Ernte

Das »Wesentliche« seines Lebens habe er, notiert Proust in einer Konzeptskizze zu seinem ersten großen Erzählwerk, gesammelt, um daraus … »ohne eigene Beimischungen« … ein Buch werden zu lassen; und tatsächlich sei dieses Buch, »Jean Santeuil«, »niemals gemacht«, es sei »geerntet worden«.
Der Autor gibt sich hier, wie man sieht, nicht als Schöpfer aus; er ist … umgekehrt… der, der erntet. »Ernte«, bekanntlich, ist gleichbedeutend mit Lese, und bei Proust ist der Autor eben der, welcher Lebenserfahrungen und Lesefrüchte »erntet«, also abliest, um sie zum Buch zu keltern.
Die Erzählung entstünde demnach aus Angelesenem, Abgelesenem; und was uns der Autor schließlich als Buch zu lesen gibt, ist … so müßte man nun sagen … nicht eigentlich das Erzählte, sondern jenes Erlesene, auf das er beim Schreiben ebenso angewiesen bleibt wie wir bei der Lektüre.


aus: Felix Philipp Ingold: Freie Hand.
Ein Vademecum durch kritische, poetische und private Wälder

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