassen – sie zu vergessen. Das Myonenfältige konnten sie, indem sie Es benannten, für das Eine halten: für Kultur.

Und weiter nun (im Text), nach einer Drehung/Hebung hin zu gegenständlicher Chiffriertem; hinauf. Die Frage! Wer, was wäre jenes schaffend Eine?…

… muß die wichtigste Qualität der Kunst, eben ihr hypothetisches Subjekt, in das Ungeschlachte des Anfangs, in das Ungemachte des Abgangs eingelassen sein, ist deshalb nichts Beiläufiges, Hinfälliges, vielmehr ein transzendent Ausgemachtes, ein immer schon Fertiges; Gott. Ge-o-the-the. Das Nichts freilich ist sichtbar als das anonym Schweigende, Ende in der Supernacht des Anorganischen, da nur Es – ebenso verstanden wie gefaßt – Kunst genannt werden kann; das, was als sanftes Gesetz in uns, als subjektloses Vakuum über uns ist, um uns stets aufs neue zu entsetzen.

Ist Haupt hinter dem Bild nicht selber ein Bild? Gewiß doch, es tragen ihn armierte Schultern und lassen ihn hochleben in frischer Luft; stottert aber Kunst nicht – überhaupt – lauter Anfänge, haben nicht – wirklich – Wunschbilder Platz genommen, als Haupt wachsen sollte und zum Ohnehaupt verkam? Ja, ist das Wunschbild selbst, als ein immerhin von Josef K. entworfenes, nicht Haupts genug und damit – für die Kunst – zuviel? Ist nicht auch das Bild, soweit es Haupt ist, ein Wunsch-, folglich ein Gegenbild zu Ohnehaupt; und überhaupt zum Abseits der Natur?

(… folgt an dieser Stelle, knapp zusammengefaßt und von Kafka her gedeutet, jene griechische Urweltsage über die Geburt des Rätsels, derzufolge die Kunst das letzte Ungeheuer war, das aus dem Schöngeist des Typhon und dem Drachenleib der Echidna gezeugt worden sei, was im Hinblick auf die programmatische Rätselhaftigkeit heutigen Kunstschaffens zu einem Fazit wie diesem verleiten könnte: »In der Geburt der Kunst, des Rätsels schlechthin, würde dann genetisch immer noch das Grauen stecken und darin weiter bleiben, zugleich lädt doch aber gerade dies Verborgene, dies Verhohlene der Kunst dazu ein, es zu suchen, es oberflächlich – lesbar – zu machen; das Rätsel, das alle Kunst darstellt, enthält immer auch die Anweisung oder wenigstens Hinweise dafür, wie es aufzulösen, wie sie zu verstehen wäre.« Doch dies führte hier zu weit…)

So aber würde das Rätsel in eine fast gar allegorische Gleichung mit der Literatur gebracht; auch das Ungeheure – das Verrückte und Verbrecherische – wäre dann zum Wunschbild sublimiert, das sich selbst als Scheinlösung anböte. Von daher würde Literatur sich auflösen in der Hoffnung des Begriffs und der Begreifbarkeit. Indem sie sich auf solche Weise umbrächte, brächte sie uns – Leser? noch immer! – um die Möglichkeit, das Verstehen zu wollen; um die Lust am Text. Daher sollten Faust und Kunst einander zugekehrt bleiben 2: damit sich das Rätsel als Lock(er)ung erhalte, als Versuchung zum Suchen, als Anleitung zum Weltexperiment. Und wo sollte solch ein Experiment in dieser (kaum noch unsrer) Welt überhaupt stattfinden; seinen Schauplatz haben? Wenn nicht jenseits des Bilds – im Buch, das die »Welt« bedeutet?

(Blochs gedenkend; Vilém Flusser zugedacht)

Plötzlich wieder, wie aus einem Traum, die Erinnerung an einen Besuch bei Anna Achmatowa; kurz vor ihrem Tod:

»Heute morgen hatte ich die außergewöhnliche Freude, ein frühes Gedicht von mir wiederzufinden«, sagte sie noch, bevor ich ging: »Es ist eigentlich nichts daran; nichts. Aber es ist bezaubernd und wie von Carol gemalt

Zum Abschied hob sie ihren schweren Arm, schrieb etwas in die Luft, das mir als Umriß eines Vogels im Gedächtnis blieb; wie ein Bild.

aus: Felix Philipp Ingold: Haupts Werk Das Leben
Ein Koordinatenbuch vom vorläufig letzten bis zum ersten Kapitel.

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