Franz Fühmann: Vor Feuerschlünden; Georg Trakl: Dichtungen und Briefe

Fühmann-Vor Feuerschlünden; Trakl-Dichtungen und Briefe

KARL KRAUS

Weißer Hohepriester der Wahrheit,
Kristallne Stimme, in der Gottes eisiger Odem wohnt,
Zürnender Magier,
Dem unter flammendem Mantel der blaue Panzer des Kriegers klirrt.

Georg Trakl

 

 

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„Alle Straßen münden in schwarze Verwesung“ – wir sind zu der Frage verführt: Wohin sonst? Wer sich zum Begriff des Werdens bekennt, zum Gedanken von stetem Entstehen und Vergehen, Geburt und Grab, Aufblühn und Verfallen, zum „Wertsein des Zugrundegehens“, der muß es auch ertragen lernen, daß er sich auf einer Straße befindet, die einmal in der Verwesung ankommt; es fragt sich nur, was dahinter beginnt. – Was kommt nach der Mitternacht, zu der die blinden Zeiger klimmen? Das „reine Nichts, vollkommnes Einerlei“? – Karl Kraus hat in seiner „Letzten Nacht“, dem Epilog aus den Letzten Tagen der Menschheit, die Auslöschung dieses Planeten beschworen, als Chronik in Regieanweisungen: „Flammenlohe“ – „Weltendonner“ – „Untergang“ – „Ruhe“ – „Großes Schweigen“; zwischendurch die Chöre der Hurra-Optimisten. – Man hat dem Propheten vorgehalten, es sei mißlich, einen Weltuntergang zu dichten und selbst zu überleben; der Vorwurf könnte auch Trakl treffen, doch er trifft an Kraus wie an Trakl vorbei. Die Letzte Nacht, die Mitternacht, sie steht noch bevor, nur ihre Gestalt ist schon beschworen, besser: Aspekte ihres Gestaltseins, deren Wesen der Evangelist ausgesprochen:

Ich muß die Werke dessen wirken, der mich gesandt hat, solange es Tag ist. Es kommt die Nacht, da keiner wirken kann. (Johannes 9, 4).

GRODEK

Am Abend tönen die herbstlichen Wälder
Von tödlichen Waffen, die goldnen Ebenen
Und blauen Seen, darüber die Sonne
Düstrer hinrollt; umfängt die Nacht
Sterbende Krieger, die wilde Klage
Ihrer zerbrochenen Münder.
Doch stille sammelt im Weidengrund
Rotes Gewölk, darin ein zürnender Gott wohnt
Das vergoßne Blut sich, mondne Kühle;
Alle Straßen münden in schwarze Verwesung.
Unter goldnem Gezweig der Nacht und Sternen
Es schwankt der Schwester Schatten durch den schweigenden Hain,
Zu grüßen die Geister der Helden, die blutenden Häupter;
Und leise tönen im Rohr die dunkeln Flöten des Herbstes.
O stolzere Trauer! ihr ehernen Altäre
Die heiße Flamme des Geistes nährt heute ein gewaltiger Schmerz,
Die ungebornen Enkel.

„Alle Straßen münden in schwarze Verwesung“ –: Das furchtbarste Wort dieses Worts lautet „alle“ (wie das furchtbarste Wort bei Johannes: „keiner“); und es fragt sich, wie man es nehmen will, als Dia- oder Synchronität.
Im diachronischen Sinn sagte – unzulässig auf seinen philosophischen Gehalt reduziert – der Vers nichts Andres als das Gesetz des Werdens: Jede Straße wird einmal in die Verwesung führen. – Synchron genommen ist er vernichtend: Heute, welche Straße auch immer du gehn willst, sie münden, sichtbar, im selben Moorgrund, und da schreist du auf, weil so viele Lande noch nicht durchschritten, so viele Werke noch ungewirkt sind. – Dies „alle“ sagt eine Welt ohne Alternative: die Endzeit; alle Geschichte ist sinnlos geworden, doch ist sie’s geworden, oder war sie es seit je? In ihrem So-Sein gewiß, aber mußte sie so werden, war ihr Werden seit je ohne Alternative, war dies Ende in ihrem Anfang schon so da, daß kein anderes folgen konnte? Nicht irgendein Ende: dies allzufrühe? – Der Leser sträubt sich gegen solche Fragen: Trieb Trakl denn Geschichtsphilosophie, sagte er nicht seinen Augenblick, seine lebenslange Stunde zum Tode, die in jedem Menschenleben der Augenblick ohne Alternative ist? Gewiß, „Grodek“ sagt diesen Augenblick, allein wir fühlen uns betroffen. – Die Fragen gehn nicht von Trakls Gedicht aus, wiewohl wir sie von ihm aus stellen. Der Vers steht als Mitte des Gedichtes: Was geht ihm voraus? Und was folgt ihm nach?
Ihm voran geht die Schlacht; ihr voran geht die Landschaft.
Eine schöne Landschaft: herbstliche Wälder, goldene Ebene, blaue Seen, rollende Sonne, aber eine bedrohte Schönheit: noch die tödlichen Waffen tönen in ihr, und die rollende Sonne war hier immer düster, der Komparativ „düstrer“ zeugt davon. Die Schlacht hat sie nur noch düsterer gemacht, sie ist, die Schlacht, Ergebnis, nicht Einbruch – sie war in der Landschaft angelegt. – Landschaft heißt Menschenwelt, nicht bloß Natur; oder Natur, durch den Menschen gebrochen. – Es ist eine Landschaft zum Tod hin, es ist die Landschaft des Abendlandes, die Trakls Spätwerk immer wieder beschwört:

Mond, als träte ein Totes
Aus blauer Höhle,
Und es fallen der Blüten
Viele über den Felsenpfad

so hebt seine Dichtung „Abendland“ an und so geht sie zu Ende:

Ihr großen Städte
Steinern aufgebaut
In der Ebene!
So sprachlos folgt
Der Heimatlose
Mit dunkler Stirne dem Wind,
Kahlen Bäumen am Hügel.
Ihr weithin dämmernden Ströme!
Gewaltig ängstet
Schaurige-Abendröte
Im Sturmgewölk.
Ihr sterbenden Völker!
Bleiche Woge
Zerschellend am Strande der Nacht,
Fallende Sterne.

Es ist die Landschaft Hölderlins, die in diesen späten Gedichten hervorbricht, und hinter ihr liegt Griechenland.
Das Schweigen, das so gerne in Trakls Vers wohnt – hier in „Grodek“ ist es fortgezogen, und was blieb, ist ein ungeheures Stummsein; auch die todwunden Krieger schreien nicht, aus den zerbrochenen Mündern bricht keine Klage, sie sind die Klage: mundloser Mund. – Laokoon; und Grodek liegt vor Troja, Trakls Gedicht macht uns auch darum betroffen, weil es das Jetzt mit den alten Worten, den Worten dichtester Beladung, sagt. Krieger und Waffen, nicht „Kanonier“ und „Granaten“, und steinerne Stadt sagt Theben wie Wien. Das Stumme der Landschaft ist nicht mehr das Schweigen; dessen Wohnung hat ein Andres bezogen:

Doch stille sammelt im Weidengrund
Rotes Gewölk, darin ein zürnender Gott wohnt
Das vergoßne Blut sich, mondne Kühle;
Alle Straßen münden in schwarze Verwesung.

Wird der Gott sie überdauern? – Alle Hoffnung scheint in dem Wort wohnt zu ruhen, doch wie lange wohnt der Zorn unter den Völkern, und wenn ein Gott zürnt, trifft er nicht wieder die Menschen? Oder ist sein Zürnen schon die Verwesung? Trakls Gedicht gibt keine Antwort; Zorn ist darin ein neues Wort, erst im Krieg ist es ihm vertrauter geworden:

Den wilden Orgeln des Wintersturms
Gleicht des Volkes finstrer Zorn

in der ersten Niederschrift steht statt des Volkes: „der Alten“. – Vorher nur einmal: „Rasend peitscht Gottes Zorn die Stirne des Besessenen“; und das Gedicht heißt „An die Verstummten“.
Es ist merkwürdig, und ist es auch nicht: In dieser Dichtung, die so voll auf den Vokal O gestimmt ist, in der die Reimworte Dorn und Korn immer wieder erscheinen, und Brot, und rot, und Odem, und wohnen, und Tod; Gold; Schoß; Rohr; Mord; Mond; Mohn; Moos; Rost; Stroh; Strom; Frost; Wolf; Dorf; Kost; Korb; Gott; Drossel; Glocke; Sonne; und Dornenbogen, und rosig, und Woge, und der reine Vokal O, der für jedes Gefühl steht, Wort mit der Mehrzahl „Worte“, und die Beugungen: tropft; schmolz; bog; log; gestorben; zerbrochen – in dieser Dichtung fehlt vor dem August 1914 das Wort Zorn bis auf dieses Mal, wo es Gott vorbehalten bleibt, und auch das Zürnen tritt nur einmal zutage:

Weißer Hohepriester der Wahrheit,
Kristallne Stimme, in der Gottes eisiger Odem wohnt,
Zürnender Magier,
Dem unter flammendem Mantel der blaue Panzer des Kriegers klirrt.

Dieser Vierzeiler bannt die Gestalt von Karl Kraus. – Was Trakl nicht wissen konnte, und wußte: In dem roten Gewölk, zu dem das vergossene Blut sich gesammelt, wohnt als einer der Zürnenden Karl Kraus, mit dem Donner des Wortes und dem Blitz der Verachtung, und den Mündern der Verstummten hat er jene Sprache verliehen, die ihnen der Zornlose nicht zu geben vermochte:

Fluch, Kaiser, dir! Ich spüre deine Hand,
an ihr ist Gift und Nacht und Vaterland!
Sie riecht nach Pest und allem Untergang.
Dein Blick ist Galgen und dein Bart der Strang!

Auch der Galgen der Bäume, vor jener Scheune; und auch die neunzig Verwundeten, vor denen Trakl seine furchtbarste Ohnmacht erfahren, auch sie hat Karl Kraus beredt gemacht:

Geschwinde – geschwinde –
seht, wie ich – mich – winde –
verbinde, Herr Doktor –
verbinde, verbinde!

Seit so vielen Stunden –
mit so vielen Wunden –
sie bluten, sie bluten –
sie sind nicht verbunden.

Nur noch wenig Minuten –
laßt mich doch nicht verbluten –
verbindet geschwinde,
ihr müsset euch sputen.

So seht doch – wie mir schon –
der Atem – entschwindet –
geschwinde – Herr Doktor –
verbindet – verbindet!

Bei Karl Kraus sind es zwei Kriegsberichterstatter, vor denen der Sterbende sich windet, die könnten ihn in ein Lazarett schaffen, doch sie tun’s nicht, sie haben ihm etwas Positives zu sagen: „… Ihr Heldentod wird / eine schöne Notiz“; und auch eine Vision stellt sich bei ihnen ein:

Das wär’ ein Effekt,
dem Abonnenten zu zeigen,
den Priester direkt
über den Helden sich neigen!

Die schwarze Verwesung; das rote Gewölk.
Fiducit!
Abendland; schöne Landschaft, auch nach der Schlacht noch: Goldnes Gezweig der Nacht und der Sterne, Gegenbild der goldenen Ebene hoch droben, und die Flöten des Herbstes tönen: Wer naht? – Erscheinendes schon einmal in ähnlicher Landschaft, da die Hirten die Sonne im kahlen Wald begruben:

Wieder nachtet die Stirne in mondenem Gestein;
Ein strahlender Jüngling
Erscheint die Schwester in Herbst und schwarzer Verwesung.

Damals war sie das Andre zur schwarzen Verwesung, und die Schwärze nur Folie vor ihrem Glänzen, doch was zu Grodek heranschwankt, ist der Schatten der Schwester, und auch er geht stumm, wie die Schatten gehen, die unter der Sonne des Körpers Flachbild, unterm Mond die Seelen der Toten sind. – Das Schattenreich; griechische Landschaft, es ist das Reich, das Odysseus bereist hat, nachdem ihn Kirke freigegeben, das Reich der Toten, die alle nicht tot im Sinn eines Ausgelöschtseins sind: Sie haben nur ihre Körper verloren, das Instrument ihres Tätigseins, sind nur in die Wirkungslosigkeit geworfen, Schatten körperlos, tatenlos, „flatterndes Traumbild“, unfähig, je wieder eine Spur zu prägen, und doch hungernd und heulend nach Tätigwerden, Anderswelt zu jener der unlebbaren Leben, von denen der Vers Trakls zeugt –: Hat der Leser die Worte Homers im Ohr, mit denen der tote Achilles den Trost anficht, daß er, der einst droben der herrlichste Held war, ja nun auch unten, im Schattenreich, gewaltig als ein König herrsche:

Über mein Sterben tröste mich nicht, erlauchter Odysseus,
Wollte ich doch lieber als Knecht bei Lebenden fronen,
Selbst bei einem Armen, der ohne Äcker und Güter,
Als hier das Gewimmel verblichener Toten beherrschen –

dies Schattenreich der heulenden Seelen, es ist die Nacht, in der keiner mehr wirken kann, und die schwarze Verwesung, in die alle Wege münden, wir sahn sie nie so sehr als materielle Zerstörung denn als die Vernichtung von Schöpferischem, von Möglichkeit menschlichen Entfaltens, von Wahl und Alternativen an. – Die Stagnation; gestocktes Dasein; eine Verwesung, die nichts hervortreibt und nur unablässig sich selbst reproduziert. – Trakls Gedicht kennt auch eine grüne Verwesung, die ist zwar nur in der Natur, doch sie ist ins Leben eingebettet, und aus ihr wird wieder Leben wachsen:

Seele sang den Tod, die grüne Verwesung des Fleisches
Und es war das Rauschen des Walds,
Die inbrünstige Klage des Wildes. –

Dies in Trakls Requiem „An einen Frühverstorbenen“; ach, immer und immer wieder: zu früh! Nun sieht er dies Zu-früh vor der Menschheit; in der schwarzen Verwesung geht die grüne Hoffnung zugrunde, und auch die Schwester ist nur noch ein Schatten:

Zu grüßen die Geister der Helden, die blutenden Häupter;
Und leise tönen im Rohr die dunkeln Flöten des Herbstes. –

Der Abschiedsgruß des gestorbenen Pan.
Wir müssen gestehn, daß der Schluß dieses Gedichts, der als so schwierig und rätselhaft gilt, uns nie so recht Schwierigkeiten gemacht hat; wir hatten ihn von Anfang an, freilich nie mit dem Anspruch, ihn ganz zu haben.

O stolzere Trauer! ihr ehernen Altäre
Die heiße Flamme des Geistes nährt heute ein gewaltiger Schmerz,
Die ungebornen Enkel.

„Stolzer“ – welche Trauer wird hier gesteigert? Die Klage der zerbrochenen Münder? Oder jene Floskel der Zeitungsanzeigen trauernder Hinterbliebener auf eines Mannes oder Bruders oder Sohnes Heldentod? Wir wissen es nicht, wir wissen nur, daß sie stolzer ist als eine andere Trauer, nicht: „die stolzeste“, das wäre Hybris, aber stolzer etwa als jeder Trost.
Wir haben immer von diesen zwei Worten eine unglaubliche Kraft ausstrahlen gefühlt, nahe verwandt der Herrlichkeit der Verachtung und den Betroffenen stärkend, seiner Wirklichkeit ins Gesicht zu sehen, und wäre das ein Medusenhaupt. – Sie ist, diese stolzere Trauer, nicht eine Klage übers Vergangene, das ist für die Schatten sinnlos geworden, wiewohl sie nun befähigt sind, die volle Wahrheit darüber zu wissen; und sie ist auch nicht die Trauer ob eines elenden Heute, darin wenigstens zu wirken die Schatten sich sehnen – sie ist die Trauer um die Zukunft, die den Enkeln bereitet ist, nämlich die, ungeboren zu sein. – Das Wort Enkel ist gewiß nicht auf die Nachfahren als übernächste Generation, die Kindeskinder, festzulegen, es faßt die Nachfahren insgesamt, Sammelbegriff jeden Geschlechts und aller Alter; die Worte „Kinder“, „Söhne“, „Töchter“ spezialisierten zu sehr. Enkel hat etwas von dem Neutrum, das Trakl bevorzugt, es sind all die, die nach uns kommen können oder könnten, und das Wort ungeboren hat zweifachen Sinn: „noch nicht geboren“ oder „ohne Möglichkeit, geboren werden zu können“ – die ihre Erzeuger werden sollten, verwesen drunten im Weidengrund. Und es hat, jenes Wort ungeboren, bei Trakl noch einen dritten Sinn: die zwar ins Leben geboren wurden, aber nicht zu dem werden durften, zu dem sie sich als Person bestimmten: Silbern sank des Ungebornen Haupt hin – dieser Ungeborene hieß Kaspar Hauser, er war dreißig Jahre alt, und sein Ziel war: Ich will ein Reiter werden. – Er wurde es nicht; die Mörder kamen; „zu früh“ sagt das gleiche wie „ungeboren“; nicht werden dürfen, was man sein könnte, seine Fähigkeit nicht entfalten dürfen.
Diesen Opfern, Ungeborenen, Lebenden, Toten, ihnen gilt die stolzere Trauer, stolzer als die jener Zeitungsanzeigen, und nun wollen wir gestehen, daß wir vor das Denkmal der letzten drei Verse nie ohne Erschütterung treten können: In der Weite des Ostens der Zug der Altäre, ehern, nicht Stein, und auf dem Eisen, von Schmerz gespeist wie die Pylonflamme vom Öl, das Feuer des Geistes: Bewegt es auch die Materie? Dann glüht der Altar, ein erhabener Rost, und ihm gegenüber das andere Glühen, das von Menschenfleisch gespeist ist: Grodek liegt vor Troja, Grodek liegt vor Auschwitz; und im Licht dieser drei Feuer des Abendlandes bleibe Jeder mit Trakls Gedicht allein.

Beim Studium von Trakls Umwelt waren die Erinnerungen an meine Kindheitsreise wieder erwacht; sie gingen wie Schatten durchs Gedächtnis, manchmal in einem Detail sich sammelnd: ein steinerner Faunskopf vor Taxusbüschen; ein Brunnen, aus dem ein brüllendes Roß stieg; schneeweißer Holztisch in einem Wirtshaus – war es Erinnerung, oder Trakls Gedicht? Doch hinter all den Bildern, die stiegen und zogen, trat eines immer wieder herauf, verdämmert, verwaschen, unbestimmt drückend –: Der Gefangene im Steinverlies, die Gitter, der Wasserkrug, das Stroh auf dem Boden, die Gestalt des Gefangenen selbst, ich sah sie wie in quälenden Träumen: sich entziehender, wenn man sie drängender anschaut – wer war dieser Gefangene? Ich hatte ihn gesehen, das konnte ich beschwören; ich hatte ihn im Stein gesehen, ich war vor seinem Kerker gestanden, ich hatte an seinem Gitter gerüttelt, mich schauderte, wenn ich daran dachte: War er der Wahnsinnige, war ich’s?
Mein Verlangen wurde übermächtig, diese magischen Stätten wiederzusehen, doch zugleich kamen andre Erschütterungen, größere, nähere, von jener Art, wie sie in Trakls letzten Gedichten zittern. Ich las, da meine Auswahl zustande gebracht war, dann – ich glaube fünf Jahre lang – nichts mehr von Trakl, um so mehr von Marx und Hegel, und um der Forderung des Tages genügen zu können, übte ich mich im Essay. Dann trug mir der Leipziger Reclam Verlag erneut die Edition von Trakls Werk an, und diesmal sagte ich nicht nur zu, sondern erbot mich, meine Erfahrung zu schreiben, und ich stellte dafür die eine Bedingung: eine Reise in Trakls Stadt.
Im Mai 1977 fuhr ich nach Salzburg; der laut Kursbuch raschesten Verbindung folgend, würde ich in tiefer Nacht ankommen, und ich wollte mich bei der Ankunft nicht umschaun, sofort ins Hotel fahren, mich schlafen legen, um mich dann am Morgen vom Anblick der Stadt durchstürzen zu lassen wie von einem Erinnerungstrank.
In der Mitternachtsstunde kam ich an; der Bahnhof in der Neustadt diesseits, das Hotel in der Altstadt jenseits des Flusses, das hatte ich dem Stadtplan entnommen, doch als mich das Taxi dann durch die Stadt fuhr, brauchte ich die Augen nicht zu schließen, die Stadt lag im Dunkel, spärliche Lichter, dunkel die Gassen, dunkel die Kirchen, dunkel die Plätze, dunkel die Brücke; der Himmel finster und ungestirnt; und dann war das Zimmer eine Zelle, vier Schritt im Quadrat, Bett, Stuhl, Spind, Nachttisch, meinen Valutaverhältnissen angemessen; und als ich am frühen Morgen erwachte, war der erste Blick auf Salzburg der in einen Lichtschacht, das Zimmer lag nach hinten hinaus, die Seitwand des Schachts schnitt die Fenstereinfassung, die Querwand lag keinen Armbreit vor mir. Ich hätte sie berühren können, eine graue, grießige Mauer, oben ein Spalt graueren Himmels, und am Schachtgrund grauer Stein. – Glocken. – Ich fragte den Portier nach dem Geburtshaus Trakls; er hatte den Namen noch nie gehört. – Der Kaffee war gut, das Gebäck hinreißend; dann die Gasse vorm Hotel, auch sie ein Lichtschacht, schmal, ein Fiaker füllte sie völlig, und zu beiden Seiten Siebenstockhäuser; Glocken; die Geschäfte noch verschlossen, Lieferwagen, Handkarren, Spülicht, plötzlich ein Platz; plötzlich Gedränge; plötzlich stand ich am Kanal des Flusses, die graue Salzach toste durchs Steinbett, aus den Mündungen der Abwasserrohre trübes Gerinnsel, doch in der Luft lag Schneegeruch, die wilde Salzach roch nach Gletschern, und da zerriß ein Windstoß die Wolken, schraubte sie den Fluß hinunter, und die Berge, die Stadt jäh übersteigend, traten hervor, und du sinkst ins Knie.
Seit dem Kaukasus, seit mehr als dreißig Jahren, hatte ich kein Hochgebirge gesehen, Berge aus Fels, unbewaldet, Schneegipfel; sie schienen aus dem Zink der Dächer zu wachsen, der Himmel spannte sich kristallen; unterm Stein der Berge der Stein der Burg, und ihr zu Füßen der Stein der Stadt. – Dröhnen Tausender Glocken; der Tag zog auf. – Ich dachte nicht an den Ausflug der Kindheit, ich sah nur die Gedichte Trakls, ich sah ihr Blau, ich sah ihren Himmel, ich sah ihre Stadt und sah Trakls Farben: Blau, Braun, Violett, Rot, Grün, Weiß, Hyazinthen, Gold, Rosig, Schimmer, die Farben Salzburgs, die Farben seines Steins, barocke Farben; ich sah die Verse dieser Stadt, die Verse aus Trakls Dichtung waren: Rösser tauchten aus den Brunnen, der Sonnenlenker stürzte vom Himmel, des Kirchturms Schatten und Goldnes an Blumenfenstern, der Mönchsberg und der Mirabellgarten, ein Faun schaute mit toten Augen, großer Fürsten schöne Schilder, und immer wieder und dies alles der Stein, der die Landschaft war und die Landschaft umschloß.
Dann Trakls Geburtshaus; Trakls Wohnhaus: der Kreuzung, und die Säulen im Hausflur; der Garten der Schwester, wildwuchernd noch immer, ein Nußbaum, Holunder, verwitternde Brunnen; Trakls Apotheke; Trakls Gifte; Trakls Sonne; ich ging wie im Traum. Das Café Glockenspiel; das Café Tomaselli; das Bordell gleich ums Eck in der Judengasse von einer Bombe im Krieg zerstört, doch man konnte zum neuen hinüberschauen, das im Stein des Kapuzinerbergs liegt. – Blütenkrallen drohn aus Bäumen: im Trakl-Archiv sah ich vergilbte Photographien, tatsächlich, da standen Kastanienbäume; und das Spital; und Anif; und die Vorstadt; die vergitterten Fenster und dahinter der Wahnsinn; dunkle Gasse, braunes Gärtchen, und der Kanal spie plötzlich feistes Blut.
Ich weiß, es ist nun an der Zeit, das Wort Goethes zu erinnern, daß, wer den Dichter verstehen wolle, ins Land des Dichters gehen müsse, doch dieses Wort ist ja heute zu oft Hochmut und Hohn. – Ich bin nicht befugt, für den Leser zu reisen, der meiner Route nicht folgen darf; ich kann ihm nicht meine Augen leihen, Trakls Gedicht will in Trakls Landschaft treten, nicht in ein anderes – und soviel ärmeres – Wort. – Ich möchte dem berühmten Beispiel nicht folgen, das jener Schwedenfahrer gab, der verkündete, er reise für uns alle, um uns dann mitzuteilen, es lohne sich eigentlich nicht. – Ich will darum nichts weiter von Salzburg erzählen (und nichts von Innsbruck und nichts von Wien); nur dies: Daß die Nonnen auch heute noch hasten, und daß der Föhn einen Wahnsinn weckt, den man unter der eignen Stirn nie wohnen gewähnt hat, und daß die Farbe des Wahnsinns schwarz ist, und daß er den Fluß hinunterzieht, nach Norden, wo die Schlachthäuser liegen.
Und dies noch: Als ich Trakls Apotheke verließ (ich hatte nach dem früheren Rezeptuarius fragen wollen, doch ich brachte kein Wort heraus), stieg ich die Stufen der mannsschmalen Gäßchen zum Kapuzinerberg hinan, und da, zu halber Höhe, geschah es: Die Höhle im Stein, davor das Gitter, und tief im Stein der Gefangene, in härenem Kleid, in Ketten geschlagen, ein Krug Wasser, Stroh, und Brennnesselbüsche, und ein Rahmen aus Efeu, und steinerne Dornen, und lebendige Dornen, Natur und Menschenwerk in der Waage, und die Gitter rot von Rost. Es waren die Leidensstationen Christi, die dem mühevollen Aufstieg zur Seite standen, der „finstre Kalvarienberg“, den „Sebastian im Traum“ hinanstieg, „an der harten Hand des Vaters, und wo in dämmernden Felsennischen / Die blaue Gestalt des Menschen durch seine Legende ging, / Aus der Wunde unter dem Kerzen purpurn das Blut rann. / O wie leise stand in dunkler Seele das Kreuz auf.“ – Es war nicht das Wiedersehen allein, das mich mit der Gewalt eines Föhns bewegte, es war die Erkenntnis des eigenen Geheimnisses, das in jedermanns Kindheit begraben ruht. – „In seinem Grab spielt der weiße Magier mit seinen Schlangen“. – Geheimnis bleibt Geheimnis, auch jedem das eigne, und in seinem dunkel aufglühenden Licht heißt Anderswerden: Unvereinbares so sich vereinend, daß es als Person unteilbar ist. – Plötzlich begriff ich in Trakls Kindheitsgedichten, dieser manischen, manisch steten Beschwörung seines so nahen Vergangenen, die verzweifelte Suche nach dem Ich, nach dem Moment, da jener Andere daraus wurde, der ihn und uns aus dem ovalen Rahmen als Mörder seiner selbst anstiert.

Reinheit! Reinheit! Wo sind die furchtbaren Pfade des Todes,
Des grauen steinernen Schweigens, die Felsen der Nacht
Und die friedlosen Schatten? Strahlender Sonnenabgrund.

Schwester, da ich dich fand an einsamer Lichtung
Des Waldes und Mittag war und groß das Schweigen des Tiers;
Weiße unter wilder Eiche, und es blühte silbern der Dorn.
Gewaltiges Sterben und die singende Flamme im Herzen.

Vor der Kindheit wird die Schuld zur Unschuld und die Schuld schlägt auf die Unschuld zurück; ich kann mich keiner Dichtung erinnern, in der dieser Widerspruch solches Bild fand: Strahlender Sonnenabgrund.
–  Hier begriff ich’s, und ich begriff jäh auch diese Zeile: „Gebirge: Schwärze, Schweigen und Schnee“.
Ich hatte das Werden eines Menschen bislang als ein Nacheinander, wenn auch in seiner Entfaltung, gesehen; nun, vor dieser Höhle im Stein und in meinem Erinnern, vor dem Gefangenen in Kälte und Ketten, begriff ich, daß dies Werden auch ein Zugleich ist: Du verlierst nichts von dem, was du einmal warst, und bist gewesen, was du erst wirst. – Meine Kindheit war fünfzig Jahre fern und war mir, das so unbegreiflich Andre, nun jählings näher als mein Heute, aus dem ich in die Vergangenheit trat: Meine katholische Kindheit, meine fromme Kindheit, meine Kindheit mit Schutzengel und Jungfrau Maria, meine österreichische Kindheit, meine böhmische Kindheit, meine deutsche Kindheit, meine abendländische Kindheit, meine Kindheit im Gebirge, meine Kindheit in den Wäldern, meine Kindheit im Garten, meine Kindheit im Schnee, meine Kindheit im Kristall des Himmels, meine Kindheit vor lebendigem Feuer, meine Kindheit in Unschuld neben der Schwester, meine Kindheit in der Hölle, über die Vater und Mutter herrschten, unablässig einander zerfleischend, unablässig einander Schmerzen auspressend, unablässig uns Kinder als Schild vor sich tragend; meine Kindheit im Dorf, meine Kindheit im Wirtshaus, meine Kindheit im Kloster, meine Kindheit unter den Jesuiten, meine Kindheit unter den Faschisten, meine Kindheit mit Sindbad, meine Kindheit vor Troja, meine Kindheit vor dem Pentagramm, meine Kindheit vor den Krematoriumsöfen – und ich hörte die Frage eines großen Lehrers, des heiligen Augustinus: Deine Kindheit ist vergangen, doch wo ging sie hin? – In dein Geheimnis; dort ist sie bewahrt, und je mehr du davon erinnerst, um so dunkler wird sie dir. – Meine Kindheit auch vor dieser Höhle, ich war zehn Jahre alt, da ich hier gestanden, und mir fiel ein, daß ich viel später ein Gedicht geschrieben, beginnend mit einem Kerker im Stein, das war nach der Rede Chrustschows zu Stalin gewesen; ich hörte ein Lachen, ein Wellenklatschen: War ich in den Alpen oder im Kaukasus?
Allein ich will mich nicht verlieren: Ich stieg den Kalvarienberg hinauf; eine Bank, aus Stein, tief unten die Stadt. Ich schlug das Buch auf, das ich hier immer bei mir trug, doch die Verse verschwammen; ich fühlte, daß mich jemand ansah; ich blickte auf, und da saß der Engel auf der zerbröckelnden Mauer, die den Kapuzinerberg umschließt. Die hochgezogenen Knie mit den Händen umspannt, wiegte er sich über dem Sonnenabgrund, weißer Schweiß tropfte von seinen Lidern, er wischte ihn mit dem Flügel ab. – Er lächelte; er war in der Heimat, er hatte seine Heimat gefunden, zurückgekehrt aus dem kalten Norden, und ich wußte, daß ich ihn nun verlor. – Was sollten wir miteinander reden? – Unten lag die schöne Stadt, der Glanz ihrer Paläste, der Glanz ihrer Geschichte, der Glanz ihrer Kirchen, der Glanz ihrer Geschlechter, eine Stadt, von der Gereiste sagen, daß sie eine der drei schönsten Europas sei. – Zwischen Burg und Fluß der Stein der Altstadt; mit dem Fluß steinern in die Ebene sich weitend die Neustadt, Stadt, die zur Nacht früh die Lichter auslöscht, nach mühevollem Alltag harter Arbeit, was wißt ihr von Österreich! Auch du Engel meines Vaterlandes; ach es war ja nicht mehr mein Vaterland, das lag unter den Ruinen der Kindheit, Ratten über versottenen Ziegeln, und der Föhn brauste schwarz durch die Stadt. – Ich hatte noch nie den Föhn erlebt: Alle Farben begannen zu fiebern, das unbegreifliche Grün eines Hanges, das greller und immer greller heraufstach, maigiftgrün überm Grün der Kuppeln, verwesendes erblühendes Kupfer, aus dem grauen Stein brachen die tausend Farben, die im Granit und im Marmor schlafen, der Schnee blendete unter dem glühenden Himmel, versengendes Blau; ich sah es noch nie. – Der Fluß wallte, sein Dunst beschlug die Adern; purpurne Schleier über den Augen, da sah ich den Engel schon nicht mehr. – Hämmern im Schädel, stechendes Dröhnen; der Abgrund dampfte als wüster Schall. – Ich wankte die Stufen des Bergs hinunter, Mönche stiegen mir entgegen, schwarze, braune, weiße Kutten, Franziskaner, Augustiner, Kapuziner, Jesuiten, sie schienen sich aus dem Fels zu schrauben; im Stein die Kirchen; im Stein das Bordell. – Eine riesige Katze im kalkweißen Fenster; das unbegreifliche Wehen der Autos, oder waren es Flaggen, die Stadt flaggte schwarz, Rasen der Glocken, und in der Nacht hatte ich einen Traum: Rosse stiegen aus einem Brunnen und wälzten mich durch den Stein der Stadt und stürzten mich in die rotschäumende Salzach, die ihr Steinbett über mir schloß.
Beim Frühstück las ich vom Föhn in der Zeitung, es sei ein schwerer Föhn gewesen, Verkehrstote seien zu beklagen, und ich dachte an eine Vermißtenanzeige: Ein Engel, bejahrt, kotbeschmutzte Flügel, entzündete Lider; ich würde ihn doch nicht wiedersehn. – Ich fuhr nach Hellbrunn, zu den Wasserspielen, das war der Ausflug mit Vater und Mutter: Steinsessel, die spritzten, wenn man sich drauf setzte, Goldfischteiche, Pfauen und Schwäne; ein Haus als Stadt voll fleißigen Volkes, hämmernd, sägend, kochend, küfernd, sauber und emsig und unverdrossen, ich entsann mich fast jeder Marionette, aber die Flüsse dann, die in die Unterwelt münden, hatte ich nie mehr erinnert: blaue Wasser in die schwarze Nacht. – Und dann Apollon und Marsyas, handgroß in einem der Dioramen, die den Weg zur Orpheusgrotte säumen: ein Knopfdruck, und der Gott hebt das Messer und schindet in fürchterlichen Rucken dem armen Silen die Haut vom Leib. – Meine Erzählung davon war schon geschrieben; mir graute; ich erbat eine Photographie. – Ich bekam bald ein Zimmer nach vorn hinaus; hinterm Fenster gegenüber ein schwarzes Comptoir. – In Anif schrien Möwen. – Riesige Uhren. – Von denen, die Trakl persönlich kannten, lebt heut keiner mehr.
Sind wir dem Verständnis von Trakls Dichtung nähergekommen?
Wir wollen es hoffen und fürchten zugleich, daß sie in dem Maß, da wir ihr nahten, sich uns auch entzogen hat. Die erste Begegnung ist zumeist die innigste, aber sie ist unwiederholbar; sie zwingt uns, das Gedicht verstehen zu wollen, um es ganz als das unsre zu haben, doch je mehr wir von einer Dichtung verstehen, um so strahlender, ein dunkles Feuer, tritt ihr unerheilbares Geheimnis hervor.
Walther Killy, dem wir einige exemplarische Aufsätze zu Trakl verdanken, hat den Widerspruch im Verstehn solcher Dichtung auf eine klare Formel gebracht:

Diese Poesie will nicht eigentlich inhaltlich verstanden sein. Aber ihre Musikalität und Struktur kann nicht anders als inhaltlich bewußt gemacht werden.

Und:

In Frankreich hat man an Baudelaire, Rimbaud und Mallarmé lange gelernt, andere als die ,klassischen‘ Verstehensweisen zu versuchen; und wenn die deutsche Dichtung mehr Erscheinungen vom Rang Trakls besäße, wären auch wir in höherem Maße dazu genötigt.

Wir haben dem Leser unsre Erfahrung mit Trakls Gedicht mitzuteilen versucht; dies Mitteilen war wiederum neue Erfahrung, manches ist uns beim Schreiben erst deutlich geworden, manches, was uns klar schien, wurde dunkler und dunkler, und neue Fragen stehen auf, manche erst als Ahnung, manche schon als Angst. – Beherrschend bleibt das Gefühl des Mangels: Wir hätten noch so viel mitzuteilen, was wir für unentbehrlich halten; uns scheint, was wir da abgeleistet, nicht mehr als eine Vorarbeit. – Nichts zu Helian, nichts zu Sebastian, nichts zu dem Knaben Elis, der aus einer Kupfergrube E.T.A. Hoffmanns heraufkommt; so wenig über Dichtung und Traum, über beider Wahrheit, über beider Lüge – nein, „Lüge“ nicht, es fehlt das präzise Wort. Vielleicht: Widerspruch einer Wunscherfüllung, die ein Gedicht, wie ein Traum, ist und doch auch nicht ist. Wir hatten gehofft, dies ausführen zu können; wir hatten vor, der blassen Kinder Todesreigen in Trakls zeitgenössischer Dichtung zu spiegeln; wir gedachten, mehr zu Otto Weininger zu sagen, auch zu dessen Farben-Philosophie, und zur Farben-Philosophie Rimbauds, und zur Farben-Philosophie Goethes, und nicht nur von dieser Verbindung Goethes mit Trakl; wir wollten von dem Einfluß Hölderlins handeln; wir wollten von dem Rätsel sprechen, das der Nachwelt ein Selbstbildnis Trakls aufgibt, eine Leinwand, von seiner Hand bemalt, Gegenstück zum Bild im ovalen Rahmen, Selbstporträt eines Ungebornen, Selbstporträt Eines in der Hölle, Selbstporträt Eines, der sich vernichtet, Kaspar Hauser verschmolzen mit seinem Mörder, doch wir sind am Ende unserer Kraft, und der Leser wird es ebenso sein.
Wir haben einen treuen Begleiter verloren; wir wissen nicht, ob der Engel zurückfinden wird; wir wissen nicht, wer seine Stelle einnimmt. – Vielleicht Elis. – Trakls Gedicht wird uns nicht mehr verlassen; wir werden weiter der Wahrheit nachsinnen.
Mehr Schmerz?
Wir werden es erfahren.
Aber es kann wohl nicht anders sein.

Franz Fühmann

 

Nachbemerkung

Diese Leseausgabe bringt eine umfassende Auswahl von Dichtungen und Briefen Georg Trakls.

Die noch von Trakl selbst betreuten Sammlungen Gedichte (Der jüngste Tag 7/8; 1913) und Sebastian im Traum (1914) sowie die in der Zeitschrift Der Brenner postum veröffentlichten Gedichte werden vollzählig wiedergegeben. Die Reihenfolge der Gedichttitel in beiden Bänden blieb gewahrt; die jeweils von Trakl für den Druck ausgewählte Fassung von Gedichtvarianten ist durch ein Sternchen kenntlich gemacht.
Aus den übrigen Gedichten wurde eine Auswahl unter der Maßgabe getroffen, minder Gelungenes auszuschließen, aber in den Jugendgedichten dennoch die Entwicklung deutlich zu machen. Aus diesem Grund wurden auch die überlieferten Dramenfragmente vollzählig nachgedruckt. Auf eine Wiedergabe der frühen Prosa wurde verzichtet.
Von den Briefen Trakls geben wir eine Auswahl.

Für die Textgestaltung der in den Sammlungen Gedichte und Sebastian im Traum veröffentlichten Lyrik wurden die Druckfassungen zugrunde gelegt, wobei offensichtliche Fehler stillschweigend korrigiert wurden.
Die übrigen Texte folgen der historisch-kritischen Ausgabe der Dichtungen und Briefe Georg Trakls, besorgt von Walther Killy und Hans Szklenar (Otto Müller Verlag, Salzburg 1969 und 1970)…
Wo für einzelne Gedichte mehrere poetisch bedeutsame, relativ selbständige Textfassungen vorlagen, wurden sie in der Reihenfolge ihres Entstehens gebracht, um Einblick in die Arbeitsweise Trakls zu ermöglichen.
Die Absicht, auch wichtige und oftmals hinreißend schöne Varianten einzelner Zeilen oder Metaphern mitzuteilen, scheiterte an unüberwindlichen Auswahl- und Zuordnungsschwierigkeiten; sie hätte zu ihrer Realisierung eines weitgehenden Nachdrucks der historisch-kritischen Ausgabe bedurft.
Für kundige, geduldig-kritische Beratung danke ich in herzlicher Hochachtung meinem Kollegen Hubert Witt.

Franz Fühmann

 

Worum es geht

– Paralipomena zu Franz Fühmann Vor Feuerschlünden. –

In dieser heillosen Epoche einer Informationsflut,
die uns mit Nichtigem überschwemmt und Wesentliches uns vorenthält,
bedarf es mehr denn je der Nachricht vom Menschen…

Die Geschichte der Literatur ist die Geschichte ihres Kommentars. Die Geschichte der Dichtung ist die des einen Gedichts. Beides ist nicht leicht einzusehen. Man muß es – ahnen wir und lesen es hier und werden es später wissen – erfahren. Der Autor dieser Zeilen erfährt es, während er ein Buch kommentiert, das einmal ein Vorwort werden sollte.
Begriffe, die auf das Erstgeburtsrecht ausgehen, wie „Urtext“ oder „Primärliteratur“, gehen fehl und greifen ins Leere. Vielleicht nützt es, hier auf eine Passage in Franz Fühmanns Aufsatz „Das mythische Element in der Literatur“ zu verweisen, in der die Suche nach dem Urbild des jeweiligen Mythos als vergebliche Forschermüh dargestellt wird. Dort zitiert er den Anfang von Thomas Manns Joseph-Trilogie, um auf Mann bezogen fortzufahren:

… der Autor vergleicht das Bemühen, zum Ursprung seines Mythos zu finden, mit dem Bemühen eines Wanderers, das Ende eines offen daliegenden Strandes zu erlaufen…

Auch wir befinden uns hier in der Lage dieses Wanderers, und die Unendlichkeit erwartet uns. Immerhin wissen wir heute, daß sie fraktal darstellbar ist. Außerdem verwechseln wir sie nicht mit Vergeblichkeit. Wir werden gelaufen sein. Wir werden Sand und Wind und Klang genossen haben. Wir werden gelesen haben und wieder lesen wollen. Das Meer respektive das Gedicht hat sich dabei nicht verändert, jedoch wir, also auch das Gedicht für uns. Also auch das Meer.
Franz Fühmann hatte Mitte der sechziger Jahre mit dem Verlag Philipp Reclam jun. zu Leipzig verabredet, eine Auswahl der Gedichte Georg Trakls für die Universalbibliothek zusammenzustellen und dazu ein Nachwort zu schreiben. Der Reclam-Verlag war seinerzeit in der DDR nicht nur spezialisiert auf die Bereitstellung der Klassikerausgaben für den Lehrgebrauch, sondern das ein und andere Mal auch gut im Einführen von Schmuggelware aus der Tradition und aus der zeitgenössischen Weltliteratur. Daß Trakls Werk zu dieser heißen Ware gehörte, dürfte Lesern des vorliegenden Buches einleuchten. Kapitel VI berichtet u.a. von der Arbeit an jenem Bändchen, das schließlich erst 1975 erschien, legitimiert durch ein Nachwort von Stephan Hermlin. Fühmann schrieb den Kommentar damals nicht. Er traute es sich, lesen wir, noch nicht zu, weder formal, noch konnte er bereits dem Gedicht sein eigenes Recht zugestehen. Seine Ansichten zu Funktion und Erleben von Literatur fochten noch zu unmittelbar mit den unseligen Geistern des sozialistischen Realismus. Dessen Dogmen überdauerten rein äußerlich bekanntlich bis zum Ende des Sozialismus als Staatsform. In jenen Jahren waren sie bereits heftig in Frage gestellt, und Fühmann stand mitten in dieser Diskussion. Wie immer man solches Verschleißen geistiger Potenzen heute werten mag – es war so.
Das politisch gravierende Ereignis des Sommers 1968, der Einmarsch der Sowjettruppen in die Tschechoslowakei, fiel in diese Zeit. Ohne die Niederschlagung des wichtigsten Reformversuches innerhalb des sozialistischen Lagers (wie der kriegerische Terminus in böser Doppeldeutigkeit lautete) in ihrem Ausmaß anzuerkennen, verstehen wir den geistigen Wendepunkt nicht, den sie für Fühmann bedeutete. Es war für ihn der weitestgehende „Renegatentermin“ (will sagen: Punkt, an dem einer vom Glauben abfällt). Dabei hätte er aus seinem Selbstverständnis es weder je so genannt noch hat er jemals die Loyalität zu seiner – von ihm so bezeichneten – sozialistischen deutschen Wahlheimat aufgekündigt.
Fühmann war nicht nur als politisch denkender und fühlender Mensch erschüttert, der aus einem sozialistischen Nachbarstaat auf die Ereignisse schaute, sondern auch biographisch nahe am Geschehen. Er stammte aus dem böhmischen Riesengebirge und war damit kraft Herkunft „Angehöriger einer knödelessenden Nation“. Er gab heraus und übersetzte kontinuierlich tschechische Poesie gemeinsam mit seinem Freund Ludvík Kundera, einem Verwandten Milan Kunderas, der für diesen gleichen Nachnamen jahrelang und unerträglich büßen mußte.
Und, nach der Lektüre dieses Buches nicht wegzudenken: Trakls, des Österreichers, Gedicht wirkte. Dabei will ich hier die geniale Versuchsanordnung des Essays nicht schmälern. Darin ist kunstvoll reduziert und zusammengeführt, was sich biographisch nicht 1: 1 lesen läßt.

Selbstverständlich wirkte mehr als Georg Trakls Gedicht. Fühmann erwähnt die „schwer begreifbaren Aussperrungen“, die das Werk Kafkas in der DDR betrafen und damals gerade gelockert wurden. Addieren wir – nur für jene späten sechziger Jahre – spontan einen Reigen von ausgesperrten Namen und Werken dazu: Freud, Nietzsche, Bakunin, Benn und Pound, Beckett, aber auch Die Blechtrommel (bis 1982), addieren wir einige damals schon Weggegangene dazu (Bloch, Hans Mayer, Huchel, Zwerenz), und lassen wir schließlich Renegaten und andere Kritiker des Kommunismus nicht beiseite (Orwell, Koestler, Czesław Miłosz, Kantorowicz, Solschenyzin, Wolfgang Leonhard)…
Aber es wirkte nicht nur Gedrucktes und die Aussperrung von Gedrucktem auf einen Leser, der in unserem Falle allerdings einer war. (Ist übrigens dieses existentielle Lesen nachvollziehbar aus unserer eigenen Erfahrung? Erinnern wir uns daran, jemals so gelesen zu haben? Zuletzt als Sechzehnjährige? Und was ist diese Fähigkeit heutzutage wert?)
Für Franz Fühmann brach in jenen Jahren etwas zusammen, ich behaupte, alles brach um ihn her, über ihm und in ihm zusammen. Es brach, aber es fügte sich auch wieder, und zwar im selben Moment. Die Verarbeitung des Schock von ’68 fand zunächst in der Alkoholentziehung statt. Zugleich führte sie einen Erzähler an seine Grenze, dessen Erzählen neben dem Sublimieren und Wiedergewinnen des eigentlich dichterischen Ansatzes (in Märchen- und Mythenadaptionen, Kindheits- und Kindergeschichten) bis dato auch Abarbeiten seines schlechten Gewissens gewesen war. Von nun an sollte nur noch zählen, was er selbst Wahrhaftigkeit nannte. Es war künstlerisch gemeint, aber damit beileibe nicht klein.

Literarisch belegt ist dieser Anspruch zuerst in dem Ungarn-Tagebuch Zweiundzwanzig Tage oder Die Hälfte des Lebens. Das Bekenntnis darin, er, der Wehrmachtssoldat Fühmann, hätte auf Befehl hin auch an den Gaskammern von Auschwitz seinen Dienst versehen so, wie er es eben andernorts „nur“ am Maschinengewehr und am Funkgerät getan hätte, war einmalig und spektakulär für seine Generation. Damit zugleich aber hatte er (das Buch erschien 1973) der ihn umgebenden und ihn bedrängenden Landschaft seines schlechten Gewissens, dem „real existierenden Sozialimus“ und dessen grauen Machthabern den geistigen Tribut aufgekündigt. Mit der wiederholten Aussage des späten Fühmann zusammen gelesen, er sei „über die Gaskammern von Auschwitz zum Sozialismus gekommen“, und zwar unabänderlich, stehen wir vor einem Paradox. Uns hier auf zwei Begriffe vom Sozialismus herauszureden, wäre platt. Franz Fühmann hat nicht, wie von vielen Seiten auch nach Ende des „realen“ noch oft geschehen, diesen mit dem wahren oder utopischen konfrontiert. Er hat an dem, wie dieser eine Sozialismus seiner Idee und seiner Erfahrung war, gelitten, weil er ihm – horribile dictu – verhaftet war.
Ich verweise ganz im Fühmannschen, dialektischen Sinne darauf, daß so ein Umschlagen und Zusammenschießen nicht von heute auf morgen geschieht, daß es sich um einen Prozeß handelt, dessen Ergebnis jedoch auf einmal erfahren wird.
Er selbst datiert gegen die davor liegenden dreißig Jahre Schreibens und Publizierens seinen Eintritt in die Literatur mit den Zweiundzwanzig Tagen. Und wenn er das innere Begreifen und Ankommen und den Abschluß eines Prozesses angibt, so lesen wir das im Trakl-Essay so: „Ein jäher Riß; etwas Neues begann“, hier bezogen auf die Nacht, in der die Auswahl für das Reclambändchen dann endlich zustande kam. Fühmanns sprechendstes und ich behaupte Lieblings-Wort ist jählings, nein jäh. Das Wort Wandlung, mit dem sein Leben und sein Werk apostrophiert werden, ist viel zu lang.
Im Paradox die Folgerichtigkeit: Die formale Offenheit und Vielfalt des Ungarn-Tagebuchs – das selbstverständlich ein komponiertes, ein literarisches war –, ist Teil der Befreiung. Die schwarze Signatur im farbigen Kontext, gesetzt unter ein halbes Leben mit Jesuitendrill und Nazijugend, mit Wehrmacht und Krieg und Gefangenschaft, mit dem begeisterten Assimilieren der stalinistischen Weltsicht als des Anderen zum Verbrechen, mit der Karriere eines Kulturfunktionärs in der DDR…, mit dieser Aufkündigung beginnt tatsächlich die zweite Hälfte des Lebens eines Mannes, dem allerdings nur noch ein knappes Dutzend Jahre zu leben blieben.
Franz Fühmanns Geburts- und Todesjahr fügen sich erstaunlich ein in zwei Eckdaten des zwanzigsten Jahrhunderts. Geboren im Jahr Fünf nach der Oktoberrevolution, stirbt er fünf Jahre vor dem Fall des Eisernen Vorhangs. Die zwanzig Jahre, von denen im hier vorliegenden Buch im Kern die Rede ist, sind jene zwischen der ersten Begegnung mit Trakls Gedicht zum Ende des Krieges und jener Nacht, in der die Auswahl für das kleine – mir damals wie heute kostbare – schwarzweiße Reclambändchen abgeschlossen wird mit dem Resümee: „Trakls Gedicht, es hatte gesiegt.“
Aus der radikalisierenden Arbeit daran wurde die Vorarbeit für eine Trakl-Werkausgabe, wiederum für Reclam Leipzig (1981). Der vorliegende Text entstand. Er konnte vollständig nicht als ein Vorwort erscheinen. Das hatte zunächst deutlich mit dem Umfang zu tun. Aber auch mit der expliziten Darstellung sozialistischer Kulturpolitik und der ihr zugrunde liegenden Ästhetik. Gewisse Zitate wurden selbst noch für die vollständige Ausgabe (Rostock 1982) beschnitten. Es geschah auf höchste Weisung. Fühmanns Kommentar zu dieser und aller Zensur, „Zeugnisse darf man nicht verstümmeln“, stand bereits im Buch. Die damit einhergehenden Auseinandersetzungen, die zu Fühmanns Lebzeiten niemals öffentlich geführt werden konnten, gehören auch zu jenem „unlebbaren Alltagsleben“, von dem hier später die Rede sein muß.

In der kunstvollen Verschränkung, im komplexen Bau des Essays lassen sich mehrere Ebenen ausmachen. In der ersten lesen wir die modifizierte Autobiographie jener zwanzig Jahre sowie einer Arbeitsreise nach Salzburg, die bereits in die Zeit der Niederschrift fällt. In der zweiten lesen wir eine ernst fragende und tief lotende Deutung mehrerer Gedichte Trakls, die hinfort bitte jeder kennen möchte, der einem Gedicht eine Frage stellt. In der dritten nehmen wir teil an der Begegnung des Autors mit der historischen Person Georg Trakl. Fühmann stellt anfangs als Grund seines Erzählens gerade diese Entdeckung aus, „daß ein Dichter auch ein Mensch ist…“ In der vierten haben wir vor uns eine Verteidigung des modernen Gedichts und seines Formenkanons gegenüber teilweise sehr schlichten, wenn auch allzeit und allerwegen verbreiteten Meinungen und Vorurteilen, mechanischen Lesarten usw.
An diese Stelle gehört eine Abschweifung in eigener Sache.

In einem kleinen Aufsatz über das testamentarisch eingestandene „Scheitern“ Fühmanns machte ich dieses literarische Scheitern gerade in seinem Trakl-Essay aus. Meiner damaligen Lesart nach – bis zu den Knien in Stasi-Akten und mit dem geistigen Zustand der sogenannten fünf neuen Bundesländer vollkommen überworfen – bestand Fühmanns Tragik darin, noch und gerade in diesem hervorragenden Buch das Gedicht dem Zensor erklären zu wollen. (Einer Figur also, die es offiziell nicht gab, deren Beschreibung aber einer Massenszene oder des Bilds vom Drachen bedürfte, dem die Köpfe beliebig nachwachsen…). All seine, Fühmanns, Ansätze und Neuansätze zur Erklärung schienen mir illegitim zu sein da, wo sie unausgesprochen, aber deutlich genug einen bornierten Leser voraussetzten. Die berüchtigste Frage jeder Deutschstunde, welche am Gedicht scheitert, schien ihn umzutreiben. Als wollte er, gerade er, in einem fatalen, mechanistisch stur interpretierenden Umfeld endlich beantworten, was der Dichter damit zu sagen beabsichtigte. Ich war rasend vor dem Bild jenes Lesers, immer dort, wo er wieder angesprochen war, wo sein Wissen wollen nicht glaubhaft naiv war, sondern schlichtweg amusisch. Hier war es oft sogar anti-künstlerisch, feindselig. Und in der Person jenes offenbar Höhergestellten, dem der Autor sogar das Manuskript zu lesen gegeben hatte…, sah und sehe ich einen, den es gar nichts angeht. Es gibt, auch in Fühmanns Spätwerk, Mengen rhetorischer Figuren, die Argumentation gegen die Doktrin sind, wie auch immer brillante Polemik, die sich am Schwachsinn, an der geistigen Leere ihres Gegenübers immer wieder entzündet – und verschleißt.
So ging es mir als Leser. Aber welche „Nachricht vom Menschen“ erhalten wir gerade dann, wenn wir so lesen? Daß er nicht anders konnte. Daß er wie kaum einer seiner Generation und seiner spezifischen Lebenserfahrung, vor allem aber mit derart bloß liegendem psychischen Profil – Leidenschaft und Schuldgefühle, Konstituanten für sein Werk! – all das ernst genommen hat. Nur deshalb konnte er beschreiben, wovon Zyniker verschiedener Provenienz ohne Wimpernzucken abrückten um den Preis ihrer Glaubwürdigkeit, des Verleugnens und Kleinredens der Brüche in ihrer eigenen Biographie. Wenn diese denn eine geistige und nicht nur eine des Funktionärs und Spitzels war.

Es war eine traurige Wut, die mich damals schreiben ließ, nachgetragene Ohnmacht. Die Trauer bleibt, und ich ertappe mich wieder bei der Frage, was dieser Mann hätte schreiben können, wenn Gulliver die Stricke durchgerissen hätte… Aus welcher erhabenen Perspektive aber waren es Zwergenstricke?
Auch das Bergwerks-Projekt seiner letzten Lebensjahre ist nach eigener Auskunft daran gescheitert, daß sein Autor noch einmal den sozialistischen Realismus ad absurdum führen wollte, wenn auch nur in einem Aspekt des geplanten Romans. Offenbar ein Aspekt zuviel. Aber warum schien er ihm noch einmal wesentlich für dieses lang geplante und mit seinem Anspruch ausufernde Vorhaben? Die Antwort ergibt sich als Essenz auch aus Vor Feuerschlünden: Es gibt ja nur dieses eine Leben und diese eine Möglichkeit zu schreiben.
Franz Fühmanns Wandlung war ein Mahlwerk, und das stand bis zum Schluß nicht still. Besserwisser, die wir das Zerplatzen des Sozialismus erlebt haben! Hatte nicht dieser hier längst die Position erreicht, die ihm zu erreichen möglich war? Das Dritte, das es eben doch gab, außerhalb der berüchtigten Alternative „Sozialismus oder Barbarei“, er sprach ja bereits davon, er schrieb davon, er schrieb es selbst: Poesie als „Nachricht vom Menschen“.

In einem weiteren, wesentlichen Aspekt ist dieses Buch die Poetologie seines Autors. Das mag verwundern bei einem, der nach Selbstauskunft bereits zum Ende der fünfziger Jahre keine eigenen Gedichte mehr schrieb. Die Richtung der Märchen erschien mit den letzten Gedichten im Jahr 1962. Daß dieses Verstummen mit dem XX. Parteitag der KPdSU 1956, mit der dort in einer Geheimrede erfolgten Bestätigung der Existenz des GULag („die hierzulande ja nie veröffentlicht wurde“, kommentierte das vorliegende Buch 1982 in der DDR) sowie mit der Niederschlagung des Ungarn-Aufstandes im selben Jahr zusammenhängt, ist nach allem, was wir über Franz Fühmann wissen, nur folgerichtig. Man kann das in Interviews und Briefen nachlesen. Die Gängelung, Verfolgung und Bedrohung von Intellektuellen in der DDR (Ernst Bloch, Hans Mayer, Walter Janka, Peter Huchel…) verbreitete nicht minder lähmenden Mehltau. Wir lesen von der Härte des Funktionärs Franz Fühmann, als die Frau eines verhafteten und spurlos verschwundenen Kollegen in der Tür steht und er mit allen, die wissen oder ahnen, schweigt. „Wir waren verpflichtet, von nichts zu wissen.“ Und er berichtet von einer typischen Klarheit: Da wäre sein Ich „nicht mehr gespalten“ gewesen, dies sei „ein Alltag mit einer der Alltagsentscheidungen“ gewesen. Er versuchte, das Heft mit Trakls Gedichten zu verbrennen. Vergeblich.

Was sollte hier eigentlich noch kommentiert werden, von uns? An die Stelle des eigenen Gedichts trat bei Fühmann die ausufernde Beschäftigung mit ausländischer Poesie. Insbesondere der ungarischen und tschechischen Moderne diente er als Nachdichter und Herausgeber. Das jeweilige Lebensende der ungarischen Dichter Attila József und Miklós Radnóti mit dem Tod Trakls in eine Synopse zu bringen, wäre aufschlußreich. József starb, psychisch krank, durch Selbstmord, Radnóti haben die Nazis auf einem Gewaltmarsch erschlagen. Letzterer übersetzte übrigens Gedichte Trakls ins Ungarische.
Fühmann hat sich für die Versuchsanordnung seines Essays ganz auf Trakl konzentriert. Nur der selbst ein Dichter ist, kann durch die Exerzitien einer solchen Erfahrung mit solcher Intensität führen. Nur er kann ein solcher Leser sein und dies auch artikulieren. Nur ihn schockiert die Figur des Anderen, während er sie beschreibt, ohne sich abzuwenden. Die Leiblichkeit und Kleinheit und die fatale Figur des leibhaftigen, geliebten, gebrauchten Dichters…, seine Grobschlächtigkeit und sein Besoffensein und seine Geilheit mit ihren Kalamitäten, die ihn „beschmutzten“ von innen und außen (unklar, was unangenehmer ist) – es ist „das Begreifen des Alltagssterbens am unlebbaren Alltagsleben, dem so unendlich banalen Banalen, das dich zerreibt, zerlaugt, zerfrißt.“

Alltag. Was ist das? Ein zentraler Begriff im Buch. Doch eigentlich etwas, das uns bei untergegangenen oder exotischen Völkern und Zivilisationen interessiert, bei Ötzi & Cie. Ethnologie, Archäologie und im Zweifelsfall die sogenannten Empirischen Kulturwissenschaften werden sich damit befassen. Nicht mit deinem und meinem Alltag, nicht mit unserem, nicht mit dem kleinen, dem schäbigen, nicht mit dem nicht-spektakulären. Trakls Alltag befriedigt vielleicht den Voyeur am Leiden, den Interessenten an Drogen- und Selbstmord-Geschichten, an (verfilmbarem?) Inzest… Solche Voyeure sind wir doch alle (geworden). Trakls Leben bietet da genug, von heute aus gesehen jedoch in einem Maße, das wir längst sitzend verdauen können, die wir auf vierzig oder fünfzig Kanälen fernsehen, die wir in Kinos und Theater gehen, wo bürgerliche Tabus höchstens noch sentimental umspielt werden, während jenseits davon agiert wird.
Trakls alltägliche Lebenswelt erscheint uns bekannter, sozusagen normaler, als sie es für Franz Fühmann sein konnte in dem Augenblick, als er ihr begegnete, schockiert, wie er uns mitteilt. Und dennoch… die Stoßseufzer fallen auf, die den Alltag betreffen. Wessen wohl?
Ein Dutzend Seiten zuvor hatte er Baudelaire zitiert mit dem Satz, Poesie wirke wie ein Verhängnis. Nun spitzt er durch den bestimmten Artikel apodiktisch zu: „Denn die Poesie wirkt wie das Verhängnis. – Aber auch der Alltag wirkt so.“ Gerade war die Rede von dem Mißbrauch des Gedichts gewesen, das doch in Ruhe lassen möge, wer es für dies und jenes illustrierend hernehmen wolle, nur nicht um seiner selbst willen, nur nicht um der existentiellen Art zu lesen willen, von der das ganze Buch ja ausgeht und auf die es hinführt.
Nachdem er das „Zerreiben, Zerlaugen, Zerfressen“ Trakls in und an dessen Alltag so auf den alliteriert forcierten Punkt gebracht hat, folgt ein Resümee, das am nächsten heranführt an Franz Fühmann selbst:

Jeder, der dies Erliegen erfährt, erfährt es auf seine eigene Weise, und wer es nicht erfährt, wird es nie verstehn. – Kleist ist so gestorben, und Hölderlin, Lenz, die Günderrode, Grabbe, Stifter…

Genau: Du kannst es als unkonventionell Liebender erfahren, als erniedrigter Hofmeister, als Weggesperrter, als Frau und als Mann, als Jede und Jeder, die in den Schranken der Welt der „Normalen“ sich mühen… Wenige scheitern tatsächlich in Selbstmord und Wahn, doch auffallend viele von denen, die uns etwas zu sagen haben.
Jeder kann es erfahren. Wie meinte ein Höhergestellter? „Wenn Sie das alles aber auch so ernst nehmen!“ Jeder kann es erfahren, der ernst nehmen kann, nein muß. Das Klischee von der empfindsamen Seele des Künstlers – hier steht es mit seiner grimmen Kehrseite. Als Zusammenhang von unnennbarer Schuld und – den Schulden, die einer hat, und die er nicht mehr bezahlen kann, nie mehr. Buße, Sühnen, Abarbeiten, sich Verschleißen im Alltag.

Was hat all das mit Fühmann zu tun, mit einem arrivierten Schriftsteller in der DDR?
Von seiner beinahe letalen Erfahrung mit dem „weißen Magier“ des gebrannten Korns haben wir gelesen. Und daß diese nicht nur aus dramatischer letzter Zuspitzung besteht, vielmehr vor allem und immer wieder aus häßlichem, kleinem, alltäglichem Suff vor unverhüllten Spiegeln, darf als bekannt vorausgesetzt werden. Aber selbst das ist noch zu wenig alltäglich. Fühmann meint noch anderes aus den Schichten der eigenen Erinnerung und aus seiner weitreichenden Kenntnis des Alltags der Leute um ihn her im preußisch-sächsischen Staate.
Der Autor ist zu einer Lesung eingeladen in eine zweihundert Kilometer entfernte Stadt. Er nimmt Quartier in dem bekannten Hotel. Er marschiert zur Stadtbibliothek. Ein vielköpfiges Publikum vor der Türe. Dieselbe zu. Ein Zettelchen besagt, die Lesung falle „aus technischen Gründen“ aus. Die Nachfrage ergibt, ein Rohrbruch sei schuld. Er, der Autor, da er nun einmal da sei, wolle sehen, ob der Schaden wirklich so groß ist. Auf Drängen zeigt man ihm einen nassen Fleck in einer Toilette. Die Menge vor allem junger Leute draußen ist ungehalten. Statt aber lange zu protestieren, einigt man sich darauf, in eine Privatwohnung auszuweichen. Die Lesung findet auf diese Art doch statt. Alltag.
Der Autor ist wiederum zu einer Lesung geladen. Der Saal ist voll. Er hebt zu lesen an. Gleichzeitig beginnt im Nebenraum ein lautes Gerede und Lachen usw. Nach einer Weile, von dem Lärm fast übertönt, bittet der Autor die Veranstalter, doch einmal die Herrschaften im Nebenraum um Ruhe zu ersuchen. Es wird an die Türe nebenan gepocht und um Ruhe gebeten. Während des zweiten Versuchs geht es genauso. Wieder lautes Lachen, Gebrülle… Der erneute Versuch, die Herrschaften im Nebensaal zu beschwichtigen, ergibt, es handele sich um eine geschlossene Brigadefeier o.ä. Leider habe man gerade auch keinen Schlüssel, also man könne da auch nicht hinein und um Ruhe bitten, nur noch einmal an die Türe pochen vielleicht und bitten… Des Spiels leid, bricht der Autor die Lesung ab.
Dem Autor hat man eine kleine Arbeitswohnung neben seiner eigenen zugewiesen. Sie befindet sich im Parterre eines Altbaus. Als seine Tochter in Wohnungsnot ist, läßt er sie und ihren Freund dort für eine Weile einziehen. In der Wohnung befindet sich ein Telefon. Das war in der DDR bemerkenswert! Nach einer Weile wird das Telefon abgestellt. Auf Anfrage werden zunächst keine Gründe genannt, später technische vorgeschoben. Noch später ist von „mißbräuchlicher Benutzung“ des Telefonanschlusses die Rede, der schließlich als Arbeitsnotwendigkeit des Autors beantragt worden sei… Man lese das nach. Schikane? Alltag.

Lassen wir endlose, fruchtlose Debatten in der Akademie der Künste und anderen Gremien weg und noch mehr die im Schriftstellerverband, solange Fühmann noch Mitglied in dessen Vorstand war, bis zu jenem Kongreß, der der Biermann-Ausbürgerung folgte, lassen wir sie einfach weg. Lassen wir die Telegramme beiseite, die verstümmelt wurden, so das diese und jene Verabredung nicht zustande kam, die Briefe, die von einem zum anderen Stadtbezirk eine Woche oder mehr brauchten. Das kannte jeder. Lassen wir die Kopien all der spät oder nie angekommenen Briefe in den Akten des Geheimdienstes beiseite, das Mißtrauen gegenüber bestimmten Fragen und Gesichtern. Lassen wir all das beiseite, was unter Mühen besorgt oder „organisiert“ werden mußte. Lassen wir den (wirklich?) zur Genüge beschriebenen Alltag in der DDR beiseite. Lassen wir das Einkaufen, das Bahnfahren, das Ausgehen, das Reparieren von irgend etwas, den Autokauf oder den von frischem Fisch, die Wohnungssuche, die Probleme, ein Taxi zu bestellen, einen Handwerker, das Ölpaneel bei der Kommunalen Wohnungsverwaltung oder im Bezirkskrankenhaus Soundso, lassen wir das alles weg.
Wenn wir gegen Ende des vorliegenden Buches lesen: „Ich bin nicht befugt, für den Leser zu reisen, der meiner Route nicht folgen darf…“, haben wir ihn ganz: Alltag im Sozialismus. Lassen wir ihn weg. Kann man das ganze Leben weglassen? Mit ein paar Ausnahmen? Mit einer Handvoll Glück. Und – für den Dichter – mit der Ernte der Texte. Glück für seine Leser.

Zum Alltag und zum geistigen Haushalt gehört auch, daß Fühmann in seinem Buch überhaupt für die Akzeptanz des modernen Gedichtes die Lanze brechen muß. Mit welcher Engelsgeduld gibt dieser Mann in Dutzenden und Aberdutzenden Briefen jeder (ich schreib es hin:) Parteizicke Rechenschaft über sein Woher und Wohin, immer wieder in ellenlangen Briefen an Funktionäre, Lehrer, Bibliothekarinnen erklärt er immer wieder, was es mit dem auf sich hat, das nicht zu verstehen ist, wenn eine und einer nicht will. Wie hat dieser Engel von einem Mann die Poesie und ihre Schwester Wahrhaftigkeit und ihre Cousine, die Scham, dargebracht auf den billigen Mitropa-Tellern des kleinen Landes. Auch seine Scham und Ohnmacht und Wut gerade wegen jener Billigkeit und Schäbigkeit. Wo sie ihm doch die Flügel auf sein Lebensende hin nicht nur immer mehr gestutzt hatten, sondern auch beschmutzt mit ihrer alltäglichen ungeistigen Kleinlichkeit, Leute, deren wirkliche Namen hier nicht erwähnt werden, weil sie einmal die Macht besaßen, den Alltag ihrer Untertanen zu beherrschen und zu vergällen. Alltag ist immer konkret.
Der Name der langjährigen Volksbildungsministerin gehörte dazu, weil Fühmann immer wieder Schüler und Schülerinnen gegen die von ihr mit-verordnete und mit-verantwortete Beschneidung verteidigte. An einem wesentlichen Punkt gerade dort, wo die Durchsetzung der Ideologie gegen die unausrottbaren Keime christlichen, moralischen Denkens junge Menschen um ihre Chancen brachte. Man lese es in den Briefen nach.

Das ganze Trakl-Buch ist die Verteidigung des Gedichts gegen den Anspruch der Ideologie, die Verteidigung des vordergründig nicht Nützlichen und obendrein nicht in jedem Fall Verständlichen gegen Kräfte, die solches für Ausgeburten von Wahnsinnigen halten, für krankhaft und auszumerzen. Die Verteidigung der Muse gegen den Stiefelschritt eines ganzen Jahrhunderts, das eben dieses Ausmerzen unter zweierlei Vorzeichen betrieb. Verteidigung, vorgetragen mit einem Aufwand, der zum Glück auch gutwillige Leserinnen und Leser, der gewiß auch Freunde des Gedichts zu bestätigen weiß und ihnen Lichter aufsteckt. Dieser Engel von einem Anwalt, „Bruder Franz“, wie Erich Loest ihn genannt hat.

Die Engführung von Leben und Lesen, wie wir sie hier miterleben, ist einmalig. Doch bezieht das Buch seine begeisternde, berauschende Kraft auch aus dem Rauschhaften: Fühmann erzählt seine Geschichte en gros und en detail im steten Wechsel unerhört rasant, unerhört fesselnd. Die Lust am Lesen, die Last des Lebens, die Belastung durch diese Art zu lesen und die Lust am Leben im immer wieder Durchbrechen zum Neuen – sie sind wie einer Suchtstruktur nachempfunden. „Künstler ist, wer nicht anders kann – und dem dann nicht zu helfen ist.“ Das gilt eben nicht nur für Georg Trakl und all die anderen, sondern auch für Franz Fühmann, obwohl er länger und anders lebte, obwohl sein eigenes Werk breiter und nicht so gerichtet ist.
Die Erkenntnis künstlerischer Unbedingtheit und Unausweichlichkeit, lesen wir, ging ihm erst in den siebziger Jahren auf, erst während der überaus fruchtbaren Beschäftigung mit E.T.A. Hoffmann. Ich empfehle das Stück über den Ignaz Denner, das furios den Topos von Herr und Knecht vorführt in seiner damaligen – und weiterhin gültigen – Aktualität auf deutschem Boden.
Was, nicht anders zu können, für sein eigenes Leben und Schreiben bedeutete, gibt uns der vorliegende Text ganz. Auch wenn er schon deswegen keine Autobiographie ist, weil uns Privates nur sehr zweckgebunden mitgeteilt wird. Wir erleben das Begreifen des Nichtanderskönnen auch als Umschlag ins Nichtanderswollen. Ergebnis des Prozesses ist geistige Souveränität, Unabhängigkeit mit nur noch selbst gewählten Bindungen. Ein Synonym der Poetologie, die trotz vieler anderer Aspekte hier auf uns kommt, ist Freiheit. Ich bin nicht sicher, ob das bei Erscheinen des Buches schon gesehen werden konnte. Mangels Konkordanz kann ich nur vermuten, daß der Begriff der Freiheit in diesem Sinne bei Franz Fühmann nie auftaucht. Es war nicht sein Begriff. Er hätte ihn zeit des Bestehens der sogenannten Systemauseinandersetzung – die ganze Spanne seines Lebens – als zu besetzt empfunden. In seiner SAIÄNS-FIKTSCHEN-Erzählung „Die Ohnmacht“ hat er ihm einen ironischen Schuß vor den Bug gegeben.
Der dichterische Impuls des Textes, identisch mit dem sich selbst freisetzenden, erübrigt die Frage nach dem heutigen Leser. Ich hatte unwillkürlich darüber spekuliert, wem dieses Buch zwanzig Jahre nach seinem Erstdruck in die Hand gelegt ist. Daß es eine historische Lektion erteilt, ist nicht unwichtig. Aber daß es weit über die Zeit der Ismen hinausragt, ist ebenso wahr. Vielleicht werden es jüngere Autorinnen und Autoren lesen. Vielleicht Schüler, die der Ödnis der Interpretation entrinnen wollen:

Um die Summe unserer Erfahrung zu sagen: Der Leser lerne endlich, sich selbst zu vertrauen. Sein Betroffensein ist ja das Kriterium dafür, daß dies Gedicht ein Gedicht für ihn ist; einen verbindlichen Kanon gibt es nicht mehr.

Oder sagen wir es mit einem Dichter, der einen anderen Dichter zitiert: Seine „Probe auf die Wahrheit eines Gedichtes war so einfach wie praktisch: läßt es, wenn man es sich beim Rasieren stumm aufsagt, die Bartstoppeln sich sträuben?“ Leser von Gedichten werden es allemal sein. Und schon damit signalisieren sie, daß die „Nachricht“ von ihrem eigenen Menschsein mehr umfassen müßte als die Art ihrer einfachen Reproduktion. Sie wissen vielleicht ein wenig mehr als andere und ein wenig klarer, worum es geht. In unserem Fall um Georg Trakls Gedicht.

Uwe Kolbe, Nachwort, 24.5.2000

 

Vor Feuerschlünden – Erfahrung mit Georg Trakls Gedicht

Der eine Expressionist, dessen schmales Werk in den Kanon der deutschsprachigen Literatur gehört: ein Lyriker und Dramatiker, der an den Erlebnissen während des Ersten Weltkrieges zerbricht.
Der andere, ebenfalls ein großer unter den Schriftstellern des 20. Jahrhunderts, der den Zweiten Weltkrieg erlebt, gläubig den Propagandisten des Herrenmenschentums folgend.
Jener, verpönt im Dritten Reich und lange danach noch ins Abseits gestellt, dieser, der trotzdem nicht von ihm lassen kann – Georg Trakl und Franz Fühmann.
Als Fühmann kurz vor der Kapitulation Deutschlands ein Bändchen mit Gedichten von Trakl ersteht, beginnt eine lebenslange Auseinandersetzung mit dem Werk des Österreichers, die schließlich im autobiografisch-essayistischen Buch Vor Feuerschlünden (in Westdeutschland Der Sturz des Engels) kulminiert.
In der Begegnung mit Trakls Gedichten versucht Franz Fühmann, einen zentralen Konflikt seines Lebens auszuloten, den zwischen Dichtung und Doktrin […]; beide waren in mir verwurzelt, und beide nahm ich existentiell.
Die Beschäftigung mit Trakl, so bekennt Fühmann, deckt eigene Widersprüche auf, die ihn schließlich nicht nur zu einem anderen Verständnis für dessen Dichtung führen, sondern auch seinen eigenen Standort als Schriftsteller neu bestimmen lassen.

Hinstorff Verlag, Ankündigung

 

Gedanken zu Fühmanns Trakl-Essay

Drei Schichten erkennen wir in diesem großen Essay: die Interpretation der Traklschen Dichtung, die Reflexion über das Wesen der Kunst und die Darstellung von Fühmanns ganz persönlichem Verhältnis zu dem expressionistischen Lyriker, die zugleich eine Auseinandersetzung mit dem eigenen Entwicklungsgang ist. Die drei Schichten sind nicht analytisch voneinander geschieden, sondern durchdringen einander ständig und bilden ein höchst kunstvolles Ganzes, das wiederum in enger Beziehung zu anderen theoretischen, epischen und autobiographischen Werken des Autors steht. Wenn der Essay auch nicht gerade (wie der Klappentext bemerkt) als „ästhetische Summe aller seiner bisherigen Bemühungen“ anzusehen ist – das Spektrum der Fühmannschen Überlegungen ist breiter, als daß es an Hand eines einzigen modernen Dichters zusammengefaßt werden könnte –, so doch als ein Dokument, das, entstanden am Übergang von den 70er zu den 80er Jahren und am Ende des sechsten Lebensjahrzehnts des Autors, auf gültige und charakteristische Weise Themen und Motive früherer Werke aufnimmt, geschichtliche Entscheidungen an den Erfahrungen der Gegenwart überprüft und zum Schaffen in einem neuen Jahrzehnt überleitet.
Der Essay ist zunächst einmal ein gewichtiger Beitrag zum Verständnis Georg Trakls. Der österreichische Lyriker, der zu seinen Lebzeiten (1887–1914) nur von wenigen geschätzt wurde – darunter allerdings, und dies wiegt vieles auf, von Karl Kraus! –, ist inzwischen längst in seiner dichterischen und literaturgeschichtlichen Bedeutung erkannt worden. Es gibt eine historisch-kritische Ausgabe, eine Schriftenreihe „Trakl-Studien“ und monographische Spezialuntersuchungen (bis hin zu Indices, Konkordanzen und einem Handbuch in der Sammlung Metzler). Dennoch ist er in unserem Lande noch nicht so bekannt, wie es seinem Range entspricht, und Fühmanns Beschäftigung mit Georg Trakl dient nicht unwesentlich dazu, uns mit dessen Werk vertraut zu machen und es behutsam zu würdigen. Nachdem er bereits im Jahre 1975 eine Auswahl von Gedichten in Reclams Universal-Bibliothek vorgelegt hatte, zu der Stephan Hermlin das Nachwort schrieb, gab er 1981, abermals im Reclam-Verlag, eine umfangreiche Ausgabe Gedichte. Dramenfragmente. Briefe heraus. Ihr Nachwort, das auf zwanzig bis vierzig Seiten geplant war, hat sich allerdings – analog der Entstehungsgeschichte des Prometheus-Romans – auf über zweihundert Seiten ausgeweitet und ist folglich als eigenständiges Buch erschienen. Für die Ausgabe wurde eine Kurzfassung unter dem Titel Gedanken zu Georg Trakls Gedicht hergestellt, in der die Aufgabe, an den Dichter heranzuführen, den Vorrang gegenüber den anderen Aspekten des Gesamt-Essays hat.
Das Leben Georg Trakls, wie es aus Briefen und aus Erinnerungen von Bekannten erschlossen worden ist, wird von Fühmann in eindrucksvoller, oft stichpunktartig verknappter Erzählung als ein „nicht lebbares Leben“ in den Jahren vor 1914 und in den ersten Monaten des Krieges beschrieben. Demütigend und banal verlief es, abhängig von Drogen und Alkohol, von ständigem beruflichem Mißerfolg und Unbeholfenheit in fast allen Belangen des Daseins geprägt, bis der Dichter ihm, die barbarischen Anforderungen des Krieges nicht länger ertragend, selbst ein Ende setzte. Dieses Leben aber, das dem „gesunden Menschenverstand“ nichts als ein Gegenstand des Spottes war, ist nicht einfach mit Scheitern gleichzustellen, sondern war der Preis für eine Dichtung, die zu einer Zeit, als die bürgerliche Welt sich noch heil und sicher fühlte und der deutsche Kaiser eine herrliche Zukunft versprach, von der Brüchigkeit dieser Ordnung wußte und ihr in düsteren Metaphern Ausdruck gab. („Herbst“ und „Abend“ sind bevorzugte Worte.) „Offenbarungen einer Feuergottheit: niederfahrende Flamme in Finsternissen; lodernder Dornbusch; Föhn und Fackel; düsterer Glanz aus Höllentiefen; mitunter die Milde von Abendröten, und noch unter den Krusten des Verdrängens die weiterschwelende Glut einer Lava, die unvermutet in Bruchstellen droht“ – so charakterisiert Fühmann die Traklschen Gedichte, die er im Grunde als ein einziges, sich ständig variierendes Gedicht empfindet. Er kann deshalb auf die Interpretation einer Vielzahl von Werken bewußt verzichten und sich auf die intensive Beschäftigung vor allem mit den folgenden fünf Gedichten beschränken, aus denen einzelne Verse für den Essay geradezu leitmotivische Funktionen haben: „Untergang“ („Unter Dornenbogen / O mein Bruder klimmen wir blinde Zeiger gen Mitternacht“), „Psalm“ – ein Werk, das, entgegen den alttestamentlichen Vorbildern, dem Allgemeinbewußtsein seiner Zeit nicht ent-, sondern widersprach –, das für die Auseinandersetzung mit der Dekadenzproblematik paradigmatische Sonett „Verfall“, „Menschheit“ (diesem Gedicht ist der Titel des Buches entnommen: Menschheit vor Feuerschlünden aufgestellt) und schließlich die nach einer Schlacht des ersten Weltkrieges benannte, Analogien zu Karl Kraus’ monumentalem Drama Die letzten Tage der Menschheit aufweisende Endzeit-Dichtung „Grodek“ mit dem bitteren Vers:

Alle Straßen münden in schwarze Verwesung

Bei der Interpretation dieser Gedichte läßt Fühmann nicht nur die Bindung des österreichischen Lyrikers an die salzburgische Landschaft und an geistige Traditionen seiner Heimat, sondern auch – ähnlich wie Georg Maurer in seinen Essays aus den fünfziger und sechziger Jahren und ganz und gar im Unterschied zu dem unbewußt schaffenden Trakl als ein poeta doctus höchsten Grades – vielfältige weltliterarische Beziehungen deutlich werden: Anklänge an biblisches und antikes Gedankengut, die Rezeption Arthur Rimbauds und die Wirkung auf Vítězslav Nezval.
Die Traklsche Dichtung dient Fühmann zugleich zum Nachdenken über das Wesen der Kunst, namentlich der Poesie, überhaupt. Wie bereits in dem Essay „Das mythische Element in der Literatur“ geht es ihm zunächst um die Unterscheidung zwischen Kunst und Wissenschaft, für die er geradezu „zwei in den Grundelementen gleichlautende und dennoch, wesensverschiedene Sprachen“ annimmt. Während etwa die Adjektive „rot“ und „gelb“ in der Wissenschaftssprache als eindeutige „Wörter“, nämlich als Namen für die Netzhauteindrücke bestimmter elektromagnetischer Wellen, angesehen werden könnten, seien sie in der Sprache der Dichtung „ambivalente, trotz jeweils klarer Begriffsbestimmung nie ausschöpfbare Worte“:

„rot“ – das ist der Name für den Netzhauteindruck einer Frequenz von 4 x 1014 Hertz; und „rot“ sagt eine Einheit von Leben und Tod.

Das dichterische Wort ist für Fühmann dialektisch par excellence, ist nicht anders als eine Einheit von Gegensätzen zu fassen:

Keinem, der sich mit Trakl beschäftigt, kann dessen Vorliebe für Farben entgehen, und mancher Interpret verweist dabei auf den Umstand, daß die Farben bei Trakl Empfindungen gegensätzlicher Art ausdrücken wie erzeugen: Weiß ist die Farbe des Schnees, aber auch die des Verschimmelns, Gelb die des Goldhaften, aber auch des Kotigen, Grün ist das Mailaub, aber auch die Verwesung, und „grün“ sagt also Hoffnung wie Angst.

Aus diesem dialektischen Charakter des dichterischen Wortes, der seinerseits wieder in der „widersprüchliche(n) Einheit der menschlichen Erfahrung“ wurzelt (dem konstituierenden Faktor für das „mythische“ Element in der Literatur, wie es in dem früheren Aufsatz hieß) – aus diesem dialektischen Charakter also erklärt sich das Geheimnisvolle, im Unterschied zu einem lösbaren Rätsel rational niemals voll Erschließbare eines Gedichtes, – und Fühmanns eigene Deutungen der Traklschen Lyrik wollen auch nicht als definitive Erkenntnisse, sondern als Versuche einer Annäherung, als ein Weiten und Schärfen unseres Bewußtseins begriffen werden.
Auf diesem dialektischen Charakter des dichterischen Wortes, der „Verschränkung von phantastisch Genauem und Unausschöpfbarem zu einzigartig neuer Gestalt“ beruht aber auch die Verallgemeinerungsfähigkeit einer künstlerischen Aussage, ja, ihre antizipierende Kraft. „Grodek“ bezieht sich nicht nur auf die einzelne Schlacht des ersten Weltkrieges, sondern gilt ebensosehr für Troja wie für Auschwitz; und das Gedicht „Untergang“, das, 1913 geschrieben, in einer Zeit äußerlicher Sicherheit die Gefährdung der bürgerlichen Gesellschaft ahnte, deutet voraus auf die Niederlage des faschistischen Deutschlands – nicht im Sinne einer direkten Vorwegnahme, wohl aber, insofern es späterer existentieller Erfahrung auf erschütternde Weise zugänglich ist:

In welche Verwirrung war ich gestürzt? Wohl hatte ich, eben über diesem Gedicht, für die Ewigkeit eines Moments begriffen, daß der Krieg für uns verloren war, aber gleich jeder früheren Ahnung war dies Begreifen noch unterhalb des Bewußtseins in den Wahn eines Dennoch-Siegs umgeschlagen, Automatik verzweifelten Selbstbetrugs, der mir nun jäh im Vers Vors Gesicht trat: „blinde Zeiger gen Mitternacht“. Es war mir, als ob Trakls Gedicht als ein Ich wider mich zu streiten anhübe und ich sähe, gelähmt von Betroffenheit und dies Gelähmtsein doch schon als Befreitheit genießend, dem Kampf mit traumhafter Gelassenheit zu: „Unter Eichen schaukeln wir auf einem silbernen Kahn.“ – Unter Eichen schaukelten die Gehenkten, auch in unserem stillen Tal.

Die Fühmannschen Gedanken über das Wesen der Literatur, gewonnen nicht nur aus der Beschäftigung mit der Traklschen, sondern mit der modernen Lyrik überhaupt, vorbereitet in früheren Arbeiten zur Romantik und in Beobachtungen an Matthias Claudius, Jean Paul, James Joyce und anderen Dichtern und bestätigt nicht zuletzt durch die Werke des Schriftstellers selbst, sollten dennoch nicht undifferenziert auf die gesamte Problematik von Kunst und Wissenschaft übertragen werden. Die Gegenüberstellung von begrifflich eindeutig bestimmten „Wörtern“ und unausschöpfbar vieldimensionalen „Worten“ kann, so treffend sie den Sachverhalt selbst wiedergibt, in einem literarischen Kontext leicht dazu verführen, die theoretische Analyse im Verhältnis zur dichterischen Gestaltung zu gering einzuschätzen – und sie läßt außer acht, daß die Dialektik integrierendes Moment zwar nicht des einzelnen Wortes, wohl aber aller Aussagen und Urteile der „Wissenschaftssprache“ ist. Die Wissenschaft weist – auch wenn ihre notwendigerweise unanschaulichen Abstraktionen der emotionalen Identifizierung nicht zugänglich sind – ebenso sehr wie die Kunst sowohl in sich widersprüchliche wie allgemeine, übergreifende Tendenzen in allen Erscheinungen der Wirklichkeit nach, – ja, Fühmanns eigene Überlegungen wären undenkbar ohne das Studium philosophischer Schriften von Hegel, Marx und Lenin. Andererseits ist die Koinzidenz der Gegensätze zwar ein Charakteristikum der Worte, nicht aber in jedem Fall auch der Werke der Literatur. Während etwa die Geschichtswissenschaft ein sorgfältiges Abwägen progressiver und regressiver Momente gestattet und auch bedeutende Leistungen der Vergangenheit in ihrem sozialen Zusammenhang und in ihrer inneren Widersprüchlichkeit zeigt, zielt die Kunst oft auf eine sinnlich-konkrete Verlebendigung großer Grundlinien, die, wenn man sie auf einen theoretischen Kern reduzieren wollte, sogar einseitig wirkten. Die Kunst-Bestimmung des Trakl-Essays ist in hohem Maße an der Lyrik entwickelt, in der das Geheimnisvolle, Inkommensurable eine überragende Rolle spielt, und sie spiegelt auf ganz entschiedene Weise die Wandlung von Fühmanns eigener, stark mit reflektorischen Elementen durchsetzter Prosa wider: Hatte er zum Beispiel im Hölzernen Pferd noch streng zwischen der „bösen“ Götterwelt des Trojanische Krieges und den menschenfreundlichen Göttern unterschieden, die die Heimkehr des Odysseus beförderten, so läßt der Prometheus-Roman die unlösbare Verquickung von progressiv-rationalen und konservativ-demagogischen Zügen in der Genealogie der olympischen Macht, ja, sogar die historische Begrenztheit der prometheischen Emanzipationsbestrebungen sichtbar werden, und die vier Mythen-Adaptationen „Der Geliebte der Morgenröte“, „Hera und Zeus“, „Marsyas“ und „Das Netz des Hephaistos“ sind gleichnishafte Modelle „objektiver widerspruchsvoller Prozesse des Menschheitsaußens wie Menscheninnen“. Nicht minder legitim als diese Differenzierung aber ist – um im stofflichen Bereich der genannten Fühmannschen Werke zu bleiben – die Verwendung antiker Motive entweder zur Entwicklung menschheits-geschichtlicher Perspektivvorstellungen oder zu einer schonungslosen Abrechnung mit den negativen Zügen in der „Vorgeschichte der menschlichen Gesellschaft“, für die in der neueren DDR-Literatur insbesondere die Dramatik exemplarisch ist.
Breiten Raum widmet Fühmann dem Vorwurf der Dekadenz, den man – ausdrücklich oder nicht – bisweilen gegen die Dichtung Georg Trakls erhoben hat. Er weist die unreflektierte Verwendung dieses Begriffes überhaupt in zweifacher Hinsicht zurück: Einmal setze er eine vorhergehende intakte Ordnung voraus, eine „heile Welt“, als welche man die höchst ambivalente bürgerliche Gesellschaft selbst in ihrer Aufstiegs- und Blütephase wohl schwerlich bezeichnen könne; zum anderen werde auch im Besingen des Verfalls Humanes sichtbar, echte Verzweiflung, kritische Auseinandersetzung und die – wenn auch noch nicht beantwortete – Frage nach Anderen zu dieser verfallenden Welt. Fühmanns Essay ist gleichermaßen der Ausdruck eines gewachsenen, vielschichtiger gewordenen Literaturverständnisses unserer Gesellschaft wie auch selbst ein Beitrag zur Erweiterung unseres Blickfeldes. Mochte in den ersten Jahren des sozialistischen Aufbaus, als es galt, die Überreste faschistischen Gedankengutes zu beseitigen und die Anschläge westlicher Ideologen auf unsere neue Kultur zurückzuweisen, ein Geschichtsbild angemessen gewesen sein, das die Vielfalt künstlerischer Erscheinungen auf einen ideologischen Grundgegensatz reduzierte – Fühmann selbst weist auf die historische Legitimität dieser Phase hin –, so ist mit der Festigung und Entwicklung der sozialistischen Ordnung die Voraussetzung geschaffen, uns des ganzen Reichtums der kulturellen Überlieferung bewußt zu werden und die humanen Werte auch einer Dichtung zu erkennen, welche die Kräfte, die zu der Überwindung einer Krise beitragen, noch nicht namhaft zu machen vermag.
Fühmann bekennt sich deshalb nachdrücklich zum Recht auf schonungslose Offenheit über das Leben seines Autors – über dessen Drogen- und Trunksucht oder die Liebe zu seiner Schwester Grete –; er weiß, daß der Leser nur dann den Exempelcharakter eines schöpferischen Lebens im Guten wie im Bösen anzunehmen fähig ist und daraus Nutzen für sich selbst ziehen kann, wenn er die ganze Wahrheit weiß. Folglich bietet Fühmann in seinen beiden Trakl-Editionen auch keine gereinigte, also manipulierte Auswahl, sondern einen Teil, der für das Ganze steht.

Die Menschheit, will sie sich konstituieren, muß lernen, den Menschen zu begreifen, den Menschen ganz und den ganzen Menschen, und ,ganz‘ heißt nun einmal nicht ,halb‘.

Vielleicht wird manchmal etwas vorschnell von Besonderheiten dieses Lyrikers auf allgemeine Wesensmerkmale eines Schriftstellers geschlossen (nicht die Unlebbarkeit eines Lebens, sondern die hohe Sensibilität, das außergewöhnliche Problembewußtsein dürfte ein generelles Kennzeichen dichterischer Existenz sein); andererseits scheut Fühmann nicht davor zurück, auch eine Gefahr der Traklschen Gedichte zu benennen: nämlich die Tendenz zur Selbstbemitleidung, die den Leser befallen mag, wenn er sich, ohne seinen eigenen Standort in kritischer Kausalanalyse zu reflektieren, mit der Untergangsstimmung dieser Lyrik uneingeschränkt zu identifizieren versucht.
Die Interpretation der Traklschen Lyrik und die theoretisch verallgemeinernden Aussagen über Wesensmerkmale der Kunst, die in ähnlicher Weise auch in einer wissenschaftlichen, streng auf objektive Sachverhalte zielenden Untersuchung möglich wären, sind – und dies charakterisiert den Essay als hervorragendes Beispiel einer dichterischen Auseinandersetzung mit dem Gegenstand – untrennbar verbunden mit der subjektiven Haltung des Autors, seiner emotionalen Betroffenheit. Fühmann schreibt nicht eine Trakl-Biographie, sondern erzählt seine Erfahrungen mit Trakls Gedicht – selbst das Studium der Sekundärliteratur wird zum persönlichen Erlebnis. Der Schriftsteller anerkennt nicht nur allgemein, daß ein Gedicht mehr als ein Abbild der Wirklichkeit ist, daß es die Aktivität des betroffenen Lesers erfordert, ja, daß die existentielle Nachvollziehbarkeit, das Betroffensein des Subjekts infolge gemeinsamer individueller und sozialer Erfahrung sogar das Hauptkriterium für ein gutes Gedicht ist – hierin befindet er sich im Einklang mit der neueren literaturwissenschaftlichen Forschung, die die historisch-genetische Analyse eines Kunstwerks, also dessen Beziehungen zur gesellschaftlichen Umwelt und zum Leben des Autors, immer stärker durch eine historisch-funktionale Betrachtungsweise ergänzt, die die Wirkung des Werkes als eines seiner konstituierenden Momente begreift –; Fühmann kann zugleich seine eigene Erschütterung zu einem Thema seines Buches machen.
Am Beginn seiner Begegnung mit der Traklschen Dichtung standen einige Zufälle: der Kauf eines antiquarischen Buches kurz vor Kriegsende, die Tatsache, daß der „weiße Weiher“ des „Untergang“-Gedichtes mit dem eigenen traumhaften See-Erlebnis des jungen Lesers korrespondierte, schließlich auch, daß Fühmanns Vater Trakl persönlich gekannt hatte. Wahrscheinlich aber – überlegt der Autor – wäre auch ohne diese zufälligen Anlässe seine Entwicklung im wesentlichen nicht anders verlaufen, wäre er früher oder später auf Trakl gestoßen. Wir haben bereits angeführt, wie „Untergang“ den Dichter Anfang Mai 1945 begreifen ließ, daß der Krieg verloren war; die Beziehung ist aber noch enger, konstituiert geradezu eine Motivverwandtschaft der Werke beider Autoren:

es hat, dann, nicht mehr lange gedauert, ebendies unser Verblendetsein als das Wesen jener Blindheit zu erkennen und tief erschauernd einzusehen, daß wir tatsächlich, blinde Zeiger, mit verzweifelter Kraft gen Mitternacht geklommen.

Es ist die Situation des antiken Oidipus, der, in Schein und Verblendung befangen, infolge eines ungeheuren Fehlverhaltens, das nicht als individuell-moralische Schuld, sondern als Nicht-Einsicht in die gesellschaftlich-objektiven Grundlagen seiner Existenz zu charakterisieren ist, von einem illusionären Gipfel in Schändlichkeit und Elend stürzt, jene Situation, die in der letzten und reifsten der Fühmannschen Weltkriegserzählungen beschworen ist, im Grunde aber auch schon hinter seinen früheren Novellen stand und auf die auch im vorliegenden Essay mehrfach angespielt wird. Der Zug in die Gefangenschaft wird mit den Trakl-Worten „Dämmerung und Verfall“ gekennzeichnet; Verse dieses Autors begleiten den komplizierten und widerspruchsvollen Prozeß des Neubeginns; die Lyrik Georg Trakls, die Fühmann betroffen machte, auch als er sie aus ideologischen Gründen ablehnen zu müssen glaubte, ließ ihn tiefer über das Problem der Dekadenz nachdenken – mehr noch: die Auseinandersetzung mit diesem Problem, wie sie oben skizziert wurde, ist zugleich eine Auseinandersetzung Fühmanns mit Phasen seiner eigenen Entwicklung –; und schließlich ist auch die Geschichte seiner Trakl-Editionen ein Beitrag zum Selbstverständnis des sozialistischen Schriftstellers.
Der Essay „Vor Feuerschlünden“ ist in all diesen höchst persönlichen Ausführungen über seinen eigentlichen Gegenstand hinaus ein Werk aus der Reihe jener für Fühmann charakteristischen schonungslosen Selbstanalysen, wie sie bereits in seinen frühen Novellen anklangen, wie sie in den als „Studien zur bürgerlichen Gesellschaft“ bezeichneten Geschichten des Bandes Der Jongleur im Kino oder Die Insel der Träume und besonders in dem Reisetagebuch Zweiundzwanzig Tage oder Die Hälfte des Lebens zum Ausdruck kamen. Das frühe Verfallensein an die nationalsozialistische Ideologie und die intellektuelle Wandlung nach 1945, die zunächst noch mehr vom Glauben als von der Einsicht bestimmt war, werden ebenso reflektiert wie krisenhafte persönliche Gefährdungen in den fünfziger und sechziger Jahren.

Der Wahrheit nachsinnen –
Viel Schmerz!

Diese Worte aus dem Gedicht „Im Schnee“ hat Fühmann als Titel seiner jüngsten Trakl-Edition gewählt, und diese Worte prägen auch nachhaltig den Gedankengang seines Essays. Fühmann macht es sich nicht leicht, Gewißheit über sich selbst und über den gesellschaftlich-politischen Wandlungsprozeß nach dem zweiten Weltkrieg zu erlangen. Unangetastet bleibt sein Bekenntnis zu jenen Menschen, die „das Andere zu Auschwitz“ verkörpern (mit dem Begriff „Das Andere“, der dem Kapitel „Die Endlichkeit“ aus der Hegelschen „Logik“ entstammt, bezeichnet Fühmann das gesetzmäßig und notwendig Neue gegenüber einem beschränkten und überholten Zustand, das seinerseits wiederum nicht ein Absolutes und Definitives, sondern Glied eines unendlichen, von dialektischen Widersprüchen bestimmten Prozesses ist); aber während in den Jahren unmittelbar nach der Befreiung „das Andere“ zu der verachteten bürgerlich-kapitalistischen Welt in linearer Verklärung erscheinen und simplifizierend als Lösung aller Widersprüche angesehen werden konnte – eine Vorstellung, die für eine bestimmte Zeit historisch verständlich war, keineswegs aber den philosophischen Intentionen von Marx, Engels und Lenin entsprach –, wurde Fühmann sich später zunehmend der tatsächlichen Kompliziertheit der Lage (der „Mühen der Ebenen“, wie Brecht sagt) bewußt, erkannte er neben der Diskontinuität der Wandlung die Kontinuität der sich Wandelnden und begriff auch die nachrevolutionäre Geschichte der Arbeiterbewegung als einen Prozeß schmerzvoller Wahrheitssuche. Die kritische Sicht auf die gesamte Wirklichkeit und damit auch auf das Neue ist kein Relikt bürgerlicher Ideologie (deren Sache, namentlich im imperialistischen Stadium, war Kritik ganz und gar nicht!), sondern dient vielmehr der vertieften Erkenntnis und Gestaltung der Gegenwart. Fühmanns „Nachsinnen über die Wahrheit“ ist selbstverständlich nicht frei von Irrtümern und Mißdeutbarkeit, und die sozialen Erfahrungen, die er reflektiert, werden in dieser Art gewiß nicht von allen Zeitgenossen geteilt – aber es gehört zum Wesen einer dichterischen Weltsicht, der eigenen Subjektivität Ausdruck zu geben und dabei auch gewisse Einseitigkeiten in Kauf zu nehmen, die in der wissenschaftlichen Abstraktion durch ein subtiles Abwägen historisch differenzierter Tendenzen sofort, im künstlerischen Bild aber erst durch das Gesamtensemble der zeitgenössischen Kultur aufgehoben werden. „Nicht die Wahrheit“, sagt Lessing, „in deren Besitz irgend ein Mensch ist, oder zu sein vermeinet, sondern die aufrichtige Mühe, die er angewandt hat, hinter die Wahrheit zu kommen, macht den Wert des Menschen.“ Der Trakl-Essay mit seinen drei Aspekten der Werkinterpretation, der Poetologie und der Selbstbesinnung ist ein charakteristisches Zeugnis dichterischen Ringens um die Wahrheit an der Schwelle der achtziger Jahre.

Volker Riedel, Sinn und Form, Heft 1, Januar/Februar 1983

Die Nachricht vom Menschen

1975 erschien im Leipziger Reclam-Verlag erstmals in der DDR eine Auswahl aus den Gedichten und Briefen Georg Trakls. Zuvor hatte sich Franz Fühmann, der jene Auswahl vornahm, für die Rehabilitierung des ideologisch diskreditierten Expressionisten eingesetzt, dessen Werk ihm zuerst in einer Mainacht 1945 begegnet war. Der 23-jährige Wehrmachtssoldat wartete darauf, am nächsten Morgen nach dem zerstörten Dresden marschieren zu müssen. Die Lektüre der Gedichte verband sich mit dem Gefühl des Zusammenbruchs, den er rund um sich herum wahrnahm. Seit dieser Nacht begleitete die Dichtung Trakls Fühmanns Lebensweg.
Die ideologische Erziehung an der „Antifaschistischen Schule für Kriegsgefangene“ ließ ihn jeden Schriftsteller und Dichter als Repräsentanten einer sozialen Schicht bewerten, der ausschließlich seine politischen Interessen im Wort verteidigt. Doch mit Trakl verhielt es sich anders. Die ästhetische Erfahrung dominierte. Und diese Erfahrung war es, durch die er sich herausgefordert sah. Trakl war längst gebrandmarkt als Vertreter der „Décadence“, die den Verfall stilisiert anstatt eine soziale Utopie zu entwerfen. Entweder galt es, ihn zu verteidigen oder die Doktrin aufrechtzuerhalten. Beides nahm Fühmann ernst: Die Doktrin, indem er „noch durch die verzerrtesten Züge die Befreier von Auschwitz“ hinter ihr sah. Und die Dichtung, die ihm das Andere zu Auschwitz bedeutete. Dieser in seiner Biographie verwurzelte Grundkonflikt beherrscht den Essay „Vor Feuerschlünden“. Man kann davon sprechen, dass es der Versuch eines Menschen ist, die Erfahrung von Poesie im alltäglichen Leben zu verankern. Während der Arbeit an dem Auswahlband entschied sich das innere Ringen: „Trakls Gedicht, es hatte gesiegt.“
Die einander widerstreitenden Lebensbereiche bestimmen die Doppelstruktur des Essays. Alltagsbeschreibung und Reflexionen über Dichtung stehen im Text nebeneineinander, ohne dass sie miteinander verbunden wären. Durch diese Anordnung wird das Einbrechen des Gedichts in die Lebenswelt, die Erschütterung durch das Verlangen, das „Andere“ verstehen zu wollen, dem Leser plastisch vorgeführt. Die stärksten und ergreifendsten Stellen des Buchs sind diejenigen, in denen sich Leben und Dichtung im Menschen Franz Fühmann unmittelbar berühren: Wenn er sich nicht dazu überwinden kann, die Bände Trakls zu verbrennen, wie es ihm sein ideologischen Gewissen aufgetragen hat, oder wenn inmitten der Geschehnisse plötzlich der Gedanke an den Dichter Trakl kommt und ihn nicht wieder verlässt. Doch bleiben solch dramatische Szenen vereinzelt. Merkwürdigerweise sind gerade die Ausführungen zu Dichtung und Literatur geprägt von akademisch-trockener Tonart, wenngleich auch in diesen Absätze erscheinen, die erkennen lassen, wie „existentiell“ Fühmann gelesen hat. Hier zeichnet sich das Bild eines Lesers ab, der zunächst dagegen ankämpft, sich ein Bild vom Dichter zu machen – ihn als „Feuergottheit“ überhöht – und dann in einem Lernprozess die „Nachricht vom Menschen“ sucht, Gedichte als umgeformte Erfahrungen betrachtet und diese wiederum durch die eigene Erfahrung zu übersteigen versucht. Woran der Text allerdings krankt, benennt sein Freund und Schüler Uwe Kolbe in seinem Nachwort treffend: Die Neigung Fühmanns, das Gedicht dem Zensor – dem bornierten, amusischen Leser – erklären zu wollen, wird in seinen Sätzen transparent und stößt diejenigen vor den Kopf, die sich seinen Erlebnisbericht als Leser gegenüberstellen, die für das Besondere der Literatur empfänglich sind.
Leser Trakls, die sich gewissermaßen einen Austausch von Liebhaber zu Liebhaber erhoffen, werden enttäuscht, weil das Gewicht weniger auf dessen Gedicht liegt als auf seinem exemplarischen Wert. Fühmann selbst bemerkt die biographische Zufälligkeit, die Trakls Dichtung zum Inbegriff der Gewalt werden ließ, mit der Dichtung in das Leben des Einzelnen einbrechen kann, und erklärt, dass ihm unter anderen Umständen Gottfried Benn oder Rilke ebenso wichtig hätten werden können. Sein großer Wert liegt aber darin, dass es die Dichtung in einer dichtungsfeindlichen Umwelt verteidigt und seinen Leser vor eine Herausforderung stellt: Es erwartet, dass er selbst bereit ist, eine „Nachricht“ zu empfangen, die Nachricht vom Menschen Franz Fühmann.

Waldemar Kesler, literaturkritik.de, September 2002

Vor Feuerschlünden!

Eine kleine persönliche Anekdote sei mir vorab gestattet: Kurz nachdem ich diesen Essay mit 17 Jahren zum ersten Mal gelesen hatte, empfahl ich die Lektüre einem Verwandten. Es stellte sich heraus, dass dieser viele Jahre zuvor für eine große DDR-Zeitung eine wohlmeinende Rezension zu einem Buch Fühmanns verfasst hatte. Später traf er Fühmann zufällig auf einem Journalistenkongress. Er erinnere sich noch genau an den Händedruck dieses kräftigen Mannes, sagte mein Verwandter.
Eine besonders markante Stelle in Vor Feuerschlünden ist der Dialog zwischen Vater und Sohn, insbesondere jener Moment, da plötzlich klar wurde, dass – auch für Franz Fühmann kaum fassbar – Fühmanns Vater Georg Trakl persönlich gut kannte. Sie hatten in der gleichen k.u.k.-Militäreinheit gedient. Im ersten Moment glaubte ich an dichterische Freiheit zugunsten eines dramaturgischen Effekts. Gab es solche Zufälle? Heute weiß ich: es gibt sie – en masse!
Das entlockte mir damals ein Lächeln, konnte ich mit ein wenig Phantasie nun sagen, dass ich – aus Norddeutschland stammend – in gewissem Sinne (und über die Zeiten hinweg) mittels dreier „Stationen“ dem „spinnerten Schorschl“ (O-Ton Papa Fühmann) die Hand geschüttelt hatte: dem Mann, der 1914 mit nur 27 Jahren an einer Überdosis Kokain starb, dem Mann, der „Verfall“ geschrieben hat, ein traumhaft schönes Gedicht voll sanfter Melancholie, das ich seit meinem 17. Lebensjahr in mir trage und in mir tragen werde, so lange ich bin.
In einer Mainacht des Jahres 1945, kurz vor dem Einmarsch in das zerstörte Dresden, las der 23-jährige Soldat Franz Fühmann erstmals Gedichte des expressionistischen österreichischen Lyrikers Georg Trakl. Trakls Gedichte sollten Fühmann ein Leben lang begleiten.
Später, als anerkannter Schriftsteller in der DDR, beschrieb Fühmann seine Erfahrungen mit Trakls Gedicht in einem Essay – ein Unterfangen, das wenige Jahre zuvor noch eine Gratwanderung am Rande des Publikationsverbots gewesen wäre, gehörten die Expressionisten doch zu den ideologisch geächteten Vertretern der „Dekadenz“.
Fühmann findet sich in den Gedichten wieder. Sowohl Trakl als auch Fühmann waren Akteure in den beiden Urkatastrophen des zwanzigsten Jahrhunderts: Fühmann war Soldat im Zweiten Weltkrieg, Trakl im Ersten Weltkrieg. Allein dies ist nicht zwingend erheblich, denn Fühmann analysiert und interpretiert in erster Linie Gedichte, die vor dem Ersten Weltkrieg entstanden sind, zum Beispiel das vornehmlich von Trakl als Ausdruck einer Grundstimmung verfasste Gedicht „Verfall“, das uns Fühmann näher bringt und aufzeigt, wie das Gedicht als Gedicht im Rezipienten „ein Weiten wie Schärfen (unseres) Bewusstseins“ bewirkt – exemplarisch im Hinblick auf Fühmanns spezifische Lebenssituation.
Durch die äußerst genaue Interpretation der Gedichte erhält der Leser einen Einblick in Stilmittel der Expressionisten im Allgemeinen und bei Trakl im Besonderen (vier Strophenzeilen, Farbsymbolik, die sich später als Metapher verselbständigt u.s.w.)
Im Anhang enthält der Band eine Auswahl von Gedichten und Briefen aus dem Werk Trakls.
Besonders faszinierend sind die Brüche innerhalb des Essays, das schroffe Gegenüberstellen von Leben und Gedicht, von Idealität und Realität, von Anspruch und Erfüllung. Und immer wieder der – plastisch geschilderte – Einbruch von Trakls Gedicht in Fühmanns Lebensrealität. Mit leicht ironischem Augenzwinkern sei bemerkt, dass man das Ringen des Autors und die Absicht deutlich spürt!
Nicht zuletzt ist der großartige Essay ein packendes Stimmungsbild des kurzen (1914–1989) und brutalen 20. Jahrhundert!

Uneingeschränkt empfohlen!

Wallenstein, amazon.de, 22.7.2010

 

GEORG TRAKL

Melancholie
vorabendblau

Staubgeflüster

Im Schattenlaub
brechen Tiere zusammen

Der Herbst ist ein
goldener Kadaver

Wald
blutende Wunde

 

Deine Wunde
heilte nicht
Georg

Rose Ausländer

 

Isabel Cole über Franz Fühmann und seine Ausführungen zu Trakl – Erfahrung mit Fühmanns Gedicht Vor Feuerschlünden: Übersetzungsprobleme Teil 1

 

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Zum 100. Geburtstag des Autors:

Adrien Finck: Trakl hier und heute
Hans Weichselbaum (Hrsg.): Trakl-Forum 1987, Otto Müller Verlag, 1988

Zum 100. Todestag des Autors:

Norbert Hummelt: Strassen der Verwesung
Neue Zürcher Zeitung, 21.7.2014

Gunnar Decker: Wahrheit ist Schmerz
Neues Deutschland, 3.11.2014

Arno Widmann: „So einsam war es in der Welt“
Frankfurter Rundschau, 2.11.2014

Beatrice von Matt: Blaue Stille, dunkle Gifte
Neue Zürcher Zeitung, 3.11.2014

Gerald Heidegger: „Wie weh ist die Welt …“
orf.at, 3.11.2014

Dieter Kaltwasser: Lasst ihn in seiner Einsamkeit
literaturkritik.de, 3.11.2014

Peter Paul Wiplinger: Trakl – eine Betrachtung
editionslabor.de, 3.11.2014

Jan Kuhlbrodt: Der erste Kontakt
signaturen-magazin.de

Fakten und Vermutungen zum Autor + Touri-Website + Archiv 1 + 2

 

Zum 70. Geburtstag des Herausgebers:

Hans Richter: Ein verlorener Sohn Böhmens
Sinn und Form, Heft 4, Juli/August 1992

Zum 95. Geburtstag des Autors:

Walter G. Goes: Versuche über Literatur
Ostseezeitung Rügen, 14.1.2017

Fakten und Vermutungen zum Herausgeber + Archiv + KLG
Porträtgalerie
Gedenkartikel: Uwe WittstockUwe Kolbe + 2 + 3Max Walter Schulz,
Christa Wolf + Ulrike Almut Sandig + Dietmar Riemann
Interviews: mit LehrerInnen, mit Hans-Georg Soldat

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