Franz Fühmann: Gedichte und Nachdichtungen

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch von Franz Fühmann: Gedichte und Nachdichtungen

Fühmann-Gedichte und Nachdichtungen

ZU DREI BILDERN CARL HOFERS

Der Übersetzer
(1937)

Sein Kopf ist müd. Er stützt ihn in die Hand,
jedoch das Denken drängt ihn: Übertrage
die eine Zeile noch, sinn nach und sage
den ungeheuren Sinn, der dir erstand

aus diesen Worten fremder Sprache! Wage
dies einz’ge Wort nur: Es wird Widerstand,
es wird die Feuerschrift auf schwarzer Wand,
die Front ruft wider deines Volkes Plage!

Wie schwillt des Worts Substanz unter der Stirn,
zieht alles Licht auf die gefurchte Fläche,
die hoch sich wölbt über dem wählenden Hirn,
und hämmert, daß es diesen Fels durchbreche,
um auszusprechen sich, dies Wort, dies eine,
in neuer Sprache: Freiheit, die ich meine!

 

 

 

Fühmann Gedichte und Nachdichtungen

Leider sind nur auf 43 von 344 Seiten Gedichte von Franz Fühmann aus den Jahren 1955 bis 1957 abgedruckt, weiterhin fehlt ein Vor- bzw. Nachwort zur Ausgabe, dafür sind auf ca. 280 Seiten Übersetzungen von Biebl, Halas, Holan, Hrubin, Nezval, Xaver, Seifert, Füst, Hajnal, A. Jószef, Kaláz, A. N. Nagy, Petöfi, Radnóti und Vörösmarty. Zum Genie Fühmanns,der es wohl wie kaum ein zweiter der deutschen Nachkriegsliteratur verstand, mit den deutschen Worten „handzuhaben“, muss nichts geschrieben werden. Einfach lesen und genießen.

Uschner, amazon.de, 23.10.2012

 

Aber die Schöpfung soll dauern…

Das lyrische Werk Franz Fühmanns, der im vergangenen Jahr den Nationalpreis erhalten hat, ist nunmehr, sieht man von einem Heftchen des jugendlichen Dichters im Ellermann-Verlag ab, auf vier Bände gewachsen. Den früher erschienenen Die Nelke Nikos und Die Fahrt nach Stalingrad sind im Verlag der Nation die satirischen Verse Seht her, wir sind’s und im Aufbau-Verlag Aber die Schöpfung soll dauern gefolgt. Dieser Band, obwohl er nicht mehr als 61 Seiten stark ist, stellt die bisher bedeutendste Leistung eines unserer jungen Lyriker nach dem Kriege dar. Franz Fühmann, der sozialistische Realist, ist vielleicht mit dieser Arbeit der erste unter den Jungen, der ganz überzeugend in die Zukunft weist.
Welchen Vorsprung — man verzeihe den sportlichen Ausdruck — Fühmann auch vor unsern jungen fortschrittlichen Lyrikern gewonnen hat, zeigt z.B. der Vergleich seiner „Seefahrer“ mit Jens Gerlachs „Ballade von den Verschollenen“, die beide dem Vorbild Artur Rimbauds bzw. Georg Heyms verpflichtet sind. Die letzte Strophe Gerlachs lautet:

Irgendwo wurden wir müde. Wir haben
Viele verloren, versenkten in Lee
Träumer und Seefahrer, Greise und Knaben —
Irgendwo gingen wir schlafen. Begraben
Sind unsre Namen im Atem der See.

Weder formal noch inhaltlich wird hier Neues errungen, die Verse verschwimmen, unklarer Nebel, weit hinter den kräftigen Originalen, sind epigonale Vagantenlyrik. Bei Fühmann heißt es nach symbolischer Meerfahrt durch Dunkel auch formal viel lebendiger:

Der Adler ist schon verflogen.
Küsten sieht man noch nicht,
doch zwischen Wolken und Wogen
dauert des Menschen Gesicht,
dauern seine zwei Hände,
dauert das hohe Lied,
von der Fahrt, von ihrem Ende,
das keiner, das jeder sieht.

Das ist ein Musterbeispiel dafür, wie ein bürgerliches Erbe — Rimbauds „Trunkenes Schiff“, das für die neuere Poesie eine ähnliche Bedeutung hatte wie Gogols „Mantel“ für die russische Prosa — aufgenommen und im Sinne des sozialistischen Realismus „gehoben“ wird.
Das Erlebnis der Sowjetunion, darauf hat Georg Maurer anläßlich früherer Publikationen Franz Fühmanns bereits hingewiesen, ist für Fühmann der Auslöser gewesen, sich mit dem deutschen Schicksal auf neue Weise auseinanderzusetzen. Eine besondere Rolle spielt dabei die Ergründung und Neudeutung der deutschen Märchen- und Sagenwelt. Das Gedicht „Die Richtung der Märchen“ gibt das Programm

Die Richtung der Märchen: Tiefer, immer
zum Grund zu.  i r d i s c h e r  
(von mir gesperrt),
näher der Wurzel der Dinge,
ins Wesen.

Drei Märchenbeispiele bestätigen die Notwendigkeit, „ins Wesen“ einzudringen, das erste:

Wenn die Quelle im Brunnen nicht springt
und ratlos die Bürger sich stauen:
Held Hans hebt den Stein, der im Wasser liegt,
da hockt eine Kröte darunter,
die Kröte muß man töten,
dann springt der Quell wieder rein.

„Im Lande tief unter den Brunnen“ verwirklicht die Phantasie des Volkes seine Wünsche, was die gesellschaftliche Realität noch nicht erlaubt. So vermag der Soldat, „Des Teufels ruß’ger Gesell“, erst in der Hölle mit seinen Quälern abzurechnen. Wenn der Hauptmann, der da im Kessel sitzt — mit Recht, möchte der Rezensent betonen! — seinen Soldaten anbettelt „Ach du mein guter Kamerad, / hilf mir aus der Hölle heraus!“, bekommt er die Antwort: „Aber nein, da wird nichts draus, / du hast mich auf Erden geschunden, / nun bleib in der Hölle drunten, / des Teufels fetter Schmaus!“ Ebenso ergeht es dem Marschall, ebenso dem König.
„Held Hans“, die „Kröte“, der „Quell“ Fühmann erkennt sie als Grundsymbole für gesellschaftliche Kräfte: er sagt das nicht „deutlich“, er stellt neben die Symbole nicht die wissenschaftlichen Begriffe. So kann es geschehen, daß einzelne Gedichte erst dann ganz verstanden werden, wenn man sie im Zusammenhang des Bandes liest. Dann stellen sich beispielsweise Bezüge her zwischen den Zeilen der düstren Märchenballade „In Frau Trudes Haus“.

Mein Kind, was du siehst, sprach Frau Trude,
du siehst mir die Dinge zu gut.
Sie verhexte das Kind in ein Holzscheit,
und das warf sie schnell in die Glut.

− und diesen:

und die kleinen gläsernen Truhen
gebettet in Blütenschnee,
gefüllt mit Kitteln und Schuhen.
Das blieb von Lidice.

Damit sei auch der weite Bogen angedeutet, unter dem die Gedichte des Bandes stehen: Von „Frau Trude“, in deren Haus Männer mit Krallenfingern, mit Gürteln aus Menschenhaut, mit blutbeflecktem Henkerbeil verkehren, bis zu den „Geiern“, den Ausbeutern, und den „Demagogen“, die das Volk im Dienst der Ausbeuter irreführen; von „Held Hans“, der die Kröte tötet, bis zum Maler Carl Hofer, der mit der Symbolsprache seiner Bilder (deren drei Fühmann lyrisch deutet) „geistigen Widerstand gegen die Barbarei setzt, bis zu den „Seefahrern“, der Phalanx der aufbrechenden Massen:

Und sie sehn: Eine solche Flottille,
Schiff auf Schiff auf Fahrt,
der unermessene Wille
zur fordernden Gegenwart…

Im Mittelpunkt des Bandes steht eines der schönsten Gedichte Fühmanns: „Auf einem alten Friedhof“. Es dokumentiert wie die „Seefahrer“ besonders deutlich die neue Qualität, die hier gefunden wurde, und ist thematisch der Angelpunkt des Bandes: Rückschau auf das Schicksal des Volkes und Zukunftsvision. In der „Landschaft der Kreuze und Kränze“ meditiert der Dichter über die armen Jahre der Toten, der „Seelen reich und groß“, die unterdrückt und verdorben wurden:

Ach, achtzehn Stunden, geschunden
hinterm Pflug und geschlafen im Stall
oder an das Fließband gebunden.
ein Stück belebtes Metall
im Rhythmus, der zerrüttet,
was Mensch ist, Gedank und Gedicht,
den Rest auf den Kehricht geschüttet,
und ein Kreuz drauf. Mehr ließ man euch nicht.

Schon diese Verse sind fern der Meditation poetischer Kirchhofgänger des Bürgertums „Reich und Arm, ach, alle müssen mal unter die Erde“, der Tod als Gleichmacher, Vertröstung der Armen: das oder ähnliches interessiert Fühmann nicht. In welche Richtung aber wird der Gedankenfaden laufen? Zu dem sattsam bekannten „Auch ich werd hier liegen“? Oder zur Anklage? Nein, Fühmann wagt einen ungewöhnlichen Sprung — und er gelingt Ihm! —, der schlagend beweist, daß mit diesem Gedicht, mit diesem Gedichtband das sozialistische Bewußtsein auf hohem Niveau und überzeugend in der Poesie gesiegt hat. Fühmann hebt den Blick von den Gräbern und — auf dem Friedhof diese Vision!! −:

Ich sehe Gras und Bläue
und Menschen, die aufrecht gehn:
stürmende, stolze, auch scheue,
schöne Menschen kann ich sehn,
die werden die Worte deuten,
unsichtbare, in Moder und Moos.
von den armen, den kleinen Leuten,
von den Seelen reich und groß.

Der Dichter vergißt an einem Ort, der stets noch zur Selbstbesinnung verführt hat, „sich selbst“: mächtig schlägt das Gesellschaftsbewußtsein durch, zerstört eine lyrische Konvention, schafft wahrhaft neue Lyrik.

Adolf Endler, Berliner Zeitung, 4.1.1958
(zu einem anderen Gedichtband von Franz Fühmann)

 

Franz Fühmann: „Es bleibt nichts anderes als das Werk“

Meine Damen und Herren, was Sie von mir zu erwarten haben, ist weniger ein geschlossener Redetext als vielmehr ein Amalgam aus Erinnerungspartikeln, Gedankensprüngen und Zitatcollagen. Der Riß und der Sprung als Signaturen des Gedenkens – womöglich ist diese Form der Erinnerung dem Gedächtnis Franz Fühmanns ganz gemäß.

1
Im September 1981 bin ich mit Franz Fühmann in Rostock gewesen. Der Hinstorff Verlag feierte seinen 150. Geburtstag; Fühmann hatte zögernd zugestimmt, die Festrede zu halten. Ich galt damals als Hinstorff-Autor, weil der Verlag zwei Bücher von mir nicht gedruckt hatte. Fühmanns Hoffnung, durch die Jubiläumsrede die Veröffentlichung auch meiner Texte befördern zu können, trog abermals. Es war eine bleierne Zeit, hier, Anfang der achtziger Jahre. Mein Leben in der Zone war unlebbar geworden. Ich habe das Wort ,Zone‘ mit Bedacht gewählt. Ich meine damit das verwahrloste Gelände aus dem Film Stalker von Andrej Tarkowski, nicht Springers Propagandavokabel.
Ich arbeitete, im Herbst ’81, bereits an der Prosa meines Ausreiseantrages. Es stand mir offenbar im Gesicht geschrieben. Manche, die ich während des Hinstorff-Festes begrüßen wollte, weigerten sich, mir die Hand zu geben. Andere zogen es vor, den Tisch zu verlassen, an den ich mich setzte. Nur Fühmann wich irgendwie nicht von meiner Seite, Das vergißt man nicht.
Franz Fühmann: der Förderer; der Mentor; der solidarische Freund. Darüber ist, zu Recht, viel gesagt und geschrieben worden. Mein Thema mit Fühmann, das mir bis heute zu denken gibt, ist die Verschränkung von Radikalität und Illusion. Das an die Wurzel gehende Nachdenken über das Wesen der Poesie und das Verhängnis des dichterischen Wortes. Und die Disposition zum politischen Glaubensbekenntnis.

Drei Sprachzeugnisse aus der Zeit des Hinstorff-Jubiläums mögen anschaulich machen, was ich meine:

„Sie haben dieses kostbare Erbe“ – so Fühmann in seiner Festrede zu Verlagsleiter Fauth alias GMS Buch und Cheflektor Simon alias IME Schönberg

unter sehr komplizierten Bedingungen zu wahren, unter Umständen, um die man Sie nicht beneidet, in einer Gesamtsituation, darin nicht wenig verfahren und vieles verworren und manches bis zum Verzweifeln quälend ist. Solche Worte mögen in einer Festrede erschrecken, doch ich möchte zu Ehren meines Verlages nicht nur Läuschen und Rimels verzählen, ich will da schon sagen, wie mir ums Herz ist, und dort ist auch heute nicht Jubel allein. … Für manche Manuskripte junger Autoren sogenannter schwieriger Art hat Hinstorff Beispiele geschaffen, die zu der Hoffnung ermutigen, daß ähnliche, und schwierigere, erwogen und vollzogen werden.

Ich trage Ihnen nun die Schlußpassage meines Ausreiseantrages vor, den ich ein paar Monate später beim Rat der Stadt Leipzig veröffentlichte; eine Kopie, nein: eine Abschrift schickte ich damals auch an Hinstorff.

… Ich möchte dieses Land im Guten verlassen, ihm nicht Haß oder Bitterkeit nachtragen, wie es einige Autoren, die in den letzten Jahren aus der DDR in den Westen reisten, für richtig befunden haben. Ich bin überhaupt nicht bereit, 30 Jahre gelebten Lebens, das Schmerz und Freude, gespenstische und wunderbare Begegnungen barg, nun zu einer hassenswerten Vergangenheit schrumpfen zu lassen. Für mich bestehen momentan offenbar unlösbare Widersprüche hier; Partner, die sich nicht mehr ertragen, sollten in Würde, ohne keifende Hysterie sich zu trennen imstande sein.
Wenn ich sage, daß ich diesen Antrag
nur meinem Schreiben zuliebe stelle, so schwingt in dem Wörtchen ,nur‘ allerdings das Entsetzliche einer von Grund auf falschen Alternative mit. Gern würden wir mit einem Lächeln wegfahren –

Welche politische Wohlerzogenheitsneurose gab einem diesen Tonfall ein; es ist das, auch literarisch, Unerledigte des Themas, das ich mit Fühmann teile.
Mein drittes Beispiel stammt aus dem Galeerentagebuch des ungarischen Juden und Auschwitzüberlebenden Imre Kertész und ist ein Dokument der Hellsichtigkeit. Kertész hielt sich 1980 eine Zeitlang in Dresden auf:

… die Gegenwart ist unpathetisches Elend des Überlebens.
Wenngleich die Richtung dieses Überlebens völlig ungewiß ist: in der Zeit läuft es weiter, doch es steuert auf nichts zu – wenigstens nicht spürbar. Die Menschen füllen gleichsam stofflich, wie eine breiartige, drückende Masse, die Ritzen zwischen den Steinen aus: Sie stehen Schlange vor Geschäften, Cafés und Restaurants. Die Moral dieser Menschenmasse, so jedenfalls scheint es mir, ist nur noch der äußere Anstand; allein die wohlbekannte Grenze ihrer Möglichkeiten hält sie im Zaum. Unverständlich, daß es nicht jede Nacht Massaker, Brandstiftungen, Blutbäder und Plünderungen gibt und am Morgen dann ein jeder wieder an seinem Arbeitsplatz erscheint. Danke sehr, bitte sehr… Ich kann mir nicht vorstellen, daß in dieser Stadt plötzlich jemand zu denken anfängt. Endlich finde ich eine kleine Gaststätte. Und bekomme nachmittags um vier zum Mittagessen ein Bauernfrühstück.

2.
Vor 20 Jahren und einem Monat, am 19.3.1977, habe ich Franz Fühmann kennengelernt. Ich kann es so genau rekonstruieren durch das Datum, das Fühmann unter sein Autogramm in meinem Exemplar seines Ungarntagebuchs Zweiundzwanzig Tage oder Die Hälfte des Lebens gesetzt hat. Das Buch liebe und lese ich bis heute.
Ich war damals Diplomingenieur und arbeitete als Friedhofsgärtner am Rande von Dresden. Fühmann war einer Einladung der Evangelischen Studentengemeinde gefolgt; wir verbrachten ein Wochenende im Erzgebirge, in der üblichen halbkonspirativen Manier. Mir blieb die Pein nicht erspart, daß mich der Studentenpfarrer Fühmann mit dem Satz vorstellte: „Der junge Mann schreibt auch“. Fühmanns Seitenblick changierte zwischen Ironie und Aufmerksamkeit.
Dann las Fühmann aus dem Trakl-Typoskript. Ich hörte gebannt zu, und Fühmann mußte mir etwas angemerkt haben, denn er schenkte mir nach der Lesung das mit handschriftlichen Korrekturen versehene Typoskript. Das Buch wird später im Osten Vor Feuerschlünden und im Westen Sturz des Engels heißen. Es ist, wie es Uwe Kolbe in einem Aufsatz formuliert hat, Fühmanns bestes und schlechtestes Buch zugleich. Sein bestes, weil es, wie kein anderes, die Sache der Poesie zur Sprache bringt. Sein schlechtestes, weil es, heimlich-unheimlich, den Funktionär zum Adressaten hat, um sein Gehör fleht, ihn, vor allem, von Trakls Gedicht überzeugen will.

Radikalität und Illusion, die beiden Lebenslinien.

3.
Von Franz Fühmann habe ich früh gelernt, Präzision als eine, vielleicht die wichtigste Eigenschaft der Poesie zu begreifen. Die Vergegenwärtigungsvirtuosität des geglückten Textes beruht, nicht zuletzt, auf Genauigkeit.
Kalter Blick und Menschenliebe sind, so heißt es einmal bei Tschechow, Voraussetzungen der Literatur. – Mit Fühmanns Worten:

Wer den Geist nicht spitz will, wer die Feder nicht spitz will, wer den Griffel, wer die analytische Anstrengung des Begriffs nicht spitz will, sondern abgestumpft, man könnte auch sagen: ausgewogen, der will im Grunde genommen den Geist nicht, nicht als Wissenschaft und nicht als Dichtung, nicht als Kunst und nicht als Philosophie.

Ein häufig bemühtes Klischee lautet: dieses oder jenes Buch gehe bis an die Grenze des Sagbaren. Das Gegenteil gilt: Literatur beginnt erst an dieser Grenze.
Daß Einsichten Folgen haben müssen – oder billig bleiben, auch so könnte ich ein Erbteil formulieren, das von Franz Fühmann auf mich gekommen ist.
Unter diesem Aspekt gelesen, enthält Christa Wolfs Gedenkrede auf Franz Fühmann eine interessante Passage: Christa Wolf berichtet, Fühmann habe während ihres letzten Telefonats, eine Woche vor seinem Tod, Streit über einen Autor mit ihr angefangen, „den ich ihm empfahl und den er rundweg ablehnte: wegen mangelnder Konsequenz. Seine Kritik bleibe in Symptomen stecken, stoße zum Kern der Sache nicht vor, treffe, vor allem, die Falschen, obwohl er, der Autor, ganz gut wisse, wer die Richtigen wären. Halbheiten, also“.
Die Koinzidenz des Datums legt es mir nahe, von einer Konsequenz zu berichten, die ich kürzlich zog. Und ich meine, ich verfehle damit mein Thema, Fühmanns Gedächtnis, nicht.

Heute beginnt in Quedlinburg die Jahrestagung des P.E.N.-Zentrums Bundesrepublik Deutschland. Ich habe dem P.E.N.-Club West sieben Jahre angehört, trug fünf davon als Präsidiumsmitglied Verantwortung. Im letzten Herbst trat ich aus.
Was ich im West-P.E.N. sah und hörte, verwandelte meine quälenden Zweifel in Gewißheit, daß es sich beim P.E.N. nicht um eine Freundesgesellschaft verbündeter Autoren handelte, die an Gesprächen, Beisammensein und dem konzisen Ausdruck ihrer Erfahrungen interessiert seien.
Nicht Schriftsteller, sondern Sorgenagitatoren bestimmten den Tonfall. Intrige, Machtkalkül, politische Opportunität und Gesinnungsopportunismus – was ich im ehrwürdigen West-P.E.N. sah und hörte, war eine gehörige Lektion in Sachen Vereinsgeist.
Fühmann-Leser haben einen geschärften Blick für Gespenster, für glückliche Gespenster und gespenstisches Glück.
Die Zuneigung des West-Clubs für den mit Zonengift schwer kontaminierten Ost-P.E.N.-Bruder schlägt sich direkt in der methodischen Ungenauigkeit des Tagungsthemas von Quedlinburg nieder: „Die Folgen der Freiheit, Schreiben im siebenten Jahr der Einheit.“ Wohlgemerkt, es tagt der West-P.E.N. Unter welchen Bedingungen haben, um Himmels willen, die Kollegen bislang gearbeitet?
Mein an den Präsidenten Conrady gerichtetes Austrittsschreiben begann ich übrigens mit einem Goethewort, daß Fühmann einst, aus guten Gründen, als Briefkopf verwendete:

Übers Niederträchtige
Niemand sich beklage;
denn es ist das Mächtige,
Was man dir auch sage.

Das letzte Wort soll in diesem Zusammenhang abermals Imre Kertész haben. Im April 1991 notierte er in sein Tagebuch:

Ich beginne zu durchschauen, daß mich vorm Selbstmord (dem Vorbild Celans, Amerys, Primo Levis usw.) jene ,Gesellschaft‘ bewahrt hat, die mir, nach dem KZ-Erlebnis, in Form des sogenannten Stalinismus den Beweis brachte, daß von Freiheit, Befreiung, großer Kartharsis usw., von allem also, wovon die Intellektuellen, die Denker und Philosophen in glücklicheren Weltgegenden nicht nur redeten, sondern woran sie auch offenkundig glaubten, überhaupt nicht die Rede sein konnte; diese Gesellschaft garantierte mir die Fortsetzung des Lebens in Knechtschaft und sorgte so dafür, daß viele Irrtümer gar nicht erst möglich wurden.

4
Es bleibt nichts anderes als das Werk. –

– nun also auch Sie. Aber kein Wort des Vorwurfs; ich kann es verstehen, es ist die ureigenste Entscheidung, zu gehen oder zu bleiben, niemand kann sie einem abnehmen, und niemand einem dann einen Vorwurf machen. Man muß entscheiden, was man für ein Werk, für sein Werk braucht.

So schrieb mir Fühmann in einem Brief vom 1.6.82. Mein Entschluß war gefaßt.

Zum Schluß widme ich Franz Fühmann ein paar, polemisch eingefärbte Gedanken über einige Voraussetzungen des Schreibens, Vorschläge für ein Verfassergrundgesetz:

Kleiner Katechismus für Verfasser
„Der Dichter soll nicht um Humanität buhlen.“ – Kürzlich stieß ich, zufällig, auf diesen Satz der Kaschnitz, und ich beschloß sofort, ihm Verfassungsrang zu verleihen, indem ich ihn in mein – noch unabgeschlossenes – Grundgesetz für Autoren aufnahm.
Beiläufig konterkariert das Diktum von Marie Luise Kaschnitz das enorme Getöse auf dem Markt der Menschlichkeit. Der Großschriftsteller, wie ihn einst Robert Musil präzise in Prosa faßte, feiert fröhlich Urständ. Er beweist, ein personifizierter Lautsprecher, im In- und Ausland Humanität im Akkord.
Er signiert, gefolgt vom Troß der Resolutionsunterschriftsteller, Erfurter Erklärungen und andere Rostbratwürste der edlen Gesinnung. Er beansprucht den Chefsessel im Aufsichtsrat der Öffentliche Meinung AG, der ewige Herr Dichtervorsteher – so redete einst Else Laskar-Schüler in einem Brief den Akademiepräsidenten Heinrich Mann an. Er streut bei jeder Gelegenheit sein brachliegendes Erlösungswissen über der vergletscherten Gesellschaft aus und will es wenigstens zum Eisheiligen bringen.
Jüngst beklagte ein Dichter im Osten den Abschied vom Prinzipiellen, seit dem Verschwinden des kleinen Staatsmiststücks vom Spielplan der Geschichte. Die treffende Antwort auf diesen Jammerruf nahm Wolfgang Neuss vor einiger Zeit vorweg: „Was brauch ich ein Prinzip Hoffnung, wenn ich durch Rock ’n’ Roll Gewißheit habe.“
„Der Dichter soll nicht um Humanität buhlen. Er ist ein Mensch, also ist er human.“ Wie wohltuend wirkt das nüchterne Gebot, jenseits von Selbsterhöhung und Missionszwang.

Einen zweiten Verfassungsartikel meines Autorengrundgesetzes verdanke ich einem Hinweis von Ezra Pound: Ist die technische Ausführung eines Kunstwerkes mißlungen, so heißt das soviel wie ,falsches Zeugnis ablegen‘.
Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten, eine Frage der Form. Mir gefällt die Vorstellung, das achte Gebot aus Doktor Martin Luthers kleinem Katechismus, in die Zeugnisformen der Schriftlichkeit transponiert und mit einer auf nicht weniger als alles zielenden Schlußklausel statt der Engführung ,wider deinen Nächsten‘ versehen, zur Eidesformel zu erklären, auf die sich ein Schriftsteller verpflichten läßt. Die beiden Paragraphen meiner imaginären Verfassung für die Region Orplid führen keine isolierte Koexistenz, sondern eine innige Korrespondenz.
Wer auf Genauigkeit setzt, bei Wortwahl und Satzbau, wer in der Form die Moral seines Werkes entdeckt, wer nicht falsches Zeugnis ablegen will, der buhlt nicht, auch nicht um Humanität. Die Position eines Großschriftstellers – er gehört zur Zeit des Großkampftages und des Großkaufhauses – bleibt nicht folgenlos, was seine Konstitution als Autor betrifft. Immer im Begriff, die Bastionen der Deutungskompetenz zu erobern oder zu verteidigen, im ewigen Kampf um die Definitionsmacht über die Wirklichkeit muß sich einer mit Harthörigkeit wappnen.
Wie soll sonst den Lärmpegel ertragen, wer noch in den lautesten Passagen den Schlußverkauf der Utopie zu kontrollieren versucht. Wer tagein tagaus Stellung bezieht, denkt taktisch und strategisch. Sein Wahrnehmungsvermögen ist, zwingend, von zarter Empirie weit entfernt.

*

Der Dichter soll nicht um Humanität buhlen. Er ist ein Mensch, also ist er human.

Ist die technische Ausführung eines Kunstwerkes mißlungen, so heißt das soviel wie ,falsches Zeugnis ablegen‘. Der Dichter soll kein falsches Zeugnis ablegen.

Wolfgang Hegewald, Rede zur Eröffnung der Ausstellung der Stiftung Archiv der Akademie der Künste Berlin-Brandenburg im Kulturhistorischen Museum Rostock am 17. April 1997 erschienen in die horen, Heft 186, 2. Quartal 1997

Sláva Azuru!

Wenn mich das Gedächtnis nicht täuscht, so wurde mir Franz Fühmann eigentlich „zugeteilt“, und zwar amtlich. Es kommt mir wie in einer Urzeit vor, ich war Stipendiat des Deutschen Schriftsteller-Verbandes, und diese Institution erfüllte nicht nur mit dauernder Bereitwilligkeit alle meine Reise-, Bekanntschafts-, Bücher- und Theater-Wünsche, aber um nicht in Melancholie zu verfallen, suchte sie mir von Zeit zu Zeit aus ihren Reihen Begleiter und Begleiterinnen aus, deren Interessensphäre der meinigen zu entsprechen schien. Im Falle Franz Fühmanns war diese Wahl sehr genau, ja umsichtig: Die „Sphären“ waren fast identisch.
Und so sehe ich uns beide, wie wir durch die Straßen der Stadt Berlin marschieren (durch die ich einst im Krieg als sogenannter „Fremdarbeiter“ ging), ich sehe, wie wir in der Pause der denkwürdigen Premiere des Kaukasischen Kreidekreises diskutieren, bis die Funken fliegen; ich sehe, wie wir sogar auf einer Ehrentribüne sitzen, die Sonne brennt unbarmherzig – – – und plötzlich höre ich seine Oden an den Winter, an den krachenden Frost, an Schneewehen und Stürme, an das Eis – – – und dieses Eis erinnert mich wieder an Georg Heym als Gesprächsthema, ein Thema, das notwendig abbiegen mußte zu einem anderen Georg, nämlich Trakl, dessen Apothekerlaufbahn Fühmanns Apothekervater irgendwann irgendwo kreuzte. Aber in diesen ersten Berliner Nachkriegsaufenthalt flechten sich wahrscheinlich schon Zusammentreffen aus einem Dutzend weiterer Aufenthalte ein, weil der erste als Kulisse einen milden, sonnigen Herbst hatte, später aber oft Schneestürme tobten. Und in einem solchen Winter, es waren fünfzehn Grade unter Null, sehe ich den seligen Franz Fühmann nur so in einem leichten Anzug und barhäuptig vor einer Taxe auf dem Strausberger Platz, dann sitzen wir in irgendeiner Weinstube und trinken einen leichten Mosel.
Kulissenwechsel, und wir sitzen irgendwo mit Ludwig Renn, mit Genuß seinen höflichen Sarkasmen zuhörend. Wieder Kulissenwechsel (wie in einem Halas-Gedicht, das wir viel später übersetzen werden), also Kulissenwechsel, und ich spaziere mit Franz Fühmann durch Prag, das ich ihm – als (ehemaliger) Brünner – in eigenartigen, ja eigenwilligen Aufnahmen vorführe. Während des Besuches bei František Hrubín wird (ich weiß nicht warum, oder weiß ich das doch, was sagst du, Franz?) eine große Sahnetorte zur Kulisse, aber wieder Kulissenwechsel, und wir warten am Brünner Bahnhof auf den verspäteten Schnellzug, enormer Lärm, ich resümiere zum fünften Mal noch „das Unbedingte“ und strapaziere das photographische Handwerk, Kulissenwechsel, und wir sind in Sněžné beim Maler Bohdan Lacina, zwischen seinen Bildern und Holzskulpturen und dann hinten im Hof vor einem großen Rad als Verkörperung der absoluten Bildkunst. Kulissenwechsel, und wieder sind wir in Berlin, aber mit uns sind plötzlich auch František Hrubín und Jan Skácel, und zum ersten Mal hab ich auch meine Frau dorthin gelockt, und wir sitzen wie Diplomaten um einen runden Tisch, Anna Seghers spricht ihre schönen Traumsentenzen, Stephan Hermlin tropft seinen Intellekt dazu, und Franz Fühmann, der stille Gesandte der tschechischen Poesie, lächelt wie ein Bube. Kulissenwechsel, und der verlegene „Akademiker“ Fühmann nimmt vor mir irgendeine Leser-Huldigung entgegen, aber souverän ist er erst abends, als er mir seine Sammlung expressionistischer Bücher und Graphiken vorführt und die Bücher des Malik-Verlages und Meter um Meter Märchenliteratur aus aller Welt. Kulissenwech… – – – aber verlassen wir die Kulissen, obgleich auch sie das Porträt des Autors zusammenstellen, verlassen wir die Kulissen und versuchen, aus ihrer Vielfältigkeit zwei zusammenhängende Wochen-Episoden herauszulösen. Beide haben Kunštát als Handlungsort, vierzig Kilometer nördlich von Brünn, und sind aufgeladen mit – Arbeit.
Die erste Episode geht unserem gemeinsamen editorischen Projekt voran: der Anthologie Die Glasträne. Wir schleppen drei Koffer voll Bücher in unser Miniaturwochenendhäuschen über Kunštát und stellen nun „die größte deutsche Anthologie tschechischer Dichtung“ zusammen, wie wir stolz erklären. Wir durchstöbern haufenweise alte Übertragungen. Ich übersetze aus dem Stegreif Hunderte noch nicht übersetzter Gedichte, wir wägen die Proportionen ab, fügen ein, scheiden aus, fügen dann neuerlich ein: Wir komponieren. Manchmal sind wir sofort einverstanden, manchmal streiten wir lange (besonders über Gedichte in Prosa), aber immer finden wir eine Lösung oder „lassen die Tür offen“, und die Lösung wird morgen oder übermorgen eintreten. Wir arbeiten die ganze Woche, täglich von früh bis zur Dunkelheit, zehn, zwölf Stunden. Es war Sommer (welches Jahr?… schwer zu sagen…), dann tranken wir immer (jeder!) eine Flasche Rotwein, wir schliefen wie die Murmeltiere und den nächsten Tag so fort. Mir scheint, daß in dieser Zeit häufig heftige Gewitter übers Land zogen, denn ich weiß, daß ich Franz plötzlich versichern mußte, am Häuschen sei zwar kein Blitzableiter, aber das Blechdach ist durch einen Draht mit der Erde verbunden, also geerdet, so daß unseren Büchern nichts passieren kann. (Dabei betrog ich ihn, denn diese Transaktion haben wir erst nachträglich – allerdings ihm zu Ehren – gemacht. Eine fromme Lüge oder pia fraus!)

Nur selten liefen wir damals die zehn Minuten nach Kunštát hinunter, aber einmal stand eine Gänseschar vor uns auf dem Weg, und damals erkannte ich, daß der massive Dichter, 130 kg, der keine Kritik scheut, Angst vor Gänsen hatte. Er erklärte mir in allen Einzelheiten dieses alte Kindertrauma, und ich fand es eines Dichters würdig, der sich mir damals auch zum ersten Mal als Frühaufsteher präsentierte. Er kroch offensichtlich durchs Fenster, um mich nicht zu wecken, kam dann, vom Tau durchnäßt, zurück und sang Loblieder auf diese „Monumentalität der Miniatur“, die so typisch für das Kunštáter Vorgebirge ist: verschiedenartig gegliedert und mit jedem Schritt sich ändernd. Er kam zurück, wie er stets betonte, den Kopf voll mit Fragmenten neuer Gedichte. Nie gelang es mir, diese Texte aus ihm herauszubringen!
Endlich hatten wir die Anthologie im Grundriß bewältigt, sie lag vor uns in Gestalt gründlich bekritzelter, aber relativ definitiver Verzeichnisse. Die Exkursion in die tschechische Dichtung des 20. Jahrhunderts wurde begossen und eingefahren, die wirkliche Abfahrt hat sich mir aber irgendwie vernebelt. Nach harter Arbeit, die nicht vergeblich war, blieb ein gutes Gefühl, ein Gefühl nach einem Erlebnis, das sich gewöhnlich nicht wiederholt.

Und doch wiederholte es sich! Vor uns lag die zu drei Vierteln fertige Fühmannsche Übertragung von František Halas: Der Hahn verscheucht die Finsternis (Das Wort „Tod“ ging nicht durch die ostdeutsche Zensur!) Wo anders dieses Hochgebirge der Poesie zu erklimmen als dort, wo Halas am liebsten seine Zeit verbrachte und wo er unter einem großen Findling begraben liegt? Und so arbeiteten wir mikroskopisch Vers für Vers am Text, wir besuchten auch alle diese Orte, dieses ganze Halas’sche „magische Dreieck“. Und als wir über dem berüchtigt unübersetzbaren Großgedicht in Prosa „Ich kehre dorthin zurück“ saßen, konnten wir auf den nächsten Feldrain hinauslaufen, um etwa ein Büschel winziger, schwefelgelber, betörend duftender Blumen hereinzubringen, jenes Labkraut, ein Maskulinun (galium verum), das Halas das „Muttermal unseres Landes“ nannte und das im Tschechischen als ein Feminum das deutsche Wort Mühsal bedeutet. Und so lösten wir an Ort und Stelle solche und ähnliche Scharaden (einschließlich der Sprache der Vögel), es war Sommer, und die Arbeit war hart, aber danach fühlten wir uns wieder gut. Die Gänse ließen uns in Ruhe. Nur Kirschknödel, mit Quark bestreut und mit Butter begossen, waren für unseren Gast eine große Versuchung…

Schon während seines ersten Kunštáter Aufenthaltes entdeckte ich für Franz Fühmann den Dichter Jakub Deml, besonders seine Prosagedichte „Meine Freunde“, in denen er Blumen apostrophierte. Es faszinierte ihn ein lakonischer Satz: „Sláva azuru!“ (Es lebe der Azur!) Wir schickten dem damals noch lebenden Dichter sogar nach Tasov eine Ansichtskarte mit diesem Text, und seitdem wurde daraus die Schlußformel fast jedes unserer Briefe.
Ein drittes Mal besuchte Franz Fühmann Kunštát nicht mehr – trotz beiderseitigem Bemühen.
Um 1973 herum begeisterte ihn von neuem sein altes Projekt einer Nacherzählung („für erwachsene Kinder“, wie ich scherzte) über die sagenhafte tschechische Fürstin Libuše. Er kam zur temperamentvoll begründeten Ansicht, daß er die Sage nur in Böhmen, nie in Deutschland schreiben könne. „Irgendwo im Urwald“ oder wo alte Burgen sind. Das war zwar Anlaß zu wiederholten Witzen über den ur-deutschen Urromantiker (was FF gutmütig tolerierte), aber ich bemühte mich, diesen eigentümlichen Wunsch realisieren zu helfen. Dank Rudolf Vápeník und seinem Auto erfüllte sich dieser Traum in optimaler Form, es klappte sogar mit dem Urwald!
Aus dem Böhmerwald (Šumava) – unweit vom Boubín, wo anders sonst? – schrieb mir FF auf einer Ansichtskarte:

Ludvík:
Šumava: Herrlich!
Libuše: Fertig! (und einen Schritt weiter)
Ich: Glücklich!
Summe: Unvergeßlich!
Händedruck…

Wie sich später leider zeigte, war die Libuše-Sage nur im Kopf fertig, im Konzept. Der Text blieb circa in der Mitte stecken (92 + 22 Seiten), andere leidenschaftliche Arbeiten schoben dies Projekt wieder beiseite. Eine Zeitlang hatte ich sogar Lust, dieses Buch anstelle von ihm zu schreiben – es war mir irgendwie eingefallen, ein gehätschelter Einfall, aber obwohl FF damals tief im Buch steckte, tiefer als alles andere! behauptete er, daß es „schon fast“ zu Ende geschrieben ist. Er schrieb nicht zu Ende – und irgendwie verflog mein Einfall.
Dann sehe ich FF in seinem „Laden“, aus einem ehemaligen Parterreladen entstand völlig sporadisch eine Bibliothek, eher ein „Bau“, in dem länglichen Raum schlängelte sich ein wenig mäandernd die Einbaubibliothek, alles begann mit den Büchern über Mythen und Mythologie (tausende Märchenausgaben!), und man eilt durch den Kriegskomplex zur Gegenwart, aber das ist alles schon längst Vergangenheit, dieser „Bau“ ist schon längst zugrundegegangen, schade, nie sah ich etwas ähnliches.
Und wieder Kulissenwechsel: Rostock – Charité – ich beneide FFs Kunst, mit den Kindern zu plaudern. An der Ostsee waren wir nicht gemeinsam, er vermittelte nur, in unseren schmerzlichsten Zeiten der siebziger Jahre, verläßlich wie immer.
Kulissenwechsel, und wir fahren „hinaus aus Berlin“, „in den Wald“, FF schleppt Taschen voll Äpfel, „seine fatale Rohkost“! Aber mich füttert er mit Eiern und Wein. Kulissenwechsel: Prag – Hauptbahnhof, Freunde hatten mich schon darauf vorbereitet, daß 50 Kilo dahin sind, ich sehe einen jungen Greis, einen alten Jüngling. Kulissenwechsel, in Brünn reicht er mir aus dem Abteil ein Päckchen mit Tee und Dada-Büchern, wir lachen und wünschen uns, photographiert zu werden, das wäre ein Fang für den StB und für die Stasi.
Kulissenwechsel: wir sind in Leipzig kurz vor der Herausgabe des Nezval-Buches Auf Trapezen, man kann nachblättern: 1978, wir unterzeichnen hunderte frischer Exemplare, eine zu monotone Arbeit, so erfinden wir Dutzende Calembours und lettristische Witze und schmücken die Bücher sogar mit Zeichnungen, die Käufer staunten sicher, später (Kulissenwechsel) ganz offiziell vor Publikum die „Buch-Premiere“, sovielmal klackten die Auslöser, und kein Photo blieb erhalten. Kulissenwechsel, und eine große Aufregung um Fühmanns Trakl-Buch, die Einzelheiten sind mir entfallen, die einladende Geste von Hans Marquardt, Chef des Reclam-Verlags, sachliches Gespräch, eine neue Anthologie, eine noch dickere als die erste, und nicht nur das 20. Jahrhundert, sondern tschechische Poesie „von den Anfängen“, wird geplant. FF will nur Initiator sein, das Redigieren überläßt er mir: „Nur ,Nirgends‘ von Halas muß drin sein!“ Kulissenwechsel, aber immer noch Leipzig, wir verabreden uns fürs nächste Mal, es ist März, und der vielbeanspruchte FF blättert in seinem Notizbuch und schlägt vor: „Treffen wir uns also hier im Oktober, sagen wir… den 17. Oktober, ja, 15 Uhr…“ Ich amüsiere mich, denn so eine Zeitplanung klingt für mich durch und durch phantastisch, unwirklich, aber FF bleibt ernst, blättert wieder hin und her und berichtigt dann die Verabredung: „Nein, fünfzehn dreißig!“ Mein Gelächter, eine authentische Anekdote und Kulissenwechsel, wir sitzen in Berlin (sogar im westlichen – das wird ein Spaß!) vor dem Mikrophon und plaudern über Nezval, gute Atmosphäre. – Kulissenwechsel, nein – genug.
Denn im Briefwechsel entstanden beträchtliche Lücken, und dann kamen Ende 1982 solche Karten aus „Märkisch“:

Ach Ludvík, hier gibts, gabs keine Kirsche, keine einzige, aber ich kann doch nicht zu Dir, muß mich mit Jeremias & Hesekiel/Ezechiel & David & Jonathan quälen, werde überhaupt immer unlustiger irgendwas neu zu unternehmen, alter Mann, na ja – machs gut!…

Und kurz danach:

Ich stürz mich jetzt ins Theater, schreibe ein Ballett…

Ein Jahr später, den 3. September 1983, ein schwer leserlicher Brief aus der Berliner Charité:

… war schon mit 1 Fuß „drüben“, und plötzlich weitgehender Verlust des Sehvermögens am li. Auge – das rechte ist ja seit 20 Jahren so gut wie blind – Ich werde nie mehr eine Nacht hindurch „ein Buch lesen“ können, aber ich kann noch Wörter entziffern, mit großer Mühe im (8–10 Zeilen unleserlich) und da ich blind Maschine schreiben kann, kann ich arbeiten… Er erwähnt eine Vörösmarty-Übertragung und den Text zu einer Rock-Oper: Alkestis. Am Ende des Briefes: Bitte Maschine weitzeilig schreiben!

Und dann vielleicht die letzte Nachricht (auf einer Karte: Reisen Sie mit Dr. Kafka!) vom 12. Oktober 1983:

Ludvík, morgen 3. Operation; hoffe dann in 14 Tagen zu Hause zu sein; Post nach Märkisch bitte – bin bis Jahresende nur bedingt reisefähig, aber wir müssen uns sehen…

Ich blättere nun in den Hunderten von Briefen, Karten und erstaunlich vielen Telegrammen und notiere mir Franz Fühmanns variierte Sláva-azuru!-Abschiedsfloskeln.
[…]

Ludvík Kundera, aus Ludvík Kundera: el do Ra Da(da), Arco Verlag, 2007

Die fortwährenden Gleichschaltungsversuche

in den fünfziger Jahren

Franz Fühmann (1922–1984), aus Böhmen kommend, trug schwer an seiner SA-Vergangenheit. Er war verblendeter Kriegsfreiwilliger und dann ratloser Hitlersoldat gewesen, und schmerzlich bekannte er sich zu dieser Verblendung, als die meisten ehemaligen NS-Anhänger ihre unbedingte kritiklose Gläubigkeit noch ängstlich verdrängten oder frech leugneten. In Fühmann hatte das Erlebnis Stalingrad seine jähe Wandlung hervorgerufen:

Zu Blöcken, schwarzen und roten,
geschichtet, und Schnee darauf:
verfallend, verfaulend, die Toten,
hier liegen sie zuhauf,
ein ungeheures Verwesen,
von Krähen überschrien;
die ihr Fleisch wähnten auserlesen,
mit dem Schnee nun schmelzen sie dahin
1

Die Nibelungenstrophe Uns ist in alten maeren / wonders vil geseit war ihm dabei Muster gewesen. Und es begann für Fühmann die Zeit, des Sich-von-der-Seele-Schreibens, und die offizielle Literaturkritik verbuchte das mit Genugtuung: Als Vergangenheitsbewältiger vom Dienst enthob er die eigentlichen Schuldigen ihrer Scham, indem er sie auf sich nahm. Gleichzeitig schrieb er sich aber auch an die Forderungen der neuen Zeit mit Agitprop-Texten heran („Ami go home!“, „Der Kinderkarren“). Das veranlaßte M. Reich-Ranicki zur Feststellung: Er schrieb HJ-Gedichte mit FDJ-Vorzeichen.2 Fühmann haßte den Faschismus, dem er einst nachgelaufen war, abgrundtief, aber er hatte zunächst nur dessen Sprache zur Verfügung. Der nun gläubige Kommunist bediente sich daher noch immer der Sprache des gläubigen Nationalsozialisten, wenn er politische Themen versifizierte (das allgemeine Dilemma jener Zeit!). Doch in Fühmann war glühender Eifer, er wollte tatkräftig helfen, Not und Tod zu überwinden, und er dankte den neuen Herren aus Überzeugung. Am 17. Juni stand in seiner Parteizeitung – in der Stimmung eines sozialistischen Weihnachtens – ein schwärmerischer Bericht über seine eben stattgehabte Touristen-Fahrt nach Stalingrad, und kurz darauf – während die Verhaftungswelle bereits rollte – schilderte er empört in der gleichen National-Zeitung, wie eine Horde besessener Faschisten einen Bücherstand der Deutsch-sowjetischen Freundschaft verbrannt hatte, und er nahm damit parteilich Stellung gegen die Provokateure des Volksaufstands vom 17. Juni.3 In seinen schwarzen Erinnerungen jubelte vorübergehend freudige Zuversicht:

Aber die Schöpfung soll dauern!
Das Wunderbare geschieht:
Nach dem Erschrecken, dem Trauern
wird wieder die Hand bemüht
.
4

Zum Bitterfelder Weg brauchte man ihn nicht erst zu proklamieren, dahin drängte es mich. 5 Doch seit dem Erkenntnisjahr 1956, dem Stalin-Debakel und der blutigen Niederschlagung des Budapester Aufstands, setzte sich jähe Wandlung durch. Er, der sich vom Faschismus konsequent abgekoppelt zu haben glaubte, hatte wiederum nur einem neuen Totalitarismus gedient. Er empfand plötzlich seine nachhaltige Verkrüppelung an Seele und Gemüt, die es möglich gemacht hatte, aus der unseligen NS-Zeit in den Realsozialismus ohne tiefere Katharsis umzusteigen.6
Da siedelte er schon – mitten im Wald, mutterseelenallein, wer es nicht kennt, findet nicht hin – zwischen märkischem Buchholz und märkischem Birkholz.
7Und hier lernte er Die Weisheit der Märchen schätzen: Immer hat der Held Angst, nur einer, der das Gruseln nicht kennt, ist glücklich; immer sind die geringen Dinge die wichtigen; oder er stellte fest – und das war eindeutig an die Adresse der Dogmatiker gerichtet: Das Stocken des Widerspruchs treibt Monstern heraus.8 Und er begann Balladen zu schreiben für groß und klein, kehrte faustdick die Moral hervor, ließ die Wahrheit auf die Lüge los oder auch die Grausamkeit auf die Schönheit. Er wollte die Phantasie provozieren und entfesseln. Doch da war er mit seiner eigenen Lyrik schon am Ende. Später verwarf er seine früheren Dichtversuche radikal, als Dichtung und Doktrin noch zusammen in ihm verwurzelt gewesen seien. Mag sein, daß er die Grenzen seiner allzu sehr auf Vernunft gebauten poetischen Potenz nun erkannte.
Seit 1958 gab es nur noch Nachdichtungen aus dem Tschechischen und Ungarischen. Er brachte die Gedichte Nezvals, Józsefs, Füsts und Radnótis in die DDR. Dadurch konnten besonders die Verse Miklós Radnótis für machen jungen Autor zum Schlüsselerlebnis werden. Und Fühmann machte den DDR-Lesern G. Trakl zum Leseerlebnis: er hielt eine wichtige Nachrede auf G. Maurer; er verwies auf R.M. Rilke: Um eines Verses willen, muß man viele Städte sehen…
Und das im inzwischen umminten Land. Und Fühmann verfaßte eine Verteidigungsschrift auf S. Kirsch, als sie längst in Ungnade war, er ermutigte und veröffentlichte U. Kolbe und stellte sich hinter F.-W. Matthies und W. Hilbig, als sie verfemt, verfolgt und politisch verrissen wurden. Er forderte mutig bei der DDR-Akademie der Künste eine Rechtsstelle, um rechtlosen jungen Autoren zu einem Veröffentlichungsrecht zu verhelfen. Als man Fühmann zur 2. Bitterfelder Konferenz bat, schrieb er dem Kulturminister einen öffentlichen Brief: Er mache sich Sorgen um die Qualität der DDR-Lyrik: ein Dichter müsse vor allem ein gebildeter Mensch sein, der zehnmal mehr zu wissen habe, als man seinem Werk ansehe, und für Phantasie benötige er vor allem Spielraum. Und dann die Forderung: Bekämpfung alles Seichten, Geschluderten, Kitschigen, Gedankenarmen, Banalen und Abgeschmackten.
9 Da wußte er bereits, und er bekannte sich fortan dazu: Dichtung ist das Andere zu Auschwitz.
Von den Lehrplänen der DDR-Schulen forderte er, daß sie bei den Schülern das Gewissen der eigenen Meinung zu provozieren hätten, während man jedoch das dogmatische Prinzip einer quasi-katholischen Erziehung verfolge:

Erst einmal beten, dann glaubst du auch.10

1972, anläßlich seines fünfzigsten Geburtstags, verfiel Fühmann in seinem Tagebuch 22 Tage oder Die Hälfte meines Lebens vollends in lautes, ketzerisches Nachdenken, und er provozierte damit die Öffentlichkeit und die Schreiberzunft zum Nach-Denken über eine starke und ehrliche Literatur. Das Buch löste einen Schock aus, wurde dann aber durch die Auseinandersetzungen um Biermann und Havemann an den Rand gedrängt.
1981 verkündigte Fühmann auf einer Akademietagung sein literarisches Credo: Literatur habe unbequem, beunruhigend, schlechtes Gewissen, Störenfried, Unruhstifier, Skandalon, habe etwas Vorlautes, Maßloses, Empörendes zu sein, ein Infragestellen von Etabliertem, ein Überschreiten von Grenzen, sie habe ein Recht auf Zweifel und Irrtum und sei überhaupt etwas zutiefst Subversives.
11 Da empfand sich Fühmann bereits als literarischer Schwerarbeiter, dem nicht mehr zu helfen war, als ein im Kampf zwischen Dichtung und Doktrin Gescheiterter, geprägt durch scharfe Lebensknicke. Die Kluft zwischen praktizierendem Geist und praktizierender Macht klaffte allzu tief.12
Auf seinem Briefkopf verschickte er als Botschaft Goethes Vierzeiler:

ÜBERS NIEDERTRÄCHTIGE
NIEMAND SICH BEKLAGE:
DENN ES IST DAS MÄCHTIGE,
WAS MAN DIR AUCH SAGE.

Wir können uns nicht genugtun, uns die Gesichter der (möglichen) Adressaten vorzustellen: die Gesichter von Staatsanwälten, Ministern, Angestellten bei Wohnungs- und Schulbehörden, bei Paßstellen und Urheberrechtsbüros, die Gesichter von Poetessen und Poeten, das Gesicht von Gisela Steineckert13

1983, in tiefer Krise und mit einem Fuß schon drüben, verabschiedete er sich auf dem Sterbebette mit Alkestis in bittrer, verzweifelter Befriedigung, nun nicht mehr in diese Antlitze schauen zu müssen

… mit den Mäulern, gelb von Lüge,
mit den Blicken, schwarz von Mordlust,
mit den Stirnen von Hyänen,
mit den Kiefern von Schakalen,
daß ich nicht mehr ihre Hände schaue,
bluttriefend oder sauber gewaschen,
die sie zu den Göttern heben,
ihren Segen zu erflehn für
neue Schändung und neuen Mord
.
14

Er hatte in mehrere Ideologien geschaut und in ihnen den Abgrund Mensch gefunden.
So war Fühmann zu einem wesentlichen Förderer, Beförderer und Reflektor des literarischen Lebens in der DDR geworden. Er öffnete den Schreibenden Freiräume. Doch seine Gedichte gehören der Frühzeit der DDR an. Mit ihnen erreichte er leider nicht die Wirkung und die Höhe seiner epischen oder gar kulturpolitischen Effizienz. Dennoch wird er mit Texten wie „Die schwarzen Zimmer“ nicht nur als politischer Zeitzeuge, sondern vor allem auch als Mahner und Gewissenstrommler in weitgehend gewissenloser Zeit seine Bedeutung behalten:

Mein Gott, wer trommelt denn da, sind denn keine Ohren,
die hören, was da getrommelt wird, wer da
trommelt? O daß doch
Augen wären, dies Trommeln zu sehen,
wenn das Ohr den Ton nicht erkennt: So seht: Der
Unsichtbare ist schon an der Tür, der
Unsichtbare tritt ein; es
ist, der Unsichtbare, schon eingetreten,
ist da,
unsichtbar –

so seht ihn doch unter euch stehen: wüst, grausam, stumpf, stampfend im Dunkeln, vor der Grelle des Himmels, der nah in Gewittern zerbirst.15

(…)

Edwin Kratschmer: Dichter · Diener · Dissidenten. Sündenfall der DDR-Lyrik, Universitätsverlag – Druckhaus Mayer GmbH Jena, 1995

Der treue Dichter seiner Herrn

Im Kriegsgefangenenlager wurde er gefragt, ob er Mitglied der NSDAP oder einer ihrer Gliederungen gewesen sei.

Ich hob den Kopf und sagte laut: „Ja, ich war in der SA!“16

Hiermit ist bereits auf den wohl wichtigsten Schlüssel zum Verständnis des Schriftstellers Franz Fühmann hingewiesen.
Er wurde 1922 in einer böhmischen Kleinstadt als Sohn eines Apothekers geboren. Aufgewachsen sei er – wird von ihm berichtet – in einer Atmosphäre „von Kleinbürgertum und Faschismus“. Als Gymnasialschüler bewunderte er Hitler. Er liebte, er vergötterte ihn. Stolz trug er die braune Uniform. Am 1. September 1939 meldete er sich spontan zur Wehrmacht. Aber erst später wurde er eingezogen. Er war lange und an vielen Fronten Soldat, in Rußland vor allem und in Griechenland. Den 9. Mai 1945 erlebte er in seinem heimatlichen Bezirk. Von einem einzigen Gedanken war er damals besessen:

Weiter, nur weiter, nur von den Russen weg!

Es ist ihm nicht gelungen:

Ich war westwärts gelaufen, die Richtung hatte gestimmt, doch nun waren die Russen auch schon im Westen; der Weg in die Freiheit war zugekeilt!17

Die nächsten vier Jahre verbrachte er in sowjetischen Kriegsgefangenenlagern. Im Herbst 1947 wurde ihm ein Vorschlag gemacht:

Ich hatte in unserer Baracke im Waldlager immer die Kriegsgefangenenzeitung vorgelesen, eine Tätigkeit, die, was ich nicht wußte, in der Sowjetunion einem eigens dafür eingesetzten Politagitator zukam, und so hatte mich zu meiner Verblüffung der Politoffizier unseres Lagers eines Tages gefragt, ob ich gewillt sei, einen Lehrgang an einer Antifaschule mitzumachen.18

Er war, wenn auch ohne Enthusiasmus, bereit, die antifaschistische Schule zu besuchen. Damit hatte sich das Schicksal des Schriftstellers Fühmann entschieden.
Einst sah er einen Sinn seines Lebens. Er glaubte an Ideale. Er hatte eine Aufgabe, die zu erfüllen war. 1945 war seine Welt zusammengebrochen. Dem enttäuschten und betrogenen, dem verbitterten und verzweifelten jungen Mann bot der Lehrgang der „Antifaschule“ etwas, worauf er nicht mehr zu hoffen wagte, wonach er sich aber im Grunde gesehnt haben mußte: neue Ideale. Mit gefühlvoll-dunklen, mystisch verbrämten Worten hatte man ihn einst verführt: mit Blut und Boden, Erbgut und Rasse, Volksgemeinschaft und Lebensraum, Führerprinzip und Herrenvolk. Hier indes wurde nicht geraunt und nicht beschworen, sondern deduziert und argumentiert. Das Vokabular, das er jetzt zu hören bekam, war sachlich, nüchtern und trocken. Solche Begriffe wie „Materialismus“ und „Klassenkampf“, „Produktionsmittel“ und „Mehrwert“, „Kapitalismus“ und „Diktatur des Proletariats“ ließen sich wissenschaftlich exakt definieren.
Die makellose Klarheit und Logik der Lehre, die hier dargelegt wurde, faszinierte den jungen Kriegsgefangenen. Übertreibt man, wenn man von einer Offenbarung spricht „… und… und als ich dann die ersten Lektionen über politische Ökonomie gehört hatte, war es mir wie Schuppen von den Augen gefallen: Hier war ja die Antwort auf all die Fragen, die mich immer bewegten…“19 Auf einmal gab es keine Rätsel mehr, alle Phänomene standen in einem kausalen Zusammenhang, die Vergangenheit ließ sich erklären, die Zukunft voraussehen. Wie ein Ertrinkender nach einem ihm hingeworfenen Rettungsring greift, so klammerte sich Fühmann an den Marxismus. Später bekannte er:

Daß mir erst beim Studium des Marxismus die Stationen meines Lebens bewußt geworden waren und daß die Kriegsgefangenschaft für mich die Sinngebung meiner Existenz bedeutete.20

Dank der neuen Heilslehre konnte er den einst in den Reihen des Nationalsozialismus begonnenen Kampf fortsetzen – unter anderen Vorzeichen, auf anderer Ebene und mit anderer Zielsetzung. Wieder sah er eine Aufgabe, die zu erfüllen war, aber größer und herrlicher als jede andere – denn die neue Heilslehre prophezeite und versprach die auf wissenschaftlichen Erkenntnissen basierende Neuordnung und Erlösung nicht nur Deutschlands, sondern der ganzen Menschheit. Der noch gestern die Uniform der SA getragen, konnte heute das beglückende Gefühl der Zugehörigkeit zu einer weltweiten Bewegung ahnen, welche die revolutionäre Romantik mit einem philosophischen System verband und den uralten Traum von der gerechten Gesellschaft zu verwirklichen im Begriff war. Natürlich: um ganz in den Genuß dieses Gefühls zu kommen, mußte Fühmann zunächst einmal dem Zwang der Kriegsgefangenschaft entrinnen. Die Gründung der Deutschen Demokratischen Republik im Herbst 1949 schuf die Voraussetzungen hierzu, denn jetzt wurden alle diejenigen Gefangenen rasch entlassen, deren fortschrittliche Anschauungen eine tatkräftige Beteiligung am Bau des ersten deutschen Staates der Arbeiter und Bauern erhoffen ließen. Im Dezember 1949 kam Fühmann nach Deutschland.
Seine ersten Gedichte waren 1942 in der Lyrik-Reihe eines Hamburger Verlages erschienen. Nun wurden, bald nach seiner Rückkehr, seine neuen poetischen Versuche gedruckt – in der Monatsschrift Aufbau, dem damals repräsentativen literarischen Organ der DDR. Es folgten viele weitere Veröffentlichungen und 1953 die erste Sammlung: Die Nelke Nikos.
In diesen Gedichten zeigte sich Fühmann als Todfeind des Nationalsozialismus, als Anhänger der Sowjetunion und Patriot der DDR, als Bewunderer des Marxismus und Sachwalter des Weltproletariats. Er lieferte eben jene Propagandastrophen, die von ihm, dem Absolventen der „Antifaschule“, erwartet wurden. Allein, ich glaube nicht, daß er sie nur deshalb verfaßt hatte, um der Gunst des Regimes teilhaftig zu werden und sich die literarische Karriere zu erleichtern. Es waren ehrliche Verse, aus denen Trauer, Schuldbewußtsein und Klage sprachen. Fühmann schrieb mit dem Eifer des Neophyten – aber er wollte sich wirklich bewähren. Er dichtete mit der Inbrunst des betrogenen Liebenden, der erlöst aufatmete, weil er für seine Gefühle wieder ein Objekt gefunden hatte – aber er liebte es wirklich.
Allerdings verdankte er der „Antifaschule“ zwar neue Gedanken, hingegen keine neue poetische Sprache. Daher drückte er seine Empfindungen und Ideen zunächst in der Sprache von gestern aus:

Nimm unsre Hände, Deutschland, Vaterland, nimm das
glühende Herz voll Liebe und Haß, vernimm die
Stimme unbändigen Willens: Ja wir
kommen zu schaffen, zu kämpfen, zu tragen dich
Deutschland, Land unsrer Liebe, durchs Reifen der Zeit.
…..
Und wir bringen dir, heiliges, anderes Deutschland
unsere Leben als Quader zum Bau deiner Zukunft.

In einem Lied mit dem Titel „Auftakt“ heißt es:

Rauschen die Blätter der Birken,
rauschen die Blätter im Buch.
In den gewaltigen Winden
rauscht unser Fahnentuch.

Und in einem Poem „Aufbau-Sonntag“:

Lieder singen vom Kampf und vom Sieg:
Wir baun das Deutschland von morgen!

Viele dieser Gedichte Fühmanns aus den frühen fünfziger Jahren zeugen von seinem gewiß aufrichtigen Wunsch, sich einzureihen und sich anzuschließen, von seiner abermaligen Bereitschaft zur Unterordnung und zur Gefolgschaft. Er ruft:

Formt jetzt vor uns die Züge
deutscher Erneuerung.

Das Gedicht „Porträt eines Angehörigen der FDJ“ schließt er mit den Worten:

Wir begreifen es selbst nicht, wenn wir ein Planjahr des Lebens
schon in Wochen vollziehen – doch warum auch begreifen – wir tun es!

Das alles, „die Stimme des unbändigen Willens“, das in „gewaltigen Winden“ rauschende Fahnentuch, die Lieder „vom Kampf und vom Sieg“, die „Züge deutscher Erneuerung“ und schließlich die rührende Versicherung, es sei überflüssig, zu begreifen, was man tut – das alles ist, schlicht gesagt, unverfälschte NS-Lyrik aus der Feder eines Mannes, der mit dem Nationalsozialismus nichts mehr zu tun haben wollte und ihn – kein Zweifel kann hier bestehen – zutiefst haßte. Man hatte ihn in der „Antifaschule“ nur „umfunktioniert“: Daher schrieb er HJ-Gedichte mit FDJ-Vorzeichen.
Fühmann vermochte diese Ausgangspositionen seines Dichtens in der DDR zu überwinden. Er hat mit der Zeit in der Lyrik wie in der Prosa einen eigenen Ton gefunden, er gehört mit Recht zu den führenden Schriftstellern der dortigen Welt. Unverändert blieb jedoch das grundsätzliche, gläubige Verhältnis zur DDR und zum Kommunismus, die disziplinierte Unterordnung. Er befolgt alle Wünsche und Anweisungen seiner Auftraggeber, und seine Arbeiten lassen so gut wie nie darauf schließen, daß er es nur widerwillig tut. Wie einst der begeisterte Rückkehrer aus der Kriegsgefangenschaft ist auch der reife und mehrfach preisgekrönte Dichter folgsam. Er hört nicht auf, der Propaganda der DDR zu dienen.
Vergeblich wird man in seinen Arbeiten die leisesten Anzeichen der Unzufriedenheit oder gar der Revolte finden. Die Skepsis ist seine Sache nicht. Als sich im „Tauwetter“-Jahr 1956 die literarische Opposition in der DDR regte, als eine Anzahl von Schriftstellern, zumal der jüngeren Generation, sich entschieden gegen die dogmatische Kulturpolitik wandte, veröffentlichte Fühmann in der Zeitschrift Aufbau das Gedicht „Narrenfreiheit…“, in dem er meinte:

Heut sind da sehr unabhäng’ge
Geister im Narrengewand,
die streben heraus aus der Enge
von Alltag und Vaterland,
hoch am Himmel, im Samte der Wolke
sehn sie der Freiheit Heim,
dort, ferne von ihrem Volke
verschwenden sie Rhythmus und Reim
den Weltgeist zu offenbaren
in einsamster Sinnesbrunst;
sie halten sich für die Nachfahren
der Narren, wenn sie für ihre Kunst
laut schrein nach der Freiheit, die ihnen
erlaubt, in Phantasmagorien
zu verleugnen das Denken, das Dienen,
der fordernden Zeit zu entfliehn.

Als Ende 1956 Wolfgang Harich und seine Freunde verhaftet wurden, war Fühmann mit einem Poem „Die Demagogen“ zur Stelle, in dem er verkündete:

…..
und mit Geläute kommen
Maskierte, ein kleiner Zug,
mit Sprüchen, schönen, frommen,
…..
Das ist der Demagogen
Schar, die sich vorm Volke verneigt.

Als sich alle prominenten Autoren der DDR weigerten, die Verhältnisse in der DDR schönfärberisch darzustellen, als Anna Seghers es vorzog, eine Erzählung aus der Zeit der Französischen Revolution zu schreiben („Das Licht auf dem Galgen“, 1961 ), als Willi Bredel sich mit der Vergangenheit seiner Heimatstadt Hamburg beschäftigte („Unter Türmen und Masten“, 1960), als Bodo Uhse zum Schauplatz eines neuen Buches das ferne Mexiko wählte („Sonntagsträumerei in der Alameda“, 1961), als Eduard Claudius es für angebracht hielt, mit Märchen und Erzählungen aus Syrien, Vietnam und Laos aufzuwarten („Das Mädchen ,Sanfte Wolke‘“, 1962), als Stephan Hermlin vollkommen verstummte – da verfaßte Franz Fühmann eine große Reportage über eine Schiffswerft in Rostock (Kabelkran und Blauer Peter, 1961) und schilderte im selben Jahr in einem zweiten Buch (Spuk, 1961) den heroischen Alltag der Volkspolizei in der DDR. Seine Ehre schien wiederum Treue zu heißen.
Aber dieser Franz Fühmann, der vertrauensvoll seinen jeweiligen Führern zu folgen pflegt, hat Talent. Es wird in seiner Lyrik deutlich, in der man neben zunächst primitiven und später verkrampften Propagandastrophen auch Verse finden kann, die aufhorchen lassen. Sowohl der erwähnte Band Die Nelke Nikos als auch die spätere Sammlung Aber die Schöpfung soll dauern (1957) enthalten einige originelle Balladen, in denen Motive aus alten deutschen Märchen und Sagen auffallen. Fühmann ist bestrebt, diese Motive rationalistisch zu deuten und durch bisweilen überraschende Assoziationen in die Gegenwart einzubeziehen.
Die umfangreiche Dichtung „Die Fahrt nach Stalingrad“ (1953), ein meist in freien Rhythmen geschriebener poetischer Bericht, schildert drei Begegnungen des Ich-Erzählers mit der Stadt Stalingrad: Er sieht sie zuerst als Soldat, dann als Kriegsgefangener und schließlich als offizieller Gast. Drei Etappen einer Entwicklung sollen veranschaulicht werden. Hier finden sich außer pathetischen Ergüssen und unerträglichen Banalitäten, außer versifizierten Leitartikeln und pseudopoetischen Reportagen auch einige kurze Passagen, die immerhin als Versuche einer Auseinandersetzung des Autors mit seiner Vergangenheit bemerkenswert sind. Denn das ist Fühmanns großes Thema: das Erlebnis des Nationalsozialismus und des Zweiten Weltkriegs, die schmerzvolle Desillusionierung einer Generation. In der stalinistischen Zeit wurde jedoch ein DDR-Schriftsteller, der sich diesem Themenkreis zuwandte, fast immer verdächtigt, er wolle sich der Gegenwartsprobleme entziehen und in die weniger heikle Vergangenheit ausweichen. So verzichtete Fühmann auf die – wie sich später herausstellte – ihn bedrängende Thematik. Erst als sich nach Stalins Tod eine Entspannung im Kulturleben der DDR spürbar machte, schrieb er die erfolgreiche Novelle „Kameraden“ (1955), der die kleine Prosasammlung Stürzende Schatten (1959) folgte.

(…)

1950 schrieb der Heimkehrer Fühmann in dem Gedicht „Von der Verantwortung der Dichter“:

Aber das Leben ist teuer,
wir ersetzen es nie.
Klar und ungeheuer
zwingt uns die Schuld in die Knie.

Marcel Reich-Ranicki, aus Marcel Reich-Ranicki: Deutsche Literatur in West und Ost, R. Piper & Co. Verlag, 1963

„Gefühle, die aussterben mussten“?

– Konstruktionen von Heimat(en) bei Franz Fühmann und Johannes Bobrowski. –

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs lag in der sowjetischen Besatzungszone der prozentuale Anteil an der Gesamtbevölkerung bei Flüchtlingen und zur Migration Gezwungenen deutlich über den entsprechenden Zahlen für die Westzonen. 1947 belief sich ihr Anteil in der SBZ auf 24,3 Prozent.21 Was für die Gesamtbevölkerung gilt, trifft auch auf die Schriftsteller in der späteren DDR zu, die während des Nationalsozialismus aufgewachsen, Mitglieder in HJ oder BDM gewesen waren und teilweise noch als Soldaten am Krieg teilgenommen hatten. Eine beträchtliche Zahl von ihnen stammte aus vormals deutschen bzw. österreichisch-habsburgischen Gebieten. Ihnen musste sich die Frage stellen, wie sie angesichts der stark empfundenen Mitschuld an den nationalsozialistischen Verbrechen mit dem Verlust der alten und der Suche nach einer neuen – geographischen und politischen – Heimat umgehen sollten. Zu ihnen zählten – um nur einige bekanntere zu nennen – neben Johannes Bobrowski der in Rochlitz (ČSR) geborene Franz Fühmann, Werner Heiduczek (geboren in Hindenburg), Karl-Heinz Jakobs (geboren in Kiauken), Herbert Otto (aus Breslau), Günter Rücker (aus Reichenberg), Paul Wiens (geboren in Königsberg) sowie Christa Wolf aus Landsberg/Warthe.22
Dass aus dieser Liste im Folgenden neben Bobrowski gerade Fühmann herausgegriffen werden soll, ergibt sich einerseits aus einer Vielzahl von Parallelen,23 andererseits gerade aus den Unterschieden, die beider Biographien wie auch ihr Werk aufweisen. Beide – Bobrowski wurde 1917 geboren, Fühmann 1922 – wuchsen zumindest zeitweise in Gebieten auf, die nach dem I. Weltkrieg einem der auf den Trümmern des deutschen Kaiserreichs bzw. der k.u.k.-Monarchie neu gegründeten Staaten zugeschlagen wurden. Beide waren als Angehörige von Nachrichteneinheiten am Überfall auf die Sowjetunion beteiligt, beide schrieben und veröffentlichten während dieser Zeit Gedichte. Sie gerieten bei Kriegsende in sowjetische Kriegsgefangenschaft und wurden in der UdSSR auf Antifa-Schulen „umerzogen“.24 Gegen Ende seiner Gefangenschaft war Fühmann Assistent an der Antifa-Schule in Ogre bei Riga, wo Bobrowski 1944 auf dem Rückzug aus Russland stationiert war. Während der eine in der Gefangenschaft im Donezkgebiet im Kohlenbergbau arbeitete, sollte der andere in den siebziger Jahren in Kali- und Kupferbergwerke einfahren, wobei das Bergwerk für ihn ein „Modell für jeden Prozeß des Eindringens in unbekannte Bezirke“25 wurde. Beide verband das Bewusstsein von Verantwortung und Schuld für die NS-Verbrechen. Ende 1949 wurden sie fast zeitgleich – Bobrowski am 23. und Fühmann am 24. Dezember – in die soeben gegründete DDR entlassen, wo sie sich in Berlin niederließen. Statt der SED schlossen sie sich einer der Blockparteien an – Bobrowski der CDU und Fühmann der NDPD. Beide begannen als Lyriker, um sich später – der andere allerdings früher und weit endgültiger als der eine – der Prosa zuzuwenden. Von beiden erschienen 1955 Gedichte in Sinn und Form und ihre Gedichte wurden in die von Peter Huchel besorgte 1956er Ausgabe des Jahrbuchs Das Gedicht aufgenommen. Im selben Jahr 1963 schrieben beide über „Barlach in Güstrow“, der eine ein Gedicht, der andere eine Erzählung.26 Sie zählten Trakl zu ihren Vorbildern und verfolgten in stets erneuerten „manischen Versuche[n]“ – so Fühmann27 – in ihrem Werk, was Bobrowski als sein Generalthema, Fühmann dagegen in Anlehnung an Gottfried Benn als das Versorgen einer Teilfunktion bezeichnete, wobei gerade in dieser letztgenannten Parallele Unterschiede zwischen beiden Autoren deutlich werden. Während der eine sein Generalthema in der Darstellung und Verbesserung der Beziehungen der Deutschen zu den östlichen Nachbarn sieht,28 hält der andere für seine vorrangige Teilfunktion, „[…] das zu beschreiben, was man Wandlung nennt“,29 und zwar die vom überzeugten Faschisten zum Antifaschisten und Sozialisten.
Trotz dieser Vielzahl von Parallelen sind direkte Kontakte und Bezüge in Leben und Werk eher selten. Fühmann gelingt es, Bobrowski als einen seiner Nachdichter für eine von ihm herausgegebene und 1964 erschienene Anthologie tschechischer Lyrik zu gewinnen,30 und Fühmann setzt sich für die Verleihung des Heinrich-Mann-Preises an Bobrowski ein, den dieser dann im März 1965 gemeinsam mit Brigitte Reimann erhält.31 In seinem 1960 gehaltenen Vortrag zur Lyrik der DDR nennt Bobrowski innerhalb einer Gruppe jüngerer Lyriker „seiner offenbaren Begabung entsprechend“ an erster Stelle Franz Fühmann, um allerdings für die ganze Gruppe zu einem abwertenden Urteil zu gelangen:

Alles mehr oder weniger traditionell.32

Ein Urteil, dem sich der ältere Fühmann mit einer weit radikaleren Kritik am eigenen Frühwerk anschließen sollte. Letzterer äußert sich ausführlicher zu Bobrowski in Zweiundzwanzig Tage oder Die Hälfte des Lebens, dem Tagebuch einer Reise nach Ungarn, das weit mehr als einen Reisebericht darstellt, wie bereits der zweite Teil des Titels zeigt. Zwar ist dieser Bezug auf das Werk Bobrowskis bereits wiederholt benannt worden, doch ohne dass darauf genauer eingegangen würde. Ich erachte diesen Verweis einer genaueren Betrachtung für Wert, einerseits wegen der in ihm enthaltenen Implikationen, andererseits wegen seiner Widersprüchlichkeit, zum einen in sich selbst, zum anderen im Verhältnis zum umgebenden Kontext.

Bobrowskis Poesie ist ein großes Beispiel für das, was „seine Teilfunktion versorgen“ heißt. Ich muß gestehen, daß ich anfangs seiner Lyrik schroff ablehnend gegenübergestanden bin, ja in ihr etwas Unerlaubtes gesehen habe: das Wachhalten, vielleicht sogar Wiedererwecken von Gefühlen, die aussterben mußten, Sentiments der Erinnerungen an die Nebelmorgen hinter der Weichsel und den süßen Ruf des Vogels Pirol… Ich hatte wohl eine ehrenhafte, aber sehr enge Auffassung vom Bewältigen der Vergangenheit, und ich bin auch dem eignen Lied auf die Kehle getreten. Doch aus der Geschichte läßt sich nichts tilgen, kein einziger Aspekt und kein einziges Gefühl, sie lassen sich nur in Hegels Sinn aufheben. Nicht ein „Es war nie genesen“ und auch nicht ein „Als ob es nie gewesen wäre; sondern nur ein „Es war so und ist vorbei“ ist der sichere Grund, ein Neues zu bauen.33

Unausgesprochen nimmt Fühmann in dieser Erörterung des Umgangs mit Heimatverlust einen Faden auf, den er zehn Seiten zuvor nach der knappen Schilderung einer Begebenheit während seiner Ungarnreise fast unkommentiert hatte abreißen lassen, da damit ein Tabu berührt wurde:

Abends Lesung in einem kleinen Kreis; es entwickelt sich eine Diskussion über die Aussiedlung der Deutschen nach Kriegsende; mein Ja dazu erregt Widerspruch, und darüber gerate ich aus der Fassung.34

Indem er Bobrowskis Poesie als „großes Beispiel“ bezeichnet, hebt Fühmann das Recht eines Autors hervor, ein Generalthema bzw. eine Teilfunktion durch sein ganzes Werk hindurch zu verfolgen, solange er dies nur genau tue.35 Gerade das Festhalten an seinem Generalthema war Bobrowski nicht nur in der DDR zum Vorwurf gemacht worden.36 Noch in seiner Bobrowski-Monographie fühlt sich John Wieczorek bemüßigt, den Autor gegen derartige Vorwürfe37 dadurch in Schutz zu nehmen, dass er ihm einen Entwicklungsroman zuschreibt, in dessen Verlauf sich dieser spätestens in seinen Erzählungen und in Wetterzeichen zusehends mit aktuellen Themen und den Landschaften seiner neuen Heimat befasse.38
Was bei Fühmann auf den ersten Satz folgt, steht dazu in deutlichem Widerspruch. Zwar scheint es, als habe er seine ursprünglichen Vorbehalte gegenüber der Lyrik Bobrowskis aufgegeben. Doch bleiben diese aufgehoben in der abschließenden Formulierung, nur ein „[e]s war so und ist vorbei“ sei der sichere Grund, ein Neues zu bauen. Wie kann etwas, was vorbei ist, das Generalthema eines Autors bleiben? Was noch in dessen scheinbarer Aufkündigung deutlich wird, ist die lang anhaltende Wirkung eines Tabus, für das das Zulassen und Wachhalten von Gefühlen für die verlorene Heimat als etwas Unerlaubtes gilt. Die Langlebigkeit des Tabus wiederum macht deutlich, dass es sich nicht um ein von oben verordnetes handelt. Wie Fühmann schreibt, ist jedes Tabu in der Literatur, wenn es diesen Namen verdient, „[…] selbstgesetzt, es wird ja erst dadurch tabu, daß ich’s akzeptiere, und erst hier wird es zum literarischen Problem“.39 Für ihn lässt zumindest bis zum Entstehungsprozess von Zweiundzwanzig Tage der tiefe Einschnitt der Wandlung die eigene Identität in zwei einander diametral entgegengesetzte auseinanderfallen, die eines Faschisten vor der Wandlung und die eines Antifaschisten in der Zeit danach. In dieser dualen Welt wird die verlorene Heimat ausschließlich zur Bühne für das heraufziehende Unheil. Zwar spielt ein Großteil der 1962 unter dem Titel Das Judenauto veröffentlichten Erzählungen Fühmanns an den Orten seiner Kindheit und Jugend, doch kommen diese und die umgebende Landschaft darin kaum vor. Paradigmatisch für den hermetisch geschlossenen Raum einer faschistischen Welt wird in „Die Verteidigung der Reichenberger Turnhalle“ eben diese Halle, die von deutschen Jugendlichen gegen einen angeblichen Überfall durch tschechische Polizei verteidigt werden soll. Die Fenster der Turnhalle werden „[…] vom Boden bis zum Giebel mit Sandsäcken und Sprungmatten verbarrikadiert […]“40 und lassen keinen Blick auf die heimatliche Landschaft zu.
Das unbedingt Verbot, die „falschen“ Fragen zu stellen, wird vom Ich-Erzähler in „Böhmen am Meer“ noch einmal nur zu deutlich unterstrichen:

Die Vergangenheit war noch nicht vergangen; solange noch einer nach dem Warum der Umsiedlung fragte, war die Vergangenheit nicht vergangen, und ich hatte Pflichten, vor denen ich nicht fortlaufen durfte.41

Der fortgesetzte Fühmann’sche Versuch, Sentiments der Erinnerungen an die verlorene Heimat abzutöten und in der DDR eine neue Heimat nicht nur in deren politischem System, sondern auch in der kulturellen Tradition Preußens und der Landschaft der Mark Brandenburg zu finden, musste scheitern – zunächst in letzterem, später wohl auch in ersterem Sinne. Weit weniger als eine Fahrt in die Fremde erweist sich der in Zweiundzwanzig Tage oder Die Hälfte des Lebens geschilderte Besuch in Ungarn als imaginierte Rückkehr in die eigene Vergangenheit, in die sprachlichen Eigenheiten und kulturellen Traditionen des ehemaligen Habsburger Reiches, wovon bereits die zusehends von Austrizismen und bairischem Dialekt durchsetzte Sprache des Autors beredtes Zeugnis ablegt. Dass Fühmann die Rückkehr nach Berlin mit den Worten „Kälte; Nebel; geliebter Norden“42 kommentiert, kann nicht zuletzt angesichts der vorangegangenen Bemerkung „Eintönig Kiefernwälder. Seen und Sand“43 nur als Ironie verstanden werden.
Bereits zuvor war dem Autor, der seit 1958 einen Großteil des Jahres in seinem „Arbeitshäuschen“ in Märkisch-Buchholz verbringt, der Versuch fehlgeschlagen, in einer Auftragsarbeit für den Aufbau-Verlag zum XX. Jahrestag der DDR auf den Spuren Theodor Fontanes durch die Mark Brandenburg zu wandern. Schon die erste Tagebucheintragung aus Neuruppin vom 13.6.1967 schloss mit der Erkenntnis:

Meine Heimatkonstruktion, das ist das Hauptergebnis dieses ersten Tages, ist eine reine Spinne.44

Mit folgenden Worten – und einer erneuten, die politische Heimat betreffenden Konstruktion – werden die Tagebuchaufzeichnungen mit Datum vom 18.6.1968 endgültig abgebrochen:

Ich will dankbar sein, ehrlich dankbar. Die Reisen nach Preußen haben mir deutlich gemacht, was ich eigentlich bin: ein österreichischer Schriftsteller in einem Land, dem dankbar zu sein ich genaue politisch-historische Gründe habe. Aber damit werde ich nun einmal nicht zu einem Eingesessenen.
Hiermit möchte ich mich verabschieden
.45

Gleichzeitig schließt sich der Kreis zu Bobrowski, dessen Verhältnis zur märkischen Landschaft Christoph Meckel wie folgt erinnert:

Und dann die Landschaft hier, Mark Brandenburg, das Wasser und die Chausseen, das war Huchels Landschaft, und Huchel hatte etwas daraus gemacht, alles ganz schön – aber nichts im Vergleich zu den östlichen Ebenen. Das war überhaupt keine Landschaft hier.46

Wo Fühmann meinte, sich die Erinnerung an die heimatliche Landschaft untersagen zu müssen, konnte auch Bobrowski das Anliegen, sich den mit der verlorenen Heimat verbundenen Gefühlen zu stellen und nichts aus der Geschichte zu tilgen, nicht problemlos und frei von Widersprüchen gelingen. Die Unbefangenheit, mit der Fühmanns ungarische Gastgeber die Berechtigung der erzwungenen Migration der Deutschen aus den von ihnen bewohnten Gebieten hatten in Frage stellen können, konnte angesichts der deutschen wie auch seiner persönlichen Geschichte Bobrowski nicht zur Verfügung stehen. Die Landschaft seiner Jugend war für ihn „mit allem Recht verloren.“47
Die Gefühle, die aus der eigenen Geschichte nicht getilgt werden sollten, konnten nur im Rahmen seines Generalthemas aufgehoben werden, der kritischen Reflektion über das „Verhältnis der Deutschen zu den östlichen Nachbarvölkern.“48 Das Hinüberretten der eigenen Landschaft konnte nur gelingen in der literarischen Bearbeitung einer langen Geschichte „[…] aus Unglück und Verschuldung, seit den Tagen des deutschen Ordens, die meinem Volk zu Buch steht.“49
Das Vorhaben, dem sich Bobrowski unterwirft, ist nicht mehr und nicht weniger als ein Projekt, dessen Ziel in der Re-Konstruktion des kulturellen Gedächtnisses im Hinblick auf die gemeinsame Geschichte von Deutschen und osteuropäischen Völkern besteht50 – ein erstaunliches Vorhaben für einen Autor, der sich zu den Wirkungsmöglichkeiten von Literatur mit großer Skepsis geäußert hat.51 Ohne Schwierigkeiten lässt sich das Bobrowski’sche Projekt mit der Begrifflichkeit beschreiben, wie sie Jan Assmann in Anlehnung an Maurice Halbwachs zur Charakterisierung des kulturellen Gedächtnisses entwickelt. In Übereinstimmung mit diesem weiß Bobrowski, dass eine Wahrheit, um sich in der Erinnerung einer Gruppe festsetzen zu können, sich in der konkreten Form eines Ereignisses, einer Person, eines Ortes darstellen muss.52 Mit dem Eintritt in den sarmatischen Raum wird jede Persönlichkeit und jedes historische Faktum „[…] in eine Lehre, einen Begriff, ein Symbol transponiert; es erhält einen Sinn, es wird zu einem Element des Ideensystems […].“53 Wo die Titel einzelner Gedichte auf geographische Punkte Bezug nehmen, lassen sich Kindheitsorte unterscheiden von Stätten, die durch die Schrecken des Krieges und des Holocaust geprägt sind, und diese wiederum von Orten historischer Ereignisse bzw. kultureller Bedeutung.54 Auch Gedichte, deren Titel aus Namen bestehen („Die Heimat des Malers Chagall“, „An den Chassid Barkan)“, verweisen auf die große Verschuldung, die dem deutschen Volk „zu Buch steht“. Wie die Verräumlichung das ursprünglichste Medium jeder Mnemotechnik ist, spielt in der Bobrowski’schen Erinnerungskultur der Raum eine zentrale Rolle. Eine Landschaft wird zum Medium des kulturellen Gedächtnisses, indem diese als Ganzes in den Rang eines Zeichens erhoben, d.h. semiotisiert wird.55 Landschaft wird zum Mnemotop, Gedächtnisort, zu einem topographischen Text des kulturellen Gedächtnisses.56
Erinnerungskultur ist Vergangenheitsbezug und Vergangenheit entsteht dort, wo eine Differenz zwischen Gestern und Heute bewusst wird. Der Tod ist die Ur-Erfahrung einer solchen Differenz und die sich an die Toten knüpfende Erinnerung die Urform kulturellen Erinnerns.57 Totengedenken stellt in paradigmatischer Weise ein Gedächtnis dar, das Gemeinschaft und Identität stiftet.58
Wo Bobrowski der Toten gedenkt, handelt es sich immer wieder um Angehörige religiöser bzw. ethnischer Minoritäten, die im europäischen Osten zu Opfern der Deutschen wurden, um Juden und Roma als den tradierten Repräsentanten von Heimatlosigkeit, mit denen sich der selbst seiner Heimat verlustig gegangene ehemalige Wehrmachtssoldat trotz aller Zweifel zu identifizieren vermag.59 Es geht Bobrowski um den Versuch der Identitätsstiftung eines überlebenden Deutschen für seine überlebenden Landsleute, vermittelt über die Erinnerung an deren Opfer, die mit Hilfe des literarischen Textes im kulturellen Gedächtnis aufgehoben werden soll.
Fühmann, der sich selbst als „Faschist“ in der Mitverantwortung für Auschwitz sah und sich nie anders denn als Mittäter zu verstehen vermochte, wäre die Darstellung von Juden nicht in den Sinn gekommen. Ihm geht es ausschließlich um die Bilder von Juden, die den Deutschen während des Nationalsozialismus vermittelt werden und die sich diese von ihnen machen. Exemplarisch geschieht dies in Zweiundzwanzig Tage oder Die Hälfte des Lebens, wo ein Kinobesuch während des Kriegs erinnert wird, während dessen Wochenschaubilder von zu Tode erschöpften Juden in einem Konzentrationslager vom Kommentator mit der Bemerkung versehen werden, „[…] daß die Juden das erste Mal in ihrem Leben arbeiteten, was man ja auch an dem rasanten Tempo ihrer Bewegungen sehe […].“60 Ähnlich in der Titelerzählung Das Judenauto,61 wo es ausschließlich um das Zerrbild geht, das sich ein deutscher Schuljunge im Sudetenland in der aufgeladenen Atmosphäre nach 1933 von Juden macht.
Auch Bobrowski war sich der Problematik bewusst, die damit verbunden ist, wenn der überlebende ehemalige Wehrmachtssoldat die Opfer der deutschen Aggression und des Holocaust zu Protagonisten seiner Texte macht.62 Das Bewusstsein der Problematik zeigt sich bei Bobrowski in den späteren Prosatexten zum einen in der Zurückhaltung, mit der er z.B. in Levins Mühle seinen Erzähler den jüdischen Protagonisten schildern lässt, zum anderen in ähnlichen Vorgehensweisen wie bei Fühmann. Vorzugsweise werden Juden mit den Augen der potentiellen späteren Täter, als deren Konstruktionen gesehen, so besonders deutlich in „Lipmanns Leib“ und in „Mäusefest“. Doch wird diese Perspektive von Bobrowski nicht konsequent durchgehalten. In „Mäusefest“ wird Moise Trumpeter vom Erzähler auch dann beschrieben, wenn der junge deutsche Soldat seinen Laden noch nicht betreten hat. Für diese Zeit macht die Konstellation aus Moise und Mond tradierten Bildern entsprechend ersteren zum Vertreter der Ordnung einer alten Welt, in der Mensch und Natur einander nahe stehen.63 Hier bleibt die Optik des Autors befangen in der Ikonographie charakteristischer jüdischer Gestalten, wie Haring feststellt.64 Es stellt sich die Frage, ob dem in seinem Schuldbewusstsein befangenen überlebenden Deutschen überhaupt andere Bildvorlagen zur Verfügung stehen können als anti- bzw. philosemitische, auf alle Fälle aber stets stereotype.65 Wenn Bobrowski schreibt, jeder Jude sei ihm das unbegreifliche Wunder, ohne das er nicht leben könne,66 so werden Juden zu Repräsentanten eines ausgeschlossenen Anderen auf ähnliche Weise und mit ähnlichen Formulierungen wie die Weiblichkeit für Freud stets das Andere und Rätsel bleibt.67
Identifikationsfiguren für den späteren Bobrowski werden in seinen Romanen immer stärker grenzüberschreitende hybride Existenzen, in denen sich divergierende Strömungen einer Einzelkultur und unterschiedliche Tendenzen verschiedener Kulturen mischen.68 Dies sind in Levins Mühle die herumziehenden Musiker Geethe, „[… ] Johann Vladimir, früher aus Böhmen und jetzt auch Hoheneck […]“69 oder Weiszmantel, „er gehört nirgends hin, er redet Deutsch und Polnisch durcheinander, […] die Beine mit Lappen umwickelt und beschnürt, über Kreuz, wie ein Litauer. Weiszmantel, der die Lieder weiß.“70
Wo die Deutschen „[…] Kaminski, Tomaschewski und Kossakowski und die Polen Lebrecht und Germann […]“ heißen,71 erweist sich die Vorstellung von den Deutschen als einer unvermischten, „reinen“ Ethnie als Konstruktion nationalistischer bzw. nationalsozialistischer Provenienz.72 Doch wenn sich eine klare Unterscheidung der Menschen in dieser Landschaft in „Deutsche“, „Litauer“ oder „Polen“ nicht treffen lässt, wenn das Verhalten der „Deutschen“ nicht „wegen Deutschigkeit“,73 sondern wohl eher wegen der „Herrschaftsverhältnisse“74 ist, wie es ist, dann stellt dieser Prozess der Hybridisierung implizit das Ja des Autors zur Unumgänglichkeit und Sinn der erzwungenen Migration der „Deutschen“ nach Kriegsende in Frage.
Hier wird auch für Bobrowski ein Tabu berührt, in dem, wie Fühmann schreibt, wenn es diesen Namen verdiene, gesellschaftliche mit persönlicher Scham zusammentrifft.75 Auffällig ist in diesem Zusammenhang, dass sich gleichzeitig mit dem der Hybridisierung in Levins Mühle ein entgegengesetzter Prozess vollzieht, in dessen Verlauf positive Merkmale von Alterität wie Musikalität, sexuelles Begehren, Widerständigkeit und Fremdheit, mit denen sich der Autor identifizieren könnte, von „den Deutschen“ abgezogen und auf „die Anderen“ übertragen werden. Dabei werden mit Juden, Roma und Frauen einmal mehr dessen traditionelle Vertreter zu Repräsentanten des Anderen. Das zwanghafte Abspalten und Übertragen positiver Eigenschaften lässt das Fremde zu Projektionsflächen des Eigenen werden und verleiht diesen Figuren wiederum stereotype Züge. Fortwährend oszilliert der Autor zwischen Dehybridisierung und Hybridisierung, denn die durch Abspaltung gewonnene „Reinheit“ der Identifikationsfiguren wird umgehend wieder dekonstruiert, da die Frauen Deutsche sind und die Zigeuner76 sich zumindest dem Großvater als „jüdische Zigeuner“ und „zigeunerische Italiener“ darstellen.77
„Richtige Zigeuner sind richtig schön.“ So lautet der zweite oder dritte Nebensatz. „Beschreiben allerdings kann man Zigeuner nicht.“78 „Man“ ist dabei ein deutscher Autor, denn die Zigeuner wurden von Deutschen ermordet und auch bei ihnen stellen sich die vorgefundenen Stereotype zwischen Beschreibenden und zu Beschreibende. Dennoch beschreibt sie der Erzähler, ohne seinerseits auf Stereotype verzichten zu können.79 Marie gemeinsam mit Levin nackt auf einer Wiese im Regen80 – hier ist es schön, hier darf ein Levin bleiben wollen, denn hier singt der Pirol, hier sind Mensch und Natur einander nahe, zusammen mit dem Regenwasser fließt der Strom der eigenen abweichenden und widerständigen Wünsche.81
Anders als in Levins Mühle vertreten Bobrowskis Protagonisten in Litauische Claviere unabhängig von ihrer Nationalität durchgehend divergierende Strömungen verschiedener Kulturen. In einem auch ganz konkreten Sinne grenzüberschreitende Personen sind der Librettist Voigt und sein Komponist Gawehn. Eine hybride Gestalt ist der litauische Dorfschullehrer Potschka. Im Gespräch zwischen Voigt, Saluga und Storost spricht ersterer „[…] immer auf Litauisch, Saluga im gewandtesten Deutsch, Storost wechselnd von Fall zu Fall.“82 Hybrid ist der Held der zu schreibenden Oper, Christian Donalitius oder Kristijonas Donelaitis, mit dem sich sowohl der Deutsche Voigt als auch der Litauer Potschka identifizieren. Bereits das Instrument im Titel Litauische Claviere verweist auf Polyphonie, und den passenden Erzählton für die zu schreibende Oper findet der Komponist Gawehn beim Überfahren der Eisenbahnbrücke über die Memel und damit auf der Grenze zwischen deutschem und litauischem Gebiet.83
Wo B
obrowski zunehmend auf Abspaltungen und die Verwendung von Projektionsflächen verzichtet, führt den späteren Fühmann der Weg zurück zu Trakl und das Zulassen der lange verleugneten Faszination durch dessen Gedichte zu einem neuen komplexeren und polyphoneren Bild der eigenen Kindheit und deren Landschaft.84

Meine katholische Kindheit, meine fromme Kindheit, meine Kindheit mit Schutzengel und Jungfrau Maria, meine österreichische Kindheit, meine böhmische Kindheit, meine deutsche Kindheit, meine abendländische Kindheit, meine Kindheit im Gebirge, meine Kindheit in den Wäldern, meine Kindheit im Garten, meine Kindheit im Schnee, meine Kindheit im Kristall des Himmels, meine Kindheit vor lebendigem Feuer, meine Kindheit in Unschuld neben der Schwester, meine Kindheit in der Hölle, über die Vater und Mutter herrschten, unablässig einander zerfleischend […]; meine Kindheit im Dorf, meine Kindheit im Wirtshaus, meine Kindheit im Kloster, meine Kindheit unter den Jesuiten, meine Kindheit unter den Faschisten, meine Kindheit mit Sindbad, meine Kindheit vor Troja, meine Kindheit vor dem Pentagramm, meine Kindheit vor den Krematoriumsöfen – und ich hörte die Frage eines großen Lehrers, des heiligen Augustinus: Deine Kindheit ist vergangen, doch wo ging sie hin?85

Withold Bonner, aus Andreas Degen und Thomas Taterka (Hrsg.): Zeit aus Schweigen. Johannes Bobrowski – Leben und Werk, Martin Meidenbauer Verlagsbuchhandlung, 2009

 

Richard A. Zipster: DDR-Literatur im Tauwetter. Band III. Stellungnahmen

 

FRANZ FÜHMANN

Wie schön eine Möwe wirklich ist, fragst du mich.
Ha.Wie schön eine Möwenhorde ist? Frag die Müllkippe.

Peter Wawerzinek

RUMPELSTILZCHEN
nach Franz Fühmann

Nicht Schaumspeise mehr
noch das schüttere Schellengeläut im schlesischen Städtchen,
auch Rübezahl nicht, der rastlos im Riesengebirge
den Bart auswringend Rennende,
auch nicht Schneewittchens schüchterne Scham
in der Wildnis der weiten Wälder,
selbst nicht die vielen fiesen Verse der Expressionisten
bewegen die Brust der melkenden Magd.
Heute strählt sie die schillernde Schwärze,
schwankend noch, ob sie, der stählernen Schenkel
des brüllenden Bullen gedenkend,
sich nun zuwende
dem ernsten und emsig tätigen Geschäfte des Melkens.
Zögern läßt sie sich nieder.
Kaum sitzend, erdröhnt dann aber
das strullende Schwabbern in schwankender Hütte.
O Deutschland!

Manfred Bieler

 

FÜR FÜHMANN

Nein, du wolltest
den Drachen
nicht erkennen,
der dich auffraß.
Du schriebst mir:
Wenn ich
mir ausgeredet hab,
was mir eingeredet wird,
werde ich kommen.
ich wünsch mir,
daß du wartest.
Ich wartete,
angefochten von Gerüchten,
die uns
schweigen lassen:
Er glaubt,
was niemand mehr glaubt.
Jetzt aber, in der Nachrede
und deinen schweren, herzlichen
Schatten im Gedächtnis,
steh ich wartend an
der Teppe,
da, an dem Geländer,
das warm werden könnte
von deiner Hand.

Peter Härtling

 

Uwe Wittstock: Kindheitsmuster, Herkunftsmonster. Eine Lange Nacht über Christa Wolf und Franz Fühmann und ihre deutsche Vergangenheit

 

Zum 70. Geburtstag des Autors:

Hans Richter: Ein verlorener Sohn Böhmens
Sinn und Form, Heft 4, Juli/August 1992

Zum 95. Geburtstag des Autors:

Walter G. Goes: Versuche über Literatur
Ostseezeitung Rügen, 14.1.2017

Fakten und Vermutungen zum Autor + Archiv + KLGIMDb
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Gedenkartikel: Uwe WittstockUwe Kolbe + 2 + 3Max Walter Schulz,
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Christian Klötzer + Wieland Förster + Ursula Püschel + Günter Deicke
Interviews: mit LehrerInnen, mit Hans-Georg Soldat

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