Schweigen (II)

Schon Lichtenberg hatte sich gewundert darüber, daß männiglich über die ganz normalen Turbulenzen in der Luft sich wundern mag, über die Brise, den jähen Windstoß, den Frühlingssturm etc., daß aber keiner ins Staunen kommt, wenn der Wind plötzlich abflaut, die Luft unbewegt zwischen den Häusern steht und kein Zweig, kein Blatt im Garten sich rührt. Das wäre ja dann vielleicht, nicht anders als die fotografische Momentaufnahme, eine Art von Normalität, die wiedergefundene Ordnung der Dinge im Stillstand.
Aber es ist umgekehrt; die Windstille ist der Sonderfall, der die Regel bestätigt, und die Regel würde besagen, die Windstille sei einer von vielen möglichen Bewegungszuständen der Luft. Oder noch einmal anders gesagt. Das Normale ist die Turbulenz, die chaotische Luftbewegung; die Windstille ist die radikalisierte Turbulenz, das beruhigte, niemals gezähmte, nicht zu zähmende Chaos.

Share on Facebook0Email this to someoneShare on Google+0Tweet about this on TwitterPin on Pinterest0

aus: Felix Philipp Ingold: Freie Hand.
Ein Vademecum durch kritische, poetische und private Wälder

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.