25. Oktober

Im Lunapark auf dem Basler Münsterhügel seh ich mir zusammen mit S. einige der Buden und Läden genauer an; vor einem Verkaufsstand, wo Türkenhonig aus Düsen lautlos zu rosaroten Wolken sich ballt, steht ganz in Schwarz eine Frau, auffallend der grolle Hut, die schmale Taille, ein winziges schwarzes Ledertäschchen, das sie am Gürtel befestigt hat und das auf der Höhe ihres linken Knies noch baumelt; der Eindruck ist romantisch, wird aber korrigiert durch ein jüngeres Paar, von dem die Frau offenbar begleitet ist, einem dicken blonden Mädchen in Leder und einem schnauzbärtigen jungen Kerl, der ordinär auf sie einredet …
… ich schicke einen Blick zwischen die Schulterblätter der Schönen, sofort, wie gestochen, wendet sie sich nach mir um, rollt mir ihr großes blankes Augenweiß zu, dann die dunklen Pupillen; ihr Gesicht ist überraschend breit, leicht stehen die feuchten Augen vor, die Frau sieht mich für den Bruchteil einer Sekunde mit Trauer und Erstaunen an, bevor sie mir wieder den Rücken zeigt.

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aus: Felix Philipp Ingold: Freie Hand.
Ein Vademecum durch kritische, poetische und private Wälder

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