Narziß (I)

Das ist das Desaster; daß gerade die Kunst … und gerade die Wortkunst auch … uns zu »Verbrechern« macht und zu Gebrochenen; indem sie uns in unserm Einssein entzweit. Die Kunst … und gerade die Wortkunst auch … ist die am höchsten entwickelte Form menschlicher Selbstrepräsentation und verhindert … als solche … die einfache, die schweigende Präsenz des Subjekts diesseits von Wort und Bild … jenseits jeder Ähnlichkeit und jeglichen Vergleichs. Unsere präsenzlose Verlorenheit hienieden wird durch den Tod beschlossen … und nur in der Fiktion, nur in der Selbstherrlichkeit unserer Repräsentationen überleben wir. Die Krypta des Kunst-Werks ist Lebens-Raum. Raum für die Gestorbnen; die meisten Autoren, deren Texte wir lesen … deren Bilder und Bauten auch uns überdauern … sind tot.


aus: Felix Philipp Ingold: Freie Hand.
Ein Vademecum durch kritische, poetische und private Wälder

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