Abschweifen

Alle fahren ab … die meisten sind schon abgefahren; man fährt ab auf einen bestimmten Sound oder Trend oder Duft, auf einen Film, ein Auto, eine Frau etc.
Abfahren, das heißt, heute, soviel wie abhauen. Alle, die meisten sind dabei, aufzubrechen, sich abzusetzen, zu verreisen.
Verreisen im derzeitigen Sprachgebrauch wird oftmals mit verschwinden gleichgesetzt; »hau ab«, »verschwinde« bedeutet dann also, du sollst verreisen.
Abfahren ist eine Massenbewegung geworden, man fährt nicht mehr nur zu Millionen in Urlaub, man fährt zu Millionen auch ins Exil. Die Völkerwanderung per Wohnmobil, per Anhalter und mit Rucksack und mit Kunststoffzelt, per Fahrrad, per Motorrad, auch per Flugzeug ist, obwohl ein Massenphänomen, doch immer auch ein Abfahren weg von sich selbst … aus Angst vorm Alleinsein, vor Vereinzelung.
Man hält sich selbst nicht mehr aus, man hält es bei sich zu Hause nicht mehr aus.
Das Haus ist unsicher geworden, weil es, anscheinend bedroht durch Immigranten, Drogenabhängige, Kriminelle, bedroht auch durch Freunde, zur Festung geworden ist.
Die Häuser sind, so könnte … müßte man vielleicht sagen, verblödet, sie halten als Behausung, je stärker sie befestigt und gesichert sind, nicht mehr stand; kein Heim.
Zu Hause fühlt man sich nur noch, wenn … während man unterwegs ist; man ist stets auf dem Sprung, man fährt ab, so oft man kann, man verreist, man nimmt Urlaub von der eigenen Herkunft, und das heißt doch … notwendigerweise … man verabschiedet, winkend, die Zukunft.
Das bewegliche … das bewegte Haus, ob Auto oder Wohnwagen oder Zelt oder Boot, ist vertrauter und gibt ein besseres. . . ein natürlicheres Sicherheitsgefühl als das Haus daheim.
Man fährt ab, verreist, oft ohne zu realisieren, daß man auf der Flucht ist; man verreist in der Regel dann, wenn alle andern … wie bei einer Katastrophe, einem Erdbeben, bei Dürre oder im Krieg … ebenfalls verreisen, und man zieht es vor, gewisse Feiertage, Freitage im Stau auf der Autobahn oder im Gedränge auf Flughäfen und in überfüllten Hotels etc. zu verbringen, statt daheim … und »daheim« bedeutet allein … zu bleiben.

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»Schritte«, schreibt Ilse Aichinger, »sind immer flüchtig, auch die, die nach Hause führen.«

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Die nomadische Bewegung ist eine generelle, auch im Alltag überall zu beobachtende Bewegung geworden. Es ist eine langsame Bewegung, eine Bewegung der Langsamkeit, egal ob man mit dem Auto stundenlang im Schritttempo unterwegs ist, vor roten Ampeln, auf Kriechspuren sich aufhält, oder ob man im allgemeinen Gedränge durch das Warenhaus, durch eine Ausstellung, ein Theaterfoyer etc. geschoben wird.
»Doch ich schweife ab …«
Für Abschweifungen von der argumentativen Logik oder von der erzählerischen Progressivität eines Texts, einer Rede hat man sich früher … wann kann das gewesen sein … mit dieser formelhaften rhetorischen Wendung entschuldigt:
Sed abeo …
Was damals Mangel war oder Fehler, das müßte heute die Regel sein; ein Sagen und Schreiben, das die Abschweifung nicht vermeidet, sondern jederzeit geschehen läßt, und zwar unabhängig davon, ob es sich um diskursive, narrative, dichterische Rede handelt.
Das Denken, die Rationalität muß begriffstutzig werden, statt sich wie eh und je auf Begriffe zu stützen, welche das Wirkliche leugnen und verdrängen, indem sie sich selbst als wahr behaupten; keine Wahrheit kann heute noch von Interesse sein.
Und kein Wort ist wahr, es sei denn das unverständliche; nur dort, wo das Wort hermetisch bleibt und also nicht auf eine bestimmte, vorab ihm überbundene Bedeutung hin durchschaut und verstanden werden kann, kommt es zum Sprechen, spricht es meine ästhetische Erkenntnisfähigkeit an, gewinnt es den Sinn, den ich ihm hier und jetzt verleihe, ohne ihn … oder es … ein für allemal wahrhaben zu wollen.
Doch, Komma, ich schweife ab.
Abzuschweifen ist von der vorgegebenen linearen Ordnung eines diskursiven Redens, das funktional in erster Linie auf die Vermittlung von Information, und nicht auf die Herausbildung neuer Formationen angelegt ist; eines Redens mithin, das Information inbezug auf einen Adressaten durchsetzen soll.
Nämlich nur die abschweifende, nomadisch sich auslebende, arational vom Hundertsten ins Tausendste sich steigernde Rede kann heute als zeitgemäß gelten, entspricht der chaotischen Komplexität eines »nachgeschichtlichen« Bewußtseins, das nicht mehr auf Wahrscheinliches ausgerichtet ist, das vielmehr dem Unwahrscheinlichen sich öffnet.
»Im Unterschied zu den früheren Ansichten der Philosophie und Wissenschaft haben wir uns gegen die Welt zu stellen und Unwahrscheinlichkeiten zu suchen«, hat Vilém Flusser in einem seiner letzten großen Interviews gefordert: »Wir denken also negativ entropisch, gegen die Tendenz der Welt.« Und präzisierend: »Mir geht es um den Übergang aus einem linearen, eindimensionalen in ein mosaikartiges, nulldimensionales Denken, Fühlen und Handeln. Ein wichtiger Aspekt dieses nulldimensionalen Denkens ist das Aufgeben der Norm, die Akzeptierung der Enormität. An dieser Enormität interessiert mich der Aspekt, daß sie die Kreativität zwar ad absurdum führt, aber überhaupt erst ermöglicht.«
Dieses doppelte, paradoxale Vermögen, Allmacht und Absurdität ineinszusetzen, sollte aber nicht dem Computer überlassen bleiben; Dichtung und Kunst hätten dazu das Ihre beizutragen. Doch … ja ich schweife ab, diesmal zurück zu Joseph Brodsky, der mir einst ich erinnere mich genau … auf einem Spaziergang bei beißender Kälte in Venedig sagte: »Kein Zweifel … die Geschichte kompromittiert energisch ihre Schwägerin, die Geographie. Dagegen muß Einspruch erhoben werden. Aber wie. Man muß … ich will ein Abweichler sein, ein Nomade; ich bin’s … jener Schatten dort, der die Marmorsäule umarmt und mit ihr sich auf der Wasseroberfläche spiegelt, um sogleich wie ein vielteiliges Puzzle auseinanderzufallen.«

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aus: Felix Philipp Ingold: Freie Hand.
Ein Vademecum durch kritische, poetische und private Wälder

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