Prosa

Auf dem Bild ist ein Bild zu sehn, das durchsichtig wie ein Fenster ist … ein Bild, zu dem es kein »Dahinter« gibt, das also nichts ihm Äußerliches repräsentiert, das vielmehr präsent macht, was es ist … nämlich nichts, was der Rede wert wäre; das heißt … ein Reales. Ich sah’’s, sie saß bloß da … dachte nah am Kind. Und aber komisch, hier sind Opfer mehr. Doch kein Bit vom Schmaus der Drübern. Am Rand der Verhandlungen ab und wann das sanfte Klatschen einer … und noch einer Wagentür. Großer Mittag. Und wo sind die Wolken, und wer sind die, die behaupten, daß keine Wolke zum Himmel gehört. Weil Schneise. Was durchaus so sein mag für jene Frau dort, die nun plötzlich stehen bleibt, den Kopf zurückwirft, und der erst jetzt die Augen aufgehn. Nur … aber was beweist das gegen den Himmel. Denn Himmel bedeutet genau dies. Nämlich Blau. Also Unmöglichkeit von Wolken. Also auch kein Beweis. Den Augenblick packt sie mit bloßen Händen, knetet daraus eine winzige Erinnerung, um sie, sobald die teigige Masse erstarrt ist, zart zu kolorieren. So. Denn das Wirkliche hat man immer nur nicht sehen wollen. Verdrängt’’s. Leugnet’’s. Statt dessen all die Ideen … die Wahrheit. Doch handkehrum dein Körper, der nur sich gehört, Öhr für keinen Ariadnefaden. He! Ich, wo bist du? Auf der Hut im Labyrinth. An der Klus zum Grüntal der Dummheit. Doch wer’s betritt. Braucht sie einen schlanken Sopran, um unter seinen Bässen durchzutauchen. Und wer umarmt wen in der Umarmung, wer sieht wem über die Schulter, um den Augenblick zu retten. Im Wirklichen, so erklärt es uns Rosset zwischen Tür und Angel, findet sich tatsächlich nichts, was zu seiner eigenen I-n-t-e-l-l-i-g-i-b-i-l-i-t-ä-t beitragen könnte. Der Stein weiß nichts von sich, er ist’s. Und ebenso das Wort … es ist, indem es erinnert. Das Jenseits, behauptet Angie beim Frühstück, heißt Isaak. Aber die Wirklichkeit, es kann nicht genug wiederholt werden, ist die Gegenwelt des Wirklichen. Denn die Wirklichkeit, schreit der Latzhosentyp in der hintersten Reihe, ist doch nur die Vorstellung … das Bild, das wir uns vom Wirklichen machen. Jetzt, ihr Lieben, reicht’s. Setzen wir auf das trojanische Pferd … das trojanische Pferd ist leichter zu beschreiben als ein Pferd wie du und ich. Wem, o graue Theorie, sind unsre Augen aufgegangen. Das Nichts allein, sagt Fritz, ist zu verlieren. Jedes Ich lautet bloß, es klingt wie »Mensch, mach schon …«, stell dir dieses Wörtchen brandgekerbt auf einem Grabkreuz vor, mit Lebensdaten, dazu den Spruch »Was ich geschrieben habe, habe ich«. Derweil die Bäume langsam aus den Wäldern treten, und die Sonne steht als kodakgelbe Null links unten am Himmel. Wie kommt es, fragt beim Lunch Frau Haller ihren Mann, aber ich habe den Eindruck, sagt sie, daß mein Gesicht immer erst aus deinem folgt, das kannst du doch, schreit sie, bitte nicht machen, auf die Dauer sei das, meint sie, wie kein Gewitter. Und hörst du mir denn überhaupt zu. Du. Ja … ach, nimm dein Grab und hau ab. Das Ich, so könnte man theoretisch, also metaphorisch sagen, bildet zwischen Knie und Kinn eine Art Weltinnenraum, drin dicht gedrängt die blinden Passagiere, die auf ihr Ahal-Erlebnis warten. Troja nach dem Fall. Ichkönig übernimmt die Macht, tritt unter allen Namen als gütigerer Pate an. Fantomas mit Blut im Mund als schräger Scherge flieht. Doch wäre auch das kein Beweis. Daß zwischen deinen Füßen in der Pfütze ein Stück Sonne schwimmt. Weiß es vielleicht dann die Nacht. Wirklich ist, was sich gehört. Also laß. Zeit jetzt abzubiegen rechts ins Leben. Eben war da noch ein großes W zu sehn. Doch im Rückspiegel wird, wo’’s tagt, die Vergangenheit allmählich größer. Da ist sie schon. Nicht wahr. Aber … wirklich.


aus: Felix Philipp Ingold: Freie Hand.
Ein Vademecum durch kritische, poetische und private Wälder

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