Übersetzen (II)

Wenn die Worte fehlen, um einer unsäglich gewordenen Gegenwart zu entsprechen, dem Leben, muß der Autor zum Übersetzer werden; in Gefängnissen, Arbeitslagern sind wohl niemals große Gedichte entstanden. In der Not, aus der Not schreit man die Lieder der andern, man schreibt auf, was man auswendig weiß, man schreibt ab, kaum einer dichtet neu. Oft vermag nur noch Kitsch der mörderischen Gegenwart gerechtzuwerden; kitschig wirkt vieles, was in deutschen, in sowjetischen KZs geschrieben wurde.

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Oder der Autor versucht, als Übersetzer die schlechtere Alltäglichkeit zu bewältigen. Borchardt, Pasternak sind in den schwersten Zeiten als Übersetzer Dantes, Shakespeares zu großen »Autoren« geworden, Ihre Nachdichtungen gehören zu Ihren besten Gedichten, auch sind es die Texte mit dem höchsten Aktualitätsgehalt; in ihnen wird die Wirklichkeit gleichsam neu erfunden als reale Gegenwelt zu einer fiktiv gewordenen Realität, die nur noch sich selbst vortäuscht.
Und wer wenn nicht Dante, Shakespeare könnte einem Stalin, einem Hitler entsprechen.

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aus: Felix Philipp Ingold: Freie Hand.
Ein Vademecum durch kritische, poetische und private Wälder

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