Wohnraum

Seit Tagen wird drüben im Park eine große alte Villa abgerissen, der ganze Baumbestand dem Erdboden gleichgemacht; Eigentumswohnungen für gehobene Ansprüche sollen hier, laut Ausschreibung auf der bunten Bautafel, errichtet werden. Das Schnarren der Motorsägen, die Stemm- und Stoßgeräusche der Bagger, das Brüllen des Bauführers, die an- und abfahrenden Lastwagen … all dies braut sich zu einem Höllenlärm zusammen, wie man ihn, auf Zimmerlautstärke reduziert, aus Fernsehreportagen von Kriegsschauplätzen kennt. An Arbeit, an irgendeine Form von Konzentration ist unter solchen Voraussetzungen nicht mehr zu denken. Ich behelfe mich mit Gehörschutzkugeln, drücke mir die fleischfarbene Knetmasse in beide Ohren, warte, bis die Masse Körpertemperatur angenommen, sich dem Gehörgang angepaßt, gegen außen ihn abgedichtet hat. Und vernehme nun den gewaltigen Lärm in meinem Innern … das Knacken der Kiefergelenke und Halswirbel, die Schluck- und Gurgelgeräusche im Hals, den Herzschlag gleich hinterm Trommelfell, das Brubbeln im Darm … der Körper selbst ist jetzt ein Faß voller Kampflärm und Drohgeräusche, ist nur noch, so jedenfalls kommt es mir vor, ein Haufen von schreiendem Fleisch. So wohne ich.


aus: Felix Philipp Ingold: Freie Hand.
Ein Vademecum durch kritische, poetische und private Wälder

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