Enzyklopädisch

Mit dem Erscheinen des ersten alphabetisch angelegten Kompendiums zur abendländischen Geisteswelt kommt es zum definitiven Bruch zwischen Natur und Kultur, zwischen Ding und Wort. Die legenda, das zu Lesende, verlagert sich vom Buch der Natur auf den schriftlich fixierten Text, der seinerseits, als linearprogressives Kontinuum, zum Modell des neuzeitlichen Geschichtsverständnisses und der Neuordnung der Welt durch die Verkettung der Wörter sowie durch ihre Anordnung im Raum wird; der Bruch verhilft, mit Ezra Pound zu reden, dem »Alphabet zum demokratischen Triumph«.
Wenn das Textmodell der Enzyklopädie neuerdings vermehrt auch im Grenzbereich zwischen Wissenschaft und Dichtung, vor allem im hybriden Genre des literarischen Essays, Verwendung findet, so geschieht dies gewiß nicht im Interesse jener universalen Ordnung, welche die Enzyklopädisten durch Einführung der alphabetischen Begriffs- und Namenverkettung willkürlich geschaffen hatten; vielmehr scheint es gerade der Illusionscharakter des Lexikons zu sein, welcher die Schriftsteller dazu ermutigt, den enzyklopädischen Willkürakt mit literarischen Mitteln gleichzeitig zu praktizieren und zu denunzieren … ein Verfahren, das die Listen des reinen Zufalls auf paradoxale Art und Weise unterläuft.
Für Heimito von Doderer, Verfasser eines alphabetisch angelegten Repertoriums von »Höheren und niederen Lebens-Sachen«, ist die Enzyklopädie nichts anderes als »eine Sammlung von Reizstoffen: Initiatoren der Spannung«, welche »die günstigste Einstellung des Fernglases oder des Mikroskopes« ermöglichen, die Einstellung nämlich, »die genau ins Brennbare verlegt und so den Funken plötzlich und scharf erglühen läßt«. Von daher wird verständlich, daß Autoren wie Alberto Savinio, Andreas Okopenko, Roland Barthes, Milorad Pavi? ihre Unzufriedenheit mit den Enzyklopädien nicht durch die Niederschrift eines Romans … oder den Bau eines Hauses … kompensiert haben, sondern dadurch, daß sie jeweils eigene Gegen-Enzyklopädien entwarfen, die von »Abat-jour« bis »Zoographie«, von »Aberdeen« bis »Zunächst aber«, von »Abhängigkeit« bis »Zugrunde gehen«, von »Ateh« bis »Vater Teoktist Nikoljski« oder auch von »Algabal« bis »Wolkenbügel« reichen.
»Verzichten wir also«, schreibt Savinio in seiner Enzyklopädie unterm Stichwort Enzyklopädie, »auf eine Rückkehr zur Homogenität der Ideen, das heißt, zu einem vergangenen Zivilisationstyp, und bemühen wir uns, die disparatesten Ideen, inbegriffen die desparatesten … miteinander leben zu lassen.« Und so könnte die enzyklopädische Willkür, meint Barthes, der Unschuld des Imaginären wieder eine Chance geben »gegenüber den korrekten Gepflogenheiten des Umgangs mit dem Wissen«.

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Wer’’s weiß, sucht das Positive zwischen Wahn und Sinn; die höchste, die abstrakteste Ordnung ist dem Chaos am nächsten.

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aus: Felix Philipp Ingold: Freie Hand.
Ein Vademecum durch kritische, poetische und private Wälder

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