Vorderfrau

Vor mir in der Warteschlange am Postschalter steht wieder diese übergewichtige Frau mit dem roten ausrasierten Nacken; wenn sie, unentwegt seufzend, mal hier-, mal dorthin sich wendet, als hielte sie Ausschau nach einem … irgendeinem fernen Verwandten, scheint im Neonlicht des Schalterraums jedesmal der dichte blonde Flaum aufzuflammen, von dem ihre glühenden Wangen bis zum Jochbein besetzt sind.
Die Frau keucht, sie stinkt, sie schiebt mit den Füßen einen Reisekoffer vor sich her, dem sie, wo sie nun endlich an die Reihe kommt, viele kleine Pakete entnimmt, um sie per Luftpost in diverse entlegene Länder zu versenden.
Das Prozedere dauert irritierend lang; aber die Frau, sobald sie spricht, ist wie verwandelt, sie hat eine bezaubernd schöne Stimme, redet in gewählten, geradezu erhabenen Sätzen, wobei sie aber noch immer den Blick zwischen ihre Füße gesenkt hält, so als müßte sie ihren Koffer wie ein unartiges Haustier beaufsichtigen.

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aus: Felix Philipp Ingold: Freie Hand.
Ein Vademecum durch kritische, poetische und private Wälder

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