Diebesgut

»Eichmaß für Melville ist seine Lektüre, sein ganzes Leben lang. Er war ein Skalde und wußte sich das Werk anderer zu eigen zu machen. Er las, um zu schreiben«, schreibt Charles Olson: »Diebstahl, mit Adel ausgeführt, die Tat des Beutelschneiders Autolykos, der seine Räubereien so begeht, daß man fast nichts davon sieht, nennt Edward Dahlberg Originalität. Bücher anderer Männer sind der Nährboden, auf dem Melvilles Bücher gedeihen.« Das Neue, das ein Autor gelegentlich hervorzubringen vermag, ist nicht seine Schöpfung; was neu geschrieben wird, ist das, was neu gelesen wurde. Es gibt beliebig viele Selbstzeugnisse von Autoren, die dies bestätigen; es gibt sie, das sei hinzugefügt, von künstlerisch so gegensätzlichen Autoren wie Thomas Mann und Marina Zwetajewa, Jan Skácel und Edmond Jabès, Seamus Heaney oder Inger Christensen, von Autoren aus verschiedensten Kulturbereichen und Kulturepochen.
Zu den radikalsten Standortbestimmungen dieser Art gehört zweifellos eine Notiz Kierkegaards aus den »Philosophischen Brocken« … ein exemplarisches Dokument auktorialer Selbstentmündigung, das den Dichter bereits 1844 als »Plagiator«, »Schwindler«, »Dieb« ausweist, ohne ihn deshalb jedoch im geringsten zu diskreditieren. Originalton Sören Kierkegaard: »Ein jeder Dichter, der da stiehlt, stiehlt ja von einem andern Dichter, und dergestalt sind wir ja alle gleich schäbig; ja mein Diebstahl ist vielleicht weniger schädlich, weil er leichter aufgedeckt ist. Aber wer ist denn also der Dichter? Wo ich höflich genug wäre, dich, der du mir das Urteil sprichst, für den Dichter anzusehen, so würdest du vielleicht dich wieder erzürnen.
Gibt es denn also keinen Dichter, wo es doch ein Gedicht gibt, das wäre ja sonderbar, ebenso wie wenn man ein Flötenspiel hörte, trotzdem daß ein Flötenspieler nicht da wäre. Oder ist vielleicht dies Gedicht einem Volksspruche gleich, zu dem man den Dichter nicht weiß, weil es ist als hätte ihn die ganze Menschheit gedichtet; und hast du mein Plagiat etwa darum das schäbigste genannt, weil ich nicht einen einzelnen Menschen bestohlen, sondern das Geschlecht, und hochmütig, obwohl ich nur ein einzelner Mensch bin, ja sogar ein schäbiger Dieb, mir die Miene gegeben das ganze Geschlecht zu sein?
Verhält es sich auf die Art, so daß ich, falls ich bei allen Menschen herumginge, und alle zwar das Gedicht kennten aber ein jeder zugleich wüßte, er habe es nicht gedichtet, – so daß ich daraus nun schließen könnte: mithin hat das Geschlecht es gedichtet? Wäre dies nicht sonderbar? Denn wo das ganze Geschlecht es gedichtet hätte, so müßte man dies ja dahin ausdrücken, jedermann sei gleich nahe daran, es gedichtet zu haben. Dünkt dich das nicht eine schwierige Sache, in die wir hineingeraten sind, indessen das Ganze zu Anfang so leicht abgemacht zu sein schien mit deinem kurzen Zorneswort: mein Gedicht sei das schäbigste Plagiat, und mit meinem Erröten darüber das hören zu müssen.«

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aus: Felix Philipp Ingold: Freie Hand.
Ein Vademecum durch kritische, poetische und private Wälder

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