Musik

Noch nie habe ich über Musik, Musikalisches geschrieben; wie denn auch. »Nein, bitte, solche Töne nicht.« Vielleicht läßt sich über Musik nur so … abwehrend, wegwerfend … reden. Denn es gibt keine adäquaten Metaphern für musikalische Vorgänge, Ereignisse, Empfindungen.
Musik ist, also ist sie nicht zu beschreiben, nur zu schreiben. Dies im Unterschied zum Bild, zum Text, über die man durchaus reden, sogar streiten … sich auseinandersetzen kann; Text und Bild sind da, sie stehen gemeinhin für das, was sie nicht sind, sie sind genau so groß wie der Wirklichkeitsausschnitt, den sie verdecken. Wer das Bild sieht, wer den Text liest, ist augenblicklich blind für die reale Gegenwart dessen, was nicht Text ist, nicht Bild.
Wohingegen die Musik ganz unabwendbar ist, sie offenbart sich dem warmen Organ, sie wird real, ist gegenwärtig erst, wenn sie sich von allen materiellen Trägern abgelöst, sich aufgelöst hat; wenn sie reinste Erregung geworden ist, reines Präsens. Dann ist alles klar, und nichts bleibt zu sagen, zu schreiben. Außer, vielleicht, schweig!

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aus: Felix Philipp Ingold: Freie Hand.
Ein Vademecum durch kritische, poetische und private Wälder

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