Bedauern

Ceronetti beschreibt, wenn er Leonardos Selbstbildnis beschreibt, sich selbst; und mehr als das … er beschreibt die schillernde Physiognomie des modernen Autors, der nicht mehr selbst, immer nur anders, und doch nie ein anderer sein kann.
In diesem Gesicht liest man, schreibt Ceronetti, »so etwas wie Selbstmitleid dafür, daß dem Autor die Einheit des Denkens abhanden gekommen ist, weil er seinen Geist in zu viele Richtungen und ein Übermaß von spekulativen Bewegungen ausschickte und dadurch aufsplitterte, und dieses Leiden des Zersplitterten verleiht dem Gesicht seine Einheit, seine endgültige Sammlung in der Größe des Bedauerns«.
Nicht nur die Größe des Bedauerns ist aber inzwischen geschwunden, es gibt das Bedauern nicht mehr. Die Postmoderne kennt keine Einheit, sie begnügt sich mit dem Eintopf; nichts Endgültiges ist ihr nicht fremd, also gleichgültig.
Guido Ceronetti, Puppenspieler und Makrobiotiker, ist ein Unzeitgemäßer; was ja auch, richtiger vielleicht, heißen kann … ein der Unzeit Gemäßer.


aus: Felix Philipp Ingold: Freie Hand.
Ein Vademecum durch kritische, poetische und private Wälder

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