23. August

Im Akt des Lesens setzt das Bewußtsein des Lesers sich in Beziehung zum Selbst des Texts; und diese vom Textverständnis unabhängige, nicht notwendigerweise auf »Kommunikation« oder »Rezeption« angelegte Beziehung, die sowohl den Leser wie auch den Text transzendiert, indem sie zwischen Text und Leser als ein Drittes zum Ereignis wird, entspricht recht genau der Wechselbeziehung zwischen dem zu übersetzenden und dem übersetzten Text – der Übersetzer ermöglicht die Beziehung, und die Beziehung, das Dazwischen eben, ist die Übersetzung; nämlich so etwas wie jene zwischen zwei Gebirgen schwebende Wolkenhose, welche die von ihr umhüllten Gipfel zugleich verbindet und trennt.

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aus: Felix Philipp Ingold: Freie Hand.
Ein Vademecum durch kritische, poetische und private Wälder

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