Täter (I)

Der chinesische Lyriker Gu Cheng, von dem auch Gedichte ins Deutsche übersetzt wurden, hat nach einem Bericht der in Taiwan erscheinenden Tageszeitung »Central Daily News« seine Frau mit einer Axt erschlagen und sich anschließend erhängt. Nach den Angaben der Zeitung waren Probleme zwischen den Eheleuten das Motiv für die in der ersten Oktoberwoche 1993 begangene Tat. Gu Cheng hatte zuletzt in Neuseeland gelebt; er gilt als einer der wichtigsten Vertreter der zeitgenössischen chinesischen Lyrik. Von der offiziellen Kulturpolitik häufig angegriffen, war der 1956 in Peking geborene Autor Ende der achtziger Jahre ins neuseeländische Exil gegangen. Als Gast der Heinrich-Böll-Stiftung und des Deutschen Akademischen Austauschdienstes hatte Gu Cheng in den vergangenen Jahren auch in Deutschland gearbeitet, und ich erinnere mich jetzt, daß ich … wie ich ihn einst in Berlin bei Ajgi in der Küche kurz getroffen habe; er trug einen kaminartigen, nach oben offenen Hut. »Meine Verbindung zum Jenseits«, meinte er; seine Frau, an seiner Seite stets, übersetzte ihn.
Daß Autoren zu Tätern … zu Mördern werden, ist ein eher seltener Fall; Dostojewskij hat diesen Fall am Beispiel Rodion Raskolnikows beschrieben, eines jugendlichen Philosophen, der seine These, wonach alles erlaubt sei, wenn es nur einem höheren Zweck diene, durch die Ermordung einer alten wucherischen Pfandleiherin bekräftigt, für deren Existenz es keinerlei Rechtfertigung gebe und die er nach vollendeter Tat beraubt, um mit dem erbeuteten Geld eine in Not geratene Familie zu retten.
Ein Täter dieser Art scheint auch, freilich aus andern Beweggründen, der alte Althusser gewesen zu sein, der seine noch ältere Frau in einem Anfall von, wie es heißt, geistiger Umnachtung erwürgt hat. Mörder waren Villon, Kleist.

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Daß ein Autor, so oder anders, zum Täter werden kann, setzt wohl in jedem Fall seinen fundamentalen Zweifel am Wort voraus, die Verzweiflung darüber, daß das Wort nicht Tat und auch nicht Ding sein kann. Der Mord wäre dann das in der Tat konkretisierte Wort; ein Wort, das nicht mehr der Sprache angehört.
Die Mordtat ist Erfüllung des Unerfüllbaren; sie wird vollzogen, um das Wort ins Reale überzusetzen, zugleich zwingt sie das Sprechen ins Schweigen zurück; sie will den Tod so wie sie das Reale will; sie stellt Kommunikation her, indem sie sie abbricht.


aus: Felix Philipp Ingold: Freie Hand.
Ein Vademecum durch kritische, poetische und private Wälder

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