Konditional (I)

Und wenn, was ich sage, schreibe, die Wahrheit wäre, unversehens das, was absolut gilt; es wäre entsetzlich. Einmal die Wahrheit gesagt, es ist nicht wieder gutzumachen. Ich hätte, als Autor der Wahrheit, unwiderruflich die Freiheit verloren, das schlichte Menschenrecht, in die Irre zu gehn, mich zu verzählen, dich zu täuschen. Die Wahrheit gesagt zu haben ist das letzte. Drauf folgt nie mehr Gesang, nur der schrecklichste Schrei, das Schweigen.
Doch wer die Wahrheit sagt, der tut’s unter der Notwendigkeit des Zufalls, ist vom Schicksal geschlagen, kann nicht anders; die Wahrheit sagen zu wollen, setzt Täuschung, Lüge, Spekulation voraus. Überhaupt ist Wahrheit nicht bloß etwas Festgestelltes, Feststehendes, vielmehr ist sie Ereignis, ein Wort als Tat. Ein Fluch. Ein Schlag. Demgegenüber können erschlossene Wahrheiten, die Wissenschaftsgeschichte lehrt es, nur falsch sein, solche Wahrheiten können neu einzig aus der Falsifizierung älterer Wahrheiten entstehen, und sie sind ihrerseits notwendigerweise der Falsifizierung unterworfen. Nützlich, aber gerade deshalb so unwahr.
Die Wahrheit, lese ich heute in einer Sammelbesprechung über philosophische Neuerscheinungen, sei »Trugbild des Wahren«; in Analogie dazu wäre vielleicht die Wirklichkeit als Trugbild des Wirklichen zu begreifen.

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aus: Felix Philipp Ingold: Freie Hand.
Ein Vademecum durch kritische, poetische und private Wälder

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