Sonntag (III)

Heute früh mit S. im Hallenbad, wir trainieren Rückenschwimmen. Wir sind die ersten, vorläufig auch die einzigen Besucher hier. Doch jetzt kommt, wie ich nach dem Wenden am vordern Beckenrand und weiter auf dem Rücken schwimmend beobachten kann, ein schmaler kleingewachsener Mann mit dunkler Sonnenbrille aus dem Ankleideraum die Treppe herunter, fast scheint er von Stufe zu Stufe zu hüpfen, und doch hat er, in seiner Gesamterscheinung, etwas durchaus Schwerfälliges; bei jedem Schritt reißt er ruckartig das eine, dann das andere Knie nach oben, erstaunlich fast, daß man kein Klappern hören kann; der Mann trägt einen viel zu weiten Badeslip, der locker wie ein Lendenschurz an seinen Hüften hängt … jetzt wirft er einen kurzen Blick zu uns herüber, dreht sich abrupt um, geht zurück, tritt an eins der Trinkwasserbrünnchen, über das er sich nun lange beugt, obwohl er, wie es scheint, nicht trinkt; er hält den Kopf über das Becken gesenkt, als müßte er sich erbrechen.
Und plötzlich richtet sich der Mann noch einmal auf, schleudert die Hände wie zwei gefangen gehaltene Vögel in die Luft, wirft den Kopf in den Nacken und rennt, als müßte er seine noch immer über ihm flatternden Hände wieder einfangen, mit komischen Sprüngen über die Treppe nach oben, löst sich auf in der neonstrahlenden Weiße des Korridors.


aus: Felix Philipp Ingold: Freie Hand.
Ein Vademecum durch kritische, poetische und private Wälder

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