Schweizer

Seit seinen Anfangen in den fünfziger Jahren ist Eugen Gomringer, der konservative Avantgardist, kompromißlos sich selbst treu geblieben. »an der absicht, konstellationen für sprachgestaltung einzusetzen, hat sich nichts geändert«, hält er in einer knappen Vorbemerkung zu seiner mehrbändigen Werkausgabe fest. »ich sehe in ihnen«, so fährt er, umständlich definierend, fort, »kommunikationsmodelle für frühfasen wie für endfasen wortsprachlicher gestaltung.« [eugen gomringer, vom rand nach innen (Werkausgabe in 4 Bänden), I, Edition Splitter, Wien 1995.] Entscheidend ist hier, daß sein Interesse … wie das Interesse der »Konkreten« generell … dem einzelnen, kontextfrei gesetzten Wort als solchem gilt, und nicht der syntaktischen Wortverbindung, nicht dem Satz, der eine bestimmbare Aussage oder gar eine bestimmte Wahrheit zu vertreten hätte. Weder läßt Gomringer von »äußern Dingen« sich anregen, noch hat er es darauf abgesehen, dem Leser etwas mitzuteilen, das als seine Erfahrung oder Erkenntnis hinter den Wörtern stünde, von diesen also lediglich »bedeutet« würde.
Was für Gomringer schon 1944 richtig war, gilt im Hinblick auf »die sache der konkreten« nach wie vor: »sie strebt nach gesetz, vorbild und harmonie. sie strebt zu absoluter klarheit, zur gesetzmäßigkeit, und damit zur realität selber.«
Verschiedentlich ist der »konkreten Poesie«, zu deren wortführenden Protagonisten Gomringer … neben Heißenbüttel, Garnier und den Brüdern de Campos … seit Jahrzehnten anerkanntermaßen gehört, immer wieder ihr »kunstgewerblicher« Charakter und ihre Nähe zu den »Gebrauchstexten« der kommerziellen Werbung vorgeworfen worden. Auch wenn dieser Vorwurf heute aus verschiedenen Gründen differenziert werden müßte, verweist er auf eine tatsächliche Schwäche konkret-poetischer Texte, nämlich auf deren ideelle und strukturelle Dürftigkeit, welche einhergeht mit allzu widerstandsloser Verständlichkeit bei gleichzeitig forcierter theoretischer Komplexität.
Doch eben dieser besonderen Verbindung von »guter Form« und intellektuellem Anspruch mit spielerischer Leichtigkeit und populärem Aha!-Effekt hat die »konkrete Poesie« ihre bemerkenswerte Langlebigkeit zu verdanken … ihre Fähigkeit, auch diesseits der Literatur auf immer wieder neue Weise »aktuell« zu werden, sich als »brauchbar«, »positiv«, »angenehm«, ja sogar als »notwendig« zu behaupten. Unangefochten vom Stilpluralismus und Stoffsynkretismus der Postmoderne bleibt Gomringers Schreibarbeit weiterhin an Kriterien wie Disziplin und Kontrolle orientiert, und sie lebt sich noch immer aus in der strengen Form von Variationen, Permutationen und diversen andern kombinatorischen oder seriellen Verfahren.
»Eigentlich sind es«, wie Gomringer in asketischer Selbstbescheidung einst zu Protokoll gab, »ein paar Wörter und die Angabe einer Gestaltungsmethode.« Und: » … ich werde fast selbst überrascht, wenn plötzlich etwas dasteht, ein bißchen Form, ein paar Formeln dastehen. Das Gestalten hingegen, das geht dann konstruktiv vor sich, da kommen diese Mechanismen zum Vorschein, mit denen man etwas anbietet, das Konstruktive, zu dem man steht.« Konkret zu schreiben hieße demnach, die plötzliche und unabwendbare Präsenz eines Worts zuzulassen, hieße den Zufall zu akzeptieren, ihn dann aber so zu lenken, daß daraus ein konstruktives Prinzip, ein mechanisches Gesetz werden kann. Was dann bleibt, ist »der anspruch an den leser, mit seiner subjektiven assoziationsfähigkeit und seiner poetischen fantasie die vorgaben des autors für sich selbst zu erfüllen«. Mit andern … dichterischen … Worten: »nimmt vom bestand und / teilt // nimmt vom bestand und / formt // nimmt vom bestand / sich selbst // gibt zum bestand / sich selbst«.

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Zweifellos ist Eugen Gomringer der international bekannteste und einflußreichste Schweizer Dichter der Nachkriegszeit … kein andrer ist zwischen Südamerika und Rußland so oft übersetzt und gedruckt worden, kein andrer ist weltweit in so vielen Zeitschriften und Anthologien vertreten wie er; kein andrer kann auf so zahlreiche Buchauflagen und -ausgaben verweisen, und kaum einem andern zeitgenössischen Autor ist es gelungen, Texte wie »schweigen« oder »wind« oder »worte sind schatten« hervorzubringen, die in ihrer Simplizität an »Ein Gleiches« erinnern, Texte, die von jedem Leser memoriert und dem Verfasser zugeordnet werden können.

Was bei Gomringer letztlich aber doch irritiert, ist seine stets gleichbleibende poetische Perfektion, seine Geheimnislosigkeit, die biedere Gediegenheit, die auch dort zutiefst »schweizerisch« bleibt, wo sie universal sein will; was ihm fehlt, ist der Humor, bei dem man trotzdem lacht … der »schmutzige Daumen«, ohne den es keine Vollkommenheit gibt.


aus: Felix Philipp Ingold: Freie Hand.
Ein Vademecum durch kritische, poetische und private Wälder

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