Franz Fühmann: Gedichte und Nachdichtungen

Fühmann-Gedichte und Nachdichtungen

ZU DREI BILDERN CARL HOFERS

Der Übersetzer
(1937)

Sein Kopf ist müd. Er stützt ihn in die Hand,
jedoch das Denken drängt ihn: Übertrage
die eine Zeile noch, sinn nach und sage
den ungeheuren Sinn, der dir erstand

aus diesen Worten fremder Sprache! Wage
dies einz’ge Wort nur: Es wird Widerstand,
es wird die Feuerschrift auf schwarzer Wand,
die Front ruft wider deines Volkes Plage!

Wie schwillt des Worts Substanz unter der Stirn,
zieht alles Licht auf die gefurchte Fläche,
die hoch sich wölbt über dem wählenden Hirn,
und hämmert, daß es diesen Fels durchbreche,
um auszusprechen sich, dies Wort, dies eine,
in neuer Sprache: Freiheit, die ich meine!

 

 

 

Fühmann Gedichte und Nachdichtungen

Leider sind nur auf 43 von 344 Seiten Gedichte von Franz Fühmann aus den Jahren 1955 bis 1957 abgedruckt, weiterhin fehlt ein Vor- bzw. Nachwort zur Ausgabe, dafür sind auf ca. 280 Seiten Übersetzungen von Biebl, Halas, Holan, Hrubin, Nezval, Xaver, Seifert, Füst, Hajnal, A. Jószef, Kaláz, A. N. Nagy, Petöfi, Radnóti und Vörösmarty. Zum Genie Fühmanns,der es wohl wie kaum ein zweiter der deutschen Nachkriegsliteratur verstand, mit den deutschen Worten „handzuhaben“, muss nichts geschrieben werden. Einfach lesen und genießen.

Uschner, amazon.de, 23.10.2012

 

Aber die Schöpfung soll dauern…

Das lyrische Werk Franz Fühmanns, der im vergangenen Jahr den Nationalpreis erhalten hat, ist nunmehr, sieht man von einem Heftchen des jugendlichen Dichters im Ellermann-Verlag ab, auf vier Bände gewachsen. Den früher erschienenen Die Nelke Nikos und Die Fahrt nach Stalingrad sind im Verlag der Nation die satirischen Verse Seht her, wir sind’s und im Aufbau-Verlag Aber die Schöpfung soll dauern gefolgt. Dieser Band, obwohl er nicht mehr als 61 Seiten stark ist, stellt die bisher bedeutendste Leistung eines unserer jungen Lyriker nach dem Kriege dar. Franz Fühmann, der sozialistische Realist, ist vielleicht mit dieser Arbeit der erste unter den Jungen, der ganz überzeugend in die Zukunft weist.
Welchen Vorsprung — man verzeihe den sportlichen Ausdruck — Fühmann auch vor unsern jungen fortschrittlichen Lyrikern gewonnen hat, zeigt z.B. der Vergleich seiner „Seefahrer“ mit Jens Gerlachs „Ballade von den Verschollenen“, die beide dem Vorbild Artur Rimbauds bzw. Georg Heyms verpflichtet sind. Die letzte Strophe Gerlachs lautet:

Irgendwo wurden wir müde. Wir haben
Viele verloren, versenkten in Lee
Träumer und Seefahrer, Greise und Knaben —
Irgendwo gingen wir schlafen. Begraben
Sind unsre Namen im Atem der See.

Weder formal noch inhaltlich wird hier Neues errungen, die Verse verschwimmen, unklarer Nebel, weit hinter den kräftigen Originalen, sind epigonale Vagantenlyrik. Bei Fühmann heißt es nach symbolischer Meerfahrt durch Dunkel auch formal viel lebendiger:

Der Adler ist schon verflogen.
Küsten sieht man noch nicht,
doch zwischen Wolken und Wogen
dauert des Menschen Gesicht,
dauern seine zwei Hände,
dauert das hohe Lied,
von der Fahrt, von ihrem Ende,
das keiner, das jeder sieht.

Das ist ein Musterbeispiel dafür, wie ein bürgerliches Erbe — Rimbauds „Trunkenes Schiff“, das für die neuere Poesie eine ähnliche Bedeutung hatte wie Gogols „Mantel“ für die russische Prosa — aufgenommen und im Sinne des sozialistischen Realismus „gehoben“ wird.
Das Erlebnis der Sowjetunion, darauf hat Georg Maurer anläßlich früherer Publikationen Franz Fühmanns bereits hingewiesen, ist für Fühmann der Auslöser gewesen, sich mit dem deutschen Schicksal auf neue Weise auseinanderzusetzen. Eine besondere Rolle spielt dabei die Ergründung und Neudeutung der deutschen Märchen- und Sagenwelt. Das Gedicht „Die Richtung der Märchen“ gibt das Programm

Die Richtung der Märchen: Tiefer, immer
zum Grund zu.  i r d i s c h e r  
(von mir gesperrt),
näher der Wurzel der Dinge,
ins Wesen.

Drei Märchenbeispiele bestätigen die Notwendigkeit, „ins Wesen“ einzudringen, das erste:

Wenn die Quelle im Brunnen nicht springt
und ratlos die Bürger sich stauen:
Held Hans hebt den Stein, der im Wasser liegt,
da hockt eine Kröte darunter,
die Kröte muß man töten,
dann springt der Quell wieder rein.

„Im Lande tief unter den Brunnen“ verwirklicht die Phantasie des Volkes seine Wünsche, was die gesellschaftliche Realität noch nicht erlaubt. So vermag der Soldat, „Des Teufels ruß’ger Gesell“, erst in der Hölle mit seinen Quälern abzurechnen. Wenn der Hauptmann, der da im Kessel sitzt — mit Recht, möchte der Rezensent betonen! — seinen Soldaten anbettelt „Ach du mein guter Kamerad, / hilf mir aus der Hölle heraus!“, bekommt er die Antwort: „Aber nein, da wird nichts draus, / du hast mich auf Erden geschunden, / nun bleib in der Hölle drunten, / des Teufels fetter Schmaus!“ Ebenso ergeht es dem Marschall, ebenso dem König.
„Held Hans“, die „Kröte“, der „Quell“ Fühmann erkennt sie als Grundsymbole für gesellschaftliche Kräfte: er sagt das nicht „deutlich“, er stellt neben die Symbole nicht die wissenschaftlichen Begriffe. So kann es geschehen, daß einzelne Gedichte erst dann ganz verstanden werden, wenn man sie im Zusammenhang des Bandes liest. Dann stellen sich beispielsweise Bezüge her zwischen den Zeilen der düstren Märchenballade „In Frau Trudes Haus“.

Mein Kind, was du siehst, sprach Frau Trude,
du siehst mir die Dinge zu gut.
Sie verhexte das Kind in ein Holzscheit,
und das warf sie schnell in die Glut.

− und diesen:

und die kleinen gläsernen Truhen
gebettet in Blütenschnee,
gefüllt mit Kitteln und Schuhen.
Das blieb von Lidice.

Damit sei auch der weite Bogen angedeutet, unter dem die Gedichte des Bandes stehen: Von „Frau Trude“, in deren Haus Männer mit Krallenfingern, mit Gürteln aus Menschenhaut, mit blutbeflecktem Henkerbeil verkehren, bis zu den „Geiern“, den Ausbeutern, und den „Demagogen“, die das Volk im Dienst der Ausbeuter irreführen; von „Held Hans“, der die Kröte tötet, bis zum Maler Carl Hofer, der mit der Symbolsprache seiner Bilder (deren drei Fühmann lyrisch deutet) „geistigen Widerstand gegen die Barbarei setzt, bis zu den „Seefahrern“, der Phalanx der aufbrechenden Massen:

Und sie sehn: Eine solche Flottille,
Schiff auf Schiff auf Fahrt,
der unermessene Wille
zur fordernden Gegenwart…

Im Mittelpunkt des Bandes steht eines der schönsten Gedichte Fühmanns: „Auf einem alten Friedhof“. Es dokumentiert wie die „Seefahrer“ besonders deutlich die neue Qualität, die hier gefunden wurde, und ist thematisch der Angelpunkt des Bandes: Rückschau auf das Schicksal des Volkes und Zukunftsvision. In der „Landschaft der Kreuze und Kränze“ meditiert der Dichter über die armen Jahre der Toten, der „Seelen reich und groß“, die unterdrückt und verdorben wurden:

Ach, achtzehn Stunden, geschunden
hinterm Pflug und geschlafen im Stall
oder an das Fließband gebunden.
ein Stück belebtes Metall
im Rhythmus, der zerrüttet,
was Mensch ist, Gedank und Gedicht,
den Rest auf den Kehricht geschüttet,
und ein Kreuz drauf. Mehr ließ man euch nicht.

Schon diese Verse sind fern der Meditation poetischer Kirchhofgänger des Bürgertums „Reich und Arm, ach, alle müssen mal unter die Erde“, der Tod als Gleichmacher, Vertröstung der Armen: das oder ähnliches interessiert Fühmann nicht. In welche Richtung aber wird der Gedankenfaden laufen? Zu dem sattsam bekannten „Auch ich werd hier liegen“? Oder zur Anklage? Nein, Fühmann wagt einen ungewöhnlichen Sprung — und er gelingt Ihm! —, der schlagend beweist, daß mit diesem Gedicht, mit diesem Gedichtband das sozialistische Bewußtsein auf hohem Niveau und überzeugend in der Poesie gesiegt hat. Fühmann hebt den Blick von den Gräbern und — auf dem Friedhof diese Vision!! −:

Ich sehe Gras und Bläue
und Menschen, die aufrecht gehn:
stürmende, stolze, auch scheue,
schöne Menschen kann ich sehn,
die werden die Worte deuten,
unsichtbare, in Moder und Moos.
von den armen, den kleinen Leuten,
von den Seelen reich und groß.

Der Dichter vergißt an einem Ort, der stets noch zur Selbstbesinnung verführt hat, „sich selbst“: mächtig schlägt das Gesellschaftsbewußtsein durch, zerstört eine lyrische Konvention, schafft wahrhaft neue Lyrik.

Adolf Endler, Berliner Zeitung, 4.1.1958
(zu einem anderen Gedichtband von Franz Fühmann)

 

Franz Fühmann: „Es bleibt nichts anderes als das Werk“

Meine Damen und Herren, was Sie von mir zu erwarten haben, ist weniger ein geschlossener Redetext als vielmehr ein Amalgam aus Erinnerungspartikeln, Gedankensprüngen und Zitatcollagen. Der Riß und der Sprung als Signaturen des Gedenkens – womöglich ist diese Form der Erinnerung dem Gedächtnis Franz Fühmanns ganz gemäß.

1
Im September 1981 bin ich mit Franz Fühmann in Rostock gewesen. Der Hinstorff Verlag feierte seinen 150. Geburtstag; Fühmann hatte zögernd zugestimmt, die Festrede zu halten. Ich galt damals als Hinstorff-Autor, weil der Verlag zwei Bücher von mir nicht gedruckt hatte. Fühmanns Hoffnung, durch die Jubiläumsrede die Veröffentlichung auch meiner Texte befördern zu können, trog abermals. Es war eine bleierne Zeit, hier, Anfang der achtziger Jahre. Mein Leben in der Zone war unlebbar geworden. Ich habe das Wort ,Zone‘ mit Bedacht gewählt. Ich meine damit das verwahrloste Gelände aus dem Film Stalker von Andrej Tarkowski, nicht Springers Propagandavokabel.
Ich arbeitete, im Herbst ’81, bereits an der Prosa meines Ausreiseantrages. Es stand mir offenbar im Gesicht geschrieben. Manche, die ich während des Hinstorff-Festes begrüßen wollte, weigerten sich, mir die Hand zu geben. Andere zogen es vor, den Tisch zu verlassen, an den ich mich setzte. Nur Fühmann wich irgendwie nicht von meiner Seite, Das vergißt man nicht.
Franz Fühmann: der Förderer; der Mentor; der solidarische Freund. Darüber ist, zu Recht, viel gesagt und geschrieben worden. Mein Thema mit Fühmann, das mir bis heute zu denken gibt, ist die Verschränkung von Radikalität und Illusion. Das an die Wurzel gehende Nachdenken über das Wesen der Poesie und das Verhängnis des dichterischen Wortes. Und die Disposition zum politischen Glaubensbekenntnis.

Drei Sprachzeugnisse aus der Zeit des Hinstorff-Jubiläums mögen anschaulich machen, was ich meine:

„Sie haben dieses kostbare Erbe“ – so Fühmann in seiner Festrede zu Verlagsleiter Fauth alias GMS Buch und Cheflektor Simon alias IME Schönberg

unter sehr komplizierten Bedingungen zu wahren, unter Umständen, um die man Sie nicht beneidet, in einer Gesamtsituation, darin nicht wenig verfahren und vieles verworren und manches bis zum Verzweifeln quälend ist. Solche Worte mögen in einer Festrede erschrecken, doch ich möchte zu Ehren meines Verlages nicht nur Läuschen und Rimels verzählen, ich will da schon sagen, wie mir ums Herz ist, und dort ist auch heute nicht Jubel allein. … Für manche Manuskripte junger Autoren sogenannter schwieriger Art hat Hinstorff Beispiele geschaffen, die zu der Hoffnung ermutigen, daß ähnliche, und schwierigere, erwogen und vollzogen werden.

Ich trage Ihnen nun die Schlußpassage meines Ausreiseantrages vor, den ich ein paar Monate später beim Rat der Stadt Leipzig veröffentlichte; eine Kopie, nein: eine Abschrift schickte ich damals auch an Hinstorff.

… Ich möchte dieses Land im Guten verlassen, ihm nicht Haß oder Bitterkeit nachtragen, wie es einige Autoren, die in den letzten Jahren aus der DDR in den Westen reisten, für richtig befunden haben. Ich bin überhaupt nicht bereit, 30 Jahre gelebten Lebens, das Schmerz und Freude, gespenstische und wunderbare Begegnungen barg, nun zu einer hassenswerten Vergangenheit schrumpfen zu lassen. Für mich bestehen momentan offenbar unlösbare Widersprüche hier; Partner, die sich nicht mehr ertragen, sollten in Würde, ohne keifende Hysterie sich zu trennen imstande sein.
Wenn ich sage, daß ich diesen Antrag
nur meinem Schreiben zuliebe stelle, so schwingt in dem Wörtchen ,nur‘ allerdings das Entsetzliche einer von Grund auf falschen Alternative mit. Gern würden wir mit einem Lächeln wegfahren –

Welche politische Wohlerzogenheitsneurose gab einem diesen Tonfall ein; es ist das, auch literarisch, Unerledigte des Themas, das ich mit Fühmann teile.
Mein drittes Beispiel stammt aus dem Galeerentagebuch des ungarischen Juden und Auschwitzüberlebenden Imre Kertész und ist ein Dokument der Hellsichtigkeit. Kertész hielt sich 1980 eine Zeitlang in Dresden auf:

… die Gegenwart ist unpathetisches Elend des Überlebens.
Wenngleich die Richtung dieses Überlebens völlig ungewiß ist: in der Zeit läuft es weiter, doch es steuert auf nichts zu – wenigstens nicht spürbar. Die Menschen füllen gleichsam stofflich, wie eine breiartige, drückende Masse, die Ritzen zwischen den Steinen aus: Sie stehen Schlange vor Geschäften, Cafés und Restaurants. Die Moral dieser Menschenmasse, so jedenfalls scheint es mir, ist nur noch der äußere Anstand; allein die wohlbekannte Grenze ihrer Möglichkeiten hält sie im Zaum. Unverständlich, daß es nicht jede Nacht Massaker, Brandstiftungen, Blutbäder und Plünderungen gibt und am Morgen dann ein jeder wieder an seinem Arbeitsplatz erscheint. Danke sehr, bitte sehr… Ich kann mir nicht vorstellen, daß in dieser Stadt plötzlich jemand zu denken anfängt. Endlich finde ich eine kleine Gaststätte. Und bekomme nachmittags um vier zum Mittagessen ein Bauernfrühstück.

2.
Vor 20 Jahren und einem Monat, am 19.3.1977, habe ich Franz Fühmann kennengelernt. Ich kann es so genau rekonstruieren durch das Datum, das Fühmann unter sein Autogramm in meinem Exemplar seines Ungarntagebuchs Zweiundzwanzig Tage oder Die Hälfte des Lebens gesetzt hat. Das Buch liebe und lese ich bis heute.
Ich war damals Diplomingenieur und arbeitete als Friedhofsgärtner am Rande von Dresden. Fühmann war einer Einladung der Evangelischen Studentengemeinde gefolgt; wir verbrachten ein Wochenende im Erzgebirge, in der üblichen halbkonspirativen Manier. Mir blieb die Pein nicht erspart, daß mich der Studentenpfarrer Fühmann mit dem Satz vorstellte: „Der junge Mann schreibt auch“. Fühmanns Seitenblick changierte zwischen Ironie und Aufmerksamkeit.
Dann las Fühmann aus dem Trakl-Typoskript. Ich hörte gebannt zu, und Fühmann mußte mir etwas angemerkt haben, denn er schenkte mir nach der Lesung das mit handschriftlichen Korrekturen versehene Typoskript. Das Buch wird später im Osten Vor Feuerschlünden und im Westen Sturz des Engels heißen. Es ist, wie es Uwe Kolbe in einem Aufsatz formuliert hat, Fühmanns bestes und schlechtestes Buch zugleich. Sein bestes, weil es, wie kein anderes, die Sache der Poesie zur Sprache bringt. Sein schlechtestes, weil es, heimlich-unheimlich, den Funktionär zum Adressaten hat, um sein Gehör fleht, ihn, vor allem, von Trakls Gedicht überzeugen will.

Radikalität und Illusion, die beiden Lebenslinien.

3.
Von Franz Fühmann habe ich früh gelernt, Präzision als eine, vielleicht die wichtigste Eigenschaft der Poesie zu begreifen. Die Vergegenwärtigungsvirtuosität des geglückten Textes beruht, nicht zuletzt, auf Genauigkeit.
Kalter Blick und Menschenliebe sind, so heißt es einmal bei Tschechow, Voraussetzungen der Literatur. – Mit Fühmanns Worten:

Wer den Geist nicht spitz will, wer die Feder nicht spitz will, wer den Griffel, wer die analytische Anstrengung des Begriffs nicht spitz will, sondern abgestumpft, man könnte auch sagen: ausgewogen, der will im Grunde genommen den Geist nicht, nicht als Wissenschaft und nicht als Dichtung, nicht als Kunst und nicht als Philosophie.

Ein häufig bemühtes Klischee lautet: dieses oder jenes Buch gehe bis an die Grenze des Sagbaren. Das Gegenteil gilt: Literatur beginnt erst an dieser Grenze.
Daß Einsichten Folgen haben müssen – oder billig bleiben, auch so könnte ich ein Erbteil formulieren, das von Franz Fühmann auf mich gekommen ist.
Unter diesem Aspekt gelesen, enthält Christa Wolfs Gedenkrede auf Franz Fühmann eine interessante Passage: Christa Wolf berichtet, Fühmann habe während ihres letzten Telefonats, eine Woche vor seinem Tod, Streit über einen Autor mit ihr angefangen, „den ich ihm empfahl und den er rundweg ablehnte: wegen mangelnder Konsequenz. Seine Kritik bleibe in Symptomen stecken, stoße zum Kern der Sache nicht vor, treffe, vor allem, die Falschen, obwohl er, der Autor, ganz gut wisse, wer die Richtigen wären. Halbheiten, also“.
Die Koinzidenz des Datums legt es mir nahe, von einer Konsequenz zu berichten, die ich kürzlich zog. Und ich meine, ich verfehle damit mein Thema, Fühmanns Gedächtnis, nicht.

Heute beginnt in Quedlinburg die Jahrestagung des P.E.N.-Zentrums Bundesrepublik Deutschland. Ich habe dem P.E.N.-Club West sieben Jahre angehört, trug fünf davon als Präsidiumsmitglied Verantwortung. Im letzten Herbst trat ich aus.
Was ich im West-P.E.N. sah und hörte, verwandelte meine quälenden Zweifel in Gewißheit, daß es sich beim P.E.N. nicht um eine Freundesgesellschaft verbündeter Autoren handelte, die an Gesprächen, Beisammensein und dem konzisen Ausdruck ihrer Erfahrungen interessiert seien.
Nicht Schriftsteller, sondern Sorgenagitatoren bestimmten den Tonfall. Intrige, Machtkalkül, politische Opportunität und Gesinnungsopportunismus – was ich im ehrwürdigen West-P.E.N. sah und hörte, war eine gehörige Lektion in Sachen Vereinsgeist.
Fühmann-Leser haben einen geschärften Blick für Gespenster, für glückliche Gespenster und gespenstisches Glück.
Die Zuneigung des West-Clubs für den mit Zonengift schwer kontaminierten Ost-P.E.N.-Bruder schlägt sich direkt in der methodischen Ungenauigkeit des Tagungsthemas von Quedlinburg nieder: „Die Folgen der Freiheit, Schreiben im siebenten Jahr der Einheit.“ Wohlgemerkt, es tagt der West-P.E.N. Unter welchen Bedingungen haben, um Himmels willen, die Kollegen bislang gearbeitet?
Mein an den Präsidenten Conrady gerichtetes Austrittsschreiben begann ich übrigens mit einem Goethewort, daß Fühmann einst, aus guten Gründen, als Briefkopf verwendete:

Übers Niederträchtige
Niemand sich beklage;
denn es ist das Mächtige,
Was man dir auch sage.

Das letzte Wort soll in diesem Zusammenhang abermals Imre Kertész haben. Im April 1991 notierte er in sein Tagebuch:

Ich beginne zu durchschauen, daß mich vorm Selbstmord (dem Vorbild Celans, Amerys, Primo Levis usw.) jene ,Gesellschaft‘ bewahrt hat, die mir, nach dem KZ-Erlebnis, in Form des sogenannten Stalinismus den Beweis brachte, daß von Freiheit, Befreiung, großer Kartharsis usw., von allem also, wovon die Intellektuellen, die Denker und Philosophen in glücklicheren Weltgegenden nicht nur redeten, sondern woran sie auch offenkundig glaubten, überhaupt nicht die Rede sein konnte; diese Gesellschaft garantierte mir die Fortsetzung des Lebens in Knechtschaft und sorgte so dafür, daß viele Irrtümer gar nicht erst möglich wurden.

4
Es bleibt nichts anderes als das Werk. –

– nun also auch Sie. Aber kein Wort des Vorwurfs; ich kann es verstehen, es ist die ureigenste Entscheidung, zu gehen oder zu bleiben, niemand kann sie einem abnehmen, und niemand einem dann einen Vorwurf machen. Man muß entscheiden, was man für ein Werk, für sein Werk braucht.

So schrieb mir Fühmann in einem Brief vom 1.6.82. Mein Entschluß war gefaßt.

Zum Schluß widme ich Franz Fühmann ein paar, polemisch eingefärbte Gedanken über einige Voraussetzungen des Schreibens, Vorschläge für ein Verfassergrundgesetz:

Kleiner Katechismus für Verfasser
„Der Dichter soll nicht um Humanität buhlen.“ – Kürzlich stieß ich, zufällig, auf diesen Satz der Kaschnitz, und ich beschloß sofort, ihm Verfassungsrang zu verleihen, indem ich ihn in mein – noch unabgeschlossenes – Grundgesetz für Autoren aufnahm.
Beiläufig konterkariert das Diktum von Marie Luise Kaschnitz das enorme Getöse auf dem Markt der Menschlichkeit. Der Großschriftsteller, wie ihn einst Robert Musil präzise in Prosa faßte, feiert fröhlich Urständ. Er beweist, ein personifizierter Lautsprecher, im In- und Ausland Humanität im Akkord.
Er signiert, gefolgt vom Troß der Resolutionsunterschriftsteller, Erfurter Erklärungen und andere Rostbratwürste der edlen Gesinnung. Er beansprucht den Chefsessel im Aufsichtsrat der Öffentliche Meinung AG, der ewige Herr Dichtervorsteher – so redete einst Else Laskar-Schüler in einem Brief den Akademiepräsidenten Heinrich Mann an. Er streut bei jeder Gelegenheit sein brachliegendes Erlösungswissen über der vergletscherten Gesellschaft aus und will es wenigstens zum Eisheiligen bringen.
Jüngst beklagte ein Dichter im Osten den Abschied vom Prinzipiellen, seit dem Verschwinden des kleinen Staatsmiststücks vom Spielplan der Geschichte. Die treffende Antwort auf diesen Jammerruf nahm Wolfgang Neuss vor einiger Zeit vorweg: „Was brauch ich ein Prinzip Hoffnung, wenn ich durch Rock ’n’ Roll Gewißheit habe.“
„Der Dichter soll nicht um Humanität buhlen. Er ist ein Mensch, also ist er human.“ Wie wohltuend wirkt das nüchterne Gebot, jenseits von Selbsterhöhung und Missionszwang.

Einen zweiten Verfassungsartikel meines Autorengrundgesetzes verdanke ich einem Hinweis von Ezra Pound: Ist die technische Ausführung eines Kunstwerkes mißlungen, so heißt das soviel wie ,falsches Zeugnis ablegen‘.
Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten, eine Frage der Form. Mir gefällt die Vorstellung, das achte Gebot aus Doktor Martin Luthers kleinem Katechismus, in die Zeugnisformen der Schriftlichkeit transponiert und mit einer auf nicht weniger als alles zielenden Schlußklausel statt der Engführung ,wider deinen Nächsten‘ versehen, zur Eidesformel zu erklären, auf die sich ein Schriftsteller verpflichten läßt. Die beiden Paragraphen meiner imaginären Verfassung für die Region Orplid führen keine isolierte Koexistenz, sondern eine innige Korrespondenz.
Wer auf Genauigkeit setzt, bei Wortwahl und Satzbau, wer in der Form die Moral seines Werkes entdeckt, wer nicht falsches Zeugnis ablegen will, der buhlt nicht, auch nicht um Humanität. Die Position eines Großschriftstellers – er gehört zur Zeit des Großkampftages und des Großkaufhauses – bleibt nicht folgenlos, was seine Konstitution als Autor betrifft. Immer im Begriff, die Bastionen der Deutungskompetenz zu erobern oder zu verteidigen, im ewigen Kampf um die Definitionsmacht über die Wirklichkeit muß sich einer mit Harthörigkeit wappnen.
Wie soll sonst den Lärmpegel ertragen, wer noch in den lautesten Passagen den Schlußverkauf der Utopie zu kontrollieren versucht. Wer tagein tagaus Stellung bezieht, denkt taktisch und strategisch. Sein Wahrnehmungsvermögen ist, zwingend, von zarter Empirie weit entfernt.

*

Der Dichter soll nicht um Humanität buhlen. Er ist ein Mensch, also ist er human.

Ist die technische Ausführung eines Kunstwerkes mißlungen, so heißt das soviel wie ,falsches Zeugnis ablegen‘. Der Dichter soll kein falsches Zeugnis ablegen.

Wolfgang Hegewald, Rede zur Eröffnung der Ausstellung der Stiftung Archiv der Akademie der Künste Berlin-Brandenburg im Kulturhistorischen Museum Rostock am 17. April 1997 erschienen in die horen, Heft 186, 2. Quartal 1997

Sláva Azuru!

Wenn mich das Gedächtnis nicht täuscht, so wurde mir Franz Fühmann eigentlich „zugeteilt“, und zwar amtlich. Es kommt mir wie in einer Urzeit vor, ich war Stipendiat des Deutschen Schriftsteller-Verbandes, und diese Institution erfüllte nicht nur mit dauernder Bereitwilligkeit alle meine Reise-, Bekanntschafts-, Bücher- und Theater-Wünsche, aber um nicht in Melancholie zu verfallen, suchte sie mir von Zeit zu Zeit aus ihren Reihen Begleiter und Begleiterinnen aus, deren Interessensphäre der meinigen zu entsprechen schien. Im Falle Franz Fühmanns war diese Wahl sehr genau, ja umsichtig: Die „Sphären“ waren fast identisch.
Und so sehe ich uns beide, wie wir durch die Straßen der Stadt Berlin marschieren (durch die ich einst im Krieg als sogenannter „Fremdarbeiter“ ging), ich sehe, wie wir in der Pause der denkwürdigen Premiere des Kaukasischen Kreidekreises diskutieren, bis die Funken fliegen; ich sehe, wie wir sogar auf einer Ehrentribüne sitzen, die Sonne brennt unbarmherzig – – – und plötzlich höre ich seine Oden an den Winter, an den krachenden Frost, an Schneewehen und Stürme, an das Eis – – – und dieses Eis erinnert mich wieder an Georg Heym als Gesprächsthema, ein Thema, das notwendig abbiegen mußte zu einem anderen Georg, nämlich Trakl, dessen Apothekerlaufbahn Fühmanns Apothekervater irgendwann irgendwo kreuzte. Aber in diesen ersten Berliner Nachkriegsaufenthalt flechten sich wahrscheinlich schon Zusammentreffen aus einem Dutzend weiterer Aufenthalte ein, weil der erste als Kulisse einen milden, sonnigen Herbst hatte, später aber oft Schneestürme tobten. Und in einem solchen Winter, es waren fünfzehn Grade unter Null, sehe ich den seligen Franz Fühmann nur so in einem leichten Anzug und barhäuptig vor einer Taxe auf dem Strausberger Platz, dann sitzen wir in irgendeiner Weinstube und trinken einen leichten Mosel.
Kulissenwechsel, und wir sitzen irgendwo mit Ludwig Renn, mit Genuß seinen höflichen Sarkasmen zuhörend. Wieder Kulissenwechsel (wie in einem Halas-Gedicht, das wir viel später übersetzen werden), also Kulissenwechsel, und ich spaziere mit Franz Fühmann durch Prag, das ich ihm – als (ehemaliger) Brünner – in eigenartigen, ja eigenwilligen Aufnahmen vorführe. Während des Besuches bei František Hrubín wird (ich weiß nicht warum, oder weiß ich das doch, was sagst du, Franz?) eine große Sahnetorte zur Kulisse, aber wieder Kulissenwechsel, und wir warten am Brünner Bahnhof auf den verspäteten Schnellzug, enormer Lärm, ich resümiere zum fünften Mal noch „das Unbedingte“ und strapaziere das photographische Handwerk, Kulissenwechsel, und wir sind in Sněžné beim Maler Bohdan Lacina, zwischen seinen Bildern und Holzskulpturen und dann hinten im Hof vor einem großen Rad als Verkörperung der absoluten Bildkunst. Kulissenwechsel, und wieder sind wir in Berlin, aber mit uns sind plötzlich auch František Hrubín und Jan Skácel, und zum ersten Mal hab ich auch meine Frau dorthin gelockt, und wir sitzen wie Diplomaten um einen runden Tisch, Anna Seghers spricht ihre schönen Traumsentenzen, Stephan Hermlin tropft seinen Intellekt dazu, und Franz Fühmann, der stille Gesandte der tschechischen Poesie, lächelt wie ein Bube. Kulissenwechsel, und der verlegene „Akademiker“ Fühmann nimmt vor mir irgendeine Leser-Huldigung entgegen, aber souverän ist er erst abends, als er mir seine Sammlung expressionistischer Bücher und Graphiken vorführt und die Bücher des Malik-Verlages und Meter um Meter Märchenliteratur aus aller Welt. Kulissenwech… – – – aber verlassen wir die Kulissen, obgleich auch sie das Porträt des Autors zusammenstellen, verlassen wir die Kulissen und versuchen, aus ihrer Vielfältigkeit zwei zusammenhängende Wochen-Episoden herauszulösen. Beide haben Kunštát als Handlungsort, vierzig Kilometer nördlich von Brünn, und sind aufgeladen mit – Arbeit.
Die erste Episode geht unserem gemeinsamen editorischen Projekt voran: der Anthologie Die Glasträne. Wir schleppen drei Koffer voll Bücher in unser Miniaturwochenendhäuschen über Kunštát und stellen nun „die größte deutsche Anthologie tschechischer Dichtung“ zusammen, wie wir stolz erklären. Wir durchstöbern haufenweise alte Übertragungen. Ich übersetze aus dem Stegreif Hunderte noch nicht übersetzter Gedichte, wir wägen die Proportionen ab, fügen ein, scheiden aus, fügen dann neuerlich ein: Wir komponieren. Manchmal sind wir sofort einverstanden, manchmal streiten wir lange (besonders über Gedichte in Prosa), aber immer finden wir eine Lösung oder „lassen die Tür offen“, und die Lösung wird morgen oder übermorgen eintreten. Wir arbeiten die ganze Woche, täglich von früh bis zur Dunkelheit, zehn, zwölf Stunden. Es war Sommer (welches Jahr?… schwer zu sagen…), dann tranken wir immer (jeder!) eine Flasche Rotwein, wir schliefen wie die Murmeltiere und den nächsten Tag so fort. Mir scheint, daß in dieser Zeit häufig heftige Gewitter übers Land zogen, denn ich weiß, daß ich Franz plötzlich versichern mußte, am Häuschen sei zwar kein Blitzableiter, aber das Blechdach ist durch einen Draht mit der Erde verbunden, also geerdet, so daß unseren Büchern nichts passieren kann. (Dabei betrog ich ihn, denn diese Transaktion haben wir erst nachträglich – allerdings ihm zu Ehren – gemacht. Eine fromme Lüge oder pia fraus!)

Nur selten liefen wir damals die zehn Minuten nach Kunštát hinunter, aber einmal stand eine Gänseschar vor uns auf dem Weg, und damals erkannte ich, daß der massive Dichter, 130 kg, der keine Kritik scheut, Angst vor Gänsen hatte. Er erklärte mir in allen Einzelheiten dieses alte Kindertrauma, und ich fand es eines Dichters würdig, der sich mir damals auch zum ersten Mal als Frühaufsteher präsentierte. Er kroch offensichtlich durchs Fenster, um mich nicht zu wecken, kam dann, vom Tau durchnäßt, zurück und sang Loblieder auf diese „Monumentalität der Miniatur“, die so typisch für das Kunštáter Vorgebirge ist: verschiedenartig gegliedert und mit jedem Schritt sich ändernd. Er kam zurück, wie er stets betonte, den Kopf voll mit Fragmenten neuer Gedichte. Nie gelang es mir, diese Texte aus ihm herauszubringen!
Endlich hatten wir die Anthologie im Grundriß bewältigt, sie lag vor uns in Gestalt gründlich bekritzelter, aber relativ definitiver Verzeichnisse. Die Exkursion in die tschechische Dichtung des 20. Jahrhunderts wurde begossen und eingefahren, die wirkliche Abfahrt hat sich mir aber irgendwie vernebelt. Nach harter Arbeit, die nicht vergeblich war, blieb ein gutes Gefühl, ein Gefühl nach einem Erlebnis, das sich gewöhnlich nicht wiederholt.

Und doch wiederholte es sich! Vor uns lag die zu drei Vierteln fertige Fühmannsche Übertragung von František Halas: Der Hahn verscheucht die Finsternis (Das Wort „Tod“ ging nicht durch die ostdeutsche Zensur!) Wo anders dieses Hochgebirge der Poesie zu erklimmen als dort, wo Halas am liebsten seine Zeit verbrachte und wo er unter einem großen Findling begraben liegt? Und so arbeiteten wir mikroskopisch Vers für Vers am Text, wir besuchten auch alle diese Orte, dieses ganze Halas’sche „magische Dreieck“. Und als wir über dem berüchtigt unübersetzbaren Großgedicht in Prosa „Ich kehre dorthin zurück“ saßen, konnten wir auf den nächsten Feldrain hinauslaufen, um etwa ein Büschel winziger, schwefelgelber, betörend duftender Blumen hereinzubringen, jenes Labkraut, ein Maskulinun (galium verum), das Halas das „Muttermal unseres Landes“ nannte und das im Tschechischen als ein Feminum das deutsche Wort Mühsal bedeutet. Und so lösten wir an Ort und Stelle solche und ähnliche Scharaden (einschließlich der Sprache der Vögel), es war Sommer, und die Arbeit war hart, aber danach fühlten wir uns wieder gut. Die Gänse ließen uns in Ruhe. Nur Kirschknödel, mit Quark bestreut und mit Butter begossen, waren für unseren Gast eine große Versuchung…

Schon während seines ersten Kunštáter Aufenthaltes entdeckte ich für Franz Fühmann den Dichter Jakub Deml, besonders seine Prosagedichte „Meine Freunde“, in denen er Blumen apostrophierte. Es faszinierte ihn ein lakonischer Satz: „Sláva azuru!“ (Es lebe der Azur!) Wir schickten dem damals noch lebenden Dichter sogar nach Tasov eine Ansichtskarte mit diesem Text, und seitdem wurde daraus die Schlußformel fast jedes unserer Briefe.
Ein drittes Mal besuchte Franz Fühmann Kunštát nicht mehr – trotz beiderseitigem Bemühen.
Um 1973 herum begeisterte ihn von neuem sein altes Projekt einer Nacherzählung („für erwachsene Kinder“, wie ich scherzte) über die sagenhafte tschechische Fürstin Libuše. Er kam zur temperamentvoll begründeten Ansicht, daß er die Sage nur in Böhmen, nie in Deutschland schreiben könne. „Irgendwo im Urwald“ oder wo alte Burgen sind. Das war zwar Anlaß zu wiederholten Witzen über den ur-deutschen Urromantiker (was FF gutmütig tolerierte), aber ich bemühte mich, diesen eigentümlichen Wunsch realisieren zu helfen. Dank Rudolf Vápeník und seinem Auto erfüllte sich dieser Traum in optimaler Form, es klappte sogar mit dem Urwald!
Aus dem Böhmerwald (Šumava) – unweit vom Boubín, wo anders sonst? – schrieb mir FF auf einer Ansichtskarte:

Ludvík:
Šumava: Herrlich!
Libuše: Fertig! (und einen Schritt weiter)
Ich: Glücklich!
Summe: Unvergeßlich!
Händedruck…

Wie sich später leider zeigte, war die Libuše-Sage nur im Kopf fertig, im Konzept. Der Text blieb circa in der Mitte stecken (92 + 22 Seiten), andere leidenschaftliche Arbeiten schoben dies Projekt wieder beiseite. Eine Zeitlang hatte ich sogar Lust, dieses Buch anstelle von ihm zu schreiben – es war mir irgendwie eingefallen, ein gehätschelter Einfall, aber obwohl FF damals tief im Buch steckte, tiefer als alles andere! behauptete er, daß es „schon fast“ zu Ende geschrieben ist. Er schrieb nicht zu Ende – und irgendwie verflog mein Einfall.
Dann sehe ich FF in seinem „Laden“, aus einem ehemaligen Parterreladen entstand völlig sporadisch eine Bibliothek, eher ein „Bau“, in dem länglichen Raum schlängelte sich ein wenig mäandernd die Einbaubibliothek, alles begann mit den Büchern über Mythen und Mythologie (tausende Märchenausgaben!), und man eilt durch den Kriegskomplex zur Gegenwart, aber das ist alles schon längst Vergangenheit, dieser „Bau“ ist schon längst zugrundegegangen, schade, nie sah ich etwas ähnliches.
Und wieder Kulissenwechsel: Rostock – Charité – ich beneide FFs Kunst, mit den Kindern zu plaudern. An der Ostsee waren wir nicht gemeinsam, er vermittelte nur, in unseren schmerzlichsten Zeiten der siebziger Jahre, verläßlich wie immer.
Kulissenwechsel, und wir fahren „hinaus aus Berlin“, „in den Wald“, FF schleppt Taschen voll Äpfel, „seine fatale Rohkost“! Aber mich füttert er mit Eiern und Wein. Kulissenwechsel: Prag – Hauptbahnhof, Freunde hatten mich schon darauf vorbereitet, daß 50 Kilo dahin sind, ich sehe einen jungen Greis, einen alten Jüngling. Kulissenwechsel, in Brünn reicht er mir aus dem Abteil ein Päckchen mit Tee und Dada-Büchern, wir lachen und wünschen uns, photographiert zu werden, das wäre ein Fang für den StB und für die Stasi.
Kulissenwechsel: wir sind in Leipzig kurz vor der Herausgabe des Nezval-Buches Auf Trapezen, man kann nachblättern: 1978, wir unterzeichnen hunderte frischer Exemplare, eine zu monotone Arbeit, so erfinden wir Dutzende Calembours und lettristische Witze und schmücken die Bücher sogar mit Zeichnungen, die Käufer staunten sicher, später (Kulissenwechsel) ganz offiziell vor Publikum die „Buch-Premiere“, sovielmal klackten die Auslöser, und kein Photo blieb erhalten. Kulissenwechsel, und eine große Aufregung um Fühmanns Trakl-Buch, die Einzelheiten sind mir entfallen, die einladende Geste von Hans Marquardt, Chef des Reclam-Verlags, sachliches Gespräch, eine neue Anthologie, eine noch dickere als die erste, und nicht nur das 20. Jahrhundert, sondern tschechische Poesie „von den Anfängen“, wird geplant. FF will nur Initiator sein, das Redigieren überläßt er mir: „Nur ,Nirgends‘ von Halas muß drin sein!“ Kulissenwechsel, aber immer noch Leipzig, wir verabreden uns fürs nächste Mal, es ist März, und der vielbeanspruchte FF blättert in seinem Notizbuch und schlägt vor: „Treffen wir uns also hier im Oktober, sagen wir… den 17. Oktober, ja, 15 Uhr…“ Ich amüsiere mich, denn so eine Zeitplanung klingt für mich durch und durch phantastisch, unwirklich, aber FF bleibt ernst, blättert wieder hin und her und berichtigt dann die Verabredung: „Nein, fünfzehn dreißig!“ Mein Gelächter, eine authentische Anekdote und Kulissenwechsel, wir sitzen in Berlin (sogar im westlichen – das wird ein Spaß!) vor dem Mikrophon und plaudern über Nezval, gute Atmosphäre. – Kulissenwechsel, nein – genug.
Denn im Briefwechsel entstanden beträchtliche Lücken, und dann kamen Ende 1982 solche Karten aus „Märkisch“:

Ach Ludvík, hier gibts, gabs keine Kirsche, keine einzige, aber ich kann doch nicht zu Dir, muß mich mit Jeremias & Hesekiel/Ezechiel & David & Jonathan quälen, werde überhaupt immer unlustiger irgendwas neu zu unternehmen, alter Mann, na ja – machs gut!…

Und kurz danach:

Ich stürz mich jetzt ins Theater, schreibe ein Ballett…

Ein Jahr später, den 3. September 1983, ein schwer leserlicher Brief aus der Berliner Charité:

… war schon mit 1 Fuß „drüben“, und plötzlich weitgehender Verlust des Sehvermögens am li. Auge – das rechte ist ja seit 20 Jahren so gut wie blind – Ich werde nie mehr eine Nacht hindurch „ein Buch lesen“ können, aber ich kann noch Wörter entziffern, mit großer Mühe im (8–10 Zeilen unleserlich) und da ich blind Maschine schreiben kann, kann ich arbeiten… Er erwähnt eine Vörösmarty-Übertragung und den Text zu einer Rock-Oper: Alkestis. Am Ende des Briefes: Bitte Maschine weitzeilig schreiben!

Und dann vielleicht die letzte Nachricht (auf einer Karte: Reisen Sie mit Dr. Kafka!) vom 12. Oktober 1983:

Ludvík, morgen 3. Operation; hoffe dann in 14 Tagen zu Hause zu sein; Post nach Märkisch bitte – bin bis Jahresende nur bedingt reisefähig, aber wir müssen uns sehen…

Ich blättere nun in den Hunderten von Briefen, Karten und erstaunlich vielen Telegrammen und notiere mir Franz Fühmanns variierte Sláva-azuru!-Abschiedsfloskeln.
[…]

Ludvík Kundera, aus Ludvík Kundera: el do Ra Da(da), Arco Verlag, 2007

 

FRANZ FÜHMANN

Wie schön eine Möwe wirklich ist, fragst du mich.
Ha.Wie schön eine Möwenhorde ist? Frag die Müllkippe.

Peter Wawerzinek

RUMPELSTILZCHEN
nach Franz Fühmann

Nicht Schaumspeise mehr
noch das schüttere Schellengeläut im schlesischen Städtchen,
auch Rübezahl nicht, der rastlos im Riesengebirge
den Bart auswringend Rennende,
auch nicht Schneewittchens schüchterne Scham
in der Wildnis der weiten Wälder,
selbst nicht die vielen fiesen Verse der Expressionisten
bewegen die Brust der melkenden Magd.
Heute strählt sie die schillernde Schwärze,
schwankend noch, ob sie, der stählernen Schenkel
des brüllenden Bullen gedenkend,
sich nun zuwende
dem ernsten und emsig tätigen Geschäfte des Melkens.
Zögern läßt sie sich nieder.
Kaum sitzend, erdröhnt dann aber
das strullende Schwabbern in schwankender Hütte.
O Deutschland!

Manfred Bieler

 

FÜR FÜHMANN

Nein, du wolltest
den Drachen
nicht erkennen,
der dich auffraß.
Du schriebst mir:
Wenn ich
mir ausgeredet hab,
was mir eingeredet wird,
werde ich kommen.
ich wünsch mir,
daß du wartest.
Ich wartete,
angefochten von Gerüchten,
die uns
schweigen lassen:
Er glaubt,
was niemand mehr glaubt.
Jetzt aber, in der Nachrede
und deinen schweren, herzlichen
Schatten im Gedächtnis,
steh ich wartend an
der Teppe,
da, an dem Geländer,
das warm werden könnte
von deiner Hand.

Peter Härtling

 

Zum 70. Geburtstag des Autors:

Hans Richter: Ein verlorener Sohn Böhmens
Sinn und Form, Heft 4, Juli/August 1992

Zum 95. Geburtstag des Autors:

Walter G. Goes: Versuche über Literatur
Ostseezeitung Rügen, 14.1.2017

Fakten und Vermutungen zum Autor + Archiv + KLG
Porträtgalerie
Gedenkartikel: Uwe WittstockUwe Kolbe + 2 + 3Max Walter Schulz,
Christa Wolf + Ulrike Almut Sandig + Dietmar Riemann +
Christian Klötzer + Wieland Förster + Ursula Püschel + Günter Deicke
Interviews: mit LehrerInnen, mit Hans-Georg Soldat

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.